mini|Divis Tower in Belfast (2004) Die Divis Flats waren eine Wohnsiedlung im Westen der nordirischen Hauptstadt Belfast. Die Siedlung entstand ab 1966 im Zuge der Flächensanierung des Stadtviertels The Pound (auch Pound Loney) am innerstädtischen Ende der Falls Road. Die Divis Flats wurden fast ausschließlich von irischen Nationalisten bewohnt, die zeitweise in ihrer Mehrzahl arbeitslos und auf Sozialhilfe angewiesen waren. Während des Nordirlandkonflikts entwickelten sich die Divis Flats zu einer Hochburg der Untergrundorganisationen IRA und INLA und waren der Schauplatz zahlreicher Straßenschlachten, Bombenanschläge und Schießereien. Zwischen 1980 und 1995 wurde die Siedlung weitgehend abgerissen; einzig erhaltenes Gebäude ist das Hochhaus Divis Tower.
Vorgeschichte mini|The Pound (grün) und Sandy Row (orange). Stadtplan von 1861 Das Gebiet der späteren Divis Flats, knapp einen Kilometer westlich des Belfaster Stadtzentrums gelegen, wurde erstmals zwischen den 1810er und 1850er Jahren bebaut. Häufig von katholischen Investoren finanziert, entstanden Reihenhäuser, die zum Teil keinen Hinterhof und kein fließendes Wasser hatten. Oft teilten sich mehrere Häuser eine Außentoilette. Teile des Gebiets waren überschwemmungsgefährdet; Cholera- und Fieberepidemien waren häufig. Vielfach lebte mehr als eine Familie in einem Reihenhaus. Nach 1845 besserten sich die Wohnverhältnisse etwas, da ein Gesetz eine Mindestgröße für Zimmer vorschrieb und Schilfdächer untersagte. Der Name des Stadtviertels, The Pound, wird auf ein hier gelegenes Tierasyl zurückgeführt.Catherine Hirst: Religion, politics and violence in nineteenth-century Belfast. The Pound and Sandy Row. Four Courts, Dublin 2002, ISBN 1-85182-651-3, S. 14–16.
Die ersten Bewohner von The Pound waren überwiegend ungelernte Arbeiter, Mühlenarbeiter, Weber und Handwerker. Nahe dem Stadtviertel lagen Betriebe der Textilindustrie, in denen meist Leinen verarbeitet wurde. 1835 wurde The Pound erstmals als überwiegend von Katholiken bewohnte Gegend erwähnt. Das Stadtviertel lag in der Nähe der damals beiden einzigen katholischen Kirchen in Belfast; zudem waren bereits die östlich anschließenden Gebiete um die Castle Street, die Mill Street und Smithfield überwiegend von Katholiken bewohnt.Hirst, Religion, S. 14 f.
The Pound und das südlich anschließende, überwiegend von Protestanten bewohnte Stadtviertel Sandy Row waren die gewalttätigsten Stadtteile im Belfast des 19. Jahrhunderts.Hirst, Religion, S. 14. Am 12. Juli 1835 kam es im Umfeld von Veranstaltungen des Oranier-Ordens zum Gedenken an die Schlacht am Boyne zu Straßenschlachten mit gegenseitigen Angriffen auf die beiden Wohngebiete. Ähnliche Unruhen im Jahr 1843 dauerten zwei Wochen lang an.Hirst, Religion, S. 67–70. Infolge der Unruhen erhöhte sich die Segregation; die nach Kirchenregistern anfänglich „nicht unerhebliche“ Anzahl von Protestanten in The Pound verringerte sich vermutlich Ende der 1840er Jahre.Hirst, Religion, S. 15, 45–47. Gleichwohl zahlreiche Beispiele brutaler Angriffe bekannt sind, wurden bei den Unruhen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vergleichsweise wenig Menschen verletzt, was vermutlich auf die Existenz eines ungeschriebenen Verhaltenskodexes und eine teilweise Ritualisierung der Ausschreitungen zurückzuführen ist.Hirst, Religion, S. 80 f.
1842 gründete sich in Belfast eine Ortsgruppe der Repeal Association, die unter der Führung von Daniel O’Connell eine Aufhebung der Union zwischen Großbritannien und Irland anstrebte. Die Repeal-Kampagne hatte erhebliche Bedeutung für die politische Entwicklung von The Pound; ihr Nationalismus legitimierte das Sektierertum des Viertels.Diese Einschätzung bei Hirst, Religion, S. 51. Ab 1850 erhöhte sich die Präsenz der katholischen Kirche in The Pound. 1866 wurde die spätere Kathedrale St. Peter eingeweiht, die 3000 Menschen Platz bot. In der Pfarrgemeinde entstanden zahlreiche Vereine, die sich religiösen Zielen widmeten oder eine gemeinsame Freizeitgestaltung anboten. Die Schulen in The Pound wurden überwiegend von katholischen Organisationen betrieben. Das Engagement der katholischen Kirche verbesserte die Lage der Bewohner und vertiefte zugleich den Unterschied zu den protestantischen Vierteln.Diese Einschätzung bei Hirst, Religion, S. 93. Die Fenier, eine Untergrundbewegung, die die britische Herrschaft über Irland gewaltsam beenden wollte, hatten eine ihre Belfaster Hochburgen in The Pound. Im Januar 1867 verhaftete die Polizei Fenier, die in The Pound Munition herstellten. Diese und weitere Verhaftungen hatten zur Folge, dass sich die Belfaster Fenier nicht am Aufstand vom März 1867 beteiligten.Hirst, Religion, S. 94. Die 1872 gegründete Home Rule Association, die sich für eine Selbstregierung Irlands einsetzte, hatte starken Rückhalt im Stadtviertel; 14 von 49 identifizierbaren Belfaster Aktivisten kamen aus The Pound.Hirst, Religion, S. 107.
Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es in The Pound und Sandy Row zu zahlreichen Unruhen; besonders schwere, mehrere Tage andauernde Ausschreitungen gab es in den Jahren 1857, 1864, 1872 und 1886. Dabei wurden Häuser zerstört und Angehörige der jeweiligen Minderheit im Viertel eingeschüchtert und vertrieben. Zum Teil griffen die Auseinandersetzungen auf umliegende Industriebetriebe über. Die Zahl der Toten und Verletzten stieg durch den vermehrten Einsatz von Schusswaffen drastisch an; so kam es 1857 zu mehrtägigen Schießereien an der Grenze zwischen The Pound und Sandy Row.Hirst, Religion, S. 157–160. Vermutlich gehörte ein Teil der Bewaffneten dem Oranier-Orden und, bei den Unruhen von 1864, den Feniern an.Hirst, Religion, S. 161, 164–170. Ab 1864 griffen die Unruhen auf weitere Stadtteile über, insbesondere auf die nördlich von The Pound gelegene Shankill Road. Die Unruhen von 1886 wurden durch das Scheitern des ersten Gesetzes zur Home Rule ausgelöst. Im Gegensatz zu den früheren Krawallen kam es hauptsächlich zu Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und der von Protestanten als parteiisch angesehenen Royal Irish Constabulary.Hirst, Religion, S. 174–179. Die zu diesem Zeitpunkt aufgelöste städtische Polizei Belfasts galt unter Katholiken als parteiisch. Dies hatte bei früheren Ausschreitungen zu Solidarisierungen von Katholiken mit Verurteilten geführt. Beispielsweise waren in The Pound Geldsammlungen für Verurteilte durchgeführt worden.Hirst, Religion, S. 163.
Dem Zensus von 1901 zufolge hatte The Pound rund 8600 Einwohner, von denen 93,2 % Katholiken und 6,5 % Protestanten waren. 40,1 % der Einwohner waren in Belfast geboren, 31,7 % in den umliegenden Grafschaften Antrim und Down; aus den weiteren Grafschaften Ulsters stammten 20,2 %. Männer waren überwiegend als ungelernte Arbeiter (49,1 %), angelernte Arbeiter (12,9 %) oder Facharbeiter (15,7 %) tätig. Die häufigsten Frauenberufe waren Mühlenarbeiterin (37,4 %), Haushälterin (36,5 %) sowie Näherin (13,7 %). Die Analphabetenrate betrug 12,7 % bei Frauen und 6,6 % bei Männern. Die aus den Zensusergebnissen erkennbare Berufsstruktur in The Pound unterscheidet sich nicht wesentlich von Sandy Row, wo 1,2 % der Bewohner Katholiken waren. Allerdings war der Anteil der berufstätigen Frauen in The Pound (30,9 %) höher als in Sandy Row (21,5 %). Vermutlich hatten katholische Ehemänner schlechter bezahlte oder weniger sichere Arbeitsplätze.Hirst, Religion, S. 139–151.
Bau Zwischen 1966 und 1974 wurde The Pound abgerissen und durch die Hochhaussiedlung Divis Flats ersetzt. Bereits Anfang der 1950er Jahre war mit den Häusern kein Gewinn mehr zu erzielen, so dass viele notwendige Reparaturen unterblieben. Die Sanierung wurde mit der Verbesserung der Wohnverhältnisse und der Freimachung von Verkehrsflächen begründet.Carsten Brieger: Nordirische Wohnungspolitik. Ein Spagat zwischen Versorgung und Integration. IfdW-Verlag, Hamburg 1999, ISBN 3-934476-00-7, S. 31.Brieger, Wohnumwelt, S. 19.
The Pound wird als „Dorf in der Stadt“ beschrieben, als Ort intensiver sozialer Beziehungen mit einem starken Gemeinsinn. Die Bewohner heirateten oft untereinander; viele verbrachten ihr gesamtes Leben im Stadtviertel.Sluka, Hearts, S. 46. Es war der Wunsch der Bewohner, auch nach der Sanierung zusammenzuwohnen. Hierbei wurden sie vom Pfarrer der Kathedrale St. Peter unterstützt. Der Pfarrer gilt als Schlüsselfigur bei der Entscheidung der Bewohner, dem Bau einer Hochhaussiedlung zuzustimmen.Sluka, Hearts, S. 247. Direkte Kontakte zwischen Planern und Bewohnern gab es nicht. Gegen das Bauprojekt wandte sich eine kleine Gruppe von Republikanern und Sozialisten,Sluka, Hearts, S. 246f. zu denen Gerry Adams gehörte. Adams wurde 1983 Präsident der IRA-nahen Partei Sinn Féin; im gleichen Jahr wurde er erstmals für den Wahlkreis Belfast West ins britische Unterhaus gewählt. Nach Angaben von AdamsGerry Adams: Bevor es Tag wird. Autobiographie. Volk und Welt, Berlin 1996, ISBN 3-353-01059-9, S. 77f. nannte die Gruppe das Bauprojekt einen „als Parkhaus getarnten Wohnblock“ und setzte sich mit Demonstrationen und Protestversammlungen für den Bau einer Reihenhaussiedlung ein.
Der Bau von Hochhäusern in weitgehend von Reihenhaussiedlungen geprägten nordirischen Städten konzentrierte sich auf von irischen Nationalisten bewohnte Gebiete. Dies wird zum Teil als Versuch von Unionisten gesehen, oppositionelles Wählerpotential in wenigen Stadtteilen zu konzentrieren, um sich unter Ausnutzung des Mehrheitswahlrechtes die Mehrheit auf kommunaler Ebene zu sichern.unter Nennung der Divis Flats: Peter Wuhrer: Sie nennen es Trouble. Nordirland. Reportagen und Geschichten aus einem Krieg. Rotpunktverlag, Zürich 1989, ISBN 3-85869-055-4, S. 141. Eine Studie über die nordirische Wohnungspolitik spricht dieser Interessenslage bei den Divis Flats eine nur untergeordnete Bedeutung zu.Brieger, Wohnungspolitik, S. 26, 31.
mini|350px|Wohnblöcke der Divis Flats bei National Museums Northern Ireland (abgerufen am 22. August 2011).
Der Entwurf der Divis Flats stammte vom Architekten Frank Robertson und war nach seinen Angaben von Hochhausbauten in Großbritannien und den USA sowie von den Vorstellungen Le Corbusiers beeinflusst.The High Life. Dokumentarfilm von BBC One Northern Ireland, gesendet am 11. Oktober 2010. Siehe auch (PDF; 1,6 MB) Die Siedlung bestand aus zwölf unregelmäßig angeordneten, sieben- oder achtgeschossigen Wohnblöcken mit einer Länge von bis zu 150 Metern. Die Blöcke wurden im „Sectra Deck System“ errichtet, das aus Frankreich stammte und auch im Wohnungsbau in Großbritannien angewandt wurde. Dabei handelte es sich um eine Fertigbauweise, von der man sich ein schnelles und preiswertes Bauen versprach. Der Zugang zu den Wohnblöcken erfolgte über Treppenhäuser und Fahrstühle, die in den Ecken der Blöcke angeordnet waren. Die Wohnblöcke hatten in drei Ebenen Wohnungen, die über gut drei Meter breite Laubengänge erschlossen wurden. Die Laubengänge der einzelnen Blöcke waren miteinander verbunden, so dass es möglich war, die gesamte Siedlung zu durchqueren, ohne das Straßenniveau zu benutzen. Im Nordosten der Siedlung stand der Divis Tower, ein Hochhaus mit 19 Geschossen. Bis 1974 wurden zwei weitere Blöcke mittlerer Höhe (St. Peter's Court und Albert Court) fertiggestellt.
Der Divis Tower hat 95 Wohnungen; die zwölf Blocks sollten in 700 Wohnungen Wohnraum für 2634 Menschen bieten. Insgesamt wurden 850 Wohnungen errichtet; Anfang der 1980er Jahre waren 775 Wohnungen von circa 2400 Menschen bewohnt. Die Wohnungen bestanden aus einem Wohnzimmer, einer Küche, einem Badezimmer und bis zu sechs Schlafzimmern. Die Siedlung war mit Müllschluckern ausgerüstet und zum Teil an die Fernwärme angeschlossen. In der sechs Hektar großen Siedlung befanden sich zudem die Kathedrale St. Peter, eine Grundschule (St. Comgall's Primary School) sowie ein Nachbarschaftszentrum (Divis Community Center).Sluka, Hearts, S. 44; Brieger, Wohnumwelt, S. 22.