miniatur|hochkant|Elvine de La Tour
Gräfin Elvine de La Tour geborene Freiin Ritter von Záhony (* 8. Dezember 1841 in Görz, Kaisertum Österreich; † 7. Oktober 1916 in Treffen am Ossiacher See, Österreich-Ungarn) begründete in ihrem Nachlass die gemeinnützige Evangelische Stiftung de La Tour (heute Teil der Diakonie de La Tour) in Treffen am Ossiacher See.
Leben Maria Caroline Elvine Ritter von Záhony wurde am 8. Dezember 1841 als zweites Kind von Julius Hektor Ritter von Záhony und seiner Frau Amelie (geb. Rittmeyer) in Görz geboren. Ihr Vater entstammte einer Familie von Großindustriellen mit Stammsitz in Triest. 1851, als Elvine neun Jahre alt war, starb ihre Mutter mit nur 33 Jahren. Nach dem Tod ihres älteren Bruders Alfred 1865 war sie das älteste der noch lebenden fünf Geschwister.
Für die religiöse Prägung der Elvine Ritter war insbesondere Ludwig Schwarz von Bedeutung. Er war evangelischer Pfarrer von Görz und sollte später zum Gründer des Diakoniewerks von Gallneukirchen (Oberösterreich) werden. In ihrem Glauben, der auch wesentlicher Anstoß für ihre soziale Arbeit war, war Elvine Ritter von Záhony zutiefst vom Pietismus geprägt. In zahlreichen Äußerungen der Gräfin selbst wird dieser Glaube deutlich. Dieser war gekennzeichnet von einer völligen Hingabe an Gottes Willen, an die Überzeugung, dass Glaube sich in eine aktiven, tätigen Nächstenliebe zeigen müsse und dies auch verbunden mit einem gewissen missionarischen Eifer.
Im Alter von 26 Jahren lernte Elvine Ritter den um drei Jahre jüngeren Theodor de La Tour en Voivre kennen, der einem lothringischen Adelsgeschlecht entstammte, dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten. Allerdings war die Familie zu dieser Zeit bereits relativ verarmter Adel geworden. Die Eheschließung wurde von beiden Seiten skeptisch beäugt, wegen der unterschiedlichen Charaktere und der so verschiedenen wirtschaftlichen Voraussetzungen – insbesondere aber, weil es eine gemischt-konfessionelle Ehe war, was in diesen Jahren sehr problematisch sein konnte und von beiden Familien nicht gerne gesehen wurde. Trotz dieser Hemmnisse heiratete das Paar am 15. Februar 1868 in Görz und bezog in der Folge das Weingut Russiz (in der Nähe des Dorfes Capriva del Friuli, nahe Cormons), das Elvine als Mitgift erhalten hatte. Als Wohnsitz wurde auf dem Weingut ein kleines Schloss errichtet. Für die weitere Biographie der Gräfin de La Tour war es von Bedeutung, dass ihr Mann im Jahr 1885 das in der Nähe von Villach gelegene Schlossgut Treffen erwarb. Das Ehepaar verbrachte in den folgenden Jahren vor allem die Sommermonate in Treffen.
Die Ehe zwischen Theodor und Elvine de La Tour scheint nicht immer einfach gewesen zu sein, nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Charaktere der beiden – wobei es zweifellos eine Liebesheirat war. Jedenfalls unterstützte Theodor de La Tour die Initiativen seiner Frau, was ihn mitunter auch in Konflikt mit der katholischen Kirche brachte. Die kinderlos gebliebene Ehe endete durch den frühen Tod Theodors, der bereits im Juli 1894 in Kärnten verstarb. Das Begräbnis brachte eine konfessionelle Kontroverse mit sich, da sich Elvine de La Tour ein evangelisches Begräbnis für ihren Mann wünschte, obwohl er nie zum Protestantismus konvertiert war. Theodor de La Tour wurde schließlich zunächst in Görz begraben, ehe er 1898 in der Nähe von Schloss Russiz seine letzte Ruhe fand.
In den folgenden Jahren widmete sich Elvine de La Tour immer intensiver ihren sozialen Einrichtungen in Russiz und in Treffen, wobei vor allem die Werke in Treffen einen beachtlichen Ausbau erlebten. Das Lebensende der Gräfin war eng verbunden mit den Ereignissen des Ersten Weltkriegs. Sie geriet in dieser Zeit im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Fronten. Ein Teil ihrer Werke lag ja in Treffen, der andere Teil rund um Russiz, dass von den italienischen Truppen eingenommen wurde. Als Italien 1915 auf Seite der Entente-Mächte in den Krieg eintrat, eilte sie nach Russiz, wo im Mai 1915 das italienische Militär das Schloss besetzte und untersuchte. Der Besitz wurde beschlagnahmt, zahlreiche Mitarbeiter verhaftet und nachdem sie selbst lange Zeit festgehalten wurde, fuhr Elvine de La Tour Anfang Oktober von Giassico aus in die Schweiz. Im Dezember 1915 kam sie nach Stuttgart, ehe sie im Jänner 1916 nach Treffen zurückkehren konnte. In Stuttgart war sie bereits schwer erkrankt. Einige Monate nach ihrer Rückkehr, am 7. Oktober 1916, verstarb Elvine de La Tour.Heidrun Szepannek: Elvine Gräfin de La Tour (1841–1916). S. 47–68, 113–124.
Die Einrichtungen in Görz und Russiz Gräfin Elvine de La Tour nahm das soziale Elend in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld sehr bewusst war, vor allem das Problem der zahlreichen elternlosen Kinder. Insbesondere die Perspektivenlosigkeit von Mädchen, die keinen Zugang zu Bildung hatten, weckten ihr Engagement. 1873 beschloss sie, in Görz (Gorizia) einen „Waisenversorgungs- und Erziehungsverein“ zu gründen, der sich der Erziehung und Ausbildung von verwaisten Mädchen widmen sollte. Ungeachtet ihrer persönlichen, dezidiert evangelischen Position, konzipierte die Gräfin diesen Verein konfessionsungebunden. Zur Ausbildung der im Rahmen des Vereins betreuten Kinder wurde 1875 in Russiz eine eigene Volksschule eingerichtet, die auch anderen Kindern offenstand. Im Jahr 1876 hatte die Waisenanstalt 15 Bewohnerinnen. Aufgrund von Konflikten um die Erziehungsprinzipien wurde dieser Verein allerdings 1878 bereits wieder aufgelöst. Noch 1876 begann die Gräfin damit, den Dachboden des eigenen Anwesens in Russiz auszubauen, um hier eine eigene Sozialarbeit einzurichten. Nach dem Tod ihres Vaters 1878 hatte sie schließlich auch die finanziellen Mittel für diese Arbeit – ihr Vater hatte ihr einen beachtlichen Betrag eigens für ihre Fürsorgeprojekte hinterlassen. In der Folge entstand in Russiz ein eigenes Gebäude, das bis 1910 immer wieder um- und ausgebaut wurde. Die laufende Finanzierung erfolgte zunehmend durch den Betrieb des Weingutes auf Russiz, das bis heute besteht. Im Jahr 1910 wurden in Russiz 57 Mädchen betreut.Heidrun Szepannek: Elvine Gräfin de La Tour (1841–1916). S. 80–86.
Aufbau der diakonischen Einrichtungen in Treffen Schon bald nach dem Erwerb des Gutes Treffen in Kärnten begann Elvine de La Tour auch dort mit der Einrichtung sozialer Einrichtungen. Noch im Sommer desselben Jahres 1885 begann die Gräfin mit einer christlich motivierten Bildungsarbeit: Sie begann damit, „die armen Kinder aus der Umgebung in einer Sonntagsschule zu sammeln. Ich besuchte auch die weiter liegenden Dörfer und fand die Kinder willig, meiner Einladung zu folgen (…) Ich lernte dabei das Elend und die Verwahrlosung eines in vieler Hinsicht entsittlichten, von Gottes Wort und Gebot abgefallenen Volkes kennen“.Heidrun Szepannek: Elvine Gräfin de La Tour (1841–1916). S. 87. In diesem Zitat wird die religiöse bzw. pietistische Motivation der Gräfin deutlich. Jedenfalls wurde dies zum Impuls, auch in Kärnten Sozialarbeit zu leisten.
Als ein wesentlicher Bestandteil des evangelischen Sozialwerke der Elvine de La Tour wurde im November 1891 der Betrieb einer evangelischen Privatschule in Treffen aufgenommen, die zunächst in einem Nebengebäude des Schlosses untergebracht war. Zu Beginn hatte die Schule 37 Schüler und Schülerinnen. Aufgrund der steigenden Zahl an Schulkindern wurde 1894 mit einem Neubau begonnen, zu dessen Finanzierung Spenden, vor allem aber der Verkaufserlöse von privatem Schmuck der Gräfin herangezogen wurden. Die zwei Schulklassen, die in dem neuen Schulhaus untergebracht waren, umfassten nunmehr bereits 144 Kinder. Ein Unterschied zu jener Schule, die im Rahmen des Heims in Russiz eingerichtet worden war, lag darin, dass die Schule in Russiz fast ausschließlich von jenen Mädchen besucht wurde, die auch im Mädchenheim versorgt wurden. Die Schule in Treffen hingegen nahm Kinder aus allen umliegenden evangelischen Gemeinden auf. Das lag auch daran, dass es damals noch kein eigenes Kinderheim gab. 1897 suchte Elvine de La Tour um das Öffentlichkeitsrecht für die Schule an, das ihr allerdings erst 1903 verliehen wurde.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit in Treffen war ab den 1890er Jahren die Evangelisation. Diese „Gemeinschaftsarbeit“ war auf die Diasporasituation in Kärnten hin ausgerichtet und hatte die Aufgabe, das Evangelium zu verkünden und einschlägige Schriften in der Bevölkerung zu verbreiten. Die Zielsetzung dieser Arbeit bestand aus Sicht der Gräfin de La Tour nicht zuletzt darin, auf diesem Weg den Lebenswandel der ländlichen Bevölkerung zu beeinflussen und dem von ihr so wahrgenommenen sittlichen Verfall etwas entgegenzusetzen. Angewiesen war man dabei auf die Zusammenarbeit mit den jeweils zuständigen Pfarrgemeinden, was nicht immer konfliktfrei ablief. Aus den Berichten der Evangelisten ist ihre Motivation deutlich abzulesen, die sich zweifellos mit jener von Elvine de La Tour deckte: Die Evangelisation sei unbedingt nötig, was man darin sehen könne, „dass eine große Zahl dem wahren Christentum entfremdet ist. Den Beweis dafür geben die abnormen Prozentsätze der unehelichen Geburten und das Unheil, das die Trunksucht hin und her anrichtet“.Heidrun Szepannek: Elvine Gräfin de La Tour (1841–1916). S. 95. Eine Unterkunft im Rahmen der Treffener Einrichtungen hatte die Evangelisationsarbeit im sog. „Vereinshaus“. Ab 1920 setzte die von Elvine de La Tour angestoßene Gemeinschaftsarbeit ihre Tätigkeit in Form eines eigenen Vereines fort, dem „Christlichen Missionsverein für Österreich“. Aus den jährlichen Zusammenkünften im Rahmen der Gemeinschaftsarbeit entstanden die „Pfarrerrüstzeiten“ und schließlich die heute noch bestehende „Pfarrergebetsbruderschaft“.
Als ein Teil der Treffener Evangelisationsarbeit entstand 1912 die Arbeit zur Bekämpfung des Alkoholismus. Den Rahmen dafür bildete der „Blau-Kreuz-Verein“, der schon 1877 in der Schweiz entstanden war und dessen Treffener Zweig 1913 gegründet wurde. Aufgabe des Vereins war es, entsprechend den Statuten, Trinker aus der Trunksucht zu retten und „gefährdete Nichttrinker“ davor zu bewahren. In diesem Zusammenhang sah sich Elvine de La Tour aber auch dem Vorwurf der Doppelmoral ausgesetzt, in dem sie sich einerseits für den Kampf gegen den Alkoholismus engagierte, andererseits aber durch den Weinbau auf ihren Gütern in Russiz erhebliche Einnahmen erzielte. Sie selbst hielt dem entgegen, dass die Weinerzeugung lediglich der Finanzierung ihrer sozialen Werke diene und dies wiederum als eine Gabe Gottes zu sehen sei. 1923 wurde aus dem Blau-Kreuz-Verein für Kärnten der heute noch bestehende Verein „Blaues Kreuz Österreich“, der nach wie vor in enger Zusammenarbeit mit der Suchtkrankenbetreuung in Treffen im Rahmen der Diakonie de La Tour steht.