Die Schöneberger Müllverbrennungsanlage war die erste industrielle Müllverbrennungsanlage im Gebiet des heutigen Berlin. Sie entstand 1921 für den Berliner Bezirk Schöneberg, der erst ein Jahr zuvor eingemeindet worden war, und noch über einen eigenständigen Bezirksmüllbetrieb verfügte.

Geschichte Im Gegensatz zu den anderen Bezirken schafften die Schöneberger ihren Müll nicht nach außerhalb des Stadtgebiets, sondern versuchten diesen innerhalb Schönebergs zu entsorgen. Am Rande der damaligen Wohnbebauung auf der Roten Insel entstand eine Anlage, dort wo die Berliner Ringbahn den Königsweg (heute: Naumannstraße) schneidet. Auf der Anlage installierte das Münchener Unternehmen Vesuvio AG im Auftrag des Bezirksmüllbetriebs nacheinander mehrere moderne Lösungen der Müllentsorgung, die sich allerdings alle nicht dauerhaft durchsetzen konnten.Olaf Stellberger: Müllstandort Rote Insel in Schöneberg. 2003, S. 125.

Erste Versuche mit Müllverbrennung in Berlin reichen bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Allerdings liefen diese Anlagen, die nur experimentellen Maßstab hatten, nie erfolgreich. Der Bezirk Schöneberg hingegen errichtete direkt eine Anlage in industriellem Maßstab. Diese sollte helfen, Kosten zu sparen. Das moderne Verfahren sparte Transportwege, verringerte das Abfallvolumen und erlaubte darüber hinaus die energetische Nutzung von Müll. Allerdings lief die Anlage nie wie versprochen, musste immer wieder angehalten werden, und auch wenn sie lief, entsprachen die Resultate nicht den Wünschen der Auftraggeber. Der längste Zeitraum, in dem die Schöneberger Müllverbrennungsanlage durchgehend lief, war ein halbes Jahr von Oktober 1923 bis März 1924. Insgesamt war die Anlage von Oktober 1921 bis März 1924 in Betrieb, lief dabei aber nur an 279 Tagen, während sie den Rest der Zeit umgebaut oder repariert wurde.Olaf Stellberger: Müllstandort Rote Insel in Schöneberg. 2003, S. 127.

Problematisch waren dabei zahlreiche Konstruktionsfehler der Anlage, die ursprünglich nicht für die Verbrennung von Hausmüll entworfen worden war. Spezifisch problematisch für Berlin war zusätzlich der geringe Heizwert des Berliner Hausmülls. Die Braunkohle, die in Berlin überwiegend zur Feuerung verwandt wurde, verbrannte vollständig, sodass diese – anders als Steinkohle – keine brennbaren Stoffe mehr in den Hausmüll lieferte. So hatte beispielsweise in dieser Zeit der Londoner Müll einen Heizwert von 2900 cal/kg, der Berliner nur einen von 1000 cal/kg. Der Zusatz von Steinkohle und der Einsatz großer Gebläse zur besseren Verbrennung führten dazu, dass größere Mengen Kohlestaub direkt aus dem Schornstein geblasen und die gesamte Umgebung der Anlage mit einer Schicht aus Kohlestaub überzogen wurde.Olaf Stellberger: Müllstandort Rote Insel in Schöneberg. 2003, S. 128.

Deshalb verbrannte die Anlage bereits ab 1925 keinen Müll mehr, sondern produzierte Müllwolle nach dem Verfahren des Berliner Ingenieurs Kurt Gerson. Dazu wurde am 4. Juni 1925 die Schöneberger Müllindustrie AG (MüAG) gegründet.Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 30. Ausgabe 1925, Band 2, S. 4460.Gerson ist weder als Miteigentümer noch als Manager dieses Unternehmens nachweisbar. Die Verwertungsrechte für ein (anderes?) von ihm entwickeltes patentiertes Verfahren erwarb Adolf Sommerfeld, der auf dieser Grundlage im Oktober 1924 das Unternehmen Müllverwertung AG gründete, das von Gerson als Alleinvorstand geleitet wurde. Ob diese beiden Unternehmen in direkter Konkurrenz zueinenader standen, ist unklar. Auch das Müllwoll-Experiment dauerte nur wenige Jahre, der Standort blieb erhalten, seine Nutzung veränderte sich aber vielfach. In einer Karte der Reichsbahndirektion Berlin aus dem Jahr 1927 ist ein Gleisanschluss zu diesem Grundstück verzeichnet, der mit Schöneberger Müllind. AG benannt ist.Gleisanschluss zur Schöneberger Müllindustrie AG Streckennetzkarte der Reichsbahndirektion Berlin aus dem Jahr 1927 auf www.blocksignal.de, abgerufen am 11. Februar 2021. Die Liquidation des Unternehmens wurde auf der Generalversammlung vom 7. März 1932 beschlossenHandbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 37. Ausgabe 1932, Band 3, S. 5056.Die dort genannten Aufsichtsratsmitglieder legen die Vermutung nahe, dass das Unternehmen überwiegend oder vollständig in kommunalem Eigentum stand., seine Aufgaben wurden von der Berliner Müllabfuhr-AG (BEMAG) übernommen.Chronik der Berliner Müllentsorgung und Straßenreinigung auf neu.saubere-zeiten.berlin, abgerufen am 11. Februar 2021.

In den 1930er Jahren ließ ein Mitglied der NSDAP aus dem Müll Faserplatten fertigen. Die Belastung der Umwelt durch das Produktionsverfahren verschärfte sich gegenüber den Müllverbrennungszeiten noch einmal deutlich.Olaf Stellberger: Müllstandort Rote Insel in Schöneberg. 2003, S. 137.

Heute befindet sich auf dem Grundstück an der Ecke Tempelhofer Weg / Naumannstraße, das direkt gegenüber der Hauptzufahrt zum Fernbahnhof Berlin Südkreuz liegt, ein Recyclinghof der Berliner Stadtreinigungsbetriebe. Dieser Standort soll allerdings geschlossen werden.BSR gibt Recyclinghof am Südkreuz ersatzlos auf. In: Berliner Woche. 18. Januar 2018, abgerufen am 13. Februar 2021.

Literatur Ernst Goger: Die Müllverbrennungs-Anlage in Berlin-Schöneberg. Ein Rückblick und ein Ausblick. 1924. smög TU Berlin (Autorenkollektiv): „Der Müll muß doch heraus aus Berlin!“ In: WerkstattGeschichte, 1. Jahrgang 1992, Heft 3 (Themenheft Umweltgeschichte), S. 16–26, insbesondere S. 18 f. (Artikel online als PDF-Dokument, ca. 6,2 MB) Olaf Stellberger: Müllstandort Rote Insel in Schöneberg. Experimentierfeld der Müll-Moderne. In: Susanne Köstering, Renate Rüb (Hrsg.): Müll von gestern? Eine umweltgeschichtliche Erkundung in Berlin und Brandenburg. (= Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Band 20.) Waxmann Verlag, Münster u. a. 2003, ISBN 3-8309-1258-7.

Einzelnachweise

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