miniatur|Schloss Paternion um 1915 Die Herrschaft Paternion, auch Freyherrschaft Paternian bzw. Landgericht Paternion, war ein historisches Territorium in Paternion im Bezirk Villach-Land in Kärnten, aus dem 1848 das Gut Paternion hervorging. Vom 17. Jahrhundert an war Paternion ein bevorzugter Holzlieferant der Venezianischen Republik und ihrer Flotte.
Das Gut ist heute einer der größten österreichischen Forstbetriebe (8.800 ha); es liegt in den nordöstlichen Gailtaler Alpen und reicht von den westlichen Randbezirken Villachs bis zu den Ufern des Weißensees.Gräfl. Foscari Widmann Rezzonico’sche Forstdirektion. Forstdirektion; Betrieb unter www.foscari.at abgerufen am 25. Mai 2017. Sitz der Herrschaft ist das Schloss Paternion. Besitzer sind die Foscari-Widmann-Rezzonico, eine Familie, die zum Patriziat von Venedig gehörte und Ende des 19. Jahrhunderts durch Einheirat das hiesige Erbe der Grafen Widmann-Rezzonico antrat.
Heutiger Umfang des Gutes Paternion miniatur|rechts|Schloss Paternion um 1688 (Valvasor) Die „Bauernbefreiung“ im Zuge der Revolution von 1848/49 im Kaisertum Österreich brachte keine revolutionäreren Veränderungen. Alle drei Schlösser, Paternion, Pöllan und Kreuzen, ausgedehnte Waldungen und ein sehr großer holzverarbeitender Betrieb blieben in der Familie, die seit 1629 die Geschicke der Gegend bestimmte.Steiner: Reisen ohne Wiederkehr. S. 31. In der Bevölkerung spricht man immer noch von der „Herrschaft“, wenn die Nachfahren der feudalen Obrigkeit gemeint sind. Das frühere Herrschaftsgebiet ist nahezu deckungsgleich mit dem Gemeindegebiet von Paternion und Stockenboi. Die Wälder des Gutes Paternion umfassen heute immer noch 8.800 ha, wovon rund 68 % Wirtschaftswald und 24 % Schutzwald sind.Steiner: Reisen ohne Wiederkehr. S. 31. Beim Wirtschafts-Baumbestand dominieren die Fichten (62 %), gefolgt von Lärchen (17 %) und Buchen (9 %) sowie Kiefern (8 %). Die Waldfläche liegt zu über 90 % in der mittel- (800–1100 m) und hochmontanen (1100–1400 m) Stufe; sie wird durch 350 km Forstwege erschlossen. 15 % der Holzernte können mit Traktor bzw. vollmechanisch eingebracht werden, 10 % bedürfen der händischen Anlieferung und 75 % der Holzmenge wird per Seilbahn zum Abtransport gebracht.
Geschichte Aus der karantanischen Zeit ab dem 7. Jahrhundert stammen die vielen Ortsnamen slawischer Herkunft wie Stoggewói, Pöllan oder Tragin. Um das Jahr 1000 gehörte das Gebiet zum Lurngau, aus dem sich ab 1135 die Grafschaft Ortenburg verselbständigte. 1518 wurden die Ämter (kleinere Verwaltungseinheiten) Feistritz und Stockenboi, die davor zum Landgericht Ortenburg gehörten, durch einen Kauf der Freiherrn von Dietrichstein von den Habsburgern zur Herrschaft „Paternian“ vereinigt.Steiner: Reisen ohne Wiederkehr. S. 32 f. 1519 erhielt die Herrschaft das Privileg des Bergrechts und unterstand nicht mehr dem Oberbergrichter von Kärnten. Von 1523 datiert die erst ausdrückliche Erwähnung als Herrschaft. 1530 wurde Paternion ein grundherrschaftlicher Markt, was den Herrschaftssitz deutlich aufwertete. 1592 kam auch das Amt Töplitsch dazu. 1655 erhielt die Herrschaft das Privileg des Blutbannes, womit alle Rechtsfälle bis hin zu jenen mit Todesstrafe vor Ort verhandelt werden konnten. Paternion wurde damit Landgericht mit eigenem Scharfrichter, Landrichter und Gerichtsschreiber, allesamt gänzlich abhängig vom lokalen Herrscher. Nur bei Berufungen kam der Landesfürst ins Spiel. Inhaber der Herrschaft bzw. des Gutes PaternionGustav Forstner: 450 Jahre Paternion. Paternion 1980. Herausgegeben vom Kärntner Bildungswerk, Herbert Dunkl. hier S. 98 f. Sowie www.foscari.at Possessores von – bis Jahre Grafen von Sternberg, hernach Ortenburg und Landesfürsten in Kärnten (erstere) 991-1269 278 Grafen von Sternberg et. Ortenburg 1269–1362 93 Grafen von Cilli 1362–1454 92 Friedrich III. und Maximillian I. röm. Kaiser von Habsburg, Landesfürsten in Kärnten und Erzherzoge von Österreich. 1454–1517 63 Die Viertaler, hernach von Aichelburg sind etliche Jahre pfandweise Inhaber des Amtes Stockenboy. Die von Feistritz sind etliche Jahre pfandweise Inhaber des Amtes Feistritz. Freiherren von Dietrichstein (erstes Jahr pfandweise) 1517–1586 68 von (aus) Bautzen 1586–1587 1 Freiherr von Khevenhüller, in Pfand 1587–1592 5 Freiherr von Khevenhüller, Kauf, auch von Amt Töplitsch 1592–1629 37 Hanns Paul / Giovanni Paolo I. von Widmann, Freyherr auf Sommeregg, gekauft 1629–1634 5 Martin / Martino II von Widmann Ab 1640 Grafen von Ortenburg, Freyherrn von Sommeregg und St. Paternion 1634–1672 38 Ludwig / Lodovico der I. von Widmann (Bruder v. Martino) 1672–1674 2 Franz / Francesco von Widmann (Sohn v. Giovanni Paolo I.) 1674–1675 1 Johann der II. von Widmann (Sohn v.Giovanni Paolo I., führte die Geschäfte in Venedig) 1675–1676 2 Ludwig / Lodovico der II. von Widmann (Sohn v.Giovanni Paolo I.) 1676–1691 15 Johann Paul / Giovanni Paolo von Widmann, Francescos Sohn 1691–1714 23 Anton / Antonio von Widmann, Abt und Propst, Clericho der Kammer, Perugia und Mazarolla, auch Francescos Sohn 1714–1738 24 Johann / Giovanni der III. von Widmann (Sohn v.Lodovico II) 1738–1740 2 Johann / Giovanni der IV. von Widmann 1740–1746 6 Ludwig / Lodovico der III. von Widmann 1746–1764 18 Johann / Giovanni der V. von Widmann des Ludwig Sohn 1764–1805 41 Ludwig / Lodovico Maria Gaspare von Widmann am Rückzug aus Moskau gefallen. Ab 1811 Grafen Widmann-Rezzonico. 1805–1813 8 Johann / Giovanni Abondo von Widmann-Rezzonico 1813–1878 65 , verh. mit Graf Foscari. Ab 1896 Grafen Foscari-Widmann-Rezzonico. 1878–1945 67 Paul, Ludwig, Adriano, Ferrigo und Giuliano Foscari-Widmann-Rezzonico seit 1945
Pfleger und Verwalter der Herrschaft PaternionForstner: 450 Jahre Paternion. S. 99 f. Name der Pfleger / Verwalter Jahre erwählt im Jahre , ersterer 16 1517 17 1533 , jüngerer 5 1550 13 1555 14 1568 1 1582 aus Bautzen 7 1583 3 1590 24 1593 von Arnoldstein 3 1617 , jüngerer 10 1620 2 1630 8 1632 , auch Hauptmann der Grafschaft Ortenburg 7 1640 28 1647 3 1675 auf Sagritz 6 1678 von Leitenau 21 1684 5 1705 von und zu Aineth des Hl.-Röm. Reiches Ritter, des Urbar Enkel, des Thomas Sohn, beide geweste Graf Widmannische Landrichter der Herrschaft Gegend zu Afritz. 23 1710 9 1733 31 1742 , Pfleger, Vogteiverwalter, Hammerwerksdirektor, Berggerichtsverwalter, ab 1802 bis zu seinem Tode am 4. Januar 1788 Pachtinhaber der Herrschaft. 41 1.10.1773 3 1814 , wird 1810 zweimal als Pflegsverweser genannt , genannt 1819, 1829 u. 15.10.1845 , Oberverweser und Montansequester 21 1848 , ohne Rangangabe, Vertreter der Herrschaft 12 1869 , Gutsverwalter, genannt ab 1881 übergibt am 20.11.1886 5 1881 , Gutsverwalter 17 1886 Ing. Forstrat h. c. 4 1890 , Dipl. Ing. Forstdirektor 38 1928 , Forstdirektor 28 1956 , Oberforstmeister, Dipl.-Ing. 12 1968 , Oberforstmeister, Dipl.-Ing. 34 2002 Martin Straubinger, Dipl.-Ing. seit 2002
1599 erwarb Bartholomäus (Bartlmä) Khevenhüller die Herrschaft Paternion. Er starb im Jahre 1613. Der Erbe Hans VI. Khevenhüller, Sohn aus dritter Ehe des Barthlme Khevenhüller, musste im Jahr 1629 aus Glaubensgründen Kärnten verlassen und die Herrschaft veräußern. Daraufhin kaufte der aus Villach stammende venezianische Kaufmann Hans Widmann das Schloss und die Herrschaft, die sich heute noch im Besitz seiner Nachkommen, der Foscari-Widmann-Rezzonico, befinden.
Im frühen 18. Jahrhundert war die Herrschaft St. Paternion eine Hochburg des Untergrund-Protestantismus. Nach Religionsunruhen in Salzburg bekannten sich immer mehr Menschen offen zum lutherischen Glauben, in unbetreuten Kirchen (etwa in Feistritz an der Drau) fanden alternative Gottesdienste statt.Steiner: Reisen ohne Wiederkehr. S. 196. Die Herrschaft ging daraufhin massiv gegen die „Ketzerei“ vor. Bekennende Protestanten landeten im Gefängnis, wurden zwangsrekrutiert und schließlich deportiert: In fünf Transporten wurden von 1734 bis 1736 insgesamt etwa 100 Menschen unter Militärbegleitung nach Siebenbürgen verbracht.Steiner: Reisen ohne Wiederkehr. S. 51. Die Deportationen lösten eine Fluchtwelle unter den zurückgebliebenen Protestanten aus. Trotz der Maßnahmen der Gegenreformation des 17. und 18. Jahrhunderts blieben viele protestantische Bewohner Paternions ihrem Glauben treu, so dass die Gemeinde Paternion auch heute noch mit rund 30 % einen vergleichsweise hohen Anteil von Einwohnern protestantischen Glaubens hat.
Das Landgericht Paternion, fast deckungsgleich mit der Herrschaft, wurde seit dem 17. Jh. im Nordosten vom Flusslauf der Drau, im Bereich zwischen Spittal an der Drau und Villach begrenzt. Die Südgrenze verläuft entlang der Linie Tschekelkofel und Bleiberg, die westliche auf der Höhe des Ostufers des Weißensees bei Mösel und im Norden beim Staff. Die 22 Ortschaften konzentrieren sich auf den nordöstlichen Teil, insbesondere im Drautal. Hier liegen die großen Orte Paternion und Feistritz, sowie Mautbrücke, Kamering, Aifersdorf, Pattendorf, Nikelsdorf, Duel, Pöllan, Pogöriach, Pobersach, Feffernitz, Kellerberg, Stadelbach und Töplitsch. Höher und im Stockenboi Graben liegen Stockenboi, Gassen, Unteralm, Egg, Hochegg, Hollernach, Ziebl, Unterberg, Zlan, Wiederschwing, Hammergraben, Tragail, Alberden, Liesing, Ried, Scharnitzen, Aichach, Tragin, Rubland, Unternberg, Drussnitz und Ebenwald. Weit hinten in den Gailtaler Alpen liegt Kreuzen, Weißenbach und Mösel.
Gewinn statt Schutz-und-Schirm miniatur|links|„Schloss“ als Wehrturm 12. Jh. erweitert ab 1587 Der Reichtum der Herrschaft Paternion lag früher im Bergbau. Seit dessen Unrentabilität ist es das Holz. Die Herrschaft ist ein Musterbeispiel für Ablöse des mittelalterlichen Wirtschaftens für den Eigenbedarf durch einen bürgerlich-städtischen auf hohen Gewinn ausgerichteten Kapitalismus.Steiner: Reisen ohne Wiederkehr. S. 34 f. Der Wandel der Herrschaft zum Wirtschaftsunternehmen verlief hier sehr erfolgreich, da das Herrschaftsgebiet sehr homogen war (85,5 % Direktbesitz), die Gerichtsbarkeit einen optimalen Zugriff auf die Untertanen ermöglichte, der Bergbau ein exportorientierter Sektor ist und der Handel im grundherrschaftlichen Markt frei von landesfürstlicher oder kirchlicher Einflussnahme war. Paternion war von Anfang an immer eine „Filiale“ der „Imperien“ zuerst der Dietrichsteiner, dann der Khevenhüller und später der Widmanns.
Das Ende der Schutz-und-Schirm-Vorstellungen wird insbesondere durch den Erwerb der Herrschaft durch den Handelsherrn Hanns Widmann 1629 deutlich, der als „Emporkömmling“ eines der ältesten und bedeutendsten Kärntner Adelsgeschlechter der Khevenhüller ablöste, das aufgrund des protestantischen Glaubens durch die Repressionen der Katholiken zum Verkauf gezwungen wurde. Neben standespolitischen Überlegungen wird für den Villacher Kaufmann, der in Venedig reich geworden war, auch die sichere Geldanlage gewesen sein, um sein Vermögen vor Inflation und landesfürstlichen Begierden zu schützen. 1640 wurde die Familie Widmann zu Grafen von Ortenburg, Freyherrn von Sommeregg und St. Paternion geadelt. Sie blieb mit Venedig verbunden, in dessen Umland sie im 18. Jahrhundert die Villa Widmann erwarb.