Der Churchill oder Tank, Infantry, Mk IV (A22) war ein schwerer britischer Sturmpanzer zur Infanterieunterstützung (engl. „infantry tank“), der ab 1942 im Zweiten Weltkrieg von Truppen des Commonwealth und der Sowjetunion eingesetzt wurde und noch bis in den Koreakrieg Verwendung fand. Das Fahrzeug war nach dem britischen Premierminister Winston Churchill benannt.
Planung und Produktion Planung und Weiterentwicklung mini|links|Premierminister Churchill bei der Inspektion der ersten beiden Serienfahrzeuge (im weißen Overall im Turmluk des vorderen Fahrzeuges.) Die ersten Überlegungen zur Entwicklung des Churchills gehen in das Jahr 1939 zurück, als ein Ersatz für den Infanteriepanzer Matilda II gesucht wurde. Die mit der Entwicklung beauftragte Firma Vauxhall orientierte sich bei der Konstruktion des neuen Panzers an den Erfordernissen des Ersten Weltkrieges. Der Panzer sollte in der Lage sein, schwerstes Gelände zu durchqueren und dem Beschuss aller bekannten gegnerischen Panzerabwehrwaffen standhalten. Die Bewaffnung wurde als nachrangig betrachtet und sollte lediglich angemessen sein, die Geschwindigkeit spielte bei den Planungen keine bedeutende Rolle, da der Panzer im Szenario eines Grabenkrieges nur mit der Infanterie Schritt zu halten brauchte. Allerdings sollte der neue Panzer auf einem gewöhnlichen Eisenbahnwaggon Platz finden, was die Breite beschränkte und nur den Einbau kleinerer Panzertürme und damit auch -kanonen erlaubte.A. J. Smithers: Rude Mechanicals: An account of Tank Maturity during the Second World War. Pen & Sword, 1987, ISBN 0-85052-722-8, S. 178.
Daher wurde der Aufbau der britischen Panzer aus dem Ersten Weltkrieg adaptiert und die Ketten bis über die Oberkante der Wanne geführt. Überlegungen, eine Hauptbewaffnung, bestehend aus zwei 2-Pfündern (40-mm-L/52) in erkerähnlichen Vorbauten an den Seiten – ähnlich der Anordnung im Mark I – unterzubringen, wurden verworfen und man entschied sich, ein 2-Pfünder-Geschütz in einem Drehturm auf der Wannenoberseite zu positionieren und eine 3-Zoll-Haubitze (76 mm L/25) in der Wanne neben dem Platz des Fahrers zu platzieren. Die Luftschlacht um England hatte gerade begonnen, so dass aus Gründen der Moral dem A22 die Bezeichnung „Churchill“ gegeben wurde.Bryan Perrett: Churchill Infantry Tank 1941–51. New Vanguard, 1993, ISBN 1-85532-297-8, S. 4, 6.
Die Besatzung war entsprechend der Bewaffnung im Vergleich zu anderen Fahrzeugen der Zeit um einen Richtschützen für die 76-mm-Haubitze in der Wanne aufgestockt und bestand aus dem Kommandanten, dem Fahrer, zwei Richtschützen und einem Ladeschützen. Die Wanne war in vier Bereiche eingeteilt: Den Fahrer-, Motor-, Getriebe- und den Kampfraum inklusive Turm. Die Wanne bestand aus 12,7 mm starkem, normalen Stahlblech, auf das die einzelnen Panzerplatten aufgeschraubt oder aufgenietet wurden, so dass bis zu 102 mm Panzerung an der bestgeschützten Stelle des Mark I erreicht wurden.Bryan Perrett: Churchill Infantry Tank 1941–51. New Vanguard, 1993, ISBN 1-85532-297-8, S. 6. Die Wanne ruhte auf elf Laufrollen pro Seite, von denen aber nur neun den Panzer direkt trugen. Diese hohe Anzahl an Laufrollen sorgte dafür, dass der Panzer selbst mit einigen beschädigten Laufrollen noch weiterfahren konnte.
Weiterhin verwendete man zunehmend gegossene Türme für die frühen Churchill-Varianten, weil deren Herstellung weniger Arbeitsschritte und Personal erforderte und das Ergebnis ein widerstandsfähiger Turm war, bei dem keine Gefahr bestand, dass abgeplatzte Niete im Fahrzeuginneren herumflogen. Nachteilig blieb das hohe Gewicht. Als es nötig wurde, die schwerere 6-Pfünder-(57-mm-L/50)-Kanone im Turm zu verbauen, wurden geschweißte Türme verwendet, um Gewicht einzusparen.Benjamin Coombs: British Tank Production and the War Economy, 1934–1945. Bloomsbury Academic, 2015, ISBN 978-1-4742-2790-2, S. 60.
Als Antrieb des Churchill diente ein ursprünglich für Lastkraftwagen entwickelter,A. J. Smithers: Rude Mechanicals: An account of Tank Maturity during the Second World War. Pen & Sword, 1987, ISBN 0-85052-722-8, S. 60. 350 PS leistender 12-Zylinder-Ottomotor von Bedford (GM), mit dem im Gelände eine Höchstgeschwindigkeit von 13 km/h erreicht wurde.
Produktion Die Produktion begann übereilt und auf persönliche Weisung von Premierminister Churchill. Er hatte dem Projekt im Juni 1940 Priorität gegeben und 500 bis 600 Fahrzeuge bis März 1941 gefordert. Im November 1940 wurde der erste Prototyp fertiggestellt und im gleichen Jahr ein Auftrag über 500 Stück erteilt. Ein Konsortium aus verschiedenen Unternehmen der Automobilindustrie, Lokomotiv- und Waggonbauern wurde gebildet, um den umfangreichen Auftrag abzuarbeiten. Die Leitung lag beim Konsortialführer Vauxhall Motors (GM), hinzu kamen: Broom & Wade, Metro Cammell, Charles Roberts & Company, Leyland Motors, Dennis Brothers, Newton, Chambers & Co., Gloucester Railway Carriage and Wagon Company, Harland & Wolff.A. J. Smithers: Rude Mechanicals: An account of Tank Maturity during the Second World War. Pen & Sword, 1987, ISBN 0-85052-722-8, S. 97.
Im Juni 1941 liefen die ersten Churchill Mk I den Einheiten zu. Sie waren noch mit zahlreichen Mängeln behaftet, die erst nach und nach abgestellt wurden. Frühe Churchill-Varianten konnten nur rund zurücklegen, bevor Motor oder Getriebe ausfielen, während zum Beispiel der zeitgenössische Valentine-Panzer knapp schaffte, bevor es zu Ausfällen kam. Dabei waren die Churchills vor Ende 1942 praktisch noch nirgends im Feindeinsatz, die meisten der zu den Sowjets verschifften Exemplare gingen auf dem Seeweg verloren. Eine Überarbeitung der Produktion im Sommer 1942 verbesserte die Qualität. Die Wartungsintervall der Churchill-Modelle stieg auf rund .Benjamin Coombs: British Tank Production and the War Economy, 1934–1945. Bloomsbury Academic, 2015, ISBN 978-1-4742-2790-2, S. 90. Insbesondere im Afrikafeldzug waren große Distanzen „auf Kette“ zu überbrücken, ein halbes Dutzend solcher Churchills war dort Ende 1942 testweise im Einsatz.
Im House of Commons von Parlamentariern im Juli 1942 in einer Debatte wegen seiner Genehmigung für das unausgereifte Projekt zur Rede gestellt, entgegnete Winston Churchill:
1943 sollte die Produktion zugunsten des erfolgreichen A27-Cruiser-Panzers eingestellt werden. Aufgrund der erfolgreichen Schlachten in Afrika wurde der Churchill jedoch weiterproduziert. Insgesamt wurden 4276 Stück der Standardvarianten und 917 Stück der besser gepanzerten Versionen hergestellt.Benjamin Coombs: British Tank Production and the War Economy, 1934–1945. Bloomsbury Academic, 2015, ISBN 978-1-4742-2790-2, S. 135.
Die Firma Vauxhall war spät im Krieg mit dem Bau eines besser gepanzerten und bewaffneten Churchill beauftragt worden, dem Black Prince. Er wog rund 50 Tonnen und sollte die Ordnance QF 17-pounder 76,2-mm-L/55-Kanone tragen, kam jedoch nie über das Prototypstadium hinaus.A. J. Smithers: Rude Mechanicals: An account of Tank Maturity during the Second World War. Pen & Sword, 1987, ISBN 0-85052-722-8, S. 153.
Einsätze mini|Churchill Mk III „Bert“ nach den Kämpfen um Dieppe 1942 mini|Ein Churchill Mk IXBryan Perrett: Churchill Infantry Tank 1941–51. New Vanguard, 1993, ISBN 1-85532-297-8, S. 12. führt am 12. Februar 1945 eine Kolonne durch Kleve. In einem Versuch, die Panzerung zu verstärken, hat die Besatzung zahlreiche zusätzliche Kettenglieder verschiedener Panzertypen am Fahrzeug befestigt. mini|Churchill Mk IV der Roten Armee in Charkow 1943
Der erste Kampfeinsatz der Churchill-Panzer fand im August 1942 während der Landung bei Dieppe statt. 58 Panzer sollten dabei von LCT-Booten am Strand abgesetzt werden, doch schaffte es nur etwa die Hälfte überhaupt bis an Land.Jim Lotz: Disaster at Dieppe: The biggest catastrophe in Canadian military history. Orca, 2012, ISBN 978-1-4594-0172-3, S. 47. Durch mangelhafte Aufklärung war das den Strand bedeckende Gestein nicht untersucht worden und mehrere Panzer verloren durch Chertbrocken ihre Ketten oder fuhren sich fest.Mark Zuehlke: Tragedy at Dieppe: Operation Jubilee, August 19, 1942. Douglas & McIntyre, 2013, ISBN 978-1-55365-835-1, S. 290ff. Sämtliche Fahrzeuge, denen es gelang, den Strand zu verlassen, konnten sich mit der panzerbrechenden Munition ihrer 57-mm-Kanonen nur unzureichend gegen betonierte Bunker behaupten.Mark Zuehlke: Tragedy at Dieppe: Operation Jubilee, August 19, 1942. Douglas & McIntyre, 2013, ISBN 978-1-55365-835-1, S. 295ff. Letztlich gingen alle verloren.
Sechs Churchill Mk III wurden nach Ägypten verschifft, wo das Baumuster erstmals im Oktober und November 1942 im Rahmen der Schlacht von El Alamein an einem Kampfeinsatz teilnahm. Die sechs Fahrzeuge wurden von Major Norris King geführt, was der Truppe die Bezeichnung „Kingforce“ einbrachte. Nach zwei Gefechten wiesen die Panzer 106 Treffer auf, aber nur einer der Churchill-Panzer war zerstört und zwei weitere beschädigt worden. Bei späteren Einsätzen in Nordafrika zur Abwehr des deutschen Angriffs im Februar 1943 (Unternehmen Ochsenkopf) wurde die psychologische Wirkung der scheinbar undurchdringlichen Panzerung auf den Feind und die eigene Infanterie im Einsatzbericht hervorgehoben.Bryan Perrett: Churchill Infantry Tank 1941–51. New Vanguard, 1993, ISBN 1-85532-297-8, S. 17ff.
Im späteren Kriegsverlauf fanden die Panzer bei der Landung in der Normandie im Juni 1944 oder im Herbst 1944 in Italien bei den Kämpfen um die Gotenstellung häufig Verwendung.Bryan Perrett: Churchill Infantry Tank 1941–51. New Vanguard, 1993, ISBN 1-85532-297-8, S. 9. Auch war die nun verfügbare AVRE-Variante des Panzers zur Bunkerbekämpfung geeignet, wobei das Fahrzeug 290-mm-Mörsergranaten aus höchstens 80 Metern Entfernung zum Einsatz brachte. Die gute Geländegängigkeit der Fahrzeuge erwies sich in manchen Fällen – wie beispielsweise bei der Schlacht um Höhe 309 bei Caumont im Juli 1944 – als entscheidend.John Buckley: Monty’s Men: The British Army and the Liberation of Europe. Yale University Press, 2014, ISBN 978-0-300-20534-3, S. 161ff. Obwohl der Churchill in den Kämpfen um die Normandie zu den am schwersten gepanzerten Fahrzeugen gehörte, war er dennoch durch Wuchtgeschosse aus modernen 7,5- und 8,8-cm-Kanonen, selbst an der am besten gepanzerten Frontseite, verwundbar. Hinzu kamen die Hohlladungsgefechtsköpfe von tragbaren Panzerabwehrwaffen wie der Panzerfaust. Die Mannschaften versuchten deshalb, den Schutz der Panzerung durch das Anbringen von Kettengliedern, Laufrollen und anderem zu verbessern. Wissenschaftlich betrachtet ließ sich keine verbesserte Schutzwirkung nachweisen, die Maßnahmen halfen aber der Moral und erhöhten die Bereitschaft, sich feindlichem Feuer auszusetzen. Daher wurde empfohlen, solche Umbauten zu tolerieren.John Buckley: British Armour in the Normandy Campaign. Routledge, 2014, ISBN 978-0-415-40773-1, S. 114, 188, 189.
Im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes erhielt die Sowjetunion vom Spätsommer 1942 an insgesamt 258Steven Zaloga: Armored Champion: The Top Tanks of World War II. Stagpole, 2015, ISBN 978-0-8117-1437-2, S. 295. Churchill Mk III und Mk IV mit der 6-Pfünder-(57-mm-L/50)-Kanone.Michael Green: Russian Armour in the Second World War: Rare photographs from Wartime Archives. Pen & Sword Military, 2013. Die Sowjets testeten den Panzer und erstellten eine lange Liste konstruktiver und qualitativer Mängel, die ständige Reparaturen nötig machten. Die Panzerung erschien jedoch gut, Bewaffnung und Geschwindigkeit, im Vergleich zu schweren sowjetischen Modellen, zumindest ausreichend. Der Panzer war dennoch nicht sonderlich beliebt und erhielt von den Besatzungen den Beinamen „Feind der Panzersoldaten“.Timothy Johnston: Being Soviet: Identity, Rumour, and Everyday Life Under Stalin 1939–1953. Oxford University Press, 2011, ISBN 978-0-19-960403-6.