mini|Giebelstadt und der Flugplatz von oben

Giebelstadt ist ein Markt im unterfränkischen Landkreis Würzburg und der Verwaltungssitz der gleichnamigen Verwaltungsgemeinschaft.

Geographie Die Gemeinde liegt etwa 15 Kilometer südlich von Würzburg. Das Gebiet ist nur sehr wenig bewaldet. Durch Giebelstadt führt der Fränkische Marienweg.

Gemeindegliederung Es gibt zehn Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben):

Es gibt auf dem Gemeindegebiet die Gemarkungen Allersheim, Eßfeld, Euerhausen, Giebelstadt, Herchsheim, Ingolstadt i. UFr. und Sulzdorf. Die Gemarkung Giebelstadt hat eine Fläche von 7,714 km². Sie ist in 1728 Flurstücke aufgeteilt, die eine durchschnittliche Fläche von 4464,20 m² haben.

Geschichte Bis zur Gemeindegründung Giebelstadt ist nach der alemannischen Adelssippe der Gibule benannt und wurde im Jahr 820 erstmals urkundlich erwähnt. Im 13. und 14. Jahrhundert hatten die Ministerialengeschlechter Geyer und Zobel dort Grundbesitz und Lehen und übten im Dorf gemeinsam Herrschaftsrechte aus (Kondominatsdorf). Von dieser Zeit zeugen noch die Ruine des Geyerschlosses und das Zobelschloss. Das Friesenhäuser Schloss wurde 1687 von Hans Heinrich Zobel von Giebelstadt zu Friesenhausen begonnen und von seinem Sohn Johann Gottlob Zobel und dessen Ehefrau Maria Sophia von Berlichingen um 1700 vollendet. Von 1814 bis 1916 war die Freiherrlich Zobel’sche Bierbrauerei dort untergebracht, heute dient es als Rathaus.

Später teilten sich das seit 1792 preußische Fürstentum Ansbach (als Nachfolger der Grafen von Geyer) und die Freiherren von Zobel die Herrschaft. Beider Rechte kamen 1806 an das Großherzogtum Würzburg des Erzherzogs Ferdinand von Toskana, mit dem Giebelstadt 1814 an das Königreich Bayern fiel. Im Zuge der Verwaltungsreformen in Bayern entstand mit dem Gemeindeedikt von 1818 die heutige Kommune.

19. bis 21. Jahrhundert mini|Luftaufnahme, Juli 2019 Nach 1848 wurde Giebelstadt dem Bezirks- und Finanzamt und dem Amtsgericht Ochsenfurt zugeordnet. Am 1. Juli 1972 kam der Markt zum Landkreis Würzburg.

Mindestens seit dem 18. Jahrhundert waren jüdische Familien im Ort ansässig. Bereits im 17. Jahrhundert entstand in der Gemarkung Allersheim ein jüdischer Friedhof. Im Jahr 1799 entstand eine Synagoge, die beim Novemberpogrom 1938 von SA-Männern verwüstet und 1944 abgerissen wurde. Daran erinnert eine Gedenktafel im Innenhof des Rathauses.Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band 1. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 143.

Im Jahr 1935 wurde der Fliegerhorst Giebelstadt von der Luftwaffe erbaut und am 17. September 1936 bei einer Truppenparade von Adolf Hitler eröffnet. Die ersten stationierten Flugzeuge waren Bomber des Typs Heinkel He 111, die zum Kampfgeschwader 53 gehörten, das mit Beginn des Zweiten Weltkrieges in Giebelstadt stationiert war. Vom Flugplatz Giebelstadt aus wurden im Zweiten Weltkrieg etliche Einsätze an die Front in Frankreich geflogen. Außerdem wurden dort unter strenger Geheimhaltung die ersten Versuche mit der düsengetriebenen Messerschmitt Me 262 und der raketengetriebenen Messerschmitt Me 163 unternommen. Der Flugplatz Giebelstadt wurde deswegen gegen Kriegsende das Ziel schwerer Bombenangriffe. Die Schäden am Fliegerhorst wurden 1944 durch Häftlinge des KZ Flossenbürg beseitigt, die auch zum Ausbau des Fliegerhorstes eingesetzt wurden. Noch vor der Kapitulation der deutschen Truppen wurde der Flugplatz durch die amerikanische 12th Armored Division eingenommen.Vgl. dazu Karl-Heinz Decker: Geschichte des Fliegerhorstes Giebelstadt, S. 7–11.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Flugplatz von den United States Army Air Forces übernommen und hieß von da an „Giebelstadt Airfield“. 1947 wurde die Landebahn auf ihre jetzige Länge ausgebaut. Stationiert waren dort unter anderem U2-Spionageflugzeuge. Vom 15. Januar 1948 bis 1950 war der Flughafen geschlossen und nur mit einer Wachmannschaft besetzt. Später wurde der Flugplatz von Raketeneinheiten der US-Armee und der Bundeswehr genutzt. Ab 1981 bis zum 1. Juli 2000 waren die 12. Heeresfliegerbrigade und die 69. Air Defense Artillery (Patriot) der United States Army in Giebelstadt stationiert.

Nach dem Abzug der US-amerikanischen Truppen wurde die Nutzung des Militärflugplatzes eingestellt. Das Gelände ist am 31. Dezember 2006 an die Bundesrepublik Deutschland zurückgefallen.

Auch die Bundeswehr war mit der Sanitätsschule der Luftwaffe im Gemeindeteil Klingholz vertreten.

Eingemeindungen Vor der Gebietsreform in Bayern gehörte Giebelstadt zum Landkreis Ochsenfurt. Dieser wurde am 1. Juli 1972 aufgelöst und gleichzeitig die Gemeinde Euerhausen eingegliedert. Am 1. Januar 1978 kamen die Märkte Allersheim und Herchsheim hinzu. Eßfeld, Ingolstadt in Unterfranken und Sulzdorf folgten am 1. Mai 1978.

Einwohnerentwicklung Jahr 1961 1970 1987 1991 1995 2000 2005 2010 2015 Einwohner 3702 3886 3642 3924 4425 4454 4360 5032 5380

Im Zeitraum 1988 bis 2018 stieg die Einwohnerzahl von 3701 auf 5501 um 1800 Einwohner bzw. um 48,6 %. Quelle: BayLfStat

Politik Bürgermeister Von Mai 1990 bis April 2002 wurde der Markt Giebelstadt durch den CSU-Bürgermeister Volker Kleinfeld geleitet.Volker Kleinfeld, abgerufen am 8. Juli 2020 Nachdem es jahrelang keine ernsthaften Mitbewerber um das Bürgermeisteramt gegeben hatte, gelang es der UWG (Unabhängigen Wählergemeinschaft), mit Paul Merklein ein neues Gesicht zu präsentieren, der auch die Kommunalwahl 2002 knapp gewann.

Nachdem die Gemeindepolitik viele Jahre lang der Schauplatz für heftige Agitationen und Auseinandersetzungen gewesen war, wurde mit Helmut Krämer ein ehemaliges UWG-Gemeinderatsmitglied der Bürgermeisterkandidat der neu gegründeten Bürgerbündnisse. Er konnte den bisherigen Bürgermeister bei der Wahl 2008 ablösen. Bei der Kommunalwahl 2014 wurde er mit 84,2 % der gültigem Stimmen im Amt bestätigt. Krämer wurde bei einer Wahlbeteiligung von 58,3 % am 15. März 2020 mit 89,5 % der Stimmen (ohne Mitbewerber) für weitere sechs Jahre wieder gewählt.Bürgermeisterwahl 2020, abgerufen am 8. Juli 2020

Marktgemeinderat Der Marktgemeinderat hat 20 Mitglieder; zusätzliches Mitglied qua Amt ist der Bürgermeister. Bei der Gemeinderatswahl am 15. März 2020 erreichten die drei Wählergruppen folgende Stimmenanteile und Sitze:Wahl des Marktgemeinderates 2020, abgerufen am 8. Juli 2020. Liste2020 Stimmenanteil Sitze Unabhängige Freie Wählergemeinschaft e. V. 38,33 % 8 Bürger-Bündnis-Giebelstadt 36,86 % 7 Bürger-Bündnis-Ortsteile 24,81 % 5 Gegenüber der Amtszeit 2014–2020 musste das Bürger-Bündnis-Giebelstadt einen Sitz an die Unabhängige Freie Wählergemeinschaft e. V. abgeben. Die Wahlbeteiligung lag bei 58,31 %.

Wappen

Gemeindepartnerschaften Partnergemeinde ist Pianiga in der italienischen Region Venetien.

Kultur und Sehenswürdigkeiten Bau- und Bodendenkmäler

Veranstaltungen alternativtext=Ort der Florian-Geyer-Spiele|mini|Die Florian-Geyer-Spiele finden jährlich vor der historischen Kulisse des ehemaligen Geyerschlosses statt

Im Kartoffelkeller, der ehemaligen Zehntscheuer des Zobelschlosses, organisiert der Kulturverein Giebelstadt e. V. vor allem im Winterhalbjahr Kleinkunst- (Kabarett), Theater- und Musikveranstaltungen. Alljährlich finden in Giebelstadt die Florian Geyer Festspiele statt (Termine, Tickets). Erstmals 1925 und seit 1978 jährlich wird das historische Geschehen rund um Florian Geyer und den Schwarzen Haufen im Zuge der Bauernaufstände um 1525 auf die Bühne gebracht. Dargestellt werden die Figuren von Laiendarstellern unter der Leitung des Schauspielers und Regisseurs Renier Baaken (letztmals 2025) sowie von Ria Beinhölzl als Stuntkoordinatorin. Die Aufführung findet im Freien vor der historischen Kulisse des ehemaligen Geyerschlosses statt.

Wirtschaft und Infrastruktur Verkehr Giebelstadt ist durch die Bundesstraße 19 nach Norden mit Würzburg (16 km) verbunden, nach Süden mit Bad Mergentheim (25 km).

Der Flugplatz Giebelstadt, ein ehemaliger Militärflugplatz, hat eine Zulassung für Maschinen bis zu einem Abfluggewicht von 14 t und ist der größte Flugplatz im Landkreis. Er wird häufig von im Landkreis ansässigen Firmen genutzt. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde darüber der Mannschaftstransfer zu diversen Spielaustragungsorten abgewickelt. So flog die Nationalmannschaft von Ghana, welche während der WM ihr Quartier in Würzburg hatte, von Giebelstadt zu ihren Spielen. Auch die in Bad Kissingen einquartierte Nationalmannschaft von Ecuador nutzte diese Einrichtung.

Landwirtschaft 2016 gab es 76 landwirtschaftliche Betriebe. 3588 Hektar des Gemeindegebietes waren landwirtschaftlich genutzt.

Arbeitsplätze 2017 gab es laut amtlicher Statistik in der Gemeinde 2852 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Von der Wohnbevölkerung standen 2360 Personen in einem versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis. Damit war die Zahl der Einpendler um 492 Personen größer als die der Auspendler. 82 Einwohner waren arbeitslos.

Wirtschaft Im Jahr 2022 erzielte Giebelstadt Einnahmen aus der Gewerbesteuer in Höhe von 2,34 Millionen Euro. Mit einem Gewerbesteuerhebesatz von 350 % zählt die Gemeinde zu den steuerlich attraktiveren Standorten Deutschlands. Giebelstadt ist etwa steuerlich günstiger als Würzburg (Gewerbesteuerhebesatz 420 %).

Ansässige Unternehmen: Bavaria Yachtbau (Sportboot-Werft für Segel- und Motorboote, gegr. 1978) Opitec Hobbyfix HandyGames SSI Schäfer Automation GmbH SSI Schäfer IT Solutions GmbH

Bildung 2018 gab es in der Gemeinde zwei Kindertageseinrichtungen mit 273 genehmigten Plätzen und 237 Kindern eine Volksschule mit dreizehn Lehrern, elf Klassen und 219 Schülern.

Söhne und Töchter (Auswahl) Florian Geyer (1490–1525; auch: Florian Geier von Giebelstadt), Ritter und Diplomat Melchior Zobel von Giebelstadt (1505–1558), Fürstbischof von Würzburg Johann Valentin von Reißmann (1807–1875), Bischof von Würzburg Kilian Keller (1839–1908), Bürgermeister von 1870 bis 1893, Reichstags- und Landtagsabgeordneter Paul Beusch (1883–1925), Politiker (Zentrum), Reichstagsabgeordneter

Literatur

Karl-Heinz Decker: Geschichte des Fliegerhorstes Giebelstadt 1933–1945, Verlag J. H. Röll, Dettelbach 2010, ISBN 978-3-89754-357-7.

Markt Giebelstadt (Hrsg.): Giebelstadt und Ortsteile. Ein kulturhistorischer Streifzug, Markt Giebelstadt 2005.

Weblinks

Homepage des Marktes Giebelstadt (PDF; 1,05 MB)

Einzelnachweise

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