mini|hochkant|Gedenktafel am ehemaligen „Kinderlager Rühen“ (seit 2016) Das Ausländerkinder-Pflegeheim des VolkswagenwerksErinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Gelände des Volkswagenwerks, ohne Datum, abgerufen am 25. Juli 2022, hrsg. von der Volkswagen AG. S. 53. betrieb die damalige „Volkswagen GmbH“ an drei Standorten vom März 1943 bis zum 17. April 1945. In der Stadt des KdF-Wagens – der Name in jener Zeit für das heutige Wolfsburg – wurde diese sogenannte „Pflegestätte“ an zwei Standorten Wolfsburgs in Betrieb genommen, zuerst im „Ostlager“ des Volkswagenwerks und anschließend am Schachtweg. Der dritte und zugleich zuletzt errichtete Standort befand sich in Rühen, das sogenannte „Kinderlager Rühen“.

Eine Ausländerkinder-Pflegestätte war eine Einrichtung des NS-Staates für schwangere polnische, ukrainische und russische Zwangsarbeiterinnen in der Zeit von 1943 bis 1945. Diese „Zwangsarbeiterinnen sollten keine Kinder (in der Nazi-Terminologie: „rassisch minderwertiger Nachwuchs“) aufziehen. Schätzungsweise an die 100.000 Kinder von den Zwangsarbeiterinnen wurden […] entweder durch Abtreibung oder durch kalkulierte Vernachlässigung nach der Geburt getötet.“Krieg gegen Kinder. Zum Schicksal der Zwangsarbeiterkinder 1943–1945, ohne Datum, abgerufen am 27. Juli 2022. In: Birdstage An den drei Standorten des Volkswagenwerks Wolfsburg wurden mindestens 365 sowjetische und polnische Kinder getötet.

Lage der Standorte Der erste Standort der „Ausländerkinder-Pflegeheim des Volkswagenwerks“ in der Zeit von März 1943 bis Oktober 1943 befand sich im „Ostlager“ des VW-Werks in einer Baracke. Vom Oktober 1943 bis Juni 1944 war das Heim am Schachtweg in zwei Baracken untergebracht und vom Juni 1944 bis zum Eintreffen der Amerikaner am 17. April 1945 in vier baufälligen Baracken aus Holz am östlichen Ortsrand in dem kleinen Dorf Rühen, etwa 12 Kilometer von Wolfsburg entfernt.

Ausländerkinder-Pflegestätten In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs war der Zwangsarbeitseinsatz auf eine höchstmögliche Arbeitsleistung zu niedrigsten Kosten ausgerichtet und schwangere Zwangsarbeiterinnen wurden kurz vor ihrer Entbindung nach Hause geschickt.Bernhild Vögel: „Entbindungsheim für Ostarbeiterinnen“. Braunschweig, Broitzemer Straße 200 In: Kleine Historische Bibliothek. 3, Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Hamburg 1989, ISBN 3-927106-02-X (nahezu textgleiches Digitalisat aus dem Jahr 2005, PDF 2,6 MB) In: Birdstage. S. 3/4.

Im Kriegsjahr 1943 verbot Fritz Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, diese Abschiebungen, weil „wertvolle“ Arbeitskräfte für das Reich und vor allem für die Rüstungsindustrie verloren gingen. Ab Ende 1943 mussten sich die Schwangeren entweder für eine ZwangsabtreibungMarcel Brüntrup: Abtreibung an Zwangsarbeiterinnen im Nationalsozialismus, von 2021. In: Digitales Deutsches Frauenarchiv. oder für eine Entbindung in den Ausländerkinder-Pflegestätten mit anschließender Wegnahme ihrer Kinder einwilligen. Diese Unterschrift erfolgte angeblich freiwillig. Allerdings wurden die Unterschrift meist mit Druck und gegebenenfalls Zwang durchgesetzt. Häufig verstanden diese Frauen, wegen mangelnder Sprachkenntnis, auch nicht, was sie unterschrieben. Nach der Entbindung blieben Mutter und Kind in der ersten Zeit noch sechs bis acht Wochen zusammen, später wurde diese Zeitspanne auf zwei Wochen oder 10 Tage verkürzt., ohne Datum, abgerufen am 25. Juli 2022, hrsg. von der Braunschweigischen Landschaft e. V. In: Braunschweigische Landschaft. S. 31–33.

Ihre Errichtung und ihren euphemistischer Namen als Ausländerkinder-Pflegestätte wurde am 27. Juli 1943 durch einen Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler verfügt, dass es „Kinderpflegestätten einfachster Art“ werden sollen. In den Erlassen der Nationalsozialisten wird diese Art von Heimen „Ausländerkinderpflegestätten“ genannt.Krieg gegen Kinder: Trennungs-Erlasse, ohne Datum, abgerufen am 24. Juli 2022. In: Birdstage Die Nationalsozialisten erweckte mit dem offiziellen Namen den Schein der Existenz tatsächlicher Säuglingspflegeheime, in denen gleichzeitig der unausgesprochene Zweck erfüllt wurde, die unerwünschten Kinder rasch sterben zu lassen.Christian Eggers, Dirk Riesener: Ein guter Stein findet sich allhier. Zur Geschichte des Steinhauens in Velpke. Herausgegeben von der Gemeinde Velpke mit freundlicher Unterstützung des Landkreises Helmstedt. Gemeinde Velpke, Velpke 1996, S. 77 f.

Standorte Die Volkswagen AG selbst gibt für den Stichtag 30. April 1944 folgende Beschäftigungszahlen an: 11.334 „unterschiedlicher Herkunftsländer“ bildeten die Mehrheit von den 17.365 Personen der Gesamtbelegschaft. Somit bildeten die sogenannten „Fremdarbeiter“ die Mehrheit der Beschäftigten. Im Zweiten Weltkrieg leisten etwa 20.000 Menschen Zwangsarbeit in der Volkswagenwerk GmbH, darunter 5.000 KZ-Häftlinge. Die Erinnerungsstätte – ein authentischer Ort, von 2022. In: Volkswagen AG. Unter der Belegschaft entstanden Beziehungen und Frauen wurden schwanger und die erste Ausländerkinder-Pflegestätte entstand im „Ostlager“ des Volkswagenwerks Wolfsburg.

Standort „Ostlager“ Anfang 1943 gab Anton Piëch, der damals die Volkswagen GmbH und damit auch das Volkswagenwerk Wolfsburg als einer der drei GmbH-Hauptgeschäftsführer leitete, dem Personalchef Tyrolt den Auftrag das „Ostlager“ des Stammwerks zu reorganisieren. Tyrolt begann daraufhin gemeinsam mit dem Ostlager-Führer Ewald Kuhlmann die angeordnete Reorganisation. Als es im März 1943 zur ersten Entbindung einer Ostarbeiterin im Volkswagenwerk kam, wurde eine leerstehende Baracke im Bereich des Krankenreviers im Ostlager für weitere Aufnahmen vorbereitet. Der für das Krankenrevier zuständige Arzt war Hans Körbel, der die Baracke in vier Räume aufteilen ließ. In der Baracke gab es einen Raum für schwangere Frauen, einen Stillraum und zwei Räume für die Säuglinge. Die Baracke war für 30 Säuglinge geplant. Diese Ausländerkinder-Pflegestätte war ursprünglich ausschließlich für die im VW-Werk arbeitenden Polinnen und Ostarbeiterinnen vorgesehen.Marcel Brüntrup: Verbrechen und Erinnerung. Das Ausländerkinderpflegeheim des Volkswagenwerks. Wallstein Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3453-3. S. 73.

Um die Anforderungen für Ausländerkinder-Pflegestätten des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, zu erfüllen, wandte sich der NSDAP-Kreisleiter von Gifhorn, Ernst Lütge, mit der Bitte an Piëch, auch schwangere Ostarbeiterinnen des Kreises in die Ausländerkinder-Pflegestätte des Volkswagenwerks aufzunehmen. Dieser Bitte entsprach Piech, obwohl er hierzu nicht verpflichtet gewesen wäre. Er überprüfte allerdings die voraussichtlichen Belegungszahlen und -kapazität der Baracke nicht. Die Belegung mit schwangeren Ostarbeiterinnen wuchs ständig an und erreichte im August 1943 die Zahl von 45 Säuglingen und 65 im Oktober 1943. Darunter waren jeweils 15 Säuglinge aus dem „Ostlager“ des Volkswagenwerks.

Die Zustände eskalierten angesichts der Überbelegung, geringen Ernährung und schlechten ärztlichen Versorgung. Die Ostarbeiterinnen versuchten alles, um das Leben der Kinder zu erhalten. Sie beschwerten sich. Um Unruhen unter der polnischen und sowjetischen Belegung zu vermeiden, setzte Körbel den von ihm beauftragten russischen Arzt ab und die deutsche Heimleiterin Ella Schmidt ein. Diese Vorgehensweise entsprach keineswegs den vorgegebenen Richtlinien eines Erlasses des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, denn hierfür durften keinesfalls deutsche Kräfte, sondern nur Personal aus Polen und der Sowjetunion eingesetzt werden. Schmidt berichtete im Prozess, dass sie bei ihrer Übernahme ein Heim in einem „völlig vernachlässigten Zustand“ aufgefunden habe. Von den 45 Kindern sei die Hälfte unterernährt, eine Kochgelegenheit sei nicht vorhanden und die Bettwäsche sei so zerschlissen gewesen, dass sie entsorgt und neue beschafft werden musste. Die Pflegerinnen seien fachlich völlig überfordert gewesen.

Nach der Arbeitsaufnahme der Heimleiterin Schmidt starben zwei oder drei Kinder, wovon mindestens eines davon an den Folgen von Hunger starb, und Ende September 1943 starben zwei weitere Kinder an den Folgen von Ernährungsstörungen. Laut Schmidt erhielten die Säuglinge zu ihrer Ernährung „Halb- oder Drittelmilch gemischt mit Haferflocken oder Mondamin. Auch Citretten, Tabletten mit Vitaminen angereicherter Zitronensäure, seien in schwierigen Fällen zur Herstellung der Säuglingsnahrung verwendet worden.“ Dies entsprach damals üblicher Vorgehensweise, allerdings war der Fettgehalt im Vergleich von Kuh- zu Muttermilch zu gering. Der Fettanteil der Kuhmilch von 2,5 bis 3 Prozent wurde durch die verabreichte Halb- bzw. Drittelmilch noch weiter reduziert und führte trotz einer Zugabe von Mehl und Zucker zu einem Fett-, Eiweiß- und Vitaminmangel. Eine polnische Zeugin berichtete im Prozess gegen die führenden Verantwortlichen der Ausländerkinder-Pflegestätte, dass manchmal zu wenig Milch vorhanden war, dann sei sie mit Wasser verdünnt worden und wenn sie sauer war, sei Fett in Wasser notdürftig darin gelöst worden. Im August 1943 wurde auf zahlreiche Beschwerden mehrerer Ausländerkinder-Pflegestätten im Reich eine Konferenz von Reichsernährungsministerium und Arbeitseinsatz einberufen, wo beschlossen wurde, dass die „Ostarbeiterkinder“ gleiche Ernährungssätze wie deutsche Kinder erhalten sollen. Tyrolt und Körbel stellten dies so dar, dass sie diesen Erfolg erreicht hätten.

Nach einer Aussage von Körbel starben in der Baracke im „Ostlager“ etwa 10 Säuglinge insgesamt. Diese Zahl blieb deutlich hinter den Sterbezahlen zurück, die anschließend in den Heimen am Schachtweg in Wolfsburg und in Rühen entstanden.Marcel Brüntrup: Verbrechen und Erinnerung. Das Ausländerkinderpflegeheim des Volkswagenwerks. Hrsg. von der Stadt Wolfsburg, Institut für Stadtgeschichte und Stadtpräsentation. Hrsg. von der Stadt Wolfsburg, Institut für Stadtgeschichte und Stadtpräsentation. Wallstein Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3453-3. S. 74–82.

Standort Schachtweg Im Oktober 1943 wurden wegen Überbelegung die 65 Kinder in das „Gemeinschaftslager“ am Schachtweg verlegt, wo zwei Baracken hergerichtet und zusätzliches deutsches und sowjetisches Personal angestellt worden war. Doch bereits im Dezember 1943 waren die Baracken mit 100 Säuglingen erneut überbelegt und die Kinderbetten mussten doppelt belegt werden.

In Baracken am Schachtweg gab wenigstens fließendes Wasser im Gegensatz zum „Ostlager“, allerdings nicht genügend Warmwasser zum Baden der Säuglinge, zusätzlich standen lediglich zwei Badewannen zur Verfügung. Handtücher, Wäsche und Windeln waren knapp und die Strohmatratzen in den Betten wurden nicht ein einziges Mal im gesamten Belegungsverlauf gewechselt. Eine 25-jährige „Ostärztin“ wurde zur Aufsicht eingesetzt, die keinerlei fachärztliche Ausbildung hatte.