Das Prinzip der wohlwollenden Interpretation fordert, dass man Ideen, gegen die man argumentiert, im bestmöglichen Licht darstellt.Normand Baillargeon: Intellectual Self-Defense. Seven Stories Press 2007, S. 78. Original: “we have to keep in mind the principle of charity according to which we must present the ideas we are contesting in the most favorable light.” Insbesondere in der Philosophie und Rhetorik sollen demnach alle Äußerungen von Diskurspartnern als rational und, bei Meinungsverschiedenheiten, in ihrem bestmöglichen, stärksten Sinn verstanden werden. Ziel dieses methodologischen Prinzips ist, den Aussagen Anderer nicht Irrationalität, Trugschlüsse oder Unwahrheiten zuzuschreiben, wenn eine schlüssige, rationale Interpretation ebenfalls möglich ist. Nach Simon Blackburn „zwingt es den Hörer dazu, die Wahrheit und Rationalität in den Äußerungen des Anderen zu maximieren.“Original: "it constrains the interpreter to maximize the truth or rationality in the subject’s sayings." Argumente, die absichtlich gegen das Prinzip der wohlwollenden Interpretation verstoßen, können unter die Strohmann-Argumente gezählt werden.
Geschichte Vorläufer des Prinzips wurden bereits in der Scholastik verwendet, beispielsweise im Prolog zu Petrus Abaelardus’ Kompilation Sic et non:
Neil L. Wilson gab dem Prinzip 1958/1959 den Namen principle of charity. Hauptsächliches Anwendungsgebiet war die Bestimmung der Referenz von Eigennamen, also die Frage, auf welche Person oder welchen Gegenstand sich der Name bezieht:
Willard Van Orman Quine und sein Schüler Donald Davidson geben im Kontext ihrer Konzeptionen der radikalen Übersetzung bzw. radikalen Interpretation andere Formulierungen. Quine formuliert als Maxime der Erstübersetzung: „The maxim of translation underlying all this is that assertions startlingly false on the face of them are likely to turn on hidden differences of language. […] The common sense behind the maxim is that one’s interlocutor’s sillyness, beyond a certain point, is less likely than bad translation – or, in the domestic case, linguistic divergence.“ Davidson sprach gelegentlich vom Prinzip der rationalen Anpassung,Original: “principle of rational accommodation” das er wie folgt zusammenfasste: „Die Worte und Gedanken Anderer ergeben den meisten Sinn, wenn wir sie so interpretieren, dass wir ihnen am ehesten zustimmen können.“Original: “we make maximum sense of the words and thoughts of others when we interpret in a way that optimises agreement”
Es wird – z. B. von Daniel Dennett und Richard Grandy – auch diskutiert, ob das Prinzip am besten als Prinzip der Menschlichkeit (principle of humanity) aufzufassen sei, dem zufolge wir den zu interpretierenden Sprechern „diejenigen propositionalen Einstellungen zuschreiben sollten, von denen wir erwarten würden, dass wir sie unter den gegebenen Umständen selbst ausbilden würden“. Das schließt ausdrücklich ein, dass wir anderen falsche Überzeugungen zuschreiben dürfen und sollen, wenn ihre epistemische Situation es plausibel macht, dass sie diese Überzeugungen erworben haben. Beispielsweise ist es wahrscheinlich, dass jemand, der auf eine Uhr sieht, die vier Uhr anzeigt, daraufhin die Überzeugung ausbildet, es sei vier Uhr – auch wenn der Interpret weiß, dass die Uhr eine halbe Stunde vorgeht.
Weblinks Lander University’s Phil department (englisch).
Einzelnachweise
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