mini|Auf der linken Seite sieht man die Neustraße in Herzogenrath, Deutschland, auf der rechten Seite die Nieuwstraat in Kerkrade, Niederlande.

Die Neustraße in Herzogenrath bzw. Nieuwstraat in Kerkrade teilt die seit über 800 Jahren zusammengewachsenen Städte und bildet gleichzeitig die Staatsgrenze zwischen Deutschland und den Niederlanden. Bis zur Liberalisierung des Grenzverkehrs war sie ein Zentrum niederländisch-deutschen Grenzschmuggels. Erst nach jahrzehntelangen Protesten der Bevölkerung wurde auf ein Grenzhindernis in der Mitte der Straße verzichtet.

Verlauf Die Neustraße ist rund zwei Kilometer lang. Sie nimmt ihren Ursprung in der Roermonder Straße, die Aachen mit Herzogenrath verbindet. Die Neustraße führt dem Grenzverlauf beider Länder entsprechend von Süden nach Norden und endet im Eurode Park, der das Eurode Business Center beherbergt.

Geschichte Entstehung der Neustraße 1104 wurden Herzogenrath (Bedeutung etwa: die Rodung des Herzogs) und die Burg Rode (Burg auf der Rodung) erstmals urkundlich erwähnt. Kurz darauf wurde auf dem Gebiet der Rodung eine Kirche gebaut und diese bildete ein zweites Stadtzentrum: Kerkrade, die „Kirche auf der Rodung“. 1282 wurden die inzwischen zusammengewachsenen Siedlungen erstmals gemeinsam als Land von Rode erwähnt. Bereits zu dieser Zeit wurde in dem Gebiet Steinkohle abgebaut und garantierte so den Wohlstand der Region. Die Ländereien und Kohlegruben waren im Besitz der Abtei Rolduc.

Um den Absatz der in den Betrieben geförderten Kohle zu steigern, organisierten die Mönche des Klosters unter Abt Chaineux ab 1760Fanz Büttgenbach: Geschichtliches über die Entwicklung des 800jährigen Steinkohlenbergbaus an der Worm 1113–1898, 1898, Ignaz Schweitzer, Aachen, S. 13 den Ausbau und die Bepflasterung des regionalen Straßennetzes.Stadtarchiv Herzogenrath (Hrsg.): Die Neustraße – Geschichte einer Straße, S. 2. Am 25. Januar 1783 reichte der Abt bei den Staten van Limburg en de Landen van Overmaas den Vorschlag ein, auf Kosten der Abtei zwei Heerstraßen im Land von Rode zu bauen, unter der Bedingung, dass ihm das Recht eingeräumt wird, auf diesen Straßen Maut zu erheben. Am 22. Mai 1783 wurde ihm durch kaiserliches Patent eine Genehmigung für den Bau zweier Heerstraßen auf Kosten Rolducs erteilt. Der Straßenabschnitt, der von Pannesheide nach Herzogenrath führte, erhielt den Namen Neustraße.

Am 1. Oktober 1795, nach der französischen Eroberung der Österreichischen Niederlande, wurden Großteile der ehemaligen Landen van Overmaas dem Département Meuse-Inférieure einverleibt, so dass die Neustraße vollständig diesem Département angehörte. Nach dem Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) akzeptierte der niederländische König Wilhelm I. am 1. August 1814 die Herrschaft über die ehemaligen Österreichischen Niederlande, so dass die gesamte Neustraße samt dem zwischen der Neustraße und der Wurm gelegenen Teil von Kerkrade unter niederländische Herrschaft kam.

Grenze ohne Grenzer Als Folge des Wiener Kongresses wurde die Staatsgrenze zwischen Preußen und den Niederlanden neu gezogen. Am 26. Juni 1816 wurde in Aachen zwischen dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. und dem niederländischen König Wilhelm I. der neue Grenzverlauf vertraglich geregelt. Das Flüsschen Wurm, das durch die Stadt Herzogenrath/Kerkrade floss und die Neustraße wurden als wichtige Handelswege als neue Grenze gewählt.Stadtarchiv Herzogenrath (Hrsg.): Herzogenrath – ein Stadtprofil, S. 102. Demnach sollte die Stadt in zwei Teile geteilt werden. Der östliche Teil sollte als Herzogenrath eine eigenständige Gemeinde Preußens werden, der westliche als Kerkrade weiterhin zu den Niederlanden gehören.

Die Neustraße war nun offiziell Staatsgrenze und teilte die bisher zusammengehörige Stadt. Es fand auch weiterhin ein reger wirtschaftlicher und kultureller Austausch zwischen den beiden Seiten der Neustraße statt, woran auch die Aufstockung der Zöllner auf 50 Mann an der Neustraße im März 1821 nichts ändern konnte.

Krieg und Zäune – Die erste sichtbare Teilung der Neustraße Erst ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ordnete Kaiser Wilhelm II. an, einen Zaun zwischen dem besetzten Belgien und den Niederlanden zu errichten. Zu viele deutsche Soldaten waren über die offene Grenze in die Niederlande desertiert und der Schmuggel geriet außer Kontrolle. In der Neustraße begann das 300 km lange Hindernis, das bald bei der Bevölkerung den Namen Todeszaun erhielt. Auf Befehl des Grenzschutzkommandeurs Major Graf von Faber-Castell vom 1. Juli 1915 wurde der Zaun über die gesamte Länge mit 2000 Volt unter Strom gesetzt.Let op, Levensgevaar auf Spiegel Online am 30. März 2004 Der Grenzabschnitt zwischen Herzogenrath und Kerkrade wurde selbst nicht unter Strom gesetzt. Zum ersten Mal war die ehemals gemeinsame Stadt durch ein Hindernis geteilt worden. 1916 wurde ein zweiter Zaun auf der Seite Kerkrades gezogen, um deutsche Schmuggler aufzuhalten. 1918 wurden beide Zäune zunächst entfernt und durch Grenzsteine ersetzt, die die Grenze nur noch markierten. Während zuvor aber die gesamte Neustraße deutsches Gebiet war, wurde die Grenze auf Anordnung der französischen Besatzung nun in die Mitte der Straße verlegt.

Bereits 1923 entstanden Streitigkeiten beider Länder um den genauen Verlauf der Grenze in der Neustraße. Nachdem der Disput nicht beigelegt werden konnte, wurde eine niederländisch-deutsche Kommission eingesetzt, die den genauen Grenzverlauf klären sollte; in der Kommission saßen unter anderem auch die Bürgermeister der Städte Herzogenrath und Kerkrade. Am 29. November 1930 gelangte sie zu dem Ergebnis, dass die Straße zur Gänze zu Deutschland gehöre. Am Schmugglerproblem änderte dies aber nichts. Die Zöllner verweigerten den Schießbefehl bei Kindern, weswegen der Schmuggel zu einer beliebten Tätigkeit der anwohnenden Kinder avancierte. Das Zollamt reagierte mit der öffentlichen Bekanntmachung, dass der Schmuggel für die Kinder nicht nur das Fernbleiben von der Schule bedeute, sondern auch gesundheitliche Folgen haben könne: Die am Körper getragenen Fleischwaren würden schnell verderben und der Kaffee die Haut der Kinder in der Art färben, dass sie nachhaltig schwarz bleiben würde.Der Kleinschmuggel an der holländischen Grenze; in: Merksteiner Nachrichten am 8. August 1932.

Im nationalsozialistischen Deutschland übernahm die Gestapo die Kontrolle über die Grenze an der Neustraße und bezog ein eigenes Gebäude. Da der Schießbefehl nun wieder strikt durchgesetzt wurde, kamen der Schmuggel und der grenzüberschreitende Austausch zwischen den Städten zum Erliegen. Im Zuge des Baus des Westwalls wurde die Neustraße 1938 wieder in der Mitte durch einen Zaun getrennt. Nach der Besetzung der Niederlande am 10. Mai 1940 wurde der Zaun nicht abgerissen, die Stadt blieb geteilt und von verschiedenen Verwaltungen regiert.

Die Neustraße als Schmugglerzentrum nach dem Zweiten Weltkrieg mini|Zöllner beim Schmugglertunnel in der Neustraße (1950)

Nach der Befreiung Kerkrades rissen die Bewohner den Zaun ein, die Alliierten errichteten aber umgehend einen 2,30 m hohen neuen Zaun. Am 23. April 1949 setzte die niederländische Seite eine Grenzkorrektur durch, indem sie den Zaun auf der deutschen Seite neu errichtete. Ohne Vertrag wurde so die gesamte Neustraße zu niederländischem Gebiet. Der seit dem Ende des Krieges wieder erstarkte Schmuggel in der NeustraßeAlexander Barth: Die Nieuwstraat: Die mittig geteilte Grenzstraße. In: 111 Orte in Aachen und der Euregio, die man gesehen haben muss, 2012, ISBN 978-3-89705-931-3, S. 198 sollte unter Kontrolle gebracht werden. Schon die erste Fronleichnamsprozession nach dem Krieg am 8. Juli ging als Schmugglerprozession in die Geschichte ein. Zahlreiche Kerkrader nutzten sie, um ihren Verwandten und Freunden Päckchen zuzustecken.Trees, Wolfgang: Schmuggler, Zöllner und die Kaffeepanzer – Die wilden Nachkriegsjahre an der deutschen Westgrenze. Triangel Verlag, Aachen 2002, S. 404 Allein 1947 wurden 6878 deutsche Kinder von niederländischen Zöllnern aufgegriffen und über die Grenze zurückgeschickt.Trees, Wolfgang: Schmuggler, Zöllner und die Kaffeepanzer – Die wilden Nachkriegsjahre an der deutschen Westgrenze. Triangel Verlag, Aachen 2002, S. 405 Das gelang nur mäßig. Vor allem Kinder spielten auf beiden Seiten des Zaunes miteinander, indem sie sich Bälle über das Hindernis warfen. Erst langsam entdeckten die Behörden, dass viele dieser Bälle mit Schmuggelware gefüllte Ballons oder Socken waren, die die Kinder nach Erhalt schnell austauschten. Geschmuggelt wurde, was in die Ballons passte, meist Kaffeebohnen.

1950 tat sich mitten auf dem Bürgersteig der Nieuwstraat ein tiefes Loch auf. Zunächst glaubte man an eine Unterspülung. Bald stellte sich jedoch heraus, dass von einem trockengelegten Brunnen ein Tunnel unter der gesamten Straße gegraben worden war. Der Tunnel hatte einen Durchmesser zwischen 60 und 80 Zentimeter und eine Länge von über 60 Metern. Diese Schmugglerroute konnte nie ihrer Bestimmung dienen, da der Weg schlicht falsch berechnet worden war. Statt in der angepeilten Wohnung auf der niederländischen Seite zu landen, hatten die Tunnelbauer zu früh nach oben gegraben.Der zweite Blick – Die Neustraße – Wie zwischen Herzogenrath und Kerkrade eine Staatsgrenze unsichtbar wurde; in: Merian Aachen, Jahreszeiten Verlag, Hamburg 2010, S. 106. Obwohl klar war, dass der Zielpunkt das Haus eines Kerkrader Bergmanns war und vielen Bewohnern auf beiden Seiten der Neustraße die Identitäten der Schmuggler vermutlich bekannt waren, wurde niemals einer der Tunnelbauer entdeckt oder inhaftiert. Der Schmuggel nahm in so hohem Maße zu, dass der gesamte Raum Aachen als das Loch im WestenDas Loch im Westen auf: Niederlande.net der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. oder die Aachener Kaffeefront bekannt war. Der Alliierte Kontrollrat verbot in der Folge sämtliche Grenzübertritte für Zuid-Limburg außerhalb der Stadt Vaals. Die Senkung der Kaffeesteuer im Jahr 1953 und die Unterzeichnung der Römischen Verträge entspannten die Situation und führten zu einem starken Rückgang des Schmuggels.

Grenz- und Finanzierungsschwierigkeiten mini|Das Zollhaus beim Grenzübergang in der Neustraße (1952)

Die Bewohner der beiden Städte betrachteten den Zaun als Missstand und kooperierten so weit wie möglich. Am 7. Februar 1954 zog ein Festzug zu Ehren einer goldenen Hochzeit durch Kerkrade. Da öffentliche Musik auf niederländischer Seite sonntags vor 13 Uhr streng verboten war,Gesetz zur Sonntagsruhe vom 15. Oktober 1953. blieb die dem Zug vorausgehende Kapelle still. Als der Zug die Neustraße erreichte, tauchte aber auf deutscher Seite die Musikkapelle Herzogenrather Kapelle Straß 1880 e. V. auf und begleitete die Feiergäste musikalisch.Festmusik zog jenseits der Grenze – Gelungener Schildbürgerstreich zur goldenen Hochzeit; in: Aachener Volkszeitung am 10. Februar 1954. Die Feuerwehren und Rettungsdienste beider Städte unterstützten sich gegenseitig bei Einsätzen. 1954 boten die niederländischen Behörden eine Erneuerung des Zaunes unter deutscher Kostenbeteiligung an. Das Angebot wurde zurückgewiesen. Die Stadt Herzogenrath hoffte noch auf eine Rücknahme der Annexionen und den ersatzlosen Abriss des Zauns.