Als Mogul-Architektur im engeren Sinne bezeichnet man die von den Herrschern des islamischen Mogulreichs und deren engsten Familienangehörigen auf dem Indischen Subkontinent in der Zeit zwischen 1526 und 1858 errichteten Bauten; im weiteren Sinne gehören dazu alle in dieser Zeit errichteten größeren Bauprojekte im nominellen Herrschaftsgebiet der Mogul-Dynastie. Die Mogul-Architektur stellt baugeschichtlich einen Zeitabschnitt innerhalb der Indo-Islamischen Architektur dar. Als ihr Höhepunkt gilt das 1648 fertiggestellte Taj Mahal in Agra.

mini|hochkant=2|Das 1648 fertiggestellte Taj Mahal inmitten eines Mogulgartens

Geschichte Ausführliche Informationen zur Geschichte, Kunst und Kultur der Mogul-Zeit finden sich im Wikipedia-Artikel Mogulreich. Eine Schnell-Übersicht über die Mogul-Herrscher Indiens mit ihren Regierungszeiten findet sich in der Liste der Großmoguln.

Babur, der erste Mogulherrscher, begann schon bald nach der Eroberung großer Teile Nordindiens im Jahre 1526 mit Baumaßnahmen (Gärten), die nach der Konsolidierung der Macht unter Akbar I. und seinen Nachfolgern (Jahangir, Shah Jahan, Aurangzeb) noch ausgeweitet wurden. Der einzige der frühen Mogul-Herrscher, der keine Bauten oder Gärten hinterließ, war Humayun, dem zu Ehren sein Sohn und Nachfolger Akbar jedoch eines der prägenden Bauwerke der Mogul-Architektur – das Humayun-Mausoleum – errichtete. Schon unter Aurangzeb ließ die Bautätigkeit – vor allem aus Kostengründen – deutlich nach und seine eher schwachen und unbedeutenden Nachfolger hinterließen gar keine wichtigen Bauten mehr.

Architektur Architekten Die wenigen bekannten Namen von Architekten der Mogulbauten (siehe Humayun-Mausoleum und Taj Mahal) lassen darauf schließen, dass sie überwiegend aus dem persisch-afghanischen Raum stammten. Nicht zu unterschätzen sind jedoch Geschmack, Kenntnisse und Experimentierfreude der jeweiligen Auftraggeber selbst – so werden bereits beim Gründungsbau der Mogul-Architektur, dem Humayun-Mausoleum, neue Wege beschritten und die Palastanlagen von Fatehpur Sikri sowie Grabbauten wie das Akbar-Mausoleum, das Itimad-ud-Daula-Mausoleum und das Jahangir-Mausoleum lösen sich im Hinblick auf Material und Formensprache in hohem Maße von überlieferten persisch-zentralasiatischen, aber auch indischen Vorbildern und gehen weitgehend eigenständige Wege – eine Tatsache, die unter der alleinigen Federführung persischer Architekten undenkbar gewesen wäre.

Handwerker Bei den Großbauten der Mogulzeit wurden eine Vielzahl von Handwerkern (Maurer, Gerüstbauer, Steinmetze, Stuckateure, Maler, Zimmerleute u. a.) beschäftigt – man spricht von etwa 20.000 Arbeitern beim Bau des Taj Mahal. Diese stammten i. d. R. aus dem nordindischen Raum und waren in der Hauptsache Hindus; sie brachten eine Fülle von Erfahrungen (möglicherweise auch Ideen und Anregungen) mit – so ist beispielsweise die unverkennbare Hindu-Ornamentik an einigen Bauten in Fatehpur Sikri oder im Roten Fort von Agra zu erklären.

Baumaterial Anders als die in der Regel aus behauenen Steinen gebauten Moscheen und Grabmonumente ihrer Vorgänger (Tughluq-Dynastie, Sayyid-Dynastie, Lodi-Dynastie) bestehen die Bauten der Mogulzeit in ihrem Kern aus vor Ort gebrannten Ziegelsteinen, die jedoch nach außen – mit Ausnahme der Moschee von Thatta (Pakistan) – nirgends in Erscheinung treten, denn alle Bauteile wurden mit Platten aus rotem oder gelblichem Sandstein bzw. weißem Marmor aus Rajasthan verkleidet; kleinere Flächen wurden auch mit dem selteneren grau-blauem Schiefersandstein geschlossen.

mini|In Teilen fast barock anmutende Aufsätze auf den Jali-Gitterschranken im Innenraum des Taj Mahal (Detail) Aus denselben Steinmaterialien wurden auch die dekorativen geometrischen oder floralen Ornamente der frühen Mogul-Architektur (Humayun-Mausoleum), die oft große Teile der Außenhaut überziehen, hergestellt. Die – insgesamt weniger bedeutsamen – Torbauten wurden noch lange Zeit in dieser Weise geschmückt (z. B. Torbau des Taj Mahal).

Charakteristisch für die Blütezeit der Mogul-Architektur unter Nur Jahan und Shah Jahan sind äußerst feine und kleinteilige Steineinlegearbeiten aus schwarzem Marmor (Inschriften und Rahmungen) und farbigen Halbedelsteinen (Blumen und Blätter), mit denen – in Pietra-dura-Technik – höchst detailreiche Dekormotive geschaffen wurden (Itimad-ud-Daula-Mausoleum, Kenotaph des Jahangir-Mausoleums, Taj Mahal, Details der Palastbauten in Agra und Delhi).

Die Verwendung von – aufwendig bearbeitetem – Marmor, der weite Transport der schweren Steine aus Rajasthan sowie die Herstellung von Steininkrustationen verschlangen jedoch Unsummen. Bei den letzten bedeutenden Bauten der Mogulzeit (Bibi-Ka-Maqbara, Safdarjung-Mausoleum, Lalbagh-Fort, Asfi-Moschee) wurden deshalb große Teile der Außen- und Innenwände nur noch verputzt, manchmal auch stuckiert und teilweise bemalt.

Bautypen Wie auch im westlichen Islam (z. B. Marokko), so gab es auch im islamischen Indien nur wenige wichtige Bauprojekte, die von den jeweiligen Herrschern, deren Familienangehörigen oder Gouverneuren in Auftrag gegeben wurden: Moscheen, Mausoleen, Verteidigungs- bzw. Palastbauten und Gärten. Andere öffentliche Bauten wurden in der islamischen Welt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eher abgelehnt (v. a. Versammlungsbauten wie Plätze, Hallen, Museen, Theater, Sportstätten etc.) oder wurden – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht zwingend als hoheitliche Bauaufgaben angesehen (Brücken, Wasserleitungen, Brunnen, Badehäuser etc.). Letztere wurden – wenn überhaupt – zumeist von hohen Hofbeamten oder wohlhabenden Kaufleuten gestiftet und unterhalten.

Charakteristika Symmetrie

In vielen Kulturen – so auch im Islam – galt Symmetrie als Sinnbild bzw. Abbild göttlicher Ordnung und Harmonie. Die meisten Bauten der Mogulzeit sind – sowohl außen wie innen – entweder achsensymmetrisch (Moscheen, Palastbauten) oder sogar punktsymmetrisch (Mausoleen und umgebende Gärten) gestaltet. Bei den Arealen der zumeist riesigen Forts und Parkanlagen konnte dieses Prinzip wegen der Notwendigkeit zur Anpassung an natürliche Gegebenheiten nur in Teilen eingehalten werden. In jüngster Zeit wurden bei Vermessungen der Kuppel des Taj Mahal Symmetrieabweichungen von bis zu einem Meter festgestellt; exakte Vermessungen anderer Bauten stehen noch aus. mini|Torbau zum Areal des Taj Mahal mit Chhatri-Aufsätzen auf den seitlichen Treppentürmen und einer Chhatri-Reihe über dem Portalbogen.

Torbauten

Moscheen, Grabbauten und Forts, aber auch die Gartenanlagen (bagh) der Mogulzeit sind – zum Schutz vor Angreifern, freilaufenden Tieren und neugierigen Blicken – von hohen Mauern eingefasst und meist nur durch einen einzigen Zugang erreichbar. Entsprechend seiner Bedeutung ist dieser Zugang monumental gestaltet und/oder mit Chhatris, Türmchen und Zinnen versehen. Nach und nach werden diese – ursprünglich militärisch-repräsentativ gemeinten – Zutaten immer dekorativer gestaltet oder entfallen ganz (Bibi-Ka-Maqbara, Safdarjung-Mausoleum). Seitlich der zentralen Portalbögen (s. u.) finden sich i. d. R. jeweils zwei übereinander liegende Emporen, die ursprünglich wohl Wach- bzw. Verteidigungsaufgaben zu erfüllen hatten, in der Mogul-Architektur jedoch nur noch als Bauzier zu verstehen sind.

Wichtigster bzw. frühester Torbau der Mogul-Architektur ist das 'Buland Darwaza' ('Siegestor') der Moschee von Fatehpur Sikri.

Portalbögen

Die Eingänge zu den Bauten der Mogul-Zeit werden überfangen von überdimensionalen Iwan-Bögen, deren Ursprünge in der sassanidischen Architektur (Seleukia-Ktesiphon) zu suchen ist und die sich in Persien (Yazd u. a.), Zentralasien (Gur-Emir-Mausoleum, Samarkand) und Indien (Qutb-Komplex in Delhi, Sharqi-Architektur in Jaunpur) und Lodi-Gräber in Delhi fortentwickelt haben. Die Mogul-Architektur nimmt dieses Element sowohl bei Torbauten als auch bei Eingangsportalen auf, ohne jedoch strikt daran festzuhalten (Itimad-ud-Daula-Mausoleum, Jahangir-Mausoleum, Nur-Jahan-Mausoleum).

Plattformen

Alle bedeutenden Bauten der Moguln liegen auf – gegenüber dem Geländeniveau deutlich erhöhten, z. T. sogar aufgeschütteten – Hügeln (Moscheen, Forts), oder mit Steinplatten verkleideten Plattformen (Grabbauten). Letztere sind ein Element, das in der persisch-zentralasiatischen Architektur kaum oder nur in zurückhaltender Weise zu finden ist, wohl aber bei Hindu-Tempeln des 6. bis 12. Jahrhunderts (Nachna, Khajuraho u. a.). In erster Linie dienen diese – nach außen mit einem leichten Gefälle versehenen – Plattformen dem Schutz des Bauwerks bei Starkregenfällen (Gewitter, Monsun) bzw. vor frei herumlaufenden Tieren; daneben wird natürlich auch eine „Erhöhung“ des aufstehenden Bauwerks im übertragenen Sinn erreicht. Auch die oft mit Wasserkanälen versehenen Zuwege zu den Mausoleen liegen in der Regel erhöht; die Gartenflächen und Beete liegen dagegen etwas tiefer.

Kuppeln

Obwohl auch frühere Bauten der Tughluq-, Sayyid- und Lodi-Dynastie mit (Krag-)Kuppeln abschließen, sind die Kuppeln der Mogulbauten besonders markant und für das Vorstellungsbild Indiens weltweit von Bedeutung: Indische Moscheen haben meist drei – in der Höhe gestaffelte – Kuppeln, Grabbauten regelmäßig nur eine zentrale Kuppel, allerdings begleitet von Chhatris.

Im Gegensatz zu ihren persischen und indischen Vorläufern sind die Kuppeln der Mogul-Architektur generell zweischalig, d. h. die innere (untere) Kuppelschale beginnt am Fuß eines unbelichteten Tambours, bleibt relativ flach und schließt den Innenraum – mal mit, mal ohne Stuckverzierungen – nach oben ab; die äußere (obere) Kuppelschale sitzt dagegen auf dem Tambour auf, ist deutlich gebaucht und prägt – mit ihrer weißen Marmorverkleidung – ganz wesentlich die Silhouette des Bauwerks. Zwischen den beiden – aus Ziegelstein gemauerten – Kuppelschalen befinden sich hölzerne Verstrebungen, die für eine höhere Stabilität der gesamten Konstruktion sorgen.

Die späteren Kuppeln der Mogulzeit schließen mit einer (umgedrehten) Lotusblüte ab – einem Dekorelement, das ursprünglich der Hindu-Architektur entlehnt ist und schon an den Kuppeln der Lodi-Gräber (Delhi) zu finden ist, bei persischen bzw. zentralasiatischen Kuppeln jedoch nicht auftritt. Die Spitzen der Kuppeln werden regelmäßig von einem Kugelstab (Jamur) überhöht, dessen – ehemals wohl vorhandene – symbolische Bedeutung nicht mehr bekannt ist.

Minarette

Die Minarette der islamischen Architektur sind eigentlich – als Wach- oder Siegestürme sowie als Plattformen für den Gebetsruf des Muezzin – an eine Moschee gebunden. Einige frühe Moscheen der Mogularchitektur (Fatehpur Sikri und Thatta) haben jedoch – aus welchen Gründen auch immer – keine Minarette. Die paarweisen Minarette der späteren Moscheen der Mogulzeit haben ihre ursprünglichen Funktionen weitgehend eingebüßt und bilden einen – eher dekorativ gemeinten – Rahmen für den Gebetsraum.

Alle indischen Grabbauten der Vor-Mogulzeit haben keine Minarette und auch die ersten monumentalen Grabbauten der Mogul-Architektur (Humayun-Mausoleum und Akbar-Mausoleum) verzichten darauf. Beim Akbar-Mausoleum stehen jedoch gleich vier 'Schmuckminarette' weithin sichtbar auf dem Torbau. Beim Itimad-ud-Daula-Mausoleum finden sich vier minarett-ähnliche Ecktürme als rahmende Elemente des Grabmals selbst; beim Jahangir-Mausoleum, beim Taj Mahal und beim Bibi-Ka-Maqbara erheben sie sich in den Ecken der Plattform, um dann bei den späteren Grabbauten (Safdarjung-Mausoleum u. a.) – hauptsächlich wohl aus Kostengründen – wieder zu verschwinden.

mini|Chhatris als Zierelement bzw. Hoheitszeichen auf der Halle für die Privataudienzen (Diwan-i-Khas) des Mogul-Herrschers Akbar I. in Fatehpur Sikri

Chhatris