Der Syndromansatz ist eine Methode für die Betrachtung von Problemen im Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturbereich, die in verschiedene Syndrome unterteilt werden. Die Methode wurde vom „Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung“ (WBGU) entwickelt. Ziel ist es, globale Fehlentwicklungen zu lindern, zu beseitigen oder durch vorsorgende Maßnahmen erst gar nicht entstehen zu lassen. Dazu richtet die WBGU Vorschläge an die Bundesregierung.

Hintergrund des Konzeptes Die Grundthese des Syndromkonzeptes besteht in der Annahme, dass sich der globale Wandel in seiner Dynamik auf eine überschaubare Zahl typischer Muster von Kausalbeziehungen an der Mensch-Umwelt-Schnittstelle zurückführen lässt.Martin Cassel-Gintz, Matthias Bahr: Syndrome globalen Wandels. In: Praxis Geographie. 6/2008, S. 4 Nach Ansicht des WBGU werfen die komplexen Charakterveränderungen des Systems Erde vier Grundfragen auf, denen zum Umgang mit diesen Prozessen nachgegangen werden muss. Die Grundfragen lauten: a) Wie kommt es zu den Veränderungen, und wie sind sie mit der globalen Entwicklungsproblematik verknüpft? b) Wie kann man sie frühzeitig erkennen oder vorhersagen? c) Welche Risiken sind mit ihnen verbunden? d) Wie muss der Mensch handeln, um negative Entwicklungen auf globaler Ebene zu verhindern und um drohenden Gefahren zu begegnen bzw. um die Folgen globaler Veränderungen zu minimieren?WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 111

Die Forschung hat demnach die Aufgabe, Diagnosen, Prognosen und Bewertungen der Veränderungen oder globalen Trends zu erarbeiten. Als Ergebnis sollen Empfehlungen und Hinweise zur Prävention (Vermeidung), Sanierung (Reparatur) und Adaption (Anpassung) entstehen, die den Umgang mit den globalen Trends betreffen. Dabei soll die Forschung auf den Leitlinien der nachhaltigen Entwicklung (Agenda 21) basieren und integrativ vorgehen, d. h. verschiedene Disziplinen (z. B. Biologie), Sektoren (z. B. Regionen der Erde) und Umweltmedien (z. B. Gewässer), die von der Entwicklung betroffen sind, einbeziehen.

Ziele des Konzeptes Das Syndromkonzept verfolgt vier Ziele: a) Systemarer, funktional orientierter Überblick der Prozesse des globalen Wandels auf verschiedenen räumlichen und zeitlichen Skalen b) Aufzeigen nicht-nachhaltiger Verläufe von Entwicklungsmustern, um somit die Leitplanken für eine „nachhaltige Entwicklung“ bestimmen zu können c) Beitrag zur Operationalisierung des Nachhaltigkeitskonzeptes d) Identifikation der Zerlegung des globalen Wandels in funktionale Muster, welche die beste Entkopplung zwischen den beteiligten Einzelmustern liefert.Joachim Schindler: Syndromansatz -Ein praktisches Instrument für die Geographiedidaktik. In: Praxis Neue Kulturgeographie. LIT Verlag, Münster 2005, S. 49

Definitorisch ist das Syndromkonzept ein heuristischer Ansatz, der allerdings intuitiv der Komplexität der Mensch-Umweltwechselwirkungen innerhalb des globalen Wandels eher gerecht wird, als sektorale Einzelbetrachtungen.

Kernprobleme des globalen Wandels Die zehn Kernprobleme des globalen Wandels begründen die Notwendigkeit des Syndromkonzeptes. In problemorientierter Weise soll ihnen entgegengewirkt werden.WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 115 Sie werden zum einen der Natursphäre und zum anderen der Anthroposphäre zugeordnet.

Natursphäre Klimawandel: Durch die Anreicherung langlebiger Treibhausgase kommt es zu einer Erderwärmung, einer Verschiebung der Klimagürtel und zum Anstieg des Meeresspiegels. Bodendegradation: Durch eine rasch wachsende Bevölkerung und wirtschaftliche Nutzung treten mittlere bis schwere Schädigungen der Böden auf, wodurch die menschliche Lebensgrundlage zerstört wird und somit Hunger, Migration und kriegerische Auseinandersetzungen entstehen. Verlust an Biodiversität: Nutzungsänderungen der Lebensräume von Tieren und Pflanzen führen zu einer Verminderung der Artenvielfalt. Verknappung und Verschmutzung von Süßwasser: Durch Bewässerungslandwirtschaft, Industrie und Verstädterung verringert sich das Aufkommen von nutzbarem Süßwasser, das zunehmend verschmutzt ist. Dies führt zu sozialen, politischen und ökonomischen Konflikten. Übernutzung und Verschmutzung der Weltmeere: Die Einleitung von Schadstoffen verändert die ökologische Funktion der Weltmeere. Zunahme anthropogen verursachter Naturkatastrophen: Durch die Eingriffe des Menschen in natürliche Systeme nehmen Naturkatastrophen zu.

Anthroposphäre Bevölkerungsentwicklung und Verteilung: Das Wachstum der Weltbevölkerung, Landflucht und Migrationsbewegungen führen vielerorts zu einer Überforderung der Infrastruktur. Umweltbedingte Gefährdung der Welternährung: Große Teile der Weltbevölkerung sind unter- oder fehlernährt. Umweltbedingte Gefährdung der Weltgesundheit: Unterschiedliche Faktoren führen zu einem verstärkten Auftreten von Infektionskrankheiten, Seuchen und Epidemien. Globale Entwicklungsdisparitäten: Zwischen Industrie- und Entwicklungsländern besteht ein strukturelles Ungleichgewicht.WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin, S. 115f.

Trends/Symptome des globalen Wandels Die Trends oder SymptomeDorothee Harenberg: Syndrome globalen Wandels als überfachliches Unterrichtsprinzip. (PDF; 40 kB) S. 2; abgerufen am 5. August 2011 des globalen Wandels bezeichnen hochkomplexe natürliche und anthropogene Prozesse und beschreiben die wichtigsten Entwicklungen des globalen Wandels als qualitative Elemente. Sie bilden die Grundlage zur Beschreibung der Entwicklungen des Systems Erde.WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag. Berlin, S. 111ff. Die ca. 80 vom WBGU aufgestellten Symptome werden in neun Sphären unterteilt (Biosphäre, Atmosphäre, Hydrosphäre, Bevölkerung, Pedosphäre, Wirtschaft, psychosoziale Sphäre, gesellschaftliche Organisation, Wissenschaft/Technik – siehe Abb. 1). Die Symptome sind im physikalischen, biologischen, chemischen oder sozialwissenschaftlichen Sinne durch Indikatoren messbar.WBGU (1996): Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin. S. 113 Dabei müssen die Informationen aber nicht quantitativ vorliegen.Cassel-Gintz, Martin und Bahr, Matthias (2008): Syndrome globalen Wandels. In: Praxis Geographie. 6/2008. S. 5

Eine Bewertung der Symptome wird zunächst nicht vorgenommen. Es stehen problematische Vorgänge (z. B. Rückgang der Artenvielfalt), Vorgänge mit ambivalenten Folgen (z. B. Bio- und Gentechnologie) und Vorgänge mit positiven Folgen (z. B. wachsendes Umweltbewusstsein) nebeneinander. Eine Bewertung der Symptome kann erst im Zusammenhang mit dem Ursache–Wirkungs-Geflecht zwischen den Symptomen vorgenommen werden.WBGU: Welt im Wandel –Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 113ff. Die umgangssprachliche Formulierung der Trends soll einer funktionalen Verwendbarkeit dienen und den Hauptthemen der öffentlichen Debatte zum globalen Wandel entsprechen.Joachim Schindler: Syndromansatz – Ein praktisches Instrument für die Geographiedidaktik. In: Praxis Neue Kulturgeographie. LIT Verlag, Münster 2005, S. 54

Wechselwirkungen zwischen Symptomen Die Symptome stellen keine voneinander isolierten Erscheinungen dar. Es bestehen jeweils Ursachen in oder Wirkungen aus anderen Symptomen. Die Wechselwirkung zwischen zwei Symptomen kann dabei verstärkend, abschwächend oder unbestimmt sein.Martin Cassel-Gintz, Matthias Bahr: Syndrome globalen Wandels. In: Praxis Geographie. 6/2008, S. 5 Aus der Interaktion verschiedener Symptome ergibt sich ein globales Beziehungsgeflecht.WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 115 Die Wechselwirkungen sind somit Verknüpfungselemente der systemanalytischen Beschreibung der Dynamik des globalen Wandels und spezifizieren Kausalzusammenhänge.

Syndrome des globalen Wandels Syndrome oder „(globale) Krankheitsbilder“WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 116 beinhalten unterschiedliche in Wechselwirkung stehende Symptome, die Wechselmechanismen (Rückkopplungseffekt, synergetische Wirkung und Symbiosen) erklären.Joachim Schindler: Syndromansatz – Ein praktisches Instrument für die Geographiedidaktik. In: Praxis Neue Kulturgeographie. LIT Verlag, Münster 2005, S. 50 Syndrome stellen damit charakteristische, generalisierte Konstellationen von Symptomen und Wechselbeziehungen dar.Martin Cassel-Gintz, Matthias Bahr: Syndrome globalen Wandels. In: Praxis Geographie. 6/2008, S. 5 Es handelt sich um anthropogen verursachte Schädigungsmuster. Einzelne Symptome können allerdings Bestandteil unterschiedlicher Syndrome sein. Die funktionalen Muster mit unerwünschten charakteristischen Konstellationen von natürlichen und zivilisatorischen Symptomen lassen sich explizit in vielen Regionen der Erde identifizieren.WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 116 Der WBGU definierte 16 Syndrome, die verschiedene Sektoren und Umweltmedien betreffen. Sie gelten als global relevant, weil sie den Charakter des Systems Erde verändern. Ein Syndrom muss drei Kriterien erfüllen. Zunächst muss es einen unmittelbaren Bezug zur Umwelt haben und darf somit nicht rein anthroposphärisch sein. Es muss weiterhin an vielen Orten auftreten und soll eine Fehlentwicklung beschreiben.WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 120 Die Syndromidentifizierung geschieht in drei Schritten: Erstellung des Beziehungsgeflechts auf Basis von Literatursichtungen (Messdaten, Fallstudien etc.) und -zusammenfassungen; Diagnostischer Teil: Datengestützte globale Verortung, Ermittlung vulnerabler Regionen (Disposition); Diagnose der Syndromintensität; Prognostischer Schritt: Darstellung von Dynamiken und Zeitverläufen mit Hilfe qualitativer Differentialgleichungen; Modellierung von unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten.Dorothee Harenberg: Syndrome globalen Wandels als überfachliches Unterrichtsprinzip. (PDF; 40 kB) S. 3; abgerufen am 5. August 2011

Im Prozess der Syndromidentifizierung sind verallgemeinernde Aussagen in Bezug auf die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Symptomen möglich (z. B. „je intensiver die Landwirtschaft, desto höher die Bodendegradation“).Martin Cassel-Gintz, Matthias Bahr: Syndrome globalen Wandels. In: Praxis Geographie. 6/2008, S. 5 Grundsätzlich sind die Syndrome in ihrer Dynamik unabhängig voneinander, es können jedoch Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Syndromen auftreten.WBGU: Welt im Wandel – Herausforderungen für die deutsche Wissenschaft. Jahresgutachten 1996. Springer Verlag, Berlin 1996, S. 117