Mit Wirtschaftsästhetik wird der ästhetische Ansatz der Organisationsforschung (von engl. Organizational Aesthetics) bezeichnet.

Begriff Die Wirtschaftsästhetik wird unter anderem als interdisziplinäre Subdisziplin der Wirtschaftswissenschaften verstanden. Es handelt sich um einen interdisziplinären Forschungsansatz, der seinen Fokus auf ästhetische Prozesse in Organisationen und in der Wirtschaft legt. Es gibt Überschneidungen zu Forschungsbereichen an wie Wirtschaftswissenschaft, Management, Organisationstheorie, Soziologie, Marketing, Kommunikationswissenschaft und Public Relations, Kulturmanagement und Kunst- und Kulturwissenschaften.

In der internationalen Forschung existiert die „Organizational Aesthetics“ seit rund zwei Dekaden im anglo-amerikanischen Raum. Biehl-Missal bevorzugt den Begriff „Wirtschaftsästhetik“ anstelle von „Organisationsästhetik“B. Biehl-Missal: Wirtschaftsästhetik. Wie Unternehmen die Kunst als Inspiration und Werkzeug nutzen. Gabler, Wiesbaden 2011.. Bei dieser Betrachtung stehen ästhetische Einflüsse in Organisationen im Vordergrund, die sich auf die Kommunikation der gesamten Organisation erstrecken mit Auswirkungen auf Stakeholder wie Mitarbeiter, Kunden, Öffentlichkeit und Gesellschaft. Beispiele sind etwa eindrucksvolle Firmenbauwerke, ästhetisch ansprechende Gestaltung von Produkten, performative Dienstleistungen, der konkrete Einsatz von Kunst zur Personal- und Organisationsentwicklung.

Begriffsgeschichte Das Feld entwickelte sich aus der Organisationslehre, die zu den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften zählt und grundsätzlich mit ihren soziologischen Wurzeln interdisziplinär angelegt ist. Die Wirtschaftsästhetik erweitert Organisationstheorien und wirtschaftswissenschaftlichen Theorien um die ästhetische Dimension. Der Ansatz ist interdisziplinär und verbindet die bestehenden Ansätze mit sozial-, kunst- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen und Wissensgebieten wie Ästhetik, Philosophie, Theater, Film, Architektur, Studien des Narrativen und des Visuellen. Eingesetzt werden darüber hinaus Konzepte aus der Welt der Kunst und künstlerischen Praxis. Der Ansatz entwickelt kritische Perspektiven und zeichnet sich hinsichtlich der Methoden um eine Erweiterung qualitativer und sogenannter kunstbasierter Methoden aus.

Internationale Forschung Linstead und HöpflS. Linstead, H. Höpfl: The Aesthetics of Organization. 2000., StratiA. Strati: Organization and Aesthetics. 1999. und auch Carr und HancockA. Carr, P. Hancock: Art and Aesthetics at Work. 2003. sprechen von Organizational Aesthetics. Werke wie das Sage Handbook of Organization Studies beinhalten ästhetische PerspektivenP. Gagliardi: Exploring the aesthetic side of organizational life. In: S. Clegg u. a. (Hrsg.): The Sage Handbook of Organization Studies. 22. Auflage. Sage, London 2006, ISBN 0-7619-4996-8, S. 701–724., und das Standardwerk New Approaches in Management and OrganizationD. Barry, H. Hansen (Hrsg.): The Sage Handbook of New Approaches in Management and Organization. Sage, London 2008, ISBN 978-1-412-91219-8. präsentiert ästhetische Ansätze als tragende Säule innovativer Forschung. Als Katalysatoren gelten die Standing Conference on Organizational Symbolism SCOS und die Art of Management and Organization Conference.

Deutschland In Deutschland ist bereits ein Handbuch zur Wirtschaftsästhetik erschienen. Das Fachgebiet ist an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen mit Martin Tröndle vertreten sowie an der hdpk in Berlin. Neue Forschungsergebnisse zum Zusammenspiel von Wirtschaft und Kunst und künstlerischen Interventionen in Organisationen kommen von Ariane Berthoin AntalArtistic Interventions in Organisations, mit Dr. Anke Strauß am Wissenschaftszentrum Berlin. Generell ist das Feld im deutschsprachigen Raum jung und im Entstehen.

Theorie der Wirtschaftsästhetik Die Wirtschaftsästhetik verfolgt interdisziplinäre Ansätze, die eine so genannte „Ästhetisierung“ des Alltags und des wirtschaftlichen Lebens feststellen (beispielsweise der Philosoph Wolfgang WelschW. Welsch: Grenzgänge der Ästhetik. Reclam, Stuttgart 1996., und in der Theaterwissenschaft etwa wird von einer „Theatralisierung“ des heutigen Lebens gesprochenB. Biehl: Business is Showbusiness. Wie Topmanager sich vor Publikum inszenieren. Campus, Frankfurt a. M. 2007.). Die Wirtschaftsästhetik legt ihr Augenmerk auf die sinnliche sowie emotionale Wahrnehmung und deren Auswirkungen auf das wirtschaftliche Handeln und verbindet somit die Bereiche Wirtschaft und Ästhetik.

Ästhetik wird hier nicht in der landläufigen Verwendung von „Schönheit“ eingesetzt, sondern gemäß ihrem Ursprung in der philosophischen Tradition, vor allem etwa nach BaumgartenDagmar Mirbach (Hrsg.); A. Baumgarten: Ästhetik. 2 Bde. Lateinisch-Deutsch. Felix Meiner, Hamburg 2007. (Philosophische Bibliothek), im Sinne der körperlichen Wahrnehmung und des dadurch ausgelösten sinnlichen Fühlens. Für die Organisationsforschung relevant ist, dass die Folge dieser sinnlichen Wahrnehmung eine bestimmte Art von Wissen ist. Ästhetik wird in der Organisationsforschung demzufolge als ein Wissen gesehen, das durch körperliche Wahrnehmung wie Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen entsteht, und fast zwangsläufig zu emotionalen Reaktion wie Freude, Ärger, Ekel, Bedrücktheit und so weiter führt.S. Taylor, H. Hansen: Finding form: looking at the field of organizational aesthetics. In: Journal of Management Studies. 42 (6) 2005, S. 1216. Diese spezielle Art von ästhetischem Wissen unterscheidet sich von intellektuellem und rationalem Verständnis. Die Forschung geht somit davon aus, dass Ästhetik und ästhetische Wahrnehmung den Organisationsalltag und das Handeln der Menschen innerhalb und auch außerhalb von Organisationen maßgeblich beeinflusst. Durch die Beschäftigung mit Ästhetik erhofft sich die wirtschaftswissenschaftliche Forschung Erkenntnisse über die sinnliche Wahrnehmung und die damit verbundene Bildung von Wissen, Erkenntnis und Einstellungen, die das Leben in Organisationen beeinflussen. Organisationen werden gemäß der konstruktivistischen Perspektive als ein nicht ausschließlich kognitives Konstrukt gesehen, sondern als ein Gebilde, welches aus der ästhetischen und sinnlichen Erfahrung der Menschen und dem daraus entstandenen impliziten Wissen besteht.A. Strati: The aesthetic approach to organization studies. In: H. Höpfl, S. Linsteadt (Hrsg.): The Aesthetics of Organization. Sage, London 2000, S. 13–34. So stellt die (Wirtschafts-)Ästhetik eine epistemologische Perspektive dar, die ein sinnliches, verhaltensmäßiges und bedeutungsstiftendes Verständnis Organisationen ermöglicht.

Da Ästhetik schwer fassbar und nicht einfach messbar ist, sowie nicht immer generalisierbar, sondern oft subjektiv wahrgenommen wird, hat es gedauert, bis sich dieser Ansatz in der internationalen Organisationsforschung etablieren konnte.S. Taylor, H. Hansen: Finding form. 2005. Ebenso unterscheidet sich dieser kritische Ansatz, der nicht „Effizienz“ sondern eben „Ästhetik“ als oberstes Kriterium nimmt, von vielen herkömmlichen und positivistischen Ansätzen der Organisationsforschung.A. Strati: Aesthetics in the study of organizational life. In: D. Barry, H. Hansen (Hrsg.): The Sage Handbook of New Approaches in Management and Organization. Sage, London 2008, S. 229–238. Zudem betont diese kritische Perspektive die Ambivalenz ästhetischer Faktoren, die den Organisationsalltag subjektiv erfüllen können und effizienter machen können, aber Organisationsteilnehmer und Stakeholder ebenfalls subtil, über ästhetische und emotionale Mittel, beeinflussen und steuern, auch anästhetisieren und manipulieren, können.S. Warren, A. Rehn: special issue on oppression, art and aesthetics. In: Consumption Markets & Culture. 9 (2) 2006, S. 81–85.

Methoden der Wirtschaftsästhetik Die Wirtschaftsästhetik untersucht komplexe, schwer fassbare und körperlich und emotional wirkende ästhetische Faktoren und auch die Wirkung von Kunst in Unternehmen. Daraus ergibt sich ein Schwerpunkt auf stark qualitativen und sogenannten kunstbasierten Methoden (darunter bspw. bild- und fotobasierte Methoden, der Einsatz von Poesie und Skulptur), die sich besonders von quantitativen wirtschaftswissenschaftlichen Methoden abheben.S. Warren: Empirical challenges in organizational aesthetics research: Towards a sensual methodology. In: Organization Studies 29(4) 2008, S. 559–580. Quantitative Methoden greifen gerade dort zu kurz, denn es geht um die Erklärung des körperlich-emotional erfahrenen Organisationsalltags, der sich kaum fassen und somit auch häufig schwer – bspw. in Befragungen – verbalisieren, codieren und quantitativ auswerten lässt. Es werden interdisziplinäre Methoden verwendet, die ihren Ursprung etwa in der ästhetischen Theorie haben können, oder auch in der Theaterwissenschaft und Performance Studies, die etwa eine besondere Expertise und Beschreibungsinstrumentarium zur Wirkung von ästhetischen Situation besitzen und der für die Wirtschaftsästhetik zentralen 'ästhetischen Erfahrung'.

Ebenso etabliert die Wirtschaftsästhetik neue Methoden nicht nur zur Erhebung von Daten, sondern zur Präsentation von Forschungsergebnissen. Dazu gehören die Verarbeitung von Erkenntnissen etwa in Gedichtform oder als Theaterstück (wie beispielsweise das Theaterstück Ties That Bind des Organisationsforschers Steven S. TaylorS. Taylor: Ties that bind. In: Management Communication Quarterly. 17(2) 2003, S. 280–300.), um ein „Gefühl“ für den untersuchten Gegenstand zu vermitteln und die ästhetische Erfahrung lebendig zu machen. Die kanadische Management-Forscherin Nancy AdlerN. Adler: Going beyond the dehydrated language of management: leadership insight. In: Journal of Business Strategy. 31(4) 2010, S. 90–99. etwa benutzt Aquarelltechniken, um die Möglichkeiten, die „Farbe“ und die „schwimmenden Grenzen“ von Leadership darzustellen. Herkömmliche wissenschaftliche Formate wie Fachartikel sind zu einer solchen Art der innovativen Wissenschaftskommunikation nicht in der Lage. Somit stellt der Einsatz und die Untersuchung, das Ausloten, von sogenannten kunstbasierten Forschungsmethoden ebenfalls ein Ziel dieses Forschungsfeldes dar.S. Taylor, D. Ladkin: Understanding arts-based methods in managerial development. In: Academy of Management Learning & Education. 8(1) 2009, S. 55–69.

Forschungsfelder der Wirtschaftsästhetik Ästhetische Phänomene Die Wirtschaftsästhetik untersucht die Ästhetisierung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens und damit natürlich auch die wahrnehmbaren ästhetischen Ausprägungen. Ein Beispiel ist die Architektur von Unternehmen, die häufig mit großem Aufwand entworfen und umgesetzt ist, und die Werte und Ansprüche von Unternehmen symbolisieren und ästhetisch kommunizieren soll.P. Gagliardi (Hrsg.): Symbols and Artifacts: Views of the Corporate Landscape. Aldine de Gruyter, New York 1990. Das Interesse an einer gebauten Identität ist beständig gewachsen, und auch in Deutschland versuchen Architekten für Unternehmen aus allen Branchen bauliche Kunstwerke zu erstellen, die Raumbilder präsentieren, Geschichten erzählen und vielfältige Atmosphären entstehen lassen.B. Biehl-Missal: Architektur als Kommunikationsinstrument. Wie Unternehmen mit ästhetischen Mitteln Einstellung und Verhalten beeinflussen. In: G. Bentele, M. Piwinger, G. Schönborn (Hrsg.): Kommunikationsmanagement. Losebl. Neuwied 2001 ff. 8.45 2011, S. 1–22. Dasselbe trifft auf das Design von Produkten zu, deren Wert über den Nutz- oder Gebrauchswert hinausgeht und oft konkrete ästhetische Dimensionen und Differenzierungsmerkmale enthält.R. Austin: High margins and the quest for aesthetic coherence. In: Harvard Business Review. Jan. 2008, S. 19.