Tennō (japanisch „Himmlischer Herrscher“), eingedeutscht Tenno, ist ein japanischer Herrscher- und Adelstitel, der im Deutschen oft mit „Kaiser“ übersetzt wird, sowie in loserer Verwendung auch die Bezeichnung für das dynastische Geschlecht, das in Japan diesen Titel trägt. Derzeit ist Naruhito unter der Regierungsdevise (japanisch Nengō) Reiwa („schöne Harmonie“) der amtierende 126. Tennō.
Sitz des Kaisers und der kaiserlichen Familie ist der Kōkyo im Zentrum Tokios.
Titel Ursprünglich wurde der Herrscher von Wa bzw. Yamato, wie Japan damals genannt wurde, im Land als „Großkönig“ (, Ōkimi) tituliert bzw. von oder nach außen (China und Korea) als „König von/der Wa“ (), „König des Landes (der) Wa“ () oder „König von Groß-Wa [= Yamato]“ (). Weitere Bezeichnungen waren suberagi, sumeragi, sumerogi, sumera-mikoto oder sumemima no mikoto. Die ersten drei sind dabei nur lautliche Varianten eines Begriffs, dessen Bedeutung unklar ist, wobei das gi wohl ein männliches Suffix (vgl. Izana-gi und Izana-mi) und mikoto ein Ehrentitel ist.
Der Kaisertitel (chinesisch tiānhuáng, japanisch tennō) selbst stammt aus China, wo er kurzzeitig vom Tang-Kaiser Gaozong (regierte 649–683) und seiner Nachfolgerin – der einzigen Kaiserin Chinas – Wu Zetian (regierte 684/690–705) benutzt wurde, von letzterer vermutlich auch, weil er im Gegensatz zum traditionellen Kaisertitel (chinesisch huángdì, japanisch kōtei) keine Geschlechtskonnotation barg. In Japan wurde der Titel erstmals von Temmu (regierte 672–686) verwendet und dann regelmäßig von seiner Nachfolgerin Jitō (686–697). Die von Temmus Sohn Toneri im Jahre 720 herausgegebene Geschichtschronik Nihonshoki wandte diesen Begriff auch auf alle Vorgänger an. Dieselben Schriftzeichen wurden dann auch mit der alternativen Aussprache sumeragi versehen. Der Begriff Kōtei hingegen etablierte sich, in Abgrenzung zum Tennō, als Bezeichnung für alle nicht-japanischen Kaiser.
Später kam der Titel Mikado (, „erlauchtes Tor“) hinzu, der sich eigentlich auf den kaiserlichen Palast bezog und damit indirekt auf den Kaiser verwies, analog dem Titel Hohe Pforte im Osmanischen Reich. Daher wurde der Titel Mikado auch als geschrieben, mit dem auch die chinesischen Kaiser bezeichnet werden und das ursprünglich die Bedeutung „Gottheit“, übertragen also „Gottkaiser“, hatte. Ähnliche weitere Titel des Tennō waren Dairi (, „inneres Inneres“) und Kinri (, „verbotenes Inneres“), die sich auf das Innerste des Palastes bezogen.
Zu Beginn seiner Amtszeit erlässt der Tennō eine Regierungsdevise (nengō), die sich nur aus jeweils 2 von ausgewählten 216 Schriftzeichen zusammensetzen darf. Sie dient offiziell seit 1874 zugleich als Ärabezeichnung – vor der Meiji-Restauration 1868 wurden die Nengō auch durch Shōgune und Prinzregenten verkündet, gewöhnlich nach bedeutenden Natur- oder politischen Ereignissen oder auf Basis astrologischer Erwägungen, und auch während der Amtsperiode eines Tennō geändert. Bis zu seinem Tod trägt der Tennō seinen nach seiner Geburt erhaltenen Eigennamen, wird jedoch von Japanern (außer vielleicht innerhalb seiner Familie) niemals so angeredet oder bezeichnet, sondern tennō heika (kaiserliche Majestät) angesprochen oder kinjō tennō (der gegenwärtige Tennō) genannt. Nach seinem Tod wird er nur noch mit seinem Regierungsmotto, das zugleich den „Totennamen“ bildet, und dem Suffix -tennō bezeichnet. So lautet der Name des 1989 verstorbenen Kaisers Hirohito heute „Shōwa-tennō“, abgeleitet aus der Bezeichnung seiner Amtsperiode, „Shōwa-jidai“, (deutsch „Ära des erleuchteten Friedens“).
Funktion Die Hauptfunktion des Tennō ist heute rein zeremonieller Natur. Das Datum aller offiziellen Anlässe, sowohl staatlich als auch geschäftlich, wird nach der Dauer der Herrschaft des gegenwärtigen Kaisers berechnet (Japanische Zeitrechnung).
Artikel 1 der Nachkriegsverfassung von 1946 erklärt, dass der Kaiser „das Symbol des Staates und der Einheit des Volkes“ sei. Seine politische Rolle ist auf eine Symbolfunktion beschränkt, die durch das Volk legitimiert ist; de jure ist er kein Staatsoberhaupt.
Zu seinen politischen Funktionen gehören die Ernennung des Premierministers und des Präsidenten des Obersten Gerichtshofes (Shinninshiki), die Einberufung des Parlamentes, die Verkündung von Gesetzen und die Entgegennahme der Akkreditierungsschreiben ausländischer Botschafter. Er hat in diesen Angelegenheiten aber keinerlei eigene Entscheidungsgewalt. Der Shōwa-Tennō Hirohito, der als Mitverantwortlicher des Zweiten Weltkrieges gilt, beteiligte sich nach Kriegsende nicht mehr am politischen Tagesgeschehen. Nach seinem Tod 1989 setzte sein Sohn Akihito diese Haltung fort, nahm aber anlässlich von StaatsbesuchenSympathy – but no apology, BBC News, 12. Mai 1998. und AudienzenHistory lesson from Japan emperor, BBC News, 23. Dezember 2005Pressekonferenz zum Geburtstag des Kaisers 2001. – anders als sein Vater – zu außenpolitischen Fragen insbesondere der Aussöhnung mit den Kriegsgegnern Japans im Zweiten Weltkrieg Stellung, wobei ihm aber die Verfassung nach Ansicht der japanischen Regierung enge Grenzen auferlegte.vgl. die Diskussion über die Bedauernserklärung gegenüber Korea, dokumentiert z. B. in: The New York Times, 25. Mai 1990: Japanese express remorse to Korea.
In religiöser Hinsicht gilt der Tennō als der oberste Priester des Shintō. Diese sakrale Funktion geht auf das kaiserliche Erntedankfest Niiname-sai (, „Kosten des neuen Reises“) zurück.Nozomu Shimizu: Das „Tenno-System“. Eine verfassungsrechtliche Studie zur Nachkriegszeit in Japan. In: Jahrbuch des öffentlichen Rechts. Neue Folge. Band 29. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen, 1980, S. 623–656; hier S. 649. Bei diesem Ritual wird den Göttern durch den Kaiser frisch geernteter Reis geopfert. Im ersten Jahr nach der Thronbesteigung des Kaisers wird das Fest als Daijōsai (, „Großes Kosten“) begangen. Eine erste Erwähnung dieses Rituals, dessen Ursprung noch früher vermutet wird, findet sich im Geschichtswerk Nihonshoki aus dem Jahre 720. Das Fest veränderte sich im Laufe der Zeit und wurde zum heutigen gesetzlichen Feiertag, dem Tag des Dankes für die Arbeit.Botschaft von Japan: Feature: Japanische Feiertage im November. Abgerufen am 22. November 2012.
Kaiserliches Siegel
Das Kaiserliche Siegel zeigt eine stilisierte Chrysantheme mit 16 Blütenblättern (bzw. 32 Blütenblätter). Aus diesem Grund wird der japanische Kaiserthron auch als Chrysanthementhron bezeichnet. Das Kaiserliche Siegel wird nur von Mitgliedern der kaiserlichen Familie verwendet. Es existiert zwar kein Gesetz, welches das Kaiserliche Siegel zum Staatswappen erklärt, jedoch wird es weitestgehend als solches genutzt und ziert unter anderem die Hülle des japanischen Passes.
Geschichte Die Institution des Tennō wird bis in das Jahr 660 v. Chr. zurückgeführt. In diesem Jahr soll einer Legende nach Jimmu durch seine Thronbesteigung das japanische Kaiserhaus gegründet haben.Der Brockhaus in Text und Bild 2003 [SW], elektronische Ausgabe für Office-Bibliothek, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, 2003; Artikel: Jimmu Tenno. Allerdings gibt es dafür keine Beweise, vermutlich existiert die Institution erst seit der Gründung des japanischen Staatswesens im 5. Jahrhundert nach Christus. Seit der Begründung des Yamato-Reichs fand kein Dynastienwechsel mehr statt. Diese Kontinuität kam unter anderem dadurch zustande, dass für das Tennō-Amt in Ausnahmefällen auch Frauen eingesetzt werden konnten, wenngleich auch nur in symbolischer Funktion. Die Staatsgeschäfte wurden in diesen Fällen von ihren Ehemännern, den Prinzregenten ausgeführt. In den ersten japanischen Reichschroniken, die 712 und 720 abgefasst wurden, wird die Sonnengottheit Amaterasu als Ahnherrin des Tennō angeführt.Meyer Lexikon -SW-, elektronische Ausgabe für Office-Bibliothek, Meyers Lexikonverlag; Stichwort: Tenno.
Die Bedeutung des Tennō-Amtes hat im Laufe seiner Geschichte stark fluktuiert. Vom 7. bis zum 8. Jahrhundert stellten die Tennō tatsächlich die oberste Regierungsinstanz dar, im Laufe der Zeit wurde die Entscheidungsmacht des Tennō aber immer stärker durch Regenten, und schließlich durch die Shōgune eingeschränkt. Die Shogune übernahmen vom 12. bis 19. Jahrhundert praktisch die gesamte Regierungsgewalt, sie schafften das Amt des Tennō aber nicht ab, sondern behielten es bei, als Legitimation ihrer eigenen Rolle. Auch diese Machtlosigkeit während des Großteils der japanischen Geschichte sicherte indirekt den Fortbestand der Dynastie; denn wer die Macht im Lande übernehmen wollte, musste nicht den Tennō, sondern den Regenten oder Shōgun absetzen.
Altertum und Mittelalter
Das japanische Kaisertum folgte ursprünglich chinesischen Vorbildern. Militärmachthaber, Regenten und Seitenlinien entmachteten allerdings die Kaiser, abgedankte Ex-Kaiser mischten sich in die Machtkämpfe ein. Die gescheiterte Kemmu-Restauration führte im 14. Jahrhundert zu einer ein halbes Jahrhundert andauernden Spaltung in eine nördliche und eine südliche Dynastie. Danach führte das Kaisertum fast ein halbes Jahrtausend lang nur noch ein reines Schattendasein.
China und Yamato
Im 7. Jahrhundert stand Japan unter starkem kulturellen und wirtschaftlichen Einfluss Tang-Chinas, neben dem Buddhismus und der chinesischen Schrift wurden auch die chinesischen Adelsränge und Staatsstrukturen übernommen. Die Eigenbezeichnung als Tennō für „Himmlischer Herrscher“ und „Göttlicher Kaiser“ folgte ebenfalls dem chinesischen Vorbild, sie bezweckte aber auch Emanzipationen gegenüber dem Kaiserreich China und eine politische Abgrenzung von Tang-China. Erst daraufhin wurden ab Ende des 7. Jahrhunderts (Asuka-Zeit) bzw. Anfang des 8. Jahrhunderts (Nara-Zeit) jene grundlegenden japanischen Chroniken und Geschichtsmythen verfasst, die eine Abstammung von der Sonnengöttin Amaterasu beanspruchen und bereits den legendären Herrscher Jimmu als ersten Kaiser (Tennō) bezeichnen (vgl. Urkaiser Chinas).
Regenten und Ex-Kaiser
mini|Kaiser Seiwa (850–881) war Marionette der Fujiwara-Regenten und Stammvater der späteren Minamoto-Shogune.
Schon ab dem 8. Jahrhundert wuchs der Einfluss der Regenten aus dem Fujiwara-Clan, die das Monopol auf das oberste Regierungsamt allmählich erblich machen konnten. Seit dem 9. Jahrhundert übten sie anstelle des Kaisers die tatsächliche Regierungsgewalt aus und heirateten in die kaiserliche Familie ein, im 10. Jahrhundert erreichten sie unter Fujiwara no Michinaga den Höhepunkt ihrer Macht, der Kaiser war zu einer bloßen Marionette geworden.
Um die Macht der Fujiwara zu schwächen und die Regenten zu umgehen, begründete Tennō Go-Sanjo im 11. Jahrhundert das Insei-System. Ältere Kaiser dankten ab und zogen sich ins Kloster zurück, behielten aber weiterhin bestimmte Privilegien, die ihnen Einfluss auch unter der Herrschaft ihrer jüngeren Nachfolger sicherten.
Als Privatarmee zahlreicher Ex-Kaiser begann der Aufstieg des Taira-Clans. Ständige Rivalitäten zwischen Ex-Kaisern, amtierenden Kaisern und Regenten kulminierten schließlich im 12. Jahrhundert in der Hōgen-Rebellion.
Taira und Minamoto Nicht zur Thronfolge gelangte Angehörige des Kaiserhauses bildeten Seitenlinien, deren Einfluss sich ebenso vergrößerte wie ihr Machtstreben. Die wichtigsten dieser kaiserlichen Abkömmlinge bzw. Nebenlinien waren die Minamoto und die Taira. (Minamoto ist dabei nicht allein eine auf einen bestimmten Kaiserabkömmling zurückgehende Nachkommenschaft, sondern auch ein allgemeiner Überbegriff für einen auch spätere Nebenlinien einschließenden Clan.) In der Hōgen-Rebellion bzw. der Heiji-Rebellion entmachteten die Taira die Fujiwara-Regenten, wurden jedoch im Gempei-Krieg von den Minamoto geschlagen. Die Führungsspitze Japans war fortan dreigeteilt.