mini|hochkant|Friedrich Justin Bertuch, Gemälde von Johann Friedrich August Tischbein, 1796, Gleimhaus Halberstadt Friedrich Johann Justin Bertuch (* 30. September 1747 in WeimarTaufbuch der Stadtkirche Weimar, Jg. 1747, Fol. 227b, Nr. 112 (laut Steiner u. Kühn-Stillmark 2001, S. 245 Anm. 1).; † 3. April 1822 ebendaTodesanzeige in Weimarisches Wochenblatt vom 5. April 1822, S. 144.) war ein bedeutender Handelsunternehmer und Verleger im klassischen Weimar.
Herkunftsfamilie Der Vater Justinus Bertuch (* 6. März 1718) war Garnisonsarzt in Weimar, Sohn eines Justin Bertuch (1677‒1718), der Pfarrer in Buttelstedt bei Weimar war. Er stammte aus der Familie Bertuch in Tennstedt, der auch der seinerzeit bekannte Rektor von Schulpforta Justin Bertuch (1564‒1626) entstammte.Vgl. Deutsches Geschlechterbuch 1975, S. 200‒212.
Die Mutter Christiana Rosina Maria geb. Burger (* 12. August 1713laut Deutsches Geschlechterbuch 1975, S. 201.) war die älteste Tochter von Johann Ehrenfried Burger (auch: Bürger; * etwa 1686, † 15. Dezember 1755Todesmitteilung in Wöchentliche Weimarische Anzeigen vom 20. Dezember 1755, S. 151.). BurgerZum Studium in Jena eingeschrieben als „Joh. Ehrenfried Burger“ aus Kapellendorf am 13. Oktober 1699 und am 26. Juni 1700 (Matrikel der Universität 1696‒1723, S. 20r und S. 24v). war Registrator in der Geheimen Rats-Kanzlei;Weimarische Anzeigen vom 5. April 1755, S. 2. von 1737 bis 1745 übte er auch das Wahlamt eines Stadtrichters aus.W. Huschke: Die Ratslisten der Stadt Weimar von 1348 bis 1810. 1986. ISBN 3-7686-4114-7, S. 76. Ihre Mutter war Dorothea Rosina geb. Kromeyer (1691‒1750), Tochter des Fürstlich Sächsischen Landschaftskommissars Ernst Kromeyer.
Christiana Rosina heiratete in erster Ehe 1741 den Weimarer Garnisonsarzt Johann Georg Slevogt, Sohn des Juristen Johann Philipp Slevogt (1649–1727); ihr Ehemann starb 1742. Am 3. November 1746 heiratete sie seinen Amtsnachfolger Bertuch. Auch diese Ehe fand ein unerwartetes frühes Ende: Der Vater des vierjährigen Friedrich Justin starb am 14. Juni 1752 in der Folge eines Blutsturzes.Angaben zu den Eltern soweit weitgehend nach Steiner u. Kühn-Stillmark 2001, S. 14‒16, 245f. (Anm.) und 300 (Stammtafel).
Fünf Jahre späteram 3. Juli 1757 in Mellingen (laut Friedrich Meinhof: Pfarrerbuch Band 8: Großherzogtum Sachsen (-Weimar-Eisenach) Landesteil Weimar mit Jena und Neustadt/Orla (Neustädter Kreis). Entwurf, Stand vom 07.10.2017, S. 414: Nr. 1509 Hänsche.) heiratete Friedrich Justins Mutter den jungen Geistlichen Johann Gottlieb Hänsche (auch: Hensche; * 2. März 1724). HänscheZum Studium in Jena eingeschrieben als „Gottlieb Hänsche“ aus Buttelstedt am 5. Oktober 1743 (Matrikel der Universität 1739‒1764, S. 38r). war zunächst Collaborator an der Garnisonskirche in Weimar.Wöchentliche Weimarische Anzeigen vom 19. Juli 1755, S. 61. Im Jahr 1757 wurde der Pfarrer Carl Christoph Günther, Amtsinhaber des Pfarrbezirks Cospedaauch Cosseroda und Cosweda genannt; sein später prominenter Sohn Wilhelm Christoph Günther wurde 1755 dort geboren. bei Jena (zu dem auch die Filialen Closewitz und Lützeroda gehörten), nach Mattstedt versetzt.Vgl. G. A. v. Wette: Evangelisches Jena. Jena 1756, S. 404f. sowie Hochfürstlich-Sachsen-Weimar- und Eisenachischer Hof- und Addreß-Calender auf das Jahr 1757, Jena, und […] auf das Jahr 1758, S. 46. Hänsche wurde sein Nachfolger in Cospeda.Vgl. Hochfürstlich-Sachsen-Weimar- und Eisenachischer Hof- und Addreß-Calender auf das Jahr 1757, Weimar, und […] auf das Jahr 1758, S. 52. In dem dörflichen Pfarrhaus hatte Friedrich Justin einige unbeschwerte Jahre. Der Stiefvater starb jedoch überraschend am 2. Juni 1762, und am 11. November des Jahres starb auch die Mutter. Weimarische wöchentliche Anzeigen vom 5. Juni 1762, S. 89, und vom 13. November, S. 183. Der verwaiste Friedrich Justin, soeben 15 Jahre alt, fand Aufnahme in der Familie seines „Onkels“ Gottfried Matthias Ludwig Schrön (1733–1811) in Weimar. Das genaue Verwandtschaftsverhältnis ist nicht gesichert; vermutlich war seine Ehefrau Friederika Dorothea Sabina geb. Burger (1722‒1787Beigesetzt am 20. April 1787 (Weimarische Wöchentliche Anzeigen vom 21. April 1787, S. 127).) eine Schwester von Friedrich Justins Mutter.
Leben Bertuch besuchte das Weimarer Wilhelm-Ernst-Gymnasium bis April 1767Weimarische Wöchentliche Anzeigen vom 19. April 1767, S. 133. und studierte dannEingeschrieben als „Fr. J. Just Bertuch“ am 3. März 1767 (Matrikel der Universität Jena 1764‒1801, S. 21v). bis 1769 an der Landesuniversität in Jena erst Theologie und dann Rechtswissenschaft. Sein Hauptinteresse galt jedoch der Literatur und der Naturgeschichte.
1769 bot der Freiherr Ludwig Heinrich Bachofen von Echt dem 22-Jährigen an, auf dem Rittergut Dobitschen bei Altenburg als Hoflehrer die Söhne Bachofen von Echts zu unterrichten. Bertuch brach ohne Zögern sein Studium ab und übernahm Ende 1769 die Hauslehrerstelle.Vgl. Steiner u. Kühn-Stillmark 2001, S. 20ff. Er lernte seinerseits von seinem Arbeitgeber, der Gesandter in Spanien war, die spanische Sprache, übersetzte die apokryphe Fassung des zweiten Teils des Don Quichote von Alonso Fernández de Avellaneda ins Deutsche. Caspar Fritsch aus Leipzig verlegte die Übersetzung in den Jahren 1775 bis 1777. Erfolg versprachen auch seine Übersetzungen englischer und französischer Literatur. Versorgt mit Veröffentlichungen aus dem frankophonen Raum wurde er insbesondere durch die Straßburger Verlagsbuchhandlung Bauer, Treuttel & WürtzAnnika Haß: Europäischer Buchmarkt und Gelehrtenrepublik: Die transnationale Verlagsbuchhandlung Treuttel & Würtz, 1750–1850. Heidelberg University Publishing 2023, ISBN 978-3-96822-073-4. (PDF).
mini|hochkant|Friedrich Justin Bertuch 1778 mini|Das einstige Wilhelm-Ernst-Gymnasium Weimar (2003 vor der Sanierung) am Herderplatz, wo Friedrich Justin Bertuch Schüler war Aus gesundheitlichen Gründen kehrte Bertuch im Frühjahr 1773 nach Weimar zurück. Er pflegte als freier Schriftsteller Kontakte zum Hofkapellmeister Ernst Wilhelm Wolf und dessen Frau, der Tochter des Konzertmeisters Franz Benda, sowie zum Schauspielerehepaar Friederike und Abel Seyler, dem Schauspieler Konrad Ekhof und dem Gymnasialprofessor und Märchensammler Johann Karl August Musäus. Seinen Lebensunterhalt verdiente er bis 1796 als Verwalter der herzoglichen Privatfinanzen.
Bertuch konnte von 1782 bis 1786 am Teutschen Merkur mitarbeiten. Dessen Herausgeber Christoph Martin Wieland, Erzieher der Söhne der Weimarer Herzogin Anna Amalia, verschaffte ihm Zugang zum Weimarer Hof. Bertuchs Übersetzung des von der Herzogin bei Antoine Houdar de la Motte in Auftrag gegebenen Trauerspiels Ines de Castro aus dem Französischen fand große Beachtung.
1774 reichte Bertuch zusammen mit dem befreundeten Maler Georg Melchior Kraus in Weimar die Denkschrift Entwurf einer mit wenigen Mitteln hier zu errichtenden freien Zeichenschule ein. Auf diese Initiative hin wurde 1776 von Herzog Karl August in den Räumen des Roten Schlosses die sogenannte Fürstliche freie Zeichenschule Weimar gegründet, die nach Bertuchs Ideen eingerichtet und später von Johann Heinrich Meyer sowie ab 1788 von Johann Wolfgang von Goethe geleitet wurde. Bertuchs Ziel war es, allen Interessenten, gleich welchen sozialen Standes, die Möglichkeit zu bieten, ihre handwerkliche Kunstfertigkeit zu verbessern und ihre Talente auszubilden.
Bertuch wurde im September 1775 Geheimer Sekretär des HerzogsWeimarische Wöchentliche Anzeigen vom 20. September 1775, S. 305. und hatte dessen Schatull-Vermögen (Privatvermögen) zu betreuen. Er wurde im April 1776 zum Rat und im März 1785 zum Legationsrat ernannt.Weimarische Wöchentliche Anzeigen vom 27. April 1776, S. 137, und vom 12. März 1785, S. 81. Im Herbst 1796 schied er aus den herzoglichen Diensten aus.Steiner u. Kühn-Stillmark S. 59f. 1776 wurde er in die Weimarer Freimaurerloge Anna Amalia zu den drei Rosen aufgenommen.
Seine geschäftliche Tätigkeit war vielfältig. Er nahm 1777 den großen „Baumgarten“, den heutigen Weimarhallenpark, in Erbpacht und gestaltete ihn um; der Schwanseeteich im öffentlich zugänglichen Garten seines Anwesens wurde zu einer beliebten Eislauffläche. 1782 gründete er eine Fabrik für künstliche Blumen. Das Unternehmen wurde von seiner Ehefrau Caroline und ihrer Schwester AugusteJohanna Augusta Wilhelmine Slevo(i)gt, * 13. Juli 1752, † 27. Januar 1821 (Kirchenbuch von Schöngleina 1750, S. 69, laut Steiner u. Kühn-Stillmark 2001, S. 252f. Anm. 17; Weimarisches Wochenblatt vom 30. Januar 1821, S. 40). geleitet und hatte mit dem kunstgewerblichen Modeartikel in ganz Deutschland Erfolg. 1785 gründete er zusammen mit Christian Gottfried Schütz die äußerst erfolgreiche Allgemeine Literatur-Zeitung.Die aufwändige Ankündigung im September 1784 weckte sofort Interesse: Ankündigung einer allgemeinen Literatur-Zeitung, in Anzeiger des Teutschen Merkur September 1884, S. CXXXI‒CXLIII.Vgl. Steiner u. Kühn-Stillmark 2001, S. 90ff.; M. Mildenberger: Die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ ‒ der „heilige Anker“ der Alma mater Jenensis? In: Die Universität Jena. Tradition und Innovation um 1800. Stuttgart 2001. ISBN 3-515-07844-4, S. 197‒203.
miniatur|Bertuchhaus am Baumgarten, ehemals Wohn- u. Geschäftshaus von F. J. Bertuch, heute Sitz des Stadtmuseums Weimar Ab 1778 konnte Bertuch seine Werke selbst verlegen, nachdem er eine Schleifmühle zu einer Papier- und Farbenmühle hatte umbauen lassen – ein weiteres Beispiel für seine Weitsicht und sein kaufmännisches Talent. 1780 ließ er am Weimarer Baumgarten sein Haus errichten, in dem auch die Fabrik für Kunstblumen ihren Platz fand, in der auch Goethes spätere Frau Christiane Vulpius beschäftigt war.
Das Journal des Luxus und der Moden, das Bertuch seit 1786 herausgab, pries nicht nur Kunstblumen, sondern auch technische Neuerungen an, enthielt Lesestoff zur Unterhaltung und Belehrung und gilt als die erste Illustrierte Europas. Für den Plan eines Landes-Industrie-Comptoirs, das die Landesindustrie fördern, geschickte Arbeiter ausbilden und den Wohlstand steigern sollte, erhielt Bertuch 1791 das fürstliche Privileg. Er beschäftigte zeitweilig 400 bis 500 Personen, was etwa zehn Prozent der Weimarer Bevölkerung entsprach. Es gelang ihm damit, Drucker, Kartographen und Künstler unter einem Dach zu vereinigen. Die Entlohnung war überdurchschnittlich. Im Jahr 1792 wurde er zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.
1793 definierte Bertuch selbst diese Art Unternehmen in einem AufsatzUeber die Wichtigkeit der Landes-Industrie-Institute für Teutschland, im Journal des Luxus und der Moden, 8. Band, 1793, S. 409‒417 und 449‒462. öffentlich als „ein unfehlbares Mittel, die deutsche Industrie zu beleben und Nahrung und Wohlstand unter uns zu verbreiten“. Hier zeigte sich aufklärerisches Gedankengut, das auf die Marktwirtschaft praktisch angewendet wurde:
„Ich verstehe unter Landes-Industrie-Institut eine gemeinnützige öffentliche oder private Anstalt, die sichs zum einzigen Zwecke macht, theils die Natur-Reichthümer ihrer Provinz aufzusuchen und ihre Kultur zu befördern, theils den Kunstfleiß ihrer Einwohner zu beleben, zu leiten und zu vervollkommnen.“S. 417. […] „Am besten und für das Land am wohlthätigsten, werden alle dergleichen Unternehmungen durch kaufmännische Societäten oder sogenannte Actien-Gesellschaften, oder wenn ihr Objekt nicht so groß ist, blos durch einen thätigen und geschickten Privat-Mann gemacht.“S. 451.
Bertuch erlangte über die geforderte „Lokal-Nützlichkeit und Lokal-Wirksamkeit“ hinaus nationale und europäische Wirksamkeit. Zu dem Landes-Industrie-Comptoir zählten im Laufe der Zeit die schon früher errichtete Papier- und Farbenmühle, die Buchdruckerei, eine kartografische Abteilung (seit 1804 als „Geographisches Institut“ selbstständig) und vieles mehr. Ab 1796 war Bertuch außerdem kaufmännischer Direktor der Chalkographischen Gesellschaft zu Dessau.