Das Vietnamesische Alphabet oder Chữ Quốc Ngữ (Hán Nôm ) ist seit 1945 offizielle Staats- und Verkehrsschrift Vietnams. Die vietnamesische Sprache (vietn.: tiếng Việt, Hán Nôm: ) ist eine tonale Sprache, die im Unterschied zum Hochchinesisch sechs Töne kennt (ähnlich wie in der kantonesischen Sprache auch mit sechs (neun) Tönen). Deren genaue und lesbare Darstellung ist schwierig. Chữ Quốc Ngữ ist eine phonetische Schrift (Lautschrift), aus deren Schreibweise sich die Aussprache sehr exakt ableiten lässt.
Quốc Ngữ () ist neben Việt Ngữ () eine archaische Bezeichnung für die im heutigen Sprachgebrauch als tiếng Việt () bezeichnete vietnamesische Sprache. Chữ () bedeutet „Schrift(zeichen)“. Chữ Quốc Ngữ () heißt somit wörtl. „Schrift der Landessprache“.
Chữ Quốc Ngữ wurde ab Mitte des 17. Jahrhunderts als lateinisches Alphabet mit Sonderzeichen und Diakritika zur tonalen Kennzeichnung entwickelt und mehrfach überarbeitet und vereinheitlicht. Sie ist eine der ältesten verbreiteten Schriften zur Notation einer tonalen Sprache, die auf dem lateinischen Alphabet basieren. Insgesamt kennt das moderne Chữ Quốc Ngữ neben lateinischen Buchstaben 134 Kombinationen aus Grundbuchstaben und diakritischen Zeichen, die der Schrift ihr typisches Erscheinungsbild geben. Silben werden stets – auch in mehrsilbigen Wörtern – separat geschrieben; Bindestriche werden nur in fremdsprachigen Wörtern genutzt. Da die Schrift nicht streng standardisiert ist, kommen in Fällen, bei denen es keine Doppeldeutigkeiten in der Aussprache gibt, uneinheitliche Schreibweisen vor.
Für die Sprachen der Minderheiten-Völker in Vietnam existieren teils eigene Schriften, so die Tai-Viet-Schrift für die Sprachen der Tai Dam und Tai Dón.
Geschichte mini|100px|Schriftzeichen für chữ Hán, chữ Nho, Hán tự und Hán Nôm
Die vietnamesische Sprache wurde bzw. wird in drei Schriftsystemen geschrieben: das Schriftsystem chữ Nho () für den chinesischen und den sino-vietnamesischen Wortschatz mit den chinesischen Schriftzeichen chữ Hán (, auch: Hán tự, ) das Schriftsystem Hán Nôm () mit den Hán tự / chữ Hán-Zeichen sowie den auf chinesischen Schriftzeichen aufbauenden chữ Nôm (, auch: Quốc âm, ) für das vietnamesische Vokabular chữ Quốc Ngữ (), eine lateinische Schrift mit diakritischen Zeichen, das aktuelle Schriftsystem in Vietnam
Ob die Vietnamesen bereits vor dem Kontakt mit der chinesischen Kultur eine eigene Schrift hatten, konnte die Archäologie noch nicht klären.
Chữ Nho und Hán Tự
Die vietnamesische Sprache wurde, ähnlich wie die koreanische und die japanische Sprache, stark von der chinesischen Sprache beeinflusst. Während der tausendjährigen chinesischen Fremdherrschaft (111 v. Chr. bis 938) war Chinesisch Amts- und Bildungssprache. Die Chinesen brachten mit ihrer Sprache ihre Literatur, Philosophie und Geschichte mit nach Vietnam, vor allem aber für die konfuzianistische Beamtenprüfungen zum Mandarinat, so die Bezeichnung für Zivilbeamte der Staatsverwaltung, waren profunde Kenntnisse der chinesischen Sprache und Schrift unerlässlich. Dies führte zur Übernahme zahlreicher chinesischer Lehnwörter in die vietnamesische Sprache. Das logografische Schriftsystem des klassischen Chinesisch wird vietnamesisch chữ Nho genannt (𡨸儒, Aussprache: ), wörtlich: Schrift der konfuzianischen Gelehrten. Es unterscheidet sich vom Chinesischen vor allem in der Aussprache. Lange war chữ Nho die einzig verfügbare Möglichkeit, die vietnamesische Sprache zu schreiben, eine Kunst, die nahezu ausschließlich vietnamesische Eliten mit chinesischer Ausbildung beherrschten. Scharf getrennt von dieser Bildungsliteratur wurde die volkstümliche Literatur mit ihren Fabeln, Humoresken, Volksliedern und Sprichwörtern ausschließlich mündlich überliefert.
Hán tự (, Aussprache: ), auch chữ Hán (, wörtlich: Schrift der Hán), ist der vietnamesische Begriff für die chinesischen Schriftzeichen in chữ Nho und im daraus entwickelten vietnamisierten Schriftsystem Hán Nôm (). Sie dienten der Niederschrift des klassischen chinesischen und des sino-vietnamesisch Hán Việt-Vokabulars () in der vietnamesischen Sprache, im Gegensatz zu den Zeichen des chữ Nôm (, auch , wörtlich: Murmelschrift), mit denen im Hán Nôm der einheimische Wortschatz der vietnamesischen Sprache notiert werden konnte.
Hán Nôm und Chữ Nôm mini|hochkant=2|Beispielsatz für Hán tự (grün) und Chữ nôm (orange) mini|Die ersten Zeilen von Truyện Kiều in Chữ Nôm
Nach der vietnamesischen Unabhängigkeit von China 939 und wahrscheinlich zu der Zeit, als sich die sino-vietnamesische Aussprache gefestigt hatte, also frühestens ab dem 11., sicher jedoch ab dem 13. Jahrhundert, begannen vietnamesische Gelehrte, die chinesische Schrift abzuwandeln. Dies begann zunächst mit der Vereinheitlichung der Schreibweise vietnamesischem Wortguts, etwa Eigennamen. Später wurden eigene Zeichen eingeführt, um Wörter, die im Vietnamesischen häufig vorkamen, besser auszudrücken. Es entstand eine eigene vietnamesische Schrift, das chữ Nôm oder einfach Nôm. Da die Zeichen nicht nach Wortherkunft festgelegt wurden, die ja den diversen Autoren, die chữ Nôm entwickelten, unbekannt war, wurde die Schrift für Chinesen letzten Endes unlesbar.
Alte Inschriften in chữ Nôm finden sich auf Glocken in Tempeln und in Stein gehauen. Als ältestes erhaltenes Dokument gilt eine Inschrift aus dem Jahre 1209 auf einem Holz-Träger der Bảo Ân-Pagode () in Yên Lãng, Provinz Vĩnh Phúc. Strittig ist das Herkunftsjahr 1076 der chữ Nôm-Inschrift auf einer bronzenen Röhre bei der Vân Bản-Pagode () in Đồ Sơn () bei Hải Phòng. Das erste bekannte historische Werk in Nôm ist Đại Việt Sử Ký (大越史記, wörtlich: Die Geschichte von Đại Việt) von Lê Văn Hưu, erschienen 1272. Nguyễn Trãi (1380–1442) schrieb sein Werk Bình Ngô đại cáo noch in chữ Hán, doch Quốc âm thi tập sowie mehr als 200 Gedichten verfasste er in Nôm.
Im 18. Jahrhundert verfassten viele bekannte vietnamesische Autoren ihre Werke in chữ Nôm, so die Dichterin Hồ Xuân Hương (). Das bekannteste Werk, das hier zu nennen ist, trägt den Kurznamen Truyện Kiều (, wörtlich: Die Geschichte der Kiều). Dieser Versroman des adeligen Schriftstellers Nguyễn Du (, 1765–1820) mit dem Originaltitel Đoạn Trường Tân Thanh () gehört mit seinen 3254 Versen in der Versform Lục bát zu den Klassikern der vietnamesischen Literatur und gilt als Nationalepos, und ist Standardlesestoff an den Schulen. Es basiert auf der in klassischem Chinesisch geschriebenen Novelle Jin Yun Qiao zhuan (, vietn. Kim Vân Kiều) von Qingxin Cairen (, vietn. Thanh Tâm Tài Nhân), die 1875 von Trương Vĩnh Ký in Chữ Quốc Ngữ übertragen wurde. Eine deutsche Übersetzung von Truyện Kiều von 1964 trägt den Titel Das Mädchen Kiêu.
Erst während der Tây-Sơn-Dynastie (1788–1802) wurden alle administrativen Dokumente in Nôm verfasst. 1867 beabsichtigte Nguyễn Trường Tộ () eine Standardisierung von chữ Nôm, doch das neue System Quốc âm Hán tự () wurde von Kaiser Tự Đức () zurückgewiesen. Da chữ Nôm bis zu diesem Zeitpunkt nie offiziell standardisiert worden war, existieren teils verschiedene Schriftzeichen für ein vietnamesisches Wort. Autoren in Nôm mussten deshalb immer eine Auswahl treffen, für die sich gewisse Regeln herausgebildet hatten.
Der breiten Nutzung des chữ Nôm in der Bevölkerung stand allerdings seine schwere Erlernbarkeit im Wege, so dass die Schriften chữ Hán und chữ Nôm bis Ende des 19. Jahrhunderts parallel eingesetzt wurden. Nur noch eine geringe Zahl von Gelehrten kann chữ Nôm tatsächlich lesen und schreiben. Auch einige buddhistische Mönche und die Jing oder Gin (, ), die in China lebenden Vietnamesen, beherrschen es in gewissem Umfang. Für die Mehrheit der über 80 Millionen vietnamesisch Sprechenden droht viel von Vietnams geschriebener Geschichte unerreichbar zu werden. Es gibt Bestrebungen der vietnamesischen Regierung und der Nôm Preservation Foundation, Hán Nôm wieder aufleben zu lassen und in das Bildungssystem aufzunehmen., In: omfoundation.org, Nôm Preservation Foundation, abgerufen am 13. April 2022. (englisch)
Chữ Quốc Ngữ Den portugiesischen Abenteurern, die 1516 in das Land eindrangen, folgten 1527 dominikanische Missionare. Bald nahmen auch katholische Priester aus Italien, Frankreich und Spanien ihre Missionstätigkeit in Vietnam auf. Um die einheimische Sprache zu lernen, benötigten sie eine Umschrift der vietnamesischen Aussprache in lateinische Buchstaben. Gleichzeitig hofften sie, dass die Kenntnis des lateinischen Alphabetes den Vietnamesen das Erlernen der jeweiligen europäischen Sprache erleichtern würde. Diese Priester hatten teils eine hervorragende linguistische Ausbildung und entwickelten eine Transkriptions-Systematik, die in die Schrift chữ Quốc Ngữ mündete.
Als Pioniere gelten hier Christofora Borri, Francisco de Pina und Francisco de Buzomi, die mit Hilfe von einheimischen Gläubigen und Geistlichen vietnamesische Begriffe, noch uneinheitlich, in das lateinische Alphabet transkribierten. Die Missionare Gaspar d’Amaral (1592–1645), Antoine de Barbosa (1594–1647) und Alexandre de Rhodes (1591 oder 1593–1660) erstellten in der Folge unabhängig voneinander Wörterbücher der vietnamesischen Sprache, D’Amaral das Dictionarium Annamaticum – Lusitanum und Barbosa das Dictionarium Lusitanum – Annamiticum, beide Originale sind verschollen. Nur das Dictionarium Annamiticum Lusitinum et Latinum von Alexandre de Rhodes wurde im Jahre 1651 in Rom zum Druck freigegeben, was allgemein als die Geburtsstunde von Chữ Quốc Ngữ gilt.
Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Chữ Quốc Ngữ hauptsächlich von katholischen Gläubigen eingesetzt. Währenddessen gewannen französische Jesuiten, die teils aus Japan ausgewiesen worden waren, immer mehr Einfluss in Vietnam, so auch auf die Modernisierungsphase des Chữ Quốc Ngữ, die durch die Arbeit von Pierre-Joseph-Georges Pigneau de Béhaine (vietn. Bá Đa Lộc) eingeleitet wurde. Allerdings verstarb dieser 1799, bevor er sein Lexikon Việt – La Tinh (Dictionarium Annamatica – Latinum) veröffentlichen konnte. Erst 35 Jahre später setzte der Missionar J. L. Tabert in Saigon die Arbeit von Pigneau de Béhaine fort. Das Besondere an dessen Arbeit war, dass er zusammen mit seinen Gläubigen viele bekannte Gedichte und Sprichwörter von chữ Nôm nach Chữ Quốc Ngữ transkribierte. Im Jahre 1838 wurde sein Wörterbuch Nam Việt Dương Hiệp Từ Vựng (Dictionarium Annamatico – Latinum) gedruckt. Durch eine starke Überarbeitung der Schreibweise, den intensiven Einsatz von Zusatzzeichen und eine Vereinheitlichung für deren zahlreiche Nutzungsregeln wurde die Schrift kompakter, eleganter und leichter nutzbar. Unter dem Vorwand, französische Missionare vor antiwestlichen Übergriffen zu schützen, intervenierte Frankreich 1858 in Vietnam und annektierte bis 1885 ganz Indochina. Das Protektorat wurde auch dadurch etabliert, dass bis 1910 chữ Hán und chữ Nôm in höheren Schulen und der Verwaltung durch die französische Sprache und im restlichen Schrifttum durch Chữ Quốc Ngữ ersetzt wurde. 1918 stellte der Kaiserhof in Huế die Literaturprüfung ein, die Voraussetzung für die Beamtenlaufbahn, das Mandarinat, war und die Kenntnis von chữ Hán erforderte.