mini|hochkant|Richard Serra porträtiert von Oliver Mark, Siegen 2005
Richard Serra (* 2. November 1938 in San Francisco; † 26. März 2024 in Orient, New York) war ein US-amerikanischer Bildhauer.
Serra war für seine großformatigen Skulpturen bekannt, die für ortsspezifische Landschafts-, Stadt- und Architekturumgebungen geschaffen wurden. Mitte der 1960er Jahre experimentierten Richard Serra und andere amerikanische Künstler mit industriellen Werkstoffen wie Blei und Gummi. Die Materialien wurden mit einfachen Eingriffen bearbeitet und in einen Bezug zum Raum gesetzt. Im Laufe der Jahre erweiterte Serra seinen räumlichen Ansatz, indem er mit wetterfestem Stahl arbeitete. Außerdem umfasst sein Œuvre eine Vielzahl von Malereien und Druckgraphiken.
Leben mini|hochkant|Fulcrum 1987, freistehende Plastik aus Cortenstahl an der Liverpool Street Station, London mini|»Intersections«, 1992, Theaterplatz Basel mini|hochkant|Frauenstreik, Basel 2019, Cellistin Mara Miribung in Richard Serras Skulptur »Intersections«, 1992, vor dem Theater Basel
Richard Serra wurde 1938 in San Francisco, USA, geboren. Sein Vater, ein Werftarbeiter, war Spanier aus Mallorca und seine Mutter war eine jüdische Ukrainerin aus Odessa. Sie gilt als diejenige in der Familie, der das Literarische wichtig war. Der Anblick von Kriegsschiffen im Rohbau in der Bucht von San Francisco prägte sein späteres Kunstverständnis.
Studienzeit Serra studierte von 1957 bis 1961 englische Literatur an der University of California, Berkeley und anschließend in Santa Barbara. Zu seinen Dozentinnen und Dozenten gehörten unter anderem Aldous Huxley, Christopher Isherwood und Margaret Mead. Serra machte seinen Bachelor in Englischer Literatur. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er in einem Stahlwerk, wo er erste Erfahrungen im Umgang mit dem vielseitigen Werkstoff Stahl sammeln konnte, die für seine spätere Laufbahn prägend wurden.Biography Richard Serra der Guggenheim Collection
Von 1961 bis 1964 absolvierte er ein Kunststudium an der Universität Yale in New Haven. Er wurde dort Assistent des deutschen Emigranten, Malers und Kunsttheoretikers Josef Albers. Darauf folgte eine Zusammenarbeit mit Albers an dessen Buch The Interaction of Color. Er erreichte den Abschluss Bachelor of Fine Arts und den Master of Fine Arts. Unter dem Eindruck des abstrakten Expressionismus hatte Serra eine kurze Phase als Maler.
Als in dieser Zeit der Minimalismus aufkam, gab es noch eine reine Form des Minimalismus; die Künstler arbeiteten überwiegend mit hochwertigen Industrieprodukten, Materialien und Stoffen wie Plastik oder auch rostfreiem Edelstahl. Zum Teil lag der Schwerpunkt auf einer Verfeinerung des Materials. Darauf folgte eine Künstlergeneration mit unter anderen Richard Serra, Robert Smithson, Bruce Nauman und Eva Hesse. Für Serra hatten diese Künstler weniger den Anspruch, dass Kunst Gebrauchsware sein muss; es war eine „rücksichtslose Erweiterung des Minimalismus“.Maria Anna Tappeiner: Richard Serra – Sehen ist Denken. Westdeutscher Rundfunk (WDR), 2005 Die Materialien wurden einfacher, wie Gummi oder Blei. Anstatt eine Formensprache darzustellen, die es schon in der Kunst gab, waren diese Künstler mehr daran interessiert, dass die Form des Materials durch eine Veränderung manipuliert werden konnte.
Frühwerk Anfang der 1960er Jahre hatte sich Serra bereits mit den für die Kunst neuen Medien Film und Video beschäftigt. Während eines einjährigen Reisestipendiums der Yale-Universität in Paris erweiterte er 1964 seine Kenntnisse auf diesem Gebiet. Im Sommer 1965 heiratete er seine Kommilitonin, die Künstlerin Nancy Graves. Er begegnete in Paris dem US-amerikanischen Musiker und Komponisten Philip Glass. Die Bildhauerei wurde immer wichtiger für ihn und er versuchte, in Skulpturen die Mittel des harten Schnitts und der Bewegung aus dem Film zu übertragen.
Ende der 60er Jahre entdeckte Serra den Werkstoff Metall für sein künstlerisches Schaffen. Er goss 1968 auf eine unkonventionelle Art die Ecken des New Yorker Whitney Museum of American Art mit geschmolzenem Blei aus, um die erhaltenen Formen anschließend im selben Haus auszustellen.
Darauf folgte, dank eines Fulbright-Stipendiums, ein Jahr in Florenz. Im Mai 1966 hatte er seine erste Einzelausstellung Animal Habitats in der Galeria La Salita in Rom. Es folgten Reisen nach Spanien und Nordafrika.
Serra zog nach New York und arbeitete mit Robert Fiore, Steve Reich und Philip Glass, aber auch als Möbelpacker, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser Zeit machte er Bekanntschaft mit anderen Künstlern wie Eva Hesse, Donald Judd, Robert Smithson und Carl Andre. Er schuf eine Reihe von Werken aus Gummi und Neonröhren sowie sogenannte Scatter Pieces.
Seit den frühen siebziger Jahren setzt sich Richard Serra intensiv mit den Möglichkeiten der Druckgrafik auseinander; neben den Skulpturen sind sie wesentlicher Bestandteil seines Werkes.
1968 entstand seine Serie Hands, später arbeitete er mit Nancy Holt in Boomerang (1974) und mit seiner Partnerin dieser Zeit, Joan Jonas, an Paul Revere (1971), bei deren Performances er häufig mitwirkte. 1968 hatte Serra eine Einzelausstellung in der Galerie Rolf Ricke in Köln. Ende der 1960er versuchte er sich mit den künstlerischen Formen des Films zu perfektionieren. Er suchte eine Analogie zwischen den Schnitten in seinen Skulpturen und dem Schnitt im Film. In dieser Zeit begann auch die Zusammenarbeit mit Leo Castelli.
Häufig besuchte er die Anthology Film Archives in New York und setzte sich intensiv mit den künstlerischen Formen des historischen sowie des aktuellen Films auseinander. Begeistert war er u. a. auch von Andy Warhols Chelsea Girls, das ihm den Weg zum Filmemacher erleichterte, und von Bruce Connors, Ron Rice’ und Jack Smiths Filmen unprätentiöser Art.
In seinem Frühwerk arbeitete Richard Serra überwiegend mit Materialien wie Blei und Gummi. Bedeutend ist seine Werkgruppe der Splashings oder Castings, in der er durch das Schleudern flüssigen Bleis in einen Winkel zwischen Wand und Boden Formen erstellte. Diese Phase begann 1968 im Castelli Warehouse in New York. Die Mehrzahl der Werke war nicht auf Dauer angelegt.
Nach einem Aufenthalt in Japan 1970 setzte er sich intensiv mit der Geometrie der Plätze und der Anlage als Ganzes auseinander. In Tokyo entstand das Werk To Encircle Base Plate Hexagram, darauf folgte 1972 die Spoleto-Circles, ein liegendes Stahlkreis-Objekt und ein in den Boden eingelassener Kreisplan.
Spätwerk mini|hochkant|Terminal in Bochum, 1977, nach Restaurierung, am Tag der Neuenthüllung 26. April 2014
Serras erste begehbare Großplastiken im öffentlichen Raum, in denen die Wahrnehmung der Kunst von unmittelbaren körperlichen Erfahrungen begleitet wird, entstanden Anfang der 1970er Jahre. Dazu gehört z. B. die Installation Circuit, die auf der documenta 5 1972 in Kassel zu sehen war und sich heute (2012) in der Kunstsammlung der Ruhr-Universität in Bochum befindet.
Mit Clara Weyergraf, die er 1981 heiratete, drehte Serra den Film Steelmill/Stahlwerk in der Henrichshütte in Hattingen.
1977 konzipierte er für die documenta 6 in Kassel das Werk Terminal, vier trapezförmige Platten aus wetterfestem Stahl (Cortenstahl). Während dieser Ausstellung war das Werk vor dem Fridericianum, dem zentralen Ausstellungsgebäude, aufgestellt und wurde somit zum „Wahrzeichen“ dieser Documenta.
Nach langen Verhandlungen und begleitet von heftigen Protesten wurde Terminalm-Bochum – Kunstvermittlung, Photographien und Werkbeschreibung 1979 von der Stadt Bochum erworben und schließlich an dem von Richard Serra favorisierten Standort, einer Verkehrsinsel am Bochumer Hauptbahnhof, installiert. Die CDU machte im Landtagswahlkampf eine Kampagne gegen die Aufstellung in Bochum. Der damalige Kandidat Kurt Biedenkopf hielt direkt vor der Plastik eine Rede, in der er deren Abriss ankündigte.
Im selben Jahr erhielt Serra im Rahmen des „Art in Architecture Program“GSA: der U.S. General Services Administration den Auftrag für eine ortsspezifische Skulptur auf dem „Federal Plaza“ in New York. Das Werk Tilted Arc, eine 37 Meter lange und 3 Meter hohe, etwas geneigte Stahlwand, die sowohl die Sicht als auch die Überquerung des Platzes teilweise blockiert bzw. verhindert, sodass sich vorbeilaufende Menschen damit formal und optisch auseinandersetzen müssen, wurde 1981 fertiggestellt. Insbesondere durch die anwohnende Bevölkerung wurden kontroverse Diskussionen bis hin zu Protestaktionen ausgelöst, was 1989 dazu führte, dass die große Stahlskulptur wieder entfernt werden musste.pbs.org, Richard Serra’s Tilted Arc 1981 Dies verärgerte Serra so sehr, dass er damit drohte, New York zu verlassen. Er setzte diesen Plan jedoch nicht um. In der Folgezeit errichtete er an anderen Orten Kunstwerke im Stil des Tilted Arcs, die inzwischen zu den voluminösesten und populärsten Skulpturen der Welt zählen.
1993 nahm Serra mit einem Objekt in der Synagoge Stommeln an der jährlich wechselnden Gestaltung der ehemaligen Synagoge teil.
Die Idee des Holocaust-Mahnmals in Berlin als begehbares Feld von Stelen stammt von Serra. Sie zeigt einen künstlerischen Anspruch, der eine von Serras Leitlinien war: Das Publikum sollte sich in der Konfrontation mit monumentalen Stahlplatten, die auf es einzustürzen schienen, mit sich selbst auseinandersetzen müssen. 1998 schied der Künstler im Streit mit Peter Eisenman aus der Arbeitsgemeinschaft aus, doch gab es wohl auch Differenzen mit der Bundesrepublik Deutschland in ihrer Eigenschaft als Auftraggeberin. Serras Konfliktfreudigkeit galt als einer seiner Wesenszüge. Eine Kritikerin der New York Times verglich den Künstler mit einer „immerzu angriffsbereiten Boxergestalt mit leidenschaftlichen Locken“.
Im Jahr 2005 entstand die raumgreifende begehbare Installation The Matter of Time aus acht gigantischen und tonnenschweren Stahlskulpturen für das Guggenheim Museum Bilbao, bestehend aus begehbaren Spiralen, Ellipsen und Schlangenformen. Das Werk ist einer der größten bildhauerischen Aufträge und wohl auch eines der teuersten, die bislang in der Geschichte der Moderne für einen konkreten Raum entwickelt wurden.3sat.de, Kulturzeit, Maria Tappeiner, Stahlkolosse in Bilbao – Richard Serras begehbare Installation aus monumentalen Skulpturen 8. Juni 2005
Das Kunstmagazin ArtReview wählte ihn im Jahr 2007 auf den 19. Platz der Liste der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunst.ArtReview:
Mit der letzten Arbeit Blade Runners beschritt Serra ein neues Kapitel in seinem Werk. „Waren seine Platten bisher konvex oder konkav geformt, biegen sie sich nun in gegenläufige Kurven.“arte.tv.de, Vom Blech zur Skulptur – Leichter Stahl vom Bildhauer Richard Serra, 2009, Regie Martina Müller
Am 26. März 2024 verstarb Richard Serra zu Hause in Orient auf Long Island an den Folgen einer Lungenentzündung.
Auszeichnungen 1981: Goslarer Kaiserring 1991: Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg 1993: Mitglied der American Academy of Arts and Sciences 1995: Mitglied der American Academy of Arts and Letters 1995: Ehrenmitglied der Royal Academy of Arts 1996: Mitglied der Akademie der Künste (Berlin) 2002: Pour le Mérite 2010: Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Kunst 2012: Mitglied der American Philosophical Society 2014: Alexej-von-Jawlensky-Preis, Wiesbaden
Sammlungen Unequal Corner Elevations, 1985, Museum DKM Duisburg (Eigentum: Stiftung DKM, Duisburg) Weitmar, 1984, Lehmbruck Museum, Duisburg (Eigentum: Stiftung DKM, Duisburg)
Werk (Auswahl) Serras erste Werke waren vom abstrakten Expressionismus inspiriert. Bekanntheit erlangte der Künstler durch Konstruktionen aus großen Stahlzylindern und Stahlblöcken. In sich ruhend betonen sie das Gewicht und die Eigenart des Werkstoffs Stahl, dessen Oberfläche unbehandelt der Korrosion ausgesetzt ist.