Als K.-o.-Tropfen (auch: K.-o.-Mittel, Knockout-Tropfen, Date-Rape-Drogen oder Vergewaltigungsdrogen) werden sedierend wirkende Stoffe bezeichnet, die im Rahmen von Straftaten wie Sexual- oder Eigentumsdelikten genutzt werden, um die Opfer zu betäuben und damit wehrlos zu machen. Dies wird auch Chemische Unterwerfung genannt. Sie werden Opfern unbemerkt oder heimlich verabreicht. Dazu werden sie zumeist in Getränke oder andere Drogen, manchmal auch in Speisen gemischt. Nach Erwachen können sich die Opfer häufig aufgrund von Gedächtnislücken für die Wirkungszeit nicht mehr an die Tat oder den Tathergang erinnern. Das macht den strafrechtlichen Nachweis der Tat oft schwierig.
K.-o.-Tropfen beinhalten eine große Bandbreite von meist farb- und geruchlosen Substanzverbindungen, die zum Großteil schnell abgebaut werden und daher schwer nachweisbar sind. Während zum Beispiel eine geringe Dosis euphorisierend, enthemmend und sexuell stimulierend wirkt, wie etwa bei Substanzverbindungen mit GHB (Liquid Ecstasy), kommt es bei höherer Dosierung zu Koordinationsstörungen, Schwindel und Müdigkeit bis hin zur Bewusstlosigkeit. Bei Überdosierung kann es zum Tod durch Atemlähmung kommen.K.o.-Tropfen: Was war da in meinem Drink? Zeit Online, aufgerufen am 15. Oktober 2021 Bei einer Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen treten massive Einschränkungen bereits bei einer geringeren Dosis auf als ohne Mischkonsum. Todesfälle konnten ab einer Plasmakonzentration von 103 mg/l GHB nachgewiesen werden.GHB – Der schmale Grat zwischen Rausch und Koma Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, aufgerufen am 12. Januar 2022
Während GHB seit 2002 als Betäubungsmittel eingestuft wird, unterliegen die chemischen Ausgangsstoffe, 1,4-Butandiol und GBL in Deutschland als industrielle Massenchemikalien der REACH-Verordnung.Gamma-Butyro-Lacton – Schutz vor sogenannten K.-o.-Tropfen und Bekämpfung von Drogenmissbrauch (Drucksache 19/6790) Deutscher Bundestag, aufgerufen am 12. Januar 2022K.-o.-Tropfen: Diese Droge dürfte nicht legal sein Süddeutsche Zeitung, aufgerufen am 12. Januar 2022
Wirkstoffe mini|Injektionsfläschchen mit Ketamin Der Begriff K.-o.-Tropfen ist ein umgangssprachlicher und unspezifischer Begriff, der entgegen der weit verbreiteten Wahrnehmung nicht nur mit einer, sondern mit einer Vielzahl an Substanzen in Verbindung gebracht wird, die je nach Anwendungszusammenhang auch vollkommen andere und erwünschte Wirkungen haben. Viele dieser Substanzen werden normalerweise therapeutisch als Schlaf- oder Beruhigungsmittel oder als Partydroge benutzt, sie werden also erst durch die Heimlichkeit und zudem oft erst durch Überdosierung zu K.-o.-Tropfen.
Beispiele sind Benzodiazepine wie Flunitrazepam,Günter Jeromin: Organische Chemie. 2. Auflage. Harri Deutsch Verlag, 2006, ISBN 3-8171-1732-9, S. 462. Flualprazolam und Temazepam, Antihistaminika, γ-Hydroxybuttersäure (GHB, Liquid Ecstasy) und deren intramolekularer Ester γ-Butyrolacton (GBL),Gisela Zimmer: Prüfungsvorbereitung Rechtsmedizin. 2. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2009, ISBN 978-3-13-141172-3, S. 56. Ketamin,Jessica A. Albright, Sarah A. Stevens, Douglas J. Beussman: Detecting ketamine in beverage residues: Application in date rape detection. In: Drug Testing and Analysis. Vol. 4, No. 5, Mai 2012, S. 337–341, doi:10.1002/dta.335. PMID 22114065. Medetomidin, Anticholinergika wie Scopolamin (Hyoscin) und Atropin, 1,4-ButandiolSchweizer Parlament: Motion – 09.3945, Legal highs: Verbot von gefährlichen, aber legalen Betäubungsmitteln vom 25. September 2009. oder Neuroleptika, wie Haloperidol, welches beispielsweise in den 1980er Jahren im bekannten Fall um die Münchner Gaststätte Donisl eingesetzt wurde.Fachinformation: GHB (Gamma-Hydroxybutyrat) – Mischkonsum. auf: drogenkult.netHalbscharige Typen. In: Der Spiegel. 6/1985. Früher wurden auch Chloralhydrat, Barbiturate und MethyprylonWolfgang Arnold, Hans-Friedrich Grützmacher: Die Aufklärung der Noludarzwischenfälle im Hamburger Hafenviertel (St. Pauli) mit Hilfe kombinierter Analysenmethoden. In: Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin. Jg. 65, Heft 1, 1969, S. 44–60, doi:10.1007/BF00584846 (PDF; 663 kB). genannt. Insgesamt sind weit über 100 Wirkstoffe missbräuchlich als K.-o.-Mittel einsetzbar. K.O.-Mittel / K.O.-Tropfen Forensisch-Toxikologisches Labor Wien, abgerufen am 27. Juli 2019.
Hinsichtlich der Sicherheit sind vor allem Barbiturate sowie GBL und GHB bei Überdosierung lebensgefährlich, da die Gefahr eines Atemstillstands besteht. Potenzielle Täter stehen somit vor der „Herausforderung“, einen Angriff exakt und unter Berücksichtigung der Verfassung des Opfers zu dosieren, da insbesondere bei GBL und GHB in niedrigerer Dosierung die von freiwilligen Konsumenten gewünschten Effekte wie Bewegungsdrang und Euphorie überwiegen, bei Überdosierung jedoch Atemstillstand und Tod drohen, insbesondere im Zusammenhang mit Alkohol.
Insbesondere Ketamin und GBL werden oft in genau dem Umfeld, in dem sie mutmaßlich als Vergewaltigungsdroge missbraucht werden, nämlich in Clubs und Diskos, als Partydroge auch freiwillig konsumiert, da sie in geringerer Dosis eine eher entspannende oder euphorisierende als einschläfernde Wirkung haben. Die Einordnung einer Substanz als K.-o.Tropfen ist daher nur angebracht, wenn diese Mittel heimlich bzw. in heimlich höherer Dosis verabreicht werden. So kommentierte die taz, das Problem sei „die Heimlichkeit, der Übergriff und der Vergewaltiger – und nicht der Stoff“.Julia Seeliger: 2C-B und GBL. 3. Januar 2012, abgerufen am 29. September 2015.
Im übertragenen Sinne können auch Alkohol bzw. alkoholische Getränke als K.-o.-Tropfen bezeichnet werden,Claus Peter Müller: Der größte K.-o.-Tropfen ist der Alkohol. 19. Februar 2013, abgerufen am 29. September 2015. da das absichtliche Betrunkenmachen anderer Personen mit dem Ziel sexueller Annäherung eine weitverbreitete Praxis ist, beispielsweise durch das Einladen oder Auffordern zum Konsum alkoholischer Getränke, umgangssprachlich auch „jemanden abfüllen“ genannt. Im Unterschied zu „klassischen“ als K.-o.-Tropfen bezeichneten Substanzen wird Alkohol allerdings in der Regel nicht heimlich verabreicht und auch nicht als Tropfen beigemischt, sondern in größeren Mengen getrunken. Eine Veröffentlichung der University of Ulster bezeichnet Alkohol als die weitestverbreitete „Date Rape Drug“.medicalnewstoday.com: Alcohol Is Most Common ‘Date Rape’ Drug. 15. Oktober 2007, abgerufen am 12. Oktober 2015. Eine in Großbritannien durchgeführte und 2006 veröffentlichte Studie ermittelte, dass in über 99 % der untersuchten Verdachtsfälle Alkohol zumindest beteiligt war (siehe unten zur Verbreitung).
Straftaten in Verbindung mit K.-o.-Tropfen Hintergründe K.-o.-Tropfen werden in diversen Wirkstoffkombinationen oft eingesetzt, um demjenigen, der sie unauffällig seinem potenziellen Opfer verabreicht, Straftaten zu ermöglichen. Besonders häufig sind Raub- oder Sexualdelikte. Obwohl Pressemitteilungen über die Verwendung von K.-o.-Mitteln zugenommen haben, existieren keine offiziellen Statistiken zur Häufigkeit drogenassoziierter Sexualdelikte, was nicht zuletzt an der vermuteten hohen Dunkelziffer liegt. Darüber hinaus sind Verurteilungen wegen Beibringung von K.-o.-Mitteln mit Anschlussstraftaten in Europa aufgrund der im Verfahren auftretenden Beweisprobleme relativ selten.M. Burkhard & F. Mußhoff (2009): K.-o.-Mittel. Häufigkeit, Wirkungsweise, Beweismittelsicherung. Deutsches Ärzteblatt 106(20) doi:10.3238/arztebl.2009.0341
Es gibt keine deutschlandweiten Studien zum Einsatz von K.-o.-Tropfen im Zusammenhang mit Straftaten und die meisten gerichtlichen Verfahren müssen – aus Mangel an Beweisen – eingestellt werden. Der Grund besteht darin, dass der chemische Nachweis nur innerhalb weniger Stunden möglich ist. Da die Wirkungsweise zudem darauf abzielt, Betroffene wehr- und willenlos zu machen und die Opfer im Anschluss zum Teil große Erinnerungslücken aufweisen, werden sie oft nicht schnell genug untersucht, um einen chemischen Nachweis zu ermöglichen. Präzise Angaben zum Tathergang zu machen, ist für die meisten Opfer nicht möglich.K.o.-Tropfen. Betäubter Rechtsstaat (14.11.2019) von Timo Stukenberg Deutschlandfunk, aufgerufen am 12. Januar 2022
Im Jahr 2019 antwortete die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage, in der es um „γ-Butyrolacton: Schutz vor sogenannten K.-o.-Tropfen“ ging. In den Ausführungen wird GBL als „Massenchemikalie“ bezeichnet, die der REACH-Verordnung unterliegt, während man die Ansicht vertritt, die strengeren Regelungen Betäubungsmittelgesetz seien „für industrielle Massenchemikalien wie GBL nicht geeignet“. Der Vorläuferstoff von GHB (4-Hydroxybutansäure) wird weiterhin als Industriechemikalie eingestuft. Das Gesundheitsministerium sah 2019 ebenfalls keinen konkreten Handlungsbedarf, es waren Regulierungsmaßnahmen geplant, durch die der Zugang zu Substanzen wie GBL erschwert würde.
Einige Beispielfälle Die 15-jährige US-Amerikanerin Samantha Reid starb 1999, nachdem sie von mehreren Männern mit GHB betäubt worden war. Aufgrund dieses Falles wurde GHB in den USA als Schedule-I-Droge klassifiziert.
Der kalifornische Millionenerbe Andrew Luster wurde 2003 wegen 86-facher Vergewaltigung zu 124 Jahren Gefängnis (später auf 50 Jahre reduziert) verurteilt; er hatte seine Opfer mit K.-o.-Tropfen betäubt.
Zwischen 2015 und 2017 nutzte der Vergewaltiger Reynhard Sinaga in mindestens 40 Fällen GHB, um die von ihm in Manchester vergewaltigten Opfer handlungsunfähig zu machen. Er gilt als einer der berechnendsten Serienvergewaltiger Englands, dem sexuelle Übergriffe auf 136 Männer nachgewiesen wurden. Sinaga wurde zu mindestens 30 Jahren Haft verurteilt.Reynhard Sinaga used GHB – but the date rape drug we should be most worried about is alcohol (veröffentlicht am 8. Januar 2020) The Independent, aufgerufen am 12. Januar 2022Reynhard Sinaga: 'Evil sexual predator' jailed for life for 136 rapes (veröffentlicht am 6. Januar 2020) BBC, aufgerufen am 12. Januar 2022
Nach vierjährigem Prozess wurde der Betreiber mehrerer Düsseldorfer Bordelle im Jahr 2017 zu 8 Jahren Haft wegen Erpressung, Betrugs und Körperverletzung verurteilt; in den Betrieben waren Gäste mit K.-o.-Tropfen willenlos gemacht worden, um so hohe Summen von Kreditkarten abbuchen zu können.
Am Berliner Landgericht wurde 2022 ein Mord mit Verdacht auf Kannibalismus verhandelt, der unter Einfluss von K.-o.-Tropfen verübt wurde. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 42-jährige Angeklagte sein Opfer zuerst mit GHB betäubte. Dann ermordete der Lehrer am 6. September 2020 sein Opfer, mit dem er zuvor noch Sex gehabt hatte, in seiner Wohnung in Berlin-Pankow. Der Täter hatte bereits im Vorfeld Kannibalismus-Fantasien.Kannibalismus-Prozess: Lebenslange Haft gefordert Der Stern, aufgerufen am 12. Januar 2022 Die Leiche hat er zerstückelt, wobei er einige Teile in Berlin abgelegt hat, während weitere bei der Durchsuchung seiner Wohnung gefunden wurden. Der Angeklagte wurde im Januar 2022 wegen Mordes sowie Störung der Totenruhe bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft verurteilt.Bei Sex-Treffen getötet – Urteil zu Kannibalen-Mord: Lebenslänglich ZDF, aufgerufen am 12. Januar 2022 Im Rahmen einer Recherche legte STRG F im Jahr 2024 ein weit verzweigtes Netzwerk von mutmaßlichen K.-o.-Tropfen nutzenden Tätern und Vergewaltigern offen. In diesem Netzwerk spielte der Einsatz von K.-o.-Tropfen eine zentrale Rolle, um die überwiegend weiblichen Opfer zu betäuben und zu vergewaltigen. Unter den Opfern befanden sich auch Angehörige der Täter. Dieses Netzwerk organisiert sich über verschiedene Telegram-Chatgruppen und die beteiligten Personen tauscht dort Beweise für ihre Taten aus.