mini|Lothar König während einer Rede bei „Köln stellt sich quer“ im April 2017mini|Bei einem Gottesdienst (2013)

Lothar König (* 11. März 1954 in Leimbach, Kreis Nordhausen; † 21. Oktober 2024 in Jena) war ein deutscher evangelischer Pfarrer. Er organisierte 1989/90 in Merseburg DDR-Montagsdemonstrationen und leitete von 1990 bis 2019 die Junge Gemeinde (JG) in Jena. Er engagierte sich gegen Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland und warnte frühzeitig vor der Entwicklung des Neonazismus in Jena zum Rechtsterrorismus.

Zum Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden 2011 beteiligte er sich an einer Demonstration gegen Rechtsextremisten, in deren Folge die Staatsanwaltschaft Dresden ihn wegen „schweren aufwieglerischen Landfriedensbruchs“ anklagte. Dies und der folgende Strafprozess (2013) machten König bundesweit bekannt. Nachdem Falschaussagen von Zeugen und gravierende Fehler oder Rechtsverstöße der Anklage aufgedeckt wurden, wurde der Prozess abgebrochen und 2014 endgültig eingestellt.

Ausbildung und erste Pfarrstelle König wuchs auf einem Bauernhof im Dorf Leimbach (Südharz) auf. In den 1960er Jahren traten seine Eltern unter politischem Druck in eine Produktionsgenossenschaft ein. Königs älterer Bruder wurde 1949 geboren und starb noch im selben Jahr. Seine 1952 geborene Schwester war schwerbehindert und starb 1959.Andreas Montag: Lothar König, Freiburg 2012, S. 66–68.

König ging in Nordhausen zur Schule. Ab der zweiten Schulklasse setzte er sich für frühere Kriegsflüchtlinge aus Schlesien ein. In der vierten Klasse überzeichnete er ein Bild von DDR-Staatschef Walter Ulbricht und wurde dafür gerügt. 1969 als Fünfzehnjähriger malte er „21. August ’68 Dubcek“ an eine Hauswand, um sich mit dem gewaltsam gestürzten Initiator des Prager Frühlings Alexander Dubček zu solidarisieren. Die Deutsche Volkspolizei und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) vollzogen daraufhin eine Hausdurchsuchung in seinem Elternhaus. Er wurde in der Schule öffentlich gemaßregelt und gedrängt, in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) einzutreten. Seine Mitschüler wählten ihn zum FDJ-Sekretär, aber die SED-Führung entließ ihn nach drei Tagen wieder. König musste die Schule nach der zehnten Klasse verlassen und erhielt keine Zulassung zum Abitur. Er leistete seinen Militärdienst in der NVA. Einige seiner Freunde entschieden sich für eine totale Kriegsdienstverweigerung und wurden deswegen inhaftiert.Andreas Montag: Lothar König, Freiburg 2012, S. 80–85; Marie Claude-Bianco: Furchtlos und unbequem. taz, 3. Juli 2013.

Danach wurde König zum Zerspanungsmechaniker ausgebildet. 1975 begann er eine zweijährige Ausbildung zum evangelischen Diakon in Eisenach. Nach deren Abschluss studierte er ab 1977 evangelische Theologie in Erfurt und Jena.Andreas Montag: Lothar König, Freiburg 2012, S. 85f. Dort las er neben der Bibel, Dorothee Sölle und der Befreiungstheologie auch Werke von Karl Marx, Leo Trotzki und Rudi Dutschke.Andreas Montag: Lothar König, Freiburg 2012, S. 16.

Schon in Erfurt nahm er an der „Offenen Jugendarbeit“ teil. Dieses kirchliche Konzept sollte Jugendliche ansprechen, die kulturell vom DDR-Staat und vom bürgerlichen Christentum ausgegrenzt wurden, deren Lebensstil und Kreativität einbeziehen.Heino Falcke: Brief an Manuel Vogel. In: Johannes Eisenberg und andere (Hrsg.): Antifaschismus als Feindbild. Hamburg 2014, S. 282f. König demonstrierte 1981 in der DDR gegen den NATO-Doppelbeschluss und erlebte den raschen Zusammenbruch der damaligen Friedensbewegung, als der Beschluss durchgeführt wurde.Lothar König: Zusammenbruch der Friedensbewegung. Zeitzeugenportal (Haus der Geschichte) Seit seiner Studienzeit hatte er intensive Beziehungen zur Jungen Gemeinde Stadtmitte in Jena. Das MfS zählte ihre Mitglieder und Kontaktpersonen zur DDR-Opposition, überwachte sie stark und konstruierte häufig Vergehen, um Jugendliche strafrechtlich verfolgen zu können.Henning Pietzsch: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970–1989. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-17204-9, S. 177–179.

König wurde Pfarrer der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Ab 1986 arbeitete er in Merseburg und baute dort eine Junge Gemeinde auf. Mit dieser engagierte er sich gegen die DDR-Staatsmacht und organisierte Montagsdemonstrationen mit. Das MfS legte über ihn eine umfangreiche Akte mit Abhörprotokollen an.Andreas Montag: Lothar König, Freiburg 2012, S. 47 Weil er in Merseburg das basisdemokratische Konzept der „Kirche von unten“ praktizierte, wurde er vom MfS planvoll diffamiert, isoliert und kriminalisiert mit dem Ziel, dass er sein Pfarramt aufgeben würde. Als Reaktion darauf engagierte er sich ab September 1989 in der Bürgerbewegung Neues Forum. Den Mauerfall am 9. November 1989 erlebte er als Ende seiner Hoffnung auf eine demokratisierte DDR.Christina Matte: Der Stachel: Warum der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König gegen Gewalt ist. ND, 4. Februar 2012 (kostenpflichtig)

Stadtjugendpfarrer in Jena Ab 1990 war König Stadtjugendpfarrer der Jungen Gemeinde (JG) Jena-Stadtmitte, die zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen gehört.Friedrich Meinhof: Thüringer Pfarrerbuch Band 10, Thüringer evangelische Kirche 1921–1948 und Evangelisch‐Lutherische Kirche in Thüringen 1948–2008, S. 115 (PDF; 1,0 MB) Mit der JG engagierte er sich für eine offene Jugendarbeit und wurde so mit der wachsenden Neonazi-Szene in einer Plattenbausiedlung von Lobeda konfrontiert. Nach seinem Zeugnis trafen sich in der JG Punks, alternative und linke Jugendliche auf Orientierungssuche, spielten zunächst gegen die Neonazis Fußball und hörten zusammen Musik beider Lager. Bis 1992 habe es keine Übergriffe der Neonazis auf die JG gegeben. Ab 1993 sei jedoch die Anti-Antifa, 1995 der sogenannte „Nationale Widerstand“ entstanden: „…plötzlich hingen da Puppen mit Judensternen an Autobahnbrücken.“

König beobachtete die Radikalisierung der Neonazis im Umfeld des „Winzerclubs“ im Stadtteil Winzerla. Die JG wurde Zufluchtsort für Jugendliche, die als Linke oder wegen ihres Aussehens von Neonazis bedroht und angegriffen werden. 1993 verletzten sie Königs damals 15-jährige Tochter Katharina bleibend. Seither sammelte König alle verfügbaren Informationen über die rechte Szene in Jena. Die JG veröffentlicht regelmäßig Informationsbroschüren dazu. 1997 wurde König von einem Burschenschafter schwer verletzt und behielt davon eine Narbe auf seiner Stirn.Patrick Bauer: So links wie Jesus. Neon, Januar 2012; Nachdruck in: Johannes Eisenberg und andere (Hrsg.): Antifaschismus als Feindbild. Hamburg 2014, S. 271–276 (Anhang 9). Er war einem Jugendlichen zu Hilfe geeilt, den drei Burschenschafter vor dem Haus der JG angegriffen hatten. Das Verfahren gegen die Täter wurde aus Mangel an Beweisen und Zeugen eingestellt; die Zeugen der JG wurden wegen Befangenheit abgelehnt. 1996 vollzog die Polizei Jena eine Razzia in der JG, um König Drogenhandel nachzuweisen. Die Vorwürfe stellten sich als unhaltbar heraus. 1997 entschuldigte sich Thüringens Innenminister Richard Dewes für das Vorgehen.Frank Döbert, Volkhard Paczulla: König mit Ecken und Kanten: Jugendpfarrer von Jena im Visier. In: Thüringer Allgemeine (ThA), 12. August 2011.

Bis 1997 hatte König versucht, die Neonazis durch sozialpädagogische Jugendarbeit positiv zu beeinflussen. Erst seit den Körperverletzungen begriff er, dass sie ein geschlossenes Weltbild hatten und man ihnen nicht mit Dialog begegnen konnte, sondern sie politisch bekämpfen musste. Fortan entwickelte er die JG Jena zu einem entschiedenen Gegner der rechtsextremen Szene Thüringens. Sie verhinderte am 18. Juli 1998 einen Auftritt von Rolf Schlierer (Die Republikaner) in Jena. Als Reaktion darauf griffen bewaffnete und vermummte Neonazis die JG öfter an, störten etwa ein Punkkonzert und bedrohten Antifa-Jugendliche und Afrikaner in der Innenstadt. Ein unter anderen vom Thüringer Heimatschutz unterzeichnetes Flugblatt behauptete, König helfe Autonomen bei Gewalttaten und schütze sie vor Strafverfolgung. Am 10. Oktober 1998 marschierte André Kapke (NPD Thüringen) mit rund 50 Neonazis unangemeldet zum Haus der JG. Sie versuchten, es zu stürmen, so dass Polizei eingreifen musste. Am 17. Oktober 1998 demonstrierten 40 Neonazis, diesmal angemeldet, unter Polizeischutz erneut vor dem JG-Haus. Kapke bezeichnete König dabei als „Schützer des linken Terrors“. Neonazis sammelten Unterschriften gegen die JG in von ihnen dominierten Stadtvierteln. König erklärte dazu, sie wollten „von ihrer eigenen Gewalttätigkeit und ihrer menschenverachtenden Weltanschauung ablenken“, um „die gesellschaftliche Akzeptanz der JG und jeder antifaschistischen Arbeit zu schwächen“. Der Konvent des Kirchenkreises Jena solidarisierte sich mit ihm und der JG.Janine Clausen, Andreas Speit: Da hilft kein Beten. In: Jungle World, 28. Oktober 1998. 1998, nach dem Untertauchen der Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, die dann die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) gründeten, wies König die polizeilichen Ermittler auf einen möglichen Mittäter in Jena hin. Die Ermittler bestritten einen Zusammenhang. 2012 erwies sich, dass Königs Verdacht zutraf.

Damals erklärte König das Entstehen der dortigen rechtsextremen Szene aus mehreren Faktoren: Schon in der DDR entstanden rechtsextreme Skinhead-Gruppen, die gerade wegen der staatlichen Unterdrückung attraktiv für Jugendliche geworden seien und begonnen hätten, Strategien zu entwickeln. Im Zusammenbruch der DDR hätten Eltern, Lehrer, Politiker jede moralische Autorität verloren. So hätten organisierte Werbekampagnen von Neonazis aus der alten Bundesrepublik und Österreich in Ostdeutschland „leichtes Spiel“ gehabt: besonders in Neubaugebieten, wo in der DDR die ökonomisch Erfolgreichen lebten, die sich nun deklassiert sahen und vielfach arbeitslos wurden. Bei ihren Kindern, die oft keine Lehrstellen fanden, war linksgerichtete Ideologie disqualifiziert. Um ihre Wut an anderen auch mit Gewalt abzureagieren, habe die nazistische Ideologie der Ungleichwertigkeit ihnen die passende Rechtfertigung geboten. Diese Ideologie unterscheide Rechtsextreme von Linken, welchletztere „von der Gleichheit der Menschen ausgehen und deshalb keinen Grund haben, anderen Gewalt anzutun oder sie gar umzubringen.“

Nach Königs Zeugnis von 2017 strich Jenas Stadtverwaltung der JG in den 1990er Jahren zeitweise die städtischen Fördermittel, weil ihre Berichte über Rechtsextremismus in Jena als „Nestbeschmutzung“ galten. Auch Schulen bestritten das Problem. Die wenigen Sozialarbeiter im Winzerclub waren überfordert und wurden zu wenig unterstützt. Als sich die rechte Jugend um 1995 professionalisierte und politisierte, sei es zu spät gewesen.Tom Sundermann: „Kritische Stimmen wurden ruhiggestellt“. Die Zeit, 20. Oktober 2017 Um 2000 forderte der damalige Oberbürgermeister Peter Röhlinger (FDP) den Landesbischof auf, König zu versetzen. 2002 erhielt die JG jedoch für ihr Engagement gegen Neonazis und die Arbeit mit obdachlosen Jugendlichen und Migranten den Julius-Rumpf-Preis der Martin-Niemöller-Stiftung, 2003 den Bundesjugendförderpreis und den Dieter Baacke Preis. Die JG beteiligt sich an den Protesten gegen Atommülltransporte in Deutschland. Seit 2004 war König als Stadtrat für die Fraktion Bürger für Jena auch kommunalpolitisch aktiv.