mini|Randalierende Jugendliche im Londoner Stadtbezirk Camden in der Nacht zum 9. August|alt=Foto einer nächtlichen Straßenszene mit Jugendlichen mini|Die Londoner Polizei drängt die Randalierer zurück. Die Unruhen in England 2011 waren eine Serie gewalttätiger Ausschreitungen in der britischen Hauptstadt London und anderen englischen Städten wie Liverpool, Birmingham, Manchester und Bristol, die im August 2011 stattfanden.
Ihren Ausgang nahmen sie im Londoner Stadtteil Tottenham. Am 6. August 2011 fand eine zunächst friedliche Demonstration vor der örtlichen Polizeistation statt, in der eine Menschenmenge Aufklärung über den Tod eines Einwohners bei einem Polizeieinsatz zwei Tage zuvor forderte. Die Situation eskalierte in den Abendstunden. In der Folge kam es zu Brandanschlägen auf einen Bus und ein Gebäude, mehrere Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Die Krawalle dauerten bis in den Tag hinein und griffen in den folgenden Tagen auf andere Londoner Stadtteile über. In der äußeren Innenstadt kam es zu Plünderungen und Vandalismus. Politische Forderungen wurden zu keiner Zeit gestellt.
Vorgeschichte Erschießung Mark Duggans Am 4. August 2011 wurde der 29-jährige Mark Duggan bei seiner geplanten Festnahme von einem Polizeibeamten erschossen. Die Polizei hatte Duggan verdächtigt, für einen Drogenring zu arbeiten.
Die britischen Medien zeigen den Schwarzen mehrheitlich als Gangster und Drogendealer. Polizeiangaben zufolge war Duggan ein „Major Player“ der „Star Gang“ und den Sicherheitsbehörden bestens bekannt. In den Straßen hieß er „Starrish Mark“. Auf Facebook zeigte sich Duggan in einem T-Shirt der „Star Gang“. Auf mehreren Fotos ließ er sich in Gangsterpose ablichten. Er hatte eine Viertelstunde vor seinem Tod eine illegale Pistole gekauft und mit sich geführt; der Verkäufer wurde später zu 11 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.Mark Molloy: Mark Duggan death: Gun supplier jailed for 11 years. In: Metro, 26. Februar 2013 (englisch).
Untersuchung der Umstände Die für die Untersuchung von Vorwürfen gegen die Polizei zuständige Independent Police Complaints Commission (IPCC) gab an, dass eine Schusswaffe am Tatort gefunden worden sei, deren Typ nicht von Polizeibeamten verwendet werde. Sie sei zusammen mit einem Projektil, das im Funkgerät eines Polizisten stecken geblieben war, zu ballistischen Untersuchungen gesandt worden.Sandra Laville: Man shot dead by police in north London during attempted arrest. In: The Guardian, 5. August 2011 (englisch). Nach ersten derartigen Tests zeigte sich jedoch, dass dieses Projektil vermutlich aus einer Schusswaffe der Polizei stammt. Die IPCC verlautbarte am 7. August, noch weitere Untersuchungen zu benötigen, um den Ablauf des Geschehens rekonstruieren zu können, und bat diesbezüglich um Geduld. Die IPCC erklärte am 9. August, dass es „keine Beweise dafür gibt, dass Duggan auf die Polizei gefeuert hat“, und stellte am 12. August noch einmal fest, dass in keinem offiziellen Bericht der Behörde von einem Schusswechsel geschrieben wurde, es aber möglich sei, dass ein Sprecher in den ersten Tagen versehentlich irreführende Angaben gegenüber der Presse gemacht habe.
Am 8. Januar 2014 gab eine richterliche Jury bekannt, dass die Erschießung von Mark Duggan vom 4. August 2011 rechtmäßig gewesen sei. Der Entscheid fiel mit 8:2 Stimmen. Zwar sei Duggan tatsächlich unbewaffnet gewesen, doch nur, weil er sehr wahrscheinlich unmittelbar vor der Polizeikontrolle seine Waffe aus dem Taxi geworfen habe. Der polizeiliche Schütze aber habe im ehrlichen Glauben gehandelt, Duggan sei bewaffnet. Der Polizist sei somit in einer Notwehrsituation gewesen. Die richterliche Jury untersuchte die Umstände nicht im Rahmen eines Strafprozesses. Ihre Aufgabe war es, den Polizeieinsatz zu rekonstruieren und Tatsachen zu bewerten. Die Angehörigen von Mark Duggan wollen den Entscheid nicht akzeptieren und weiter für Gerechtigkeit kämpfen.
Ausschreitungen mini|Ausgebrannte Fahrzeuge in Tottenham am 7. August
Beginn in Tottenham und Ausbreitung in London Am 6. August 2011 fand eine zunächst friedliche Demonstration von rund 200 Anwohnern in Tottenham statt, die von der Polizei Informationen über die Vorgänge forderten, die zum Tod Duggans geführt hatten.Tottenham riots: a peaceful protest, then suddenly all hell broke loose. In: The Guardian, 7. August 2011 (englisch). In den Abendstunden eskalierte die Situation aus bislang noch nicht geklärten Gründen. Es kam zu Brandanschlägen auf Polizeifahrzeuge, einen Doppeldeckerbus und ein Gebäude sowie zu Plünderungen. Die Krawalle waren die schwersten seit 25 Jahren in London. 42 Personen wurden festgenommen und 29 verletzt, überwiegend auf der Seite der Polizei, die den Sachschaden in Millionenhöhe ansetzte. In: Die Zeit.
In der folgenden Nacht kam es erneut zu Ausschreitungen, diesmal im nördlichen Londoner Stadtteil Enfield. Mehrere hundert Jugendliche im Alter zwischen elf und achtzehn Jahren, teilweise vermummt, zerstörten Schaufensterscheiben, plünderten Geschäfte und griffen die Polizei mit Steinwürfen an. Die Unruhen in Enfield erreichten allerdings nicht das Ausmaß jener in Tottenham der vorherigen Nacht. Doug Taylor, Leiter der Bezirksverwaltung von Enfield, stellte einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen her. Auch im südlich gelegenen Brixton und im Bezirk Waltham Forest kam es zu Unruhen mit mehr als hundert Festnahmen und neun verletzten Polizisten. mini|Feuerwehrmänner bei den Löscharbeiten an einem ausgebrannten Gebäude in Tottenham|alt=Video von Feuerwehrmännern mit Löschschlauch
Auch am 8. August gab es Ausschreitungen in den Stadtteilen Hackney, Croydon und Lewisham. Wieder kam es zu Brandstiftungen und Angriffen auf die Polizei. Die Polizei forderte die Verkehrsorganisation Transport for London zu Sperrungen einzelner Stationen und Streckenabschnitte auf, die Bahngesellschaft Southern riet allgemein von Reisen in den Süden Londons ab.
Ausweitung außerhalb Londons mini|Unruhen in Salford
Ebenso kam es auch außerhalb Londons zu Ausschreitungen, bei denen Geschäfte zerstört und geplündert wurden; betroffen waren unter anderem die Städte Birmingham, Leeds, Nottingham und Bristol. Auch in Liverpool kam es zu Zusammenstößen teilweise vermummter Jugendlicher mit der Polizei und zu Plünderungen und Brandstiftungen.
Während es in der Nacht auf den 10. August in London ruhig blieb, waren nun auch Manchester, Wolverhampton sowie West Bromwich von Gewaltausbrüchen betroffen; erneut auch Birmingham und Nottingham. In Manchester wurden ein Modehaus in Brand gesetzt, im Stadtzentrum mehrere Geschäfte zerstört sowie in das größte Einkaufszentrum der Stadt eingebrochen. In Nottingham wurden eine Schule und ein Fahrzeug vor einer Polizeistation in Brand gesetzt, in Birmingham kam es zu Angriffen auf Löschzüge der Feuerwehr.
Opfer und Sachschäden Am 9. August starb ein 26-jähriger Mann, der am Tag zuvor während der Unruhen im Londoner Stadtteil Croydon von Plünderern angeschossen worden war.Murdered father's family pleads for justice over forgotten victim of Croydon riots. In: Your Local Guardian, 13. August 2013 (englisch).
Drei weitere Männer starben in der Nacht zum 10. August in Birmingham. Sie waren in einer Bürgerwehr aktiv, die Geschäfte und Anwohner vor Randalierern schützen sollte, und wurden während der nächtlichen Ausschreitungen von einem Auto erfasst. Die Polizei ermittelte wegen Mordes und nahm am Folgetag drei Verdächtige fest.
Im Londoner Vorort Ealing erlitt in der gleichen Nacht ein 68-jähriger Mann lebensgefährliche Kopfverletzungen, als er versuchte, ein von Jugendlichen entzündetes Feuer zu löschen, und daraufhin von ihnen attackiert wurde. Er starb in der Nacht auf den 12. August. Ein 16-Jähriger wurde wegen Totschlags zu acht Jahren Haft, seine Mutter wegen Beihilfe verurteilt.
Die entstandenen Sachschäden wurden einige Tage nach dem Ausbruch der Unruhen auf Summen zwischen 10 Millionen und mehreren Dutzend Millionen Pfund Sterling geschätzt. Premierminister Cameron brachte sogar die Zahl von 200 Millionen Pfund ins Gespräch. Zerstörte Geschäfte müssten im Einzelfall auch aufgegeben werden. Einem 125 Jahre alten britischen Gesetz zufolge könnte es zu Schadenersatzforderungen an die Polizei kommen, da diese nicht in der Lage war, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Mindestens 26 Familien wurden obdachlos, nachdem ihre Wohnhäuser ausgebrannt waren.
Hintergründe Tottenham, der Ort, in dem die Unruhen ausbrachen, ist ein als sozialer Brennpunkt bekannter Stadtteil im Norden Londons: Das Viertel gehört zu den ärmsten in Großbritannien.
Bereits 1985 hatte es in Tottenham Ausschreitungen gegeben, nachdem eine 49-jährige Frau gestorben war, deren Wohnung von der Polizei gestürmt worden war. Danach kam es zu einer Demonstration, die außer Kontrolle geriet und mit der Ermordung eines Polizisten endete. Drei 1987 für den Mord verurteilte Männer mussten vier Jahre darauf aus der Haft entlassen werden, weil die Polizei Verhörnotizen manipuliert hatte. Später investierte der Staat in die Wohnqualität, Instandhaltung und Sicherheit der Wohngegend, was zu einer Senkung der Gewaltkriminalität führte. Infolgedessen war die Polizei 2011 auf eine Eskalation nicht mehr vorbereitet.
Sozialwissenschaftliche Einschätzungen Bei den Unruhen geht es nach Ansicht des Sozialwissenschaftlers Mike Hardy, Leiter des Londoner Institute of Community Cohesion, „nicht in erster Linie um Rasse, Religion oder Klasse“, sondern „schlicht und einfach um all jene, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen“. Der Soziologe Paul Bagguley von der University of Leeds nannte die „biographical availability“ („biografische Verfügbarkeit“) als einen Grund: Leute ohne Job hielten sich häufiger auf den Straßen auf, während für eine durch Konsum geprägte Generation die Werbung eine mächtige Motivation schaffe. Die drastische Sparpolitik der Regierung von Premierminister David Cameron verschärfe die Lage zusätzlich. So sollten bis 2015 die Ausgaben um 91 Milliarden Euro gekürzt werden, insbesondere im Sozialbereich.Oliver Das Gupta: Perspektivlosigkeit und adrenalingeführte Euphorie. In: Süddeutsche Zeitung, 9. August 2011. Der Kriminologe John Pitts von der University of Bedfordshire sagte gegenüber dem Guardian, dass die Plünderungen vielfach aus Opportunismus geschähen, dabei aber die soziale Lage der Jugendlichen, die keine gesellschaftlichen Perspektiven und „nichts zu verlieren“ hätten, eine zentrale Rolle spiele. Gemeinsam seien den meisten Beteiligten demnach ein niedriges Einkommen und Arbeitslosigkeit sowie eine geringe oder keine Aussicht auf eine gesetzestreue Zukunft.Looting 'fuelled by social exclusion. In: The Guardian, 8. August 2011 (englisch).
Geisteswissenschaftliche Einschätzungen