„Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ ist eines der bedeutendsten Werke des Theologen Friedrich Daniel Schleiermacher. Es wurde 1799 veröffentlicht und legte den Grundstein für seinen Ruf als ‚Kirchenvater des 19. Jahrhunderts‘. Schleiermacher erklärt darin seine Sicht darüber, was Religion ihrem Kern nach ist: Gefühl und Anschauung des Universums. Sie besteht unabhängig von Moral und Metaphysik. Auch die Ansätze einer Kirchenlehre und einer religiösen Bildungslehre werden behandelt. Über die Religion gilt als das religionsphilosophische Werk der Frühromantik, das den Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt hat.
Entstehungsgeschichte „Über die Religion“ wurde erstmals 1799 anonym im Berliner Unger Verlag veröffentlicht.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 3. Es war Schleiermachers erste Veröffentlichung, die die Grundlage für seinen Ruhm bildete. Warum Schleiermacher seinen Namen nicht mit der Autorschaft in Verbindung bringen wollte, erläutert er in einem Brief: „Das wusste ich […], daß viele nicht im Stande sein würden, ihre Metaphysik und ihre Religion zu trennen, und daß diese dem, der eine andre Metaphysik für gleichgültig hält, auch keinen herzlichen Eifer für die Religion zutrauen würden, und daß ich mich nicht gegen Alle würde näher erklären können. Deshalb […] sezte ich dem Buche meinen Namen nicht vor, und that ernstlich das Meinige ihn unbekannt bleiben zu lassen.“Friedrich D. E. Schleiermacher, Kritische Gesamtausgabe, Bd. V/5, Briefwechsel 1799–1800, hg. v. Andreas Arndt, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1992, S. 174.
Das Werk wurde bereits im Messekatalog zur Ostermesse unter dem Titel Über die Religion. Reden an die aufgeklärten Verächter derselben angekündigt, erschien aber doch erst im Juni des Jahres.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 11. Vermutlich änderten Schleiermacher und sein Verleger den Titel des Buches sehr kurzfristig, um es weniger wie eine Kampfschrift im Atheismusstreit erscheinen zu lassen.Andreas Arndt, Friedrich Schleiermacher. Schriften (Bibliothek deutscher Klassiker 134), Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M., 1996, S. 1145. Die Originalausgabe der ersten Auflage umfasste 312 Seiten Text.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 1.
Den Anstoß zum Schreiben erhielt Schleiermacher von seinem Freund und Mitbewohner Friedrich Schlegel.Hermann Fischer, Art. Friedrich Schleiermacher, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 30. De Gruyter, Berlin / New York 1999, Sp. 146. Erste Notizen verweisen auf den Spätsommer 1798 als Beginn des Unternehmens.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 2. Während der Entstehung hielt er brieflich besonders seine enge Freundin Henriette Herz auf dem Laufenden.Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, hg. v. Hans-Joachim Rothert, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1970, S. XI. Er fürchtete sehr, dass Teile der Reden staatlich zensiert werden könnten, weil sie zu atheistisch erschienen. In diesem Fall wäre die Druckerlaubnis nicht erteilt worden.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 6. Die Befürchtungen waren allerdings unbegründet und am 15. April 1799 vollendete er die Reden nach einer durchwachten Nacht.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 7 und 10. 1803 gab er schließlich offen zu, der Verfasser der Reden zu sein, nachdem er bereits 1801 öffentlich als solcher bezeichnet worden war.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 13 und 18.
Zu Schleiermachers Lebzeiten erschienen noch drei weitere Auflagen der Reden. Die Auflagen von 1806 und 1821 wurden teilweise stark umgearbeitet, sodass zum Beispiel die spinozistische Prägung abgemildert wurde.Ulrich Barth, Friedrich Schleiermacher, in: Klassiker der Theologie, Bd. 2. Von Richard Simon bis Karl Rahner, hg. v. Friedrich W. Graf, C.H. Beck, München 2005, S. 67. Außerdem wurde 1806 der Begriff der Anschauung mehrmals durch ‚Gefühl‘ ersetzt.Inken Mädler, Friedrich Schleiermacher. Sinn und Geschmack fürs Unendliche, in: Kompendium Religionstheorie, hg. v. Volker Drehsen, Wilhelm Gräb, Birgit Weyel, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2005, S. 18. Diese beiden Ausgaben widmete Schleiermacher seinem Jugendfreund Karl Gustav Brinckmann, der die Reden nach dem ersten Lesen 1800 überschwänglich gelobt hatte.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 39 und 42. In der Ausgabe von 1821 fügte Schleiermacher jeder Rede noch Erläuterungen bei, um einen stärkeren inhaltlichen Bezug zur „Glaubenslehre“ herzustellen.Hermann Fischer, Art. Friedrich Schleiermacher, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 30. De Gruyter, Berlin / New York 1999, Sp. 156. Die dritte Auflage von 1831 erfuhr nur noch überwiegend stilistische Korrekturen.Günter Meckenstock, in: Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hg. v. Günter Meckenstock. Walter de Gruyter, Berlin 1999, S. 50.
Inhalt In Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern legt Schleiermacher dar, was Religion seiner Meinung nach in ihrer Reinform ausmacht und wodurch sie sich auszeichnet. Unterthemen der Abhandlung stellen Bildung, Kirche und Pluralität der Religionen dar.
Das Buch ist in fünf Reden eingeteilt, in denen der Autor ein fiktives Publikum anspricht. Trotz der großen Bewertung des „Gefühls“ im Werk wird er nicht schwärmerisch, sondern führt seine Leser bzw. Hörer durchdacht, planvoll und überlegt durch seine Gedanken. Dabei geht er auch auf mögliche Zwischenrufe und andere Ansichten des „Publikums“ ein.
Erste Rede – Apologie In der Apologie verteidigt Schleiermacher sein Vorhaben, in der vorliegenden Weise über Religion zu schreiben.
Schleiermacher wendet sich an die Gebildeten, die zwar unangenehm weltverhaftet sind, aber sicherlich in der Lage, mit ihm den „beschwerlichen Weg“ ins Innere des Menschen zu gehen.Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 197. Denn Religion ist im Menschen angelegt und gehört einer eigenen „Provinz im Gemüthe“ an.Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 204. Darum ist sie im Grunde etwas Anderes, als sich die Gebildeten darunter vorstellen:Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 198. „Die Furcht vor einem ewigen Wesen und das Rechnen auf eine andere Welt, das, meint Ihr, seien die Angel aller Religion, und das ist Euch im Allgemeinen zuwider.“ Schleiermacher bestärkt seine Leser in dieser Ablehnung, denn Religion ist im Kern von dieser Auffassung sehr verschieden. Er will aufdecken, was Religion ihrem Wesen nach ist, und fordert dabei, „daß Ihr von allem, was sonst Religion genannt wird, absehend Euer Augenmerk nur auf diese einzelne Andeutungen und Stimmungen richtet, die Ihr in allen Äußerungen und edlen Thaten gottbegeisterter Menschen finden werdet“.Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 201f.
Schleiermacher schreibt, dass er den Untergang der Religion nicht fürchtet, obwohl er eine zunehmende Säkularisierung in der Gesellschaft beobachtet.Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 189f.
Zweite Rede – Über das Wesen der Religion Die zweite Rede ist für das Buch zentral und darum auch die längste. Schleiermacher führt hier aus, was Religion eigentlich ist: Anschauen des Universums und weder der Moral noch der Metaphysik verpflichtet.
Religion besteht völlig unabhängig von Moral und Metaphysik (gebraucht im Sinne von „theoretische Philosophie“Andreas Arndt, Friedrich Schleiermacher. Schriften (Bibliothek deutscher Klassiker 134), Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M., 1996, S. 1149. und Kants „Transzendentalphilosophie“Friedo Ricken, Über die Hindernisse und das Wesen der Religion: Friedrich Schleiermacher, in: Ders., Religionsphilosophie (Grundkurs Philosophie Bd. 17), Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2003, S. 164.). Beides hat sich nur wie ein Schleier über sie gelegt. Sie lässt sich nicht für das menschliche Zusammenleben funktionalisieren und liefert auch keinen direkten Erkenntnisgewinn. Spekulieren darüber, ob es einen Gott gibt, ist im Gebiet der Religion leere Mythologie. Nachdenken, Erklären, Systematisieren ist Teil der Metaphysik, Religion ist aber nicht dem Denken verhaftet.Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 214. Auch zum Handeln treibt die Religion nicht an. Man kann nichts aus Religion tun, aber alles mit ihr: „Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl.“Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 211. Religion ist passives Anschauen des Universums, das sich offenbart und den Menschen tief berührt: „Anschauen des Universums, ich bitte befreundet Euch mit diesem Begriff, er ist der Angel meiner ganzen Rede, er ist die allgemeinste und höchste Formel der Religion“.Friedrich D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), in: Ders. Kritische Gesamtausgabe, Bd. I/2: Schriften aus der Berliner Zeit 1769–1799, hg. v. Günter Meckenstock, Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 213.