Der Totentempel Ramses III. ist ein im 12. Jahrhundert v. Chr. durch König (Pharao) Ramses III. (um 1221–1156 v. Chr.) im altägyptischen Ort Tahut, heute Medinet Habu, errichtetes Millionenjahrhaus, ein vor allem der gottähnlichen Erhebung des Königs dienender Kultbau. Die Tempelruine befindet sich innerhalb einer nicht mehr vollständig erhaltenen Umfassungsmauer eines Tempelkomplexes, zu dem neben dem Haupttempel Ramses’ III. noch ein Amun-Tempel, die Grabkapellen der Gottesgemahlinnen des Amun aus der 23. bis 26. Dynastie und ein Heiliger See gehörten. Das in weiten Teilen gut erhaltene Gebäude des Haupttempels auf einer Grundfläche von über 7000 m² ist unter anderem bekannt durch die Reliefdarstellungen des Sieges Ramses’ III. über die Seevölker zu Beginn des 12. Jahrhunderts v. Chr.
Lage
Der Totentempel Ramses’ III. liegt am Rand der Libyschen Wüste etwa vier Kilometer westlich von Luxor, der Hauptstadt des Gouvernements al-Uqsur, die sich am östlichen Ufer des Nils entlangzieht. Westlich des Flusses befindet sich bis zum Wüstenrand eine ausgedehnte fruchtbare Schwemmlandebene, die mit Kanälen durchzogen ist. Das Gebiet, in dem sich die Überreste mehrerer altägyptischer Tempel befinden, wird als Theben-West bezeichnet, nach der griechischen Bezeichnung Theben für die altägyptische Stadt Waset, die sich beidseitig des Nils erstreckte.
Nahe gelegene andere Überreste altägyptischer Totentempel sind der Tempel des Haremhab unmittelbar nördlich der Umfassungsmauer des Tempelkomplexes, der Tempel des Amenophis III. mit den Memnonkolossen, der Tempel des Merenptah, der Tempel Thutmosis’ IV. und das Ramesseum. Etwa 800 Meter nordwestlich des Totentempels Ramses’ III. befindet sich der Eingang zum Tal der Königinnen, einer Nekropole von Angehörigen der Pharaonen der 17. bis 20. Dynastie.
Geschichte Bereits im Mittleren Reich wurde Theben-West als Nekropole genutzt. Davon zeugen die Saff-Gräber der 11. Dynastie in at-Tarif. Mit König Mentuhotep II., der um 2061 bis 2010 v. Chr. regierte, begann der Bau von Tempeln, die dem Königskult dienten und als Millionenjahrhäuser bezeichnet werden. Der Totentempel des Mentuhotep II. im Talkessel von Deir el-Bahari gilt dabei als erster seiner Art und als Übergang von den Pyramidentempeln des Alten Reiches zu den Totentempeln des Neuen Reiches. Doch erst in der 18. Dynastie, nach der Zweiten Zwischenzeit, folgte mit dem Totentempel der Hatschepsut ein weiterer Bau dieser Art. Unter Königin Hatschepsut und ihrem Nachfolger Thutmosis III. entstand im 15. Jahrhundert v. Chr. auch der Amun-Tempel vor dem späteren Totentempel Ramses’ III., errichtet auf den Fundamenten eines Schreines aus dem Mittleren Reich und in kuschitischer, ptolemäischer und römischer Zeit erweitert.
Als Ort der Grablegung für die Könige des Neuen Reiches, der 18. bis 20. Dynastie, diente das Tal der Könige. Die Bedeutendsten der Pharaonen errichteten zu ihrem Gedenken und ihrer Verbindung zu bestimmten Gottheiten eigene Totentempel, die nahe der Begräbnisstätte lagen. Dazu gehörten die Tempel von Thutmosis IV., Amenophis III., Haremhab, der den Tempel seines Vorgängers Eje usurpierte, Sethos I., Ramses II. und Merenptah. Diesem Beispiel folgend ließ Ramses III., der ab 1188 v. Chr. regierte und 1156 v. Chr. in dem von ihm in Auftrag gegebenen Grab KV11 bestattet wurde, seinen Totentempel zwei Kilometer südlich des Tals der Könige errichten. Als Vorlage des Tempelplans diente das Ramesseum, der Totentempel Ramses’ II. in Theben-West. Für den Bau des Tempels Ramses’ III. sollen nach einem zeitgenössischen Text 62.626 Kriegsgefangene eingesetzt worden sein. Der mit Baumaterial aus dem Steinbruch von Dschabal as-Silsila errichtete Totentempel wurde spätestens im 12. Regierungsjahr Ramses’ III. fertiggestellt.
Ramses III. war der zweite König der 20. Dynastie. Der Anfang seiner Regierungszeit war geprägt von Abwehrkämpfen im Norden Ägyptens gegen libysche Stämme und die Seevölker. Dies spiegelt sich auch in der Ausgestaltung des wahrscheinlich unter der Leitung des Oberdomänenverwalter Amen-mose erbauten Totentempels in Medînet Hâbu wider, in dem Reliefs die Siege des Pharaos verherrlichen. Die Umfassung des Tempelkomplexes mit einer Lehmziegelmauer einschließlich zweier in sie integrierter Tore fällt in die späten Regierungsjahre Ramses’ III. Bei der Errichtung seines Grabes im Tal der Könige und den Prinzengräbern im Tal der Königinnen kam es 1159 v. Chr., dem 29. Regierungsjahr des Pharaos, zum Streik von Deir el-Medina, der ersten dokumentierten Arbeitsniederlegung der Geschichte. Grund war die mangelnde Versorgung der Arbeiter in der Siedlung Deir el-Medina mit Lebensmitteln, was auf wirtschaftliche Schwierigkeiten am Ende der Herrschaftszeit Ramses’ III. hinweist.
Nach dem Tod des Königs, der laut mehrerer erhaltener Papyri der sogenannten Haremsverschwörung unter Beteiligung seines Sohnes Pentawer zum Opfer gefallen sein soll, regierte sein Sohn Ramses IV. etwas über sechs Jahre Ägypten. Danach kam es des Öfteren zu Thronstreitigkeiten mit Bürgerkriegscharakter und gleichzeitigem Erstarken der Macht der Priester, gerade in Theben, was zum Niedergang der Pharaonenherrschaft führte. Mit Ramses XI. endete um 1075 v. Chr. die 20. Dynastie und mit ihr das traditionelle Königtum. In der folgenden Dritten Zwischenzeit regierten libysche Fremdherrscher aus dem Norden des ägyptischen Reiches, wo sie Ramses III. neben einigen Seevölkern nach seinen Kriegen sich hatte ansiedeln lassen, das Land. Noch in der Zeit der späten 20. Dynastie dienten die Tempelmauern von Medînet Hâbu als Schutz gegen libysche Invasoren.
Auch in späterer Zeit hatten die Mauern um den Totentempel Ramses’ III. eine Schutzfunktion, so als Stadtmauer der koptischen Stadt Djeme oder Djemaï. In der christlichen Zeit erbaute man im zweiten Hof des Tempels eine koptische Kirche, im ersten Hof Wohnhäuser. Im 9. Jahrhundert wurde die Stadt in und um den Tempel aufgegeben. Die Gebäude aus dieser Epoche wurden später wieder entfernt, um Besuchern den ursprünglichen Tempelbau zugänglich zu machen. Das Gelände wurde dafür zwischen 1859 und 1899 durch die ägyptische Altertümerverwaltung sporadisch geräumt, 1891 die Überreste der Kirche des zweiten Hofes entfernt. In den Jahren 1894 und 1895 legte Georges Daressy den Totentempel und die Saitischen Kapellen der Gottesgemahlinnen frei. Seit 1924 führte das Oriental Institute der Universität von Chicago weitere Ausgrabungen und Konservierungsarbeiten durch.
Beschreibung Außenanlagen mini|hochkant|Eingang durch das „Hohe Tor“ (Migdol) zum Tempelkomplex
Der 315 Meter lange und 205 Meter breite Tempelkomplex von Medînet Hâbu (entsprechend 600 × 400 altägyptischen königlichen Ellen zu 0,52 Metern) wurde mit einer 18 Meter hohen Lehmziegelmauer umbaut, die etwa 10 Meter stark war. Die Innenfläche des Komplexes bildete somit ein Rechteck, wobei die Umfassungsmauer im Nordosten von der Ideallinie nach innen abwich, da sich an dieser Stelle außen angrenzend der Totentempel des Haremhab befand. Große Teile der Lehmziegelmauer sind noch heute erhalten. Durch sie führten zwei Tore ins Innere, das Haupttor im Südosten und ein weiteres Tor an der Nordwestseite. Das Haupttor oder Hohe Tor wird wegen seiner Ähnlichkeit zu Befestigungsanlagen im syrischen Raum auch Migdol genannt. Vor ihm befand sich im Altertum eine Kaianlage an einem Kanal, auf dem Schiffe verkehren konnten. Unter Ramses III. war das Haupttor noch Bestandteil der Umfassungsmauer, bevor der nordöstlich des Tores stehende Amun-Tempel in späterer Zeit nach Südosten erweitert und dafür die Mauer an dieser Seite des Tores entfernt wurde.
mini|hochkant|links|Grabkapellen der Gottesgemahlinnen des Amun nordwestlich des „Hohen Tores“
Oberhalb des Haupttores befanden sich von Ramses III. genutzte Räumlichkeiten. Die links und rechts des Durchgangs zum Vorhof des Totentempels stehenden turmartigen Gebäudeteile sind am Ende miteinander verbunden. Dort befinden sich oberhalb einer Toröffnung zwei übereinander eingelassene Fenster. Im Durchgang sind beidseitig zwei Statuen der Göttin Sachmet aus Granit aufgestellt. Das „Hohe Tor“ ist mit Reliefs der Niederschlagung der Feinde durch den König ausgeschmückt. Hinter der Toröffnung zum Vorhof des Tempels Ramses’ III. stehen 15 Meter nordwestlich die Grabkapellen der Gottesgemahlinnen des Amun Schepenupet I., Amenirdis I., Schepenupet II., Nitokris I. und Anchnesneferibre. Die Grabkapellen gleichen einem Tempel im Kleinen mit einem pylonartigen Vorbau, einem kleinen Säulenhof und einer quadratischen Kultkammer.
mini|hochkant|Innenhof des Amun-Tempels mini|hochkant|Heiliger See neben dem Amun-Tempel
Der nordöstlich des „Hohen Tores“ stehende Amun-Tempel ist der älteste Bau des Tempelkomplexes, soweit es den Kernbau aus der 18. Dynastie betrifft. Doch auch dieser war nicht das erste Bauwerk im heutigen Medînet Hâbu. Schon in der Zeit der 11. Dynastie wurde hier in einem kleinen Tempel der Ur-Amun Kematef verehrt, als dessen Grabstelle der Ort galt und an dem sich der unter der Herrscherfamilie der Hermonthen zum Lokalgott Thebens aufgestiegene Amun von Karnak alle zehn Tage regenerierte. Kematef, ein Schöpfergott, war Teil einer Götterachtheit in Gestalt einer sich selbst zu neuem Leben erweckenden häutenden Schlange.
Königin Hatschepsut aus der 18. Dynastie knüpfte an die Amun-Verehrung vor Ort an und erbaute über dem Kultplatz einen sechsräumigen Tempel mit Barkenheiligtum. Der Pfeilerumgang des Tempels hatte eine Größe von 29 × 13 Metern. Neben kleineren Veränderungen durch Hatschepsuts Nachfolger Thutmosis III. war dies der Bau, den Ramses III. bei seinen Tempelplanungen vorfand. Nach der Errichtung eines Vorbaus mit 2 × 8 Säulen und einem Frontpylon in der kuschitischen oder nubischen Epoche der 25. Dynastie wurde diesem Pylon unter den Königen Ptolemaios VIII. und Ptolemaios XII. Neos Dionysos eine Säulenkolonnade und ein weiterer Pylon vorgesetzt. Den Abschluss der Erweiterungen des Amun-Tempels bildeten die Arbeiten an der Errichtung einer 42 Meter breiten Vorhalle mit einem großen Vorhof unter dem römischen Kaiser Antoninus Pius, die jedoch nicht mehr vollendet wurden.
Das etwa 50 Meter nördlich des Amun-Tempels befindliche Nilometer wurde in der 30. Dynastie unter Nektanebos II. erbaut. Der 20 × 18 Meter große Heilige See der Tempelanlage liegt 30 Meter nordöstlich vom Gebäude des Amun-Tempels in der östlichen Ecke des Tempelkomplexes.
Tempelanlage des Totentempels Ramses’ III. Wie der Amun-Tempel der 18. Dynastie neben dem „Hohen Tor“ war auch der Totentempel Ramses’ III. dem Reichsgott Amun geweiht. Im Papyrus Harris I findet man folgenden Text, der sich auf den Bau des Totentempels in Medînet Hâbu bezieht: