Borbeck-Mitte ist ein nordwestlicher Stadtteil der Stadt Essen.

Geschichte Siehe auch: Liste der Baudenkmäler in Borbeck-Mitte

Stadtteil Borbeck und Stadtbezirk Borbeck Der Name „Borbeck“ kommt in mehreren geographischen Begriffen vor: Mit „Borbeck“ bezeichnet man sowohl den Stadtteil Borbeck als auch den Stadtbezirk Borbeck.

Um in der Sprache den Stadtteil Borbeck besser vom Stadtbezirk Borbeck unterscheiden zu können, gab man Borbeck als Stadtteil den Zusatz „Mitte“, so dass er amtlich „Borbeck-Mitte“ heißt.

Borbeck als Stadtbezirk erhielt 1975 im Rahmen einer Kommunalreform die Bezeichnung „Stadtbezirk IV Borbeck“ und ist seitdem einer von neun Essener Stadtbezirken. Neben Borbeck-Mitte gehören Bedingrade, Bergeborbeck, Bochold, Dellwig, Frintrop, Gerschede und Schönebeck zum Stadtbezirk IV Borbeck.

Der Zusatz „Mitte“ betont auch die Bedeutung, die Borbeck-Mitte für den gesamten Stadtbezirk hat. Im Landesentwicklungsplan ist Borbeck-Mitte deshalb als Mittelzentrum im Oberzentrum Essen ausgewiesen.

Stadtteil und Stadtbezirk sind nicht nur sprachlich eng miteinander verbunden. Diese Verflechtung ist historisch begründet: Im Jahr 1915 wurden alle Stadtteile des heutigen Stadtbezirks nach Essen eingemeindet und verloren damit ihre Selbstständigkeit als Bürgermeisterei Borbeck. Gleichwohl ist Borbeck eine „Stadt in der Stadt“ geblieben.

Die Geschichte des Stadtteils Borbeck-Mitte lässt sich deshalb nicht von der Geschichte des Stadtbezirks IV Borbeck trennen.

Oberhof Borbeck Borbeck wurde bereits im Jahr 869 in einer Brauamtsheberolle des Stiftes Essen als Oberhof Borthbeki urkundlich erwähnt. Die Bedeutung „Bach, der durch eine Börde, ein reiches Zinsgebiet fließt“, wird in der Wortforschung mit der Quelle im Schlosspark in etymologischen Zusammenhang gebracht.Geschichte des Stadtteils Borbeck-Mitte. Abgerufen am 20. Dezember 2024.

Borbeck war damals einer von neun dem Damenstift Essen abgabepflichtigen Oberhöfen.

Über Jahrhunderte war die Bindung des „Borbecker Quartiers“ an die geistliche Herrschaft der Äbtissinnen des Essener Damenstiftes sehr ausgeprägt.1300-1600: Residenz Borbeck. Abgerufen am 27. Dezember 2024. Sie waren einzige so genannte reichsunmittelbare geistliche Fürstinnen im Rheinland. Sie erwarben 1288 das volle Verfügungsrecht über den Oberhof Borbeck von den Rittern Hermann und Wennemar von Aldendorp zurück und richteten hier ihre Hofhaltung ein. Dazu gehörte der Bau von Schloss Borbeck, das seine heutige äußere Gestalt im 18. Jahrhundert erhielt. Darüber hinaus wurde die romanische Dionysiuskirche 1339 von Grund auf neu gebaut und mit gotischem Chor und Seitenschiffen versehen. Bis zur Säkularisation 1803 war Schloss Borbeck die bevorzugte Residenz der Äbtissinnen.

Bürgermeisterei Borbeck bis zur Eingemeindung Mairie und Bürgermeisterei Als im Jahr 1808 während der französischen Herrschaft über weite Teile Europas („Franzosenzeit“ 1804–1815) auch der rechte Niederrhein unter französische Besatzung geriet, kam Borbeck zum französischen Satellitenstaat Großherzogtum Berg und bildete dort eine Mairie (Bürgermeisterei) im Departement des Rheins. Nach dem Ende der Franzosenzeit fiel Borbeck an Preußen und aus der bergischen Mairie Borbeck wurde die preußische Bürgermeisterei Borbeck. Die Verwaltung befand sich im Rathaus von Borbeck.

Zu dieser gehörten zunächst auch die Bauerschaften Lippern und Lirich, die 1861 an das neu gegründete Oberhausen gingen. Außerdem wurden 1874 Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen zu einer selbständigen „Bürgermeisterei Altendorf“ ausgegliedert. Dieser Ausgliederung folgte in den 1970er-Jahren Vogelheim, das seitdem mit Altenessen und Karnap den Essener Stadtbezirk V bildet.

Bei der Eingemeindung nach Essen hatte die Bürgermeisterei Borbeck also den räumlichen Zuschnitt des Stadtbezirks IV Borbeck unter Einschluss Vogelheims.

Industrielle und wirtschaftliche Entwicklung: Borbeck schreibt Industriegeschichte Die industrielle Entwicklung Borbecks ist von bahnbrechenden Erfindungen gekennzeichnet.

So gelang 1834 im Schurfschacht Franz der vertikale Durchbruch der Mergelschicht zur Kohle, der den Aufschwung der Kohle als Brennmaterial nachhaltig förderte.Klaus Scholz (Hrsg.): Man war nie fremd. Die Essener Bergbaukolonie Schönebeck und ihr Stadtteil. Edition Rainruhr, Essen 2009, S. 109, 139. ISBN 978-3-929158-22-9

Bis nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete an der Schraeplerstraße eine Ziegelei. Außerdem nahm eine Zinkhütte ihren Betrieb auf und gewann Zink, der in liegenden Gefäßöfen – Muffeln genannt – zu Zinkmetall umgewandelt wurde. Die Borbecker Eisenhütte – spätere Phönix-Hütte – und die Borbecker Maschinenfabrik sind weitere Beispiele für die Anfänge industrieller Entwicklung in Borbeck.Andreas Koerner: Zwischen Schloss und Schloten. Die Geschichte Borbecks. Henselowsky Boschmann, Bottrop 1999, S. 67 ff. ISBN 3-922750-34-6

Die fortschreitende Industrialisierung führte zu einem rasanten Anwachsen der Einwohner. Ihm konnte die infrastrukturelle Versorgung der Bevölkerung nur mit Mühe gerecht werden. So dauerte es acht Jahre, bevor es Bürgermeister Hermann Péan im Jahr 1856 gelang, die Konzession zur Errichtung der ersten Apotheke in Borbeck zu erhalten.Annette Hinze-Boll: zu Nutz und Frommen des kranken Menschen. 150 Jahre Adler-Apotheke zu Borbeck, Band 1. Klartext Verlag, Essen 2006, S. 14. ISBN 3-89861-751-3

Wegen der sehr heterogen zusammengesetzten Einwohnerschaft wurde es immer schwieriger, einen Ausgleich zwischen kommunalen Einnahmen und Ausgaben herzustellen. Deshalb setzte man große Hoffnungen in den Bau des Rhein-Herne-Kanals, der 1914 nach sechs Jahren Bauzeit vollendet war. Von ihm erwartete man wirtschaftliche Vorteile. Aber auch bei der Firma Krupp war ein Zugang zum Rhein-Herne-Kanal wegen günstiger Transportkosten und damit erhöhter Wettbewerbsfähigkeit begehrt.Helmut Brus: Ein Bild – dreimal Geschichte. Ebel, Kanal und Hüttenwerk. In: www.borbeck.de. Abgerufen am 15. Dezember 2024.

Da die Stadt Essen – auf deren Gebiet sich die Kruppschen Werksflächen befanden – nur über Borbecker Gebiet an den Kanal gelangen konnte, wurde sie bei der Gemeinde Borbeck vorstellig und schlug eine Eingemeindung vor. Denn auf diese Weise würde Essen den gewünschten Zugang zum Kanal bekommen.

Diesem Vorhaben widersetzte sich die Gemeinde Borbeck. Um ihre Bürgermeisterei attraktiver zu machen, ergriff Bürgermeister Rudolf Heinrich zahlreiche Maßnahmen. Dazu zählte die Gründung des Gymnasiums Borbeck im Jahr 1901.Klaus Lindemann: Dies Haus, ein Denkmal wahrer Bürgertugend. Das Gymnasium Borbeck seit der Kaiserzeit. Klartext Verlag, Essen 2005, S. 16. ISBN 3-89861-377-1

Bürgermeister Heinrich wollte vor allem die Schülerströme der sozialen Oberschicht zum neuen Gymnasium lenken. Denn er strebte den Zuzug von besonders zahlungskräftigen bürgerlichen Familien mit aufstiegsorientierten Söhnen an.

Seine Überlegung: Ein erhöhtes Steueraufkommen und die daraus folgende größere Wirtschaftskraft würden dabei helfen, die kommunale Selbstständigkeit der Bürgermeisterei zu erhalten. Doch nennenswerte Zuzüge wohlhabender Steuerzahler blieben aus.

Die Gemeinde war gezwungen, mit der Stadt Essen in Verhandlungen über einen Eingemeindungsvertrag einzutreten.

Die Vertretung Borbecker Interessen fiel dabei dem letzten Bürgermeister des selbstständigen Borbecks, Ferdinand Baasel, zu.

Die Bürgermeister der Bürgermeisterei Christian Joseph Philipp Leimgardt (1808–1823) Ludwig Stock (1823–1840) Hermann Péan (1840–1868) Wilhelm Faehre (1868–1869) Carl Anton Joseph Kruft (1869–1881) Rudolph Heinrich (1881–1907) Ferdinand Carl Valentin Baasel (1907–1915)

Eingemeindungsvertrag Nach langjährigen Verhandlungen stimmte Borbecks Gemeinderat am 14. Januar 1913 mehrheitlich für die Eingemeindung nach Essen. Der Vertrag wurde am 10. März 1914 geschlossen und trat zum 1. April 1915 in Kraft.Stadt Essen (Hrsg.): Eingemeindungs-Verträge zwischen der Stadt Essen und den Gemeinden Borbeck, Altenessen, Bredeney, Haarzopf mit Nebenverträgen, Essen 1915, S. 9–23.

In den Vertragsverhandlungen konnten die Borbecker Stadtväter wichtige Forderungen durchsetzen. Dazu gehört die Erhaltung des „Polizeibezirksbüros“, des Standesamtes, der medizinischen Versorgung sowie der schulischen Angebote. Außerdem wird der Schutz der „Talmulden“ vereinbart. Auch wird der Stadt Essen die Standortsicherung des Amtsgerichts auferlegt. Zwar werden die Forderungen nicht dogmatisch erhoben. So sollen einzelne Forderungen beispielsweise nur „möglichst“ erfüllt werden. Gleichwohl sind sie als politische Aufträge auch heute noch verbindlich.

Weimarer Republik Nach der Eingemeindung baute Krupp am Rhein-Herne-Kanal den geplanten Hafen und begann mit dem Bau des Hüttenwerks Borbeck. Bereits 1917 wurde auf Bergeborbecker Grund das Martinwerk 7 (Stahlwerk) errichtet, danach folgten ein Walzwerk, die mit 15 000 Tonnen größte Schmiedepresse der Welt, die Hochofenanlage und Nebenanlagen wie die elektrische Gasreinigung. Damit verfügte Krupp in Borbeck über die Möglichkeit, aus Erzen Roheisen und aus Roheisen Stahl zu erzeugen. Mit dem 1929 in Betrieb genommenen Hochofen wurde ein Hüttenwerk fertiggestellt, das zu den modernsten in Europa zählte und zum Zentrum der Edelstahlerzeugung im Konzern wurde.Wolfgang Sykorra: Als Borbeck Industriegeschichte schrieb. In: Borbecker Nachrichten / Essen vom 13. November 2015

Auch die politischen Wirren jener Zeit gingen an Borbeck nicht spurlos vorbei. Im Jahr 1920 scheiterte der nationalistische Putschversuch („Kapp-Putsch“) gegen die Demokratie der jungen Weimarer Republik.Ernst Schmidt: Der Kapp-Putsch. In: Koerner, op. cit., S. 158 ff. und www.dhm.de „Luettwitz-Kapp-Putsch-1920“. Abgerufen am 10. Dezember 2024.

Im März 1920 hatten Militärs versucht, die Regierung zu stürzen und die parlamentarische Demokratie zu beseitigen. Streiks im gesamten Deutschen Reich verhinderten den Staatsstreich. Trotzdem erhoben sich die Arbeiter noch einmal, um eine Militärdiktatur zu bekämpfen und die Demokratie zu erhalten. Die Reichswehr schritt im Ruhrgebiet ein, um den Aufstand der Arbeiter – letztlich erfolglos – niederzuschlagen.

Die Auseinandersetzungen forderten viele Tote, auch in Borbeck am Fliegenbusch. An das traurige Ereignis erinnert heute eine Gedenktafel.

Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945 Schon lange vor 1933 kündigte sich im täglichen Leben Borbecks das Ausmaß des NS-Unheils an. Betroffene ehemalige Schüler berichteten darüber nach dem Krieg in Borbecker Schulen: Es kam im Unterricht zur Diskriminierung jüdischer Schüler durch das Lehrpersonal. Rempeleien gegen Juden auf offener Straße wurden von der Polizei nicht verfolgt. Trauriger Höhepunkt: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüsteten Schlägertrupps der SA jüdische Geschäfte. Besonders sichtbar waren diese Exzesse im Zentrum Borbecks am Alten Markt.Ernst Schmidt: Lichter in der Finsternis. Widerstand und Verfolgung in Essen 1933 – 1945, Band 2, Klartext Verlag, Essen 1988, S. 245. ISBN 3-88474-128-4

Der Alte Markt wurde von den Nationalsozialisten als Appellplatz für die Mitglieder der im sogenannten NS-Jungvolk organisierten Schüler genutzt.

Hundert Jahre nach der bahnbrechenden Bergbauerfindung schrieb Borbeck erneut Industriegeschichte: Das Krupp-Rennverfahren ging 1935 in den Regelbetrieb am Rhein-Herne-Kanal über. Dabei handelt es sich um ein im Drehrohrofen durchgeführtes Eisenreduktionsverfahren, in dem das Eisen in Form von kompakten kohlenstoffarmen Luppen gewonnen wird. Es dient der Verarbeitung saurer und Fe-armer Erze, die im Hochofen nicht verhüttet werden können.Sykorra: op. cit.

Borbecks technisch-industrielle Entwicklung mündete in der NS-Zeit immer mehr in eine Rüstungsindustrie. So entstand im Umfeld der früheren Brauk-Siedlung der so genannte Panzerbau III.