mini|300px mini|Pannonien und das Jazygenland in der Spätantike. mini|Kaiser Antoninus Pius Kastell Szeged, das auch unter seinem antiken Namen Partiscum bekannt ist, war ein mutmaßliches römisches Hilfstruppenlager und vielleicht Bestandteil der Außenlinie in der westlichen Festungskette des dakischen Limes (limes Daciae), auf dem Gebiet der Stadt Szeged, Komitat Csongrád-Csanád, in Ungarn.

Lage Szeged, das erstmals von Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. als Partiscum erwähnt wurde, liegt in Südungarn und im südlichen Teil der Großen Ungarischen Tiefebene am Unterlauf der Theiß, die etwa 120 Kilometer südlich in Serbien/Vojvodina in die Donau mündet. An der östlichen Stadtgrenze mündet die Marosch (Mureș) in die Theiß. Die Marosch bildet hier auch die natürliche Grenze zu Rumänien. Die mitten im Barbaricum, auf dem Boden der sarmatischen Jazygen entdeckten römischen Baureste sind heute durch das Stadtzentrum überbaut. In der Antike führte eine von Westen kommende, wichtige Verkehrsverbindung nach Szeged und weiter über das Maroschtal bis nach Innerdakien.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 124. Ihren Ausgang nahm die Straßenverbindung vom Kastell Lugio/Florentiam. Diese Garnison überwachte zusammen mit der spätantiken befestigten Schiffslände Burgus contra Florentiam den pannonischen Donaulimes und den Grenzraum um die hier auf das römische Reichsgebiet treffenden Straße.András Mócsy: Die spätrömische Schiffslände in Contra Florentiam. In: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 223. Römische Siedlungsspuren konnten insbesondere am Westufer der Theiß unter der im Mittelalter errichteten Festung aufgedeckt werden.

Forschungsgeschichte Während der Abbrucharbeiten an der zuletzt unter der Kaiserin und Königin Maria Theresia restaurierten Szegediner FestungPál Lakatos: Funde der Römerzeit vom Gebiet der Szegediner Festung. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 1964-65. Szeged, 1966. S. 65–81; hier: S. 72. kam zwischen 1876 und 1883 eine Vielzahl von Spolien zu Tage, von denen ein kleiner Teil römischen Ursprungs war. Das durch den Ethnographen Cs. Sebestyén Károly (1876–1956) erstmals veröffentlichte FundmaterialPál Lakatos: Funde der Römerzeit vom Gebiet der Szegediner Festung. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 1964-65. Szeged, 1966. S. 65–81; hier: S. 65. ist nicht ausdrücklich militärischen Ursprungs und bezeugt insofern nur eine römisch geprägte Ansiedlung.

Während des Baus eines Kanals für die städtische Kanalisation könnte der verantwortliche Ingenieur István Kováts auf dem Areal der Festung 1877 jedoch Mauern des mutmaßlichen Kastells angeschnitten haben. Seinem Bericht legte er eine Skizze bei:

„Während der Ausschachtungsarbeiten kamen wir zu der Einsicht, dass dies schon die dritte Festung am selben Platz sein kann. Als Beweis dafür stehen die 15 Mauern, die unter dem Erdboden gefunden wurden, von denen zwei auch in der Zeichnung angegeben werden, und die parallel verlaufend 300 Meter voneinander entfernt sind; eine der Mauern liegt zwischen Festung und Rathaus und ist 150 Meter von der Festung entfernt. Die übrigen 13 Mauern verlaufen in verschiedene Richtungen.“Pál Lakatos: Funde der Römerzeit vom Gebiet der Szegediner Festung. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 1964-65. Szeged, 1966. S. 65–81; hier: S. 78.

Insbesondere die zuletzt genannte Mauer erregte das Aufsehen des Archäologen Pál Lakatos, da in diesem Bereich, das zum Beschussfeld der Festung gehörte, bis in das 19. Jahrhundert nicht einmal Bäume gepflanzt werden durften. Alte Pläne bewiesen, dass dort in der frühen Neuzeit auch niemals ein Gebäude gestanden hat. Doch die Stärke der beiden parallel verlaufenden Mauern, die in einer Tiefe von 5,70 bis 7,60 Metern gefunden wurden, ist mit drei Metern für ein Kastell der Prinzipatszeit außerordentlich stark. Zudem wäre ein Kastell, das mit einer Breite von 300 Metern fast die Dimensionen eines Legionslagers erreichen würde, an diesem Platz unverstellbar. Wozu diese Mauern gehörten, bleibt ohne moderne Grabungen unbekannt. Vielmehr mutmaßen Archäologen wie Dénes GablerDénes Gabler: Szeged – vielleicht Parthiscum. In: Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 127. die römische Militärstation im Bereich eines Burgpalastes der Árpádenzeit, der dort vor dem Bau der Großfestung an deren südlicher Umwehrung lag. In diesem Bereich wurden auch römische Fußbodenziegelchen in situ entdeckt (siehe hierzu weiter unten). Der kleine Burgpalast könnte Strukturen des Kastells aufgegriffen haben. Da das mutmaßliche Areal an der Ecke Vár-Straße und Deák-Ferenc-Straße heute überbaut ist, sind Nachforschungen jedoch unmöglich geworden.Pál Lakatos: Funde der Römerzeit vom Gebiet der Szegediner Festung. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 1964–65. Szeged, 1966. S. 65–81; hier: S. 80.

Das Areal der einstigen Szegediner Festung wurde bisher nicht systematisch untersucht. Aufgrund der mittelalterlichen, frühneuzeitlichen und modernen Überbauung sind auch keinerlei Spuren der römischen Befestigung oberirdisch erhalten geblieben.Doina Benaea: 2003. Die dichte Konzentration der Funde in dieser Zone deutet jedoch auf die Lage des mutmaßlichen Kastelles hin.Dénes Gabler: 3. Szeged – Vielleicht Parthiscum. In: Jenö Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976. Ein 1924 im südlichen Szegediner Stadtteil Alsóváros entdecktes alabasternes Reliefbruchstück könnte auch sekundär in nachrömischer Zeit dorthin gelangt sein.

Entwicklung Laut András Alföldi (1895–1981) gründeten die Römer während der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161) eine Garnison in Szeged, als Rom seine Position gegen die zwischen der Donau und den Karpaten lebenden Jazygen und ihre nordwestlichen Verbündeten, die germanischen Quaden, abgesichert hatte.Jan Filip (Hrsg.): Actes du VIIe Congrés International des Sciences Prehistoriques et Protohistoriques. Prag, 21–27 août 1966. Prag 1970, S. 1015. Wahrscheinlich sicherte ein Vertrag zwischen Römern und Jazygen die Errichtung einer Niederlassung.Pál Lakatos: Funde der Römerzeit vom Gebiet der Szegediner Festung. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 1964-65. Szeged, 1966. S. 65–81; hier: S. 76. In der Folge setzte der römische Reiseverkehr zwischen dem Kastell Dunaszekcső (Lugio)Bei . und Dakien ein.Edit B. Thomas, László Vértes: Archäologische Funde in Ungarn. Corvina-Verlag, Budapest 1956, S. 276. Auch nach Räumung der Provinz Dakien im Jahr 271 könnte diese Fernstraße bestanden haben. Darauf mag der erst während der Regierungszeit des Kaisers Valentinian I. (364–375) errichtete Ländeburgus Contra FlorentiamBei . bei Dunaszekcső hinweisen. Fundgut, das eine spätantike Siedlungskontinuität Szegeds beweisen würde, ist jedoch noch nicht zu Tage getreten.

Anfangs könnte das hier vermutete Kastell von einer Legionsvexillation belegt gewesen sein. Seit dem vom Kaiser Mark Aurel (161–180) diktierten Friedensvertrag von 175 befanden sich auch römische Beamte auf dem Territorium der stets unruhigen und aufsässigen Jazygen. Als Sicherheit für die Römer hatten die Jazygen laut den damaligen Vertragsbedingungen Geiseln zu stellen.Marcelo Tilman Schmitt: Die römische Außenpolitik des 2. Jahrhunderts n. Chr. Friedenssicherung oder Expansion? Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07106-7, S. 163.

In der modernen Forschung wird noch kontrovers diskutiert, ob die Römer unter Mark Aurel das gesamte Theißbecken besetzt haben, um dort zwei neue Provinzen (Sarmatia und Marcomannia) zu etablieren. Die stratigraphischen Untersuchungen des Archäologen Sándor Soproni (1926–1995) am in der Spätantike massiv ausgebauten Limes Sarmatiae, der sich seit damals um das Jazygengebiet legte, scheinen diese Annahme jedoch zu bestätigen. Soproni konnte auch feststellen, dass bereits unter Mark Aurel – zumindest partiell – Arbeiten im Bereich dieses Grenzwalls stattgefunden haben. Fest steht weiter, dass das Jazygen-Gebiet von nun an als militärische Pufferzone die Donaugrenze zu Pannonien entlasten sollte. Für den Sieg über die Sarmaten erhielten Mark Aurel und sein Sohn Commodus noch im Herbst des Jahres 175 den Ehrentitel Sarmaticus (Maximus). Einschlägige Funde lassen vermuteten, dass Attila oder Bleda hier in der Spätantike vorübergehend ihre Residenzen aufschlugen (siehe auch weiter unten).

Funktion Spätestens mit der Errichtung der römischen Provinz Dacia nach dem zweiten Dakerkrieg (105–106 n. Chr.) gelangte die direkte Straßenverbindung von Pannonien über Szeged nach Dakien für Rom zu einer noch höheren Bedeutung. Auf ihrer Trasse konnten Transporte und Truppenkontingente rasch verschoben werden, ohne den weiten Umweg entlang der Donau nehmen zu müssen. Zudem konnte in Szeged, an dem die aus Siebenbürgen kommende Marosch/Mureș (lat.: Marisus) in die Theiß und letztendlich in die Donau floss, auch der Schiffsverkehr an prominenter Stelle kontrolliert werden. Der vielleicht später hier stationierten Auxiliarkohorte oblag auch die Überwachung und Sicherung der Straßenverbindung nach Micia, die am südlichen Ufer der Mureș in Richtung Südosten verlief.

Auf den bei Partiscum zusammenlaufenden Wasser- und Landwegen wurden vor allem Salz, Gold und Holz befördert. Die Funktion des antiken Partiscum als wichtiger Handelsplatz wird auch durch den Weihestein eines römischen Beamten für Straßenangelegenheiten verdeutlicht,Inscriptiones Daciae Romanae . der weiter unten näher beschrieben wird. Die Inschrift zeigt, dass Partiscum wohl auch eine Etappe für das staatliche Kurierdienstwesen – den Cursus publicus – gewesen sein muss.

Szeged lag nach dem Ausbau des Limes Sarmatiae fast genau in der Mitte dieser sich zwischen Donau und Großer Tiefebene erstreckenden Region. Die Grenzanlagen zeugen von dem jahrhundertelangen römischen Versuch, die nur schwer unter Kontrolle zu haltenden Jazygen in den Griff zu bekommen. Dazu sollten auch militärische Außenposten entlang des Limes Sarmatiae dienen. Neben der grenznahen, unvollendeten valentinianischen Großfestung Göd-Bócsaújtelep,Bei . die am Beginn des nördlichen Abschnitts des sarmatischen Limes stehen sollte, ist gleichzeitig rund zwei Tagesmärschen (40 römische Meilen) östlich der DonauZsolt Mráv: Hatvan-Gombospuszta fortlet. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 207–209; hier S. 207. und des Großkastells mit dem Bau des Burgus Hatvan-Gombospuszta begonnen worden.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 85. Ebenfalls während dieser Ausbauphase entstand der Ländeburgus BácsBei . im Süden der Tiefebene.

Wichtige Funde Die Forschungsergebnisse machten deutlich, dass die in der frühneuzeitlichen Festung gemachten römischen Funde keine Verbindung zu jazygischem Material zeigten.

Votivaltar Szeged war seit dem Mittelalter eine strategisch wichtige Grenzfestung, die jedoch nach Abklingen der für Ungarn verheerenden Türkenkriege ab 1686 immer mehr an Bedeutung verlor. Mit dem Abbruches der Festung kamen mehrere römische Funde ans Tageslicht, so unter anderem ein als Spolie verbauter Votivaltar, der als Dedikanten einen Praefectus vehiculationis (Oberaufseher für das Straßenwesen) nennt:

[…] cond(uctoris) p(ublici) p(ortorii) et praef(ecti) ve]hicul[o] rum Mercato(r) vili(cus) v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito)

Der für die sekundäre Verwendung stark zurechtgehauene Stein soll laut Alföldi während der Herrschaft des Kaisers Antoninus Pius (138–161) entstanden sein.Pál Lakatos: Funde der Römerzeit vom Gebiet der Szegediner Festung. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 1964-65. Szeged, 1966. S. 65–81; hier: S. 66.

Ziegelstempel