Dietrich oder Theodor von Weyer (auch: Weier, Wyer, Wier, Wierus) (* um 1540/42 in Grave an der Maas; † 8. Juni 1604 vermutlich in Heppenheim an der Wiese) war ein niederländisch-deutscher Jurist, kurfürstlicher Rat sowie Gesandter und Truppen-Inspekteur der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen. Er war ein entschiedener Parteigänger Wilhelms I. von Oranien im Achtzigjährigen Krieg und wurde mehrfach der Korruption verdächtigt.
Leben Dietrich Weyer war der Sohn des Arztes und Gegners der Hexenverfolgung Johann Weyer (1516–1588) und dessen erster Frau Judith Wintgens († 1572). Sein Vater war ab 1545 Stadtarzt in Arnheim und wurde 1550 als Leibarzt an den Klever Hof berufen.
Studium Dietrich Weyer studierte 1559Eine angebliche Immatrikulation in Köln am 18. Mai 1556 findet sich nicht in der Matrikel, sondern beruht auf einem Lesefehler der späteren Einschreibung; vgl. Lotte Kosthorst: Gelehrte Mediziner am Niederrhein. Das Italienstudium der Ärzte am Hof Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg (1539–1592). In: Kaspar Gubler, Rainer Christoph Schwinges (Hrsg.): Gelehrte Lebenswelten im 15. und 16. Jahrhundert. (RAG. Forschungen 2), Hochschulverlag, Zürich 2018, S. 129–156, bes. S. 150 Anm. 155. zusammen mit seinem Bruder Heinrich (um 1545–1591), dem späteren Leibarzt der Trierer Kurfürsten Jakob III. von Eltz (1510–1581) und Johann von Schönenberg (1525–1599), an der neugegründeten Académie de Genève (immatrikuliert als Theodorus Wierus Clivanus). 1560 hörten beide Brüder den Gräzisten Adrien Turnèbe (1512–1565) am Collegium Trilingue in Paris. In Bourges wohnte Dietrich Weyer im Haus des Professors für Rechtswissenschaft Hugo Donellus (1527–1591),Vgl. die Widmung an Dietrich Weyer in Hugo Donellus: Ad legem Ivstiniani, De sententijs quae pro eo, quod interest, proferuntur siue, de eo, quod interest, Liber, 2. Aufl. Nikolaus Basse / Matthäus Harnisch, Frankfurt am Main / Neustadt an der Haardt 1574.Peter Arnold Heuser: Zur Bedeutung der Vor- und Nachkarrieren von Reichskammergerichts-Juristen des 16. Jahrhunderts für das Studium ihrer Rechtsauffassungen Eine Fallstudie. In: Albrecht Cordes (Hrsg.): Juristische Argumentation, Argumente der Juristen. (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich 49). Böhlau, Köln Weimar 2006, S. 153–218, bes. S. 204 Anm. 115 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau) anschließend wechselte er nach Orléans. 1561 schrieb er sich als Theodoricus Wierius Clivensis in Padua ein, wechselte später nach Bologna. Am 17. Mai 1564 wurde er in Pisa als Theodorus Wierus Sicamber, f[ilius] Joannis doctor zum Dr. jur. utr. promoviert.Vgl. Fritz Weigle: Deutsche Studenten in Pisa. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 39 (1959), S. 173–221, bes. S. 220. Als promovierter Jurist schrieb er sich 1566 an der Universität Köln ein.
Von Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg (1516–1592) und dem Münsteraner Bischof Bernhard von Raesfeld (1508–1574; reg. 1557–1566) wurde er als Assessor am Reichskammergericht nominiert. 1566 versuchte Dietrich Weyer mit Unterstützung des Statthalters Charles de Brimeu (* um 1525; † 1572), Graf von Meghen,Seit 1559 Statthalter von Gelderland. Nachfolger von Jheronimus Lettin († 1566) als Rat am Hof von Geldern in Arnheim zu werden. Da seine Eltern jedoch der lutherischen Ketzerei verdächtig waren, scheitert die Bewerbung, obwohl er offenbar bereit war, einen Eid auf den katholischen Glauben abzulegen.Vgl. Gelders Archief Arnheim (Brieven uit en aan het Hof, Nr. 1966 und 1986)Brief von Kanzler Adrian Marius Everard († 1568) und Räten des Hofes von Gelderland an Statthalterin Margarethe von Parma vom 11. Oktober 1566. In: Isaak Anne Nijhoff: Onuitgegeven Stukken. In: Bijdragen voor vaderlandsche geschiedenis en oudheidkunde 6 (1848), S. 264–270, bes. S. 266–270. Jheronimus Lettin wurde schließlich am 2. August 1567 durch Willem van Gent († 1603) aus Nijmegen ersetzt.Isaak Anne Nijhoff: Onuitgegeven Stukken. In: Bijdragen voor vaderlandsche geschiedenis en oudheidkunde 6 (1848), S. 264–270, bes. S. 266 Anm. 2 (Google-Books).
1568 korrespondierte Dietrich Weyer mit Graf Wilhelm IV. von dem Bergh-’s-Heerenberg (1537–1586).Brief vom 22. Februar 1568 aus Köln; Archief Huis Bergh (Regest Nr. 5927).
Pfalz-Zweibrücken 1568 trat Weyer als Rat für auswärtige Geschäfte in den Dienst Herzog Wolfgangs von Pfalz-Zweibrücken (1526–1569). Durch die Zusicherung der Vermittlung eines Kredites von angeblich 240.000 Gulden, von denen sein eigener Vater 2.000 Gulden beitragen wollte,Vgl. Johann Heinrich Bachmann: Herzog Wolfgangs zu Zweybrüken Kriegs-Verrichtungen gröstentheils aus Archivial-Nachrichten beschrieben, Akademische Schriften, Mannheim 1769, S. 25–31 und 53f (Google-Books). half er dem hugenottischen Gesandten Gervais le Barbier (Gervasius Barberius), Sieur de Francourt (um 1512–1572) dabei, Herzog Wolfgang zum Abschluss eines Unterstützungs-Vertrages mit Louis I. de Bourbon, prince de Condé (1530–1569), zu bewegen.Vgl. Friedrich Wilhelm Ebeling: Archivalische Beiträge zur Geschichte Frankreichs unter Carl IX., Im. Tr. Wöller, Leipzig 1872, S. 246f (Google-Books). Die Prinzen von Condé waren Anführer der Protestanten während der Hugenottenkriege. Der Vertrag wurde am 18. September 1568 in Zweibrücken abgeschlossen und am 29. Oktober mit einem Notariatsinstrument versehen. Herzog Wolfgang verpflichtete sich, 17.000 Soldaten auszurüsten.
Die von Weyer zugesicherte Summe, für die die Straßburger Bankiers Ingold,Hans und Georg d. Ä. Ingolt. Wolff, Prechter,Vermutlich die Erben des Wilhelm (von) Prechter († 1563). Wicker und Israel Minckel (um 1525–1569) unter der Bürgschaft von Georg Olbrecht (1500–1569) einstehen sollten, scheint ausgeblieben zu sein. Am 11. Oktober appellierte ein Abgesandter Herzog Wolfgangs (Weyer?) vergeblich an den Straßburger Rat, ein 5-%-Darlehen über 20.000 Gulden zu gewähren.Vgl. Alkuin Holländer: Wilhelm von Oranien und Straßburg 1568 und 1569. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 60 (1906), S. 50–98, bes. S. 59f. Am 21. Oktober verbürgten sich in Straßburg schließlich African d'Haussonville († 1603), Olry du Châtelet († 1569) und Claude Antoine de Vienne (1534–1588), seigneur de Clervant et de Coppet,Seine Tochter Louise de Vienne Clervant war mit Dietrich (Dietz; Thierry) von Schönberg (Schomberg) († 1590) verheiratet, der 1569 auf Seite der Hugenotten kämpfte und von Zweibrücken mit Gütern in Bischwiller belehnt war; Archives Tronchin du Musée historique de la Réformation in der Bibliothèque de Genève (Arch. Tronchin 3/62, f. 171). für die Kosten einzustehen.
Vermutlich gehörte Dietrich Weyer zu den protestantischen Gesandten, die nach der Hinrichtung der Grafen Lamoral von Egmond und Philippe de Montmorency, Graf von Horn, im Anschluss an den rheinischen Kurfürstentag in Bacharach Ende Juli 1568 zu Kaiser Maximilian II. (1527–1576) nach Wien geschickt wurden, um Unterstützung für die Niederlande zu erwirken.Vgl. Winfried Dotzauer: Die deutschen Reichskreise (1383–1806). Steiner, Stuttgart 1998, S. 412. Weyers Anwesenheit in Wien im August 1568 ist durch einen Brief seines Vaters belegt.Brief von Johann Weyer an Wilhelm IV.von dem Bergh-’s-Heerenberg vom 25. August o. J.; Archief Huis Bergh (Regest Nr. 5971). In dem Brief wird die Selbstverletzung von Antoine II. de Lalaing (1530–1568), Comte de Hoogstraten, in „Bensburch“ – noch vor der Schlacht bei Geldenaken – durch einen Schuss in die linke Hand erwähnt, deren Folgen der Comte am 12. Dezember 1568 erliegen sollte.
Der Prinz von Condé und Herzog Wolfgang starben im folgenden Jahr 1569 auf dem Feldzug in Frankreich, an dem sich auch Wilhelm von Oranien (1533–1584) mit 1.200 Reitern beteiligte.
Am 4. Juni 1569 befand sich Weyer in Plymouth und bedankte sich bei Staatssekretär William Cecil (1521–1598) brieflich für die englische Unterstützung.Vgl. auch die Berichte des englischen Diplomaten Henry Killegrew (um 1528–1603) an William Cecil vom 12., 17. und 31. Mai 1569; Elizabeth: May 1569. In: Calendar of State Papers Foreign, Elizabeth 9 (1874), S. 67–82 (British History Online). Weyer soll jedoch nach Erhalt der Nachricht vom Tod Herzog Wolfgangs († 11. Juni 1569) eine Geldsumme, die er von Königin Elisabeth I. (1533–1603) für den Feldzug erhalten hatte, nur teilweise in La Rochelle an Admiral Gaspard II. de Coligny (1519–1572) abgeliefert haben.Vgl. Franz Dominikus Häberlin: Neueste teutsche Reichs-Geschichte, Vom Anfange des Schmalkaldischen Krieges bis auf unsere Zeiten, Bd. VIII, Johann Jakob Gebauer, Halle 1779, S. 4f (Google-Books). Zu der Unterstützungssumme, die Weyer mit sich führte, gehörte auch ein Betrag in Höhe von 6000 Crowns (coronati), den Johannes Sturm (1507–1589) aus eigenen Mitteln in England zur Verfügung stellte.Vgl. Brief von Johannes Sturm an Théodore de Bèze vom 29. Juni 1584 aus Nordheim; Gotha Forschungsbibliothek (Cod. A 405, Blätter 540–563), abgedruckt in: Théodore de Bèze: Correspondance, Bd. XXV 1584. Librairie Droz, Genf 2003, Nr. 1681, S. 121–150, bes. S. 125f und 143f (Google-Books und Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Noch vor der Bartholomäusnacht fand eine Zusammenkunft von Claude Antoine, dem Herrn von Clervant, Doktor Weyer und dem Genfer Bankier BalbiniVermutlich ist Manfred Balbani (1544–1624) gemeint. mit Sturm statt, auf dem die Rückzahlung versprochen wurde.
Bergh-s'Heerenberg Anfang der 1570er Jahre stand Dietrich Weyer im Dienst von Wilhelm IV. von dem Bergh-’s-Heerenberg,Vgl. Archief Huis Bergh (Regest Nr. 5777, vgl. Nr. 5927). der die Kritik Johann Weyers an der Hexenverfolgung teilte.Vgl. Johann Weyer: De praestigiis daemonum et incantationibus ac veneficiis, 2. Aufl. Johann Oporinus Nachfolger, Basel 1577, S. 717f (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Im Auftrag Wilhelms IV. kümmerte er sich 1570 um die Ausrüstung von Truppen, die Wilhelm von Oranien bei Niedermörmter gesammelt hatte. Die Waffen wurden von dem Kölner Kaufmann Philipp Palm„Philippus Palm Coloniensis“ wurde 1551/52 immatrikuliert in Wittenberg, 1553 in Basel. geliefert.Vgl. Brief von Dietrich Weyer aus Kleve an Wilhelm IV. von dem Bergh-’s-Heerenberg vom 1. Mai und Notariatsinstrument vom 17. Mai 1570; Archief Huis Bergh (Regesten, Nr. 3133 und 6011, vgl. Nr. 3132 und 3169); Gertrud Susanna Gramulla: Handelsbeziehungen Kölner Kaufleute zwischen 1500 und 1650. (Forschungen zur internationalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 4). Böhlau, Köln 1972, S. 136. In Worms trug er sich in das Stammbuch des kurpfälzischen Leibarztes Joachim Strupp ein.Eintrag vom 14. November 1570; Abschrift des Stammbuches von Joachim Strupp, 1578; Universitätsbibliothek Heidelberg (Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 1884, Bl. 54v) (Digitalisat der Universitätsbibliothek Heidelberg).
1571 bestätigte Weyer die Verpfändung einer Sammlung von Juwelen der Gräfin Maria von dem Bergh (1539–1599), der Frau Wilhelms IV., im Namen ihres Bruders Graf Johann VI. von Nassau (1536–1606) für 1000 Reichstaler an den Kölner Goldschmied Wilhelm KaaffWilhelm Kaff d. J. wurde 1565 Mitglied der Zunft der Goldschmiede., Bürger von Köln.Rijksarchief Gelderland Arnheim (0214 Huis Bergh, Regesten Nr. 3154)