miniatur|Karte von Odessa (1892) miniatur|Russische Briefmarke von 1999. Motiv: der Sänger Wladimir Wyssozki miniatur|Bulat Okudschawa im Palast der Republik in Ostberlin (1976) miniatur|Alexander Rosenbaum (2006)
miniatur|Sergei Schnurow von der Band Leningrad (2007) miniatur|Psoi Korolenko (2009)
Das Russische Chanson (, russki schanson) ist ein eigenständiger Liedzweig innerhalb der russischen Popmusik. Es ist stark geprägt vom kriminellen Halb- und Unterwelt-Milieu seiner Entstehungszeit in der NEP-Ära und gilt bis heute als Form urbaner Folklore. Alternative, ebenfalls gebräuchliche Bezeichnungen für russische Chansons sind: Gaunerchansons, Criminal Songs oder, in Russisch, Blat-Lieder beziehungsweise Blatnyje pesni.
Begriffserklärung und Genre Anders als das französische, italienische oder auch deutsche Chanson hat das russische Chanson wenig mit der Tradition des französischen Lieds zu tun. Einflüsse der angloamerikanisch geprägten Singer-Songwriter-Kultur finden sich ebenfalls nur marginal. Nachhaltig geprägt wurde diese Unterhaltungsmusikform von der Kleine-Leute-, Unterwelt- und Lager-Kultur der 1920er und 1930er Jahre. Lokaler Ursprungsort ist die Hafenstadt Odessa. Während der Bürgerkriegs- und NEP-Ära verbreitete es sich von der Schwarzmeer-Küste ausgehend in die urbanen Zentren der Sowjetunion. Obwohl es ab Mitte der 1930er Jahre stark in den informellen Bereich abgedrängt wurde, genoss es als authentische Ausdrucksform städtischer Volkskultur anhaltende Beliebtheit. Seit 1990 erlebt das Genre eine Renaissance – ein Faktor, der sich unter anderem auch in Radiostationen niederschlägt, welche vorwiegend oder gar ausschließlich russische Chansons spielen.
Ein verwandtes, mit den ursprünglichen Blatnyje pesni nicht zu verwechselndes Genre sind die Bard-Songs. Musikalisch von den US-amerikanischen Folksängern beziehungsweise Singer-Songwriter beeinflusst, artikulierte sich in den 1960er- und 1970er-Jahren auch musikalisch eine systemkritische Opposition. Vergleichbar ist die aus musikalischen Autodidakten bestehende, vorwiegend von Intellektuellen getragene Bard-Bewegung am ehesten mit der der politischen Liedermacher in Deutschland. Ob das Bard-Lied ein Subgenre des russischen Chansons ist oder eine eigenständige Gattung, ist umstritten. Die meisten Darstellungen tendieren zu letzterem. Allerdings gibt es Beobachter, die beide Formen stärker im Zusammenhang sehen und eine gewisse gegenseitige Beeinflussung konstatieren – insbesondere während der Breschnew-Ära in den 1970ern., Guidetorussia.org, aufgerufen am 22. August 2011 (englisch), Anna Zaytseva, kultura, Mai 5/2006: Populäre Musik in Russland, Mai 2006 (PDF; 508 kB)
Ebenso fließend wie die genaue Genre-Verortung sind auch die Bezeichnungen. Aufgrund ihrer Entstehung im kriminellen Milieu der Hafenstadt Odessa werden in Publikationen oft die Bezeichnungen Gaunerchansons, Ganovenchansons oder, in Englisch, Criminal Songs verwendet. Da aktuelle Interpreten für ihre Musik diese Bezugnahme oft ablehnen, hat sich als unverfänglichere Bezeichnung der Begriff Russisches Chanson durchgesetzt.Russland: Popsa und „russisches Chanson“, Irving Wolther, eurovision.de, 23. März 2008 Russische Bezeichnungen sind: Shanson, südliches Lied, oder – falls der Bezug auf die Tradition der Gauner- und Lagerlieder explizit in den Vordergrund treten soll – Blatnayia pesnia (Mehrzahl: Blatnyje pesni) oder auch: Blatniak; eingedeutschte Form: Blat-Lied oder Blat-Song.
Geschichte Die multikulturell geprägte Schwarzmeer-Hafenstadt Odessa gilt heute allgemein als der Geburtsort dieser Form des Unterhaltungslieds. Die heterogene Zusammensetzung der Bevölkerung – darunter zahlreiche Italiener sowie jüdische Neubürger aus dem umliegenden Ansiedlungsrayon – begünstigte auch kulturell einen regen Austausch. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hatten sowohl die italienische Operette als auch der argentinische Tango Fuß gefasst. Hinzu kam die Klezmer-Musik der jüdischen Bevölkerung, Roma-Musik sowie Mode- und Volkstänze wie Foxtrott, Charleston und Polka. Während und nach dem Bürgerkrieg fassten auch Jazz-Unterhaltungskapellen zunehmend Fuß. Aus all diesen Elementen kristallisierte sich eine neue Form urbaner Folklore heraus – die sogenannten Blatnyje pesni oder Ganovenlieder.Uli Hufen: Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin. Rogner & Bernhard, 2010, ISBN 978-3-8077-1057-0.
Die meisten dieser Lieder entstanden als Gebrauchsprodukte; ihre Bewährungsprobe durchstanden sie in der Regel in Bars, Biergärten, auf Hochzeitsfeiern oder bei anderen geselligen Zusammenkünften. Die Texter waren in der Regel unbekannt, die Melodien vielfach an Volksweisen oder bekannte Schlager angelehnt. Aufgrund der mündlichen Verbreitungsweise wurden die Texte und Melodien bekannter Chansons häufig verändert. Bis weit in die 1920er-Jahre blieb Odessa die Hochburg dieser Liedform. Hier entstanden drei der bekanntesten Blat-Songs: Gop-so-smykom, Bublitschki und Murka. Alle drei werden dem Komponisten Jakow Jadow zugeschrieben; als gesichert gilt Jakows Urheberschaft allerdings nur für Murka., Wolf Oschlies, shoa.de, aufgerufen am 5. August 2011 Weitere bekannte Lieder waren: S odesskogo kitschmana, Na Deribasowskoi otkrylas piwnaja und Limontschiki. Ein weiteres weltbekanntes Lied, das zwar nicht direkt ein Blat-Song ist, im weiteren Sinn aber einem verwandten Umfeld entstammt und später auch von einigen Blat-Interpreten adaptiert wurde, ist der jiddische Song Bei mir bistu Schein.
In den 1920er-Jahren verbreiteten sich die südlichen Lieder aus Odessa Zug um Zug über die gesamte Sowjetunion. Rückblickend gilt die NEP-Zeit als die goldene Ära der russischen Ganovenlieder – als einzige Zeit, in der sie vollwertiger Bestandteil des gängigen Unterhaltungsmusik-Spektrums waren. Die Jazz-Ensembles, die zu dieser Zeit entstanden, griffen auf das populäre Repertoire der Blat-Songs gern zurück. Einer der frühesten Platteneinspielungen von Gop-so-smykom stammt von Leonid Utjossow, einem der Stars des sowjetischen Unterhaltungsjazz. Obwohl nie ganz verboten, gerieten auch die Criminal Songs von der Schwarzmeerküste zunehmend in Konflikt mit dem anforcierten Sozialistischen Realismus der 1930er-Jahre. Mitunter führten die Wendungen in der stalinistischen Kulturpolitik zu bizarren Situationen. So wurden Utjossow und sein Ensemble anlässlich einer offiziellen Feier Mitte der 1930er aufgefordert, S odesskogo kitschmana und einige andere, vom Komitee für Kunstangelegenheiten mittlerweile verbotene Blat-Lieder zu spielen. Utjossow und andere schilderten im Rückblick, dass die Spannung im Saal sich erst löste, als Stalin, der selbst ein Fan dieser Lieder war, zu klatschen begann. Aufgrund der zunehmenden Repression gesellte sich ab Ende der 1920er ein weiterer Untertyp zu den bislang üblichen Ganovenliedern – Chansons, die vom Überleben in den nordrussischen und sibirischen Straflagern handelten wie zum Beispiel der Titel Kolyma.
Das kulturell offenere Klima, das während des „Großen Vaterländischen Krieges“ geherrscht hatte, wurde durch den beginnenden Kalten Krieg weitestgehend zunichtegemacht. Eine wichtige Wegmarke war die Ende der 1940er-Jahre einsetzende Kampagne gegen den Kosmopolitismus. Die „südlichen Lieder“ blieben jedoch im kollektiven Gedächtnis und lebten im informellen Bereich fort. Dort verblieben sie bis zum Ende der Sowjetunion. Total war die Zensur allerdings zu keinem Zeitpunkt: Ob Blat-Songs oder Blat-ähnliche Songs auf Tonträger gepresst wurden, hing oftmals vom Eifer und der Effektivität der örtlichen Kontrollbehörden ab. Als Mittel, die allgegenwärtige Knappheit an Material und Technologie zu umgehen, etablierten sich in den 1950er- und 1960er-Jahren „Tonträger auf Rippen“ – Schallplatten, die man aus alten Röntgenaufnahmen herstellte. Ende der 1960er, Anfang der 1970er kam eine weitere Verbreitungsform hinzu: Tonbandaufnahmen. Von findigen Untergrund-Produzenten initiiert und via Kopie und Weiterkopie verbreitet, sorgten sie dafür, dass die offiziell nicht produzierte Musik den Weg zu ihrem Publikum fand.
Auf unterschiedliche Weise von den entstandenen Untergrund-Vertriebswegen abhängig waren auch die beiden bedeutendsten Blat-Interpreten der 1970er – Wladimir Wyssozki und Arkady Severny. Wyssozki konnte als über die Sowjetunion hinaus bekannter Sänger und Schauspieler zumindest halbwegs an den offiziellen Vertriebsstrukturen partizipieren.Russlands größter Barde: Wyssozki zum 70. Geburtstag, Russland-Aktuell, 25. Januar 2008 Stilistisch wird der von vielen als „größter Chansonnier Russlands“ gewertete Wyssozki mehreren Stilgattungen zugeschlagen: Einige sehen ihn als Interpret der offiziellen Unterhaltungsmusik, der Estrada. Andere rechnen ihn dem Bard zu. Wieder andere sehen ihn, zusammen mit Sewerny, als bedeutendsten Interpreten des Blat-Chansons. Während Wyssozkis Einordnung uneindeutig ist, wird der ungefähr gleichaltrige, in Leningrad geborene Arkady Severny als der große, innovative Gaunerchanson-Künstler des spätsowjetischen Musikundergrounds gewertet. Ein weiterer Unterschied: Anders als Wyssozki, dessen Chansonaufnahmen entweder mit regulärem Unterhaltungsensemble oder aber nur mit Gitarrenbegleitung eingespielt wurden, arbeitete Sewerny bei seinen zwischen 1972 und 1980 entstandenen Tonbandalben oft mit improvisierten Wohnzimmerkombos zusammen. Ergebnis: ein stark jazzgeprägter Sound, der gelegentlich als Blat-Jazz bezeichnet wird. Weitere Künstler aus dieser Ära sind: Kostja Beljajew und der aus Odessa stammende Igor Erenburg.
Texte, Musik und Lebensweise der auch als „rote Dandies“ bezeichneten Blat-Sänger der Breschnew-Jahre ähnelten in vielem der der US-Beatniks. Das Titelstück eines bekannten Tonbandalbums von Arkady Severny lautete Anascha – ein russisches Slangwort für Haschisch. Die in den 1960er-Jahren aufkommende Bard-Bewegung unterschied sich von den hedonistischen Underground-Blatsängern in mehrerlei Hinsicht: Ihre Träger waren Intellektuelle. In musikalischer Hinsicht oft Autodidakten, richteten sie sich vorwiegend an ein gebildeteres Publikum. Während die Blat-Interpreten der 1970er-Jahre vorwiegend persönliche und kreative Freiräume suchten, ging es den Bard-Interpreten um politische Kritik. Anders als die Blat-Sänger und ähnlich wie westliche Liedermacher begleiteten sich die Bard-Interpreten vorwiegend auf der Gitarre. Als Hauptinterpreten dieser Richtung gelten Bulat Okudschawa und die von ihm beeinflusste Schanna Bitschewskaja. Auch bei den Bard-Interpreten gab es unterschiedliche Nuancierungen – etwa stärker lyrisch orientierte oder satirische. Viele von ihnen, darunter auch Okudschawa, verstanden sich allerdings als Sprachrohr jener Schichten, die mehr Bürgerrechte oder allgemein einen Systemwandel einforderten. Obwohl das Interesse am Bard-Lied nach dem Ende der Sowjetunion zurückging, erfüllt diese Form nach wie vor eine soziale Funktion – insbesondere als Informations- und Kommunikationsmittel der in aller Welt lebenden exilrussischen und exiljüdischen Gemeinden. Weitere, zum Teil bis heute aktive Bard-Künstler sind: das Ehepaar Sergej und Tatjana Nikitin, Alexander Rosenbaum, Alexander Dolski, Alexander Gorodnitski, Alexander Galich, Juriy Garin, Galina Komschik, Juriy Wisbor und Oleg Mityaev., SRAS. School of Russian and Asian Studies, 2. August 2011 (englisch)