In der Schlacht bei Leuktra besiegten die Thebaner unter ihrem Feldherrn Epaminondas am 5. August 371 v. Chr. die Spartaner, die in der Folge ihre seit dem Peloponnesischen Krieg bestehende Hegemonie über Griechenland einbüßten. Die Thebaner wandten bei Leuktra erstmals die Schiefe Schlachtordnung an. Damit bereiteten sie dem Heer Spartas, das bis dahin als unbesiegbar gegolten hatte, die erste Niederlage in offener Feldschlacht und entschieden den Boiotischen Krieg für sich. Als Folge konnte das böotische Heer im Jahr darauf auf der Peloponnes bis nach Sparta selbst vorstoßen und zerstörte so dessen Machtstellung durch die Helotenbefreiung und Wiedererrichtung Messeniens als eigenständiges Staatswesen sowie den Übertritt von einigen Bündnern Spartas auf Seite Thebens, wodurch sich der Peloponnesische Bund letztlich auflöste. Hierdurch trat Theben in die Nachfolge Spartas als Hegemon von Griechenland.
Vorgeschichte Zwischen 395 und 387 v. Chr. kämpfte Sparta im Korinthischen Krieg um die Vorherrschaft in Griechenland gegen eine Allianz aus Theben, Athen, Korinth und Argos, die von Persien finanziell unterstützt wurde. Das erste Scharmützel dieses Krieges konnte Theben bei Haliartos gegen eine spartanische Eingreiftruppe für sich entscheiden, bevor das spartanische Bürgerheer eintraf. In den weiteren Schlachten schlug Sparta die Heere der Verbündeten und konnte somit seine Vormachtstellung im Frieden des Antalkidas (=Königsfrieden) behaupten. Die Folgezeit war von steten Spannungen zwischen Theben, das die Oberhoheit in Böotien beanspruchte, und Sparta, das diesen Konkurrenten nicht dulden wollte, überschattet. 382 besetzte der spartanische Truppenführer Phoibidas ohne Weisung die Kadmeia, die Zitadelle Thebens, und legte eine Besatzung hinein. Dies hatte eine Stärkung des Patriotismus in Theben zur Folge. Drei Jahre später, 379, wurde die Garnison von den Thebanern wieder vertrieben. Als eine Gruppe böotischer Städte Sparta bat, sie von der politischen Kontrolle Thebens zu befreien, und Sparta daraufhin den Abzug der thebanischen Garnisonen aus diesen böotischen Städten forderte, kam es erneut zum Krieg.
Ausgangslage mini|250px|Möglicher Weg des spartanischen Heeres Einer der beiden spartanischen Könige, Kleombrotos I., befand sich zu Kriegsbeginn mit einer Armee in Phokis nahe Delphi. Statt die gewöhnliche Pass-Strecke nach Böotien zu nehmen, entschied sich Kleombrotos, durch die Berge über das etwa 50 km entfernte Thisbe zu marschieren und den 7 km von Thisbe gelegenen befestigten Hafenplatz Kreusis inklusive 12 thebanischer Schiffe zu besetzen.Vgl. Xen. Hell. 6.4.3. Diese Bewegungen führte er so rasch aus, dass die Thebaner erst durch die Einnahme Kreusis’ von seiner Anwesenheit erfuhren. In der richtigen Annahme, dass Kleombrotos nunmehr direkt gegen Theben marschieren werde, versammelte Epaminondas die Truppen Thebens und seiner Alliierten bei dem kleinen Ort Leuktra, etwa 9 km südwestlich von Theben, an der Straße nach Thisbe. Nach einem Marsch von 25 km traf Kleombrotos ebenfalls dort ein.Vgl. Xen. Hell. 6.4.4. Beide Seiten suchten die Entscheidungsschlacht: Kleombrotos, um den Nachstellungen als Thebaner-Freund in der Heimat zu entgehen, die Thebaner, um die böotischen Verbündeten nicht wankelmütig werden zu lassen.Vgl. Xen. Hell. 6.4.5-6. Jedoch herrschte unter den sechs anwesenden böotischen Feldherren zunächst Uneinigkeit darüber, ob man sich auf eine offene Feldschlacht einlassen solle. Epaminondas war der Hauptbefürworter für den Kampf. Erst als ein siebter General eintraf und sich seiner Position anschloss, fiel die Entscheidung zugunsten der Schlacht.
Verlauf der Schlacht mini|250px|Der restaurierte Sockel des thebanischen Siegesmonuments bei Leuktra Als sich beide Heere zur Schlacht aufstellten, gingen sie unterschiedlich vor: Die Spartaner vertrauten auf die numerische Überlegenheit und den Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit. Demnach stellten sie sich in der klassischen Formation auf: Die Spartaner mit ihrem König (ca. 700 Mann) und den besten Truppen der Peloponnesier auf der Rechten, Peltasten und andere erfahrene Verbündeten bildeten das Zentrum, die schwächsten Kräfte formten die Linke. Kleombrotos stellte seine Armee in 12 Gliedern auf.Vgl. Xen. Hell. 6.4.12. Da die Spartaner Meister des Manövrierens waren, konnten sie auch noch in der Schlacht ihre Reihen für ein Umfassungsmanöver ausdehnen, indem sie die letzten 6 Glieder quasi hinter der Front nach rechts ausdünnten. Vor der Schlachtordnung stellte Kleombrotos die Reiterei auf, welche den Kampf gegen die ebenfalls vor die Schlachtreihen der Thebaner aufgestellte böotische Reiterei beginnen sollte, um der Hopliteninfanterie dahinter Zeit zur Aufstellung zu geben.Vgl. Xen. Hell. 6.4.10. Die Thebaner verfügten über die zahlreichere und bessere Reiterei, aber über weniger und in der Masse nicht so erfahrene Truppen wie die Spartaner. Unter den Bedingungen einer klassischen Schlachtordnung würden die Spartaner die böotische Linke umfassen und so am traditionell schwächsten Punkt die Phalanx durchbrechen. Epaminondas entschied sich daher, die Schlachtaufstellung zu verändern. Es war zu erwarten, dass die überlegene böotische Kavallerie die Reiterei und die Plänkler der Peloponnesier zerstreuen und danach durch Flankenangriffe die Hoplitenbewegungen ausbremsen würde. Da die Reiterei der damaligen Zeit aber nicht stark genug war, um direkt gegen Hopliten vorgehen zu können, würde die Schlacht dennoch durch die Phalanx entschieden. Und hier griffen die Thebaner auf eine Erfahrung aus früheren Schlachten zurück: Bei Delion hatten die Thebaner die Athener u. a. geschlagen, weil sie ihren rechten Flügel mit 25 Gliedern massiert hattenVgl. Thukydides 4.93.4., bei Koroneia hatten sie einen Verzweiflungsdurchbruch durch die feindlichen Linien erzwungen, der den Spartanern erhebliche Verluste beigebracht hatte, indem sie ihre eigenen Truppen quasi zu einem Karrée massierten.Vgl. Xen. Hell. 4.3.18: συσπειραθέντες ἐχώρουν ἐρρωμένως. Um die numerische Überlegenheit der Spartaner und ihrer Verbündeten auszugleichen, musste Epaminondas daher einen raschen Sieg gegen die stärksten Kräfte des Feindes führen. Folglich massierte er seine Truppen nicht auf seinem rechten, sondern seinem linken Flügel – den Spartanern gegenüber. Die Thebaner formierte er zu einem Karrée von 50 × 50 Soldaten,Vgl. Xen. Hell. 6.4.12 wobei die ersten sechs Glieder durch die Heiligen Schar gebildet wurden – eine Eliteeinheit aus 150 gleichgeschlechtlichen Paaren unter der Führung des Pelopidas.Vgl. Nep. Pel. 4.3. Sergeant Arthur Majoor: (PDF; 181 kB), The Army Doctrine and Training Bulletin Band 6, Nr. 3, Herbst/Winter 2003, S. 53 Fußnote 16 verweist darauf, dass in der Wissenschaft keine Einigkeit darüber herrscht, ob die Heilige Schaar die ersten Reihen des thebanischen Karrées gebildet hat oder von ihm losgelöst noch weiter links stand, um als Eliteeinheit die Flankenbewegung der Spartaner zu unterbinden. Es sprechen jedoch zwei Gründe dafür, dass die Heilige Schaar quasi die Spitze des Amboss bildete: Erstens war es üblich, die besten Kämpfer in den ersten Reihen zu platzieren, da nur diese in das unmittelbare Kampfgeschehen eingebunden waren. Auch im 4. Jh. v. Chr. bestanden die Hoplitenphalanxen hauptsächlich noch aus der Stadtmiliz, deren erste Reihen von der Aristokratie gestellt wurde, die sich Rüstung und Training leisten konnte und sich im Dienste ihrer Heimatstadt beweisen wollte (vgl. Schulz, Raimund: Geschichte des Antiken Griechenlandes. 3., akt. Aufl. Reclam Verlag 2022, S. 59ff.). Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass die Heilige Schaar diesen Ehrenplatz in der Phalanx geräumt hätte. Und zweitens ist es für die Massierung auf der Linken nicht sinnvoll, die besten Truppen quasi nur zum Flankenschutz abzustellen. Aufgrund jahrelanger Kampferfahrung stellte die Heilige Schar eine den besten Spartiaten gleichwertige Kampfeinheit dar. Seine restlichen Truppen stellte Epaminondas spiegelbildlich zu den spartanischen Verbündeten auf: gute Truppen im Zentrum, die schwächsten Einheiten auf der Rechten.
Nachdem sich die Heere bei Leuktra aufgestellt hatten, eröffneten die spartanischen Peltasten und Plänkler die Schlacht. Anschließend entwickelte sich ein Gefecht zwischen der spartanischen Reiterei und den böotischen Reitern. Kleombrotos hatte die spartanischen Reiter vor seine Front gestellt. Wie zu erwarten war, wurde die spartanische Reiterei vom Feld gedrängt, brachte aber bei ihrer Ausweichbewegung durch die schmalen Gassen zwischen den spartanischen Abteilungen die Phalanx in Unordnung,Vgl. Xen. Hell. 6.4.13. und die begonnene Flankierungsbewegung gerade auf dem spartanischen rechten Flügel wurde behindert.
Die thebanische Phalanx rückte mit dem linken Flügel vor und hielt das Zentrum und noch mehr den rechten Flügel gestaffelt zurück. Diese uneinheitliche Bewegung der böotischen Phalanx wurde von den Spartanern nicht erkannt, da der aufgewirbelte Staub der thebanischen Reiterei, die noch zwischen beiden Heeren stand, die Sicht beeinträchtigte. Als die Spartaner auf ihrem Flügel gerade das Ausfächern zur Umfassung der Thebaner ausführten, löste Pelopidas die Heilige Schar von ihrer Kolonne und attackierte die Spartaner frontal, um den Vorteil auszunutzen, dass die Spartaner noch nicht neu sortiert waren. Deren nunmehr in Teilen nur noch 6 Glieder hielten zwar dem ersten Aufprall stand,Vgl. Xen. Hell. 6.4.13. konnten aber nichts mehr den nachsetzenden 44 Gliedern des thebanischen Karrées entgegenhalten; sie wurden durch dieses quasi zweite Treffen vollständig überrannt und wichen bis in ihr Lager zurück. Als die Verbündeten sahen, dass die Spartaner geschlagen waren, überließen sie das Feld den Thebanern.Vgl. Xen. Hell. 6.4.14.
Die Niederlage war für die Spartaner verheerend: Bei dem Zusammenbruch des spartanischen Flügels wurden zwei spartanische Mora nahezu vollständig vernichtet: König Kleombrotos, sein Stellvertreter der Polemarchos Deinon, der Zeltgenosse des Königs Sphodrias und dessen Sohn Kleonymos, die Leibgarde des Königs und 400 Spartiaten – von 700 Vollbürgern Spartas – sowie 600 Neodamodeis und Periöken waren gefallen.Vgl. Xen. Hell. 6.4.14-15. Niemals zuvor war ein spartanischer König in einer Schlacht gegen andere Griechen umgekommen. Von Spartanern wie auch von den anderen Griechen wurde allgemein anerkannt, dass die beiden Königsdynastien Spartas auf Herakles zurückgingen und die Herakleiden galten als unverwundbar. Somit kam zu den für Sparta horrenden Menschenverlusten auch die Erschütterung ihres militärischen Prestiges hinzu.
Als Folge erkannten die übrigen Heerführer Spartas die Niederlage an, indem sie einen Herold zu den Thebanern schickten, um für die Herausgabe der Toten für die Bestattung zu bitten. Die Thebaner errichtete daraufhin ein Siegesmal.Vgl. Xen. Hell. 6.4.16.
Folgen der Schlacht Als in Sparta die Nachricht von der Niederlage eintraf, verboten die Ephoren den Frauen, Trauergesänge anzustimmen, um das Ausmaß der Katastrophe zu verheimlichen. Gleichzeitig wurde die gesamte restliche Armee aufgeboten inklusive älterer Jahrgänge, um ein Entsatzheer für die sich noch in Böotien befindlichen Truppen aufzustellen.Vgl. Xen. Hell. 6.4.17. Unter dem Kommando des Prinzen Archidamos rückten die Spartaner nach Korinth vor, wo sie sich mit den Bündnern des Peloponnesischen Bundes vereinigten und Seestreitkräfte bemannten, um entweder zu Lande oder über den Golf von Korinth in Böotien einzufallen.Vgl. Xen. Hell. 6.4.18.