mini|Diese Zeichnung im Manuskript des Werkes De revolutionibus orbium coelestium (1543) von Nikolaus Kopernikus veranschaulicht den Ausgangspunkt des kopernikanischen Weltbilds: Die Planeten bewegen sich auf kreisförmigen Bahnen um die Sonne.
Unter der kopernikanischen Wende oder der kopernikanischen Revolution (nach Nikolaus Kopernikus) versteht man die Abkehr vom geozentrischen Weltbild. Laut Hans Blumenberg bestand die Wende darin, bei der Erforschung der Welt über den unmittelbaren Augenschein hinauszugehen, um durch konstruktive Vernunft zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.
In einem engeren Sinn ist mit der kopernikanischen Wende das Ende der Auffassung gemeint, dass die Erde im Weltmittelpunkt ruhe und von rotierenden himmlischen Sphären umgeben sei. In einem weiteren Sinn umfasst die kopernikanische Wende das Ende der mit diesem Weltbild verbundenen weitreichenden Vorstellungen in Philosophie und Religion des ausgehenden europäischen Mittelalters über die Stellung des Menschen in der Welt. Dieses Verständnis der kopernikanischen Wende diente zur Abgrenzung zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Geschichtswissenschaft. T. Kuhn, Die kopernikanische Revolution (1981), hier in der Literatur angegeben: Seiten 1–4 (Kopernikus und das moderne Weltbild).
Seit dem 19. Jahrhundert wird der Ausdruck „kopernikanische Wende“ im übertragenen Sinne auch in anderen Wissensgebieten verwendet, um eine neue Theorie oder ein Umdenken (z. B. linguistische Wende, kognitive Wende) als revolutionär und folgenreich als Paradigmenwechsel herauszustellen.Vom linguistischen Begriff des Paradigmas ging Thomas S. Kuhn mit seinem Versuch einer allgemeinen Theorie wissenschaftlicher Revolutionen The Structure of Scientific Revolutions (1962) aus, was den Begriff des Paradigmenwechsels populär gemacht hat. Kuhns frühere Schrift The Copernican Revolution von 1957, hier in der Literatur unter Kuhn (1981) angegeben, behandelt diesen wissenschaftshistorischen Aspekt eines Paradigmenwechsels hingegen noch nicht, sondern untersucht den ‹Ideenwandel› (Seite 4), der mit dieser astronomischen Theorie einherging. Dort heißt es auch, die außerwissenschaftlichen Konsequenzen aus Kopernikus' wissenschaftlicher Theorie seien in der Wissenschaftsgeschichte eher ‹untypisch›. (Siehe hier Abschnitt Naturphilosophische Rezeption.) In der Geschichte der Philosophie wird zudem von einer „kopernikanischen Wende“ gesprochen, die Immanuel Kant in der Kritik der reinen Vernunft (1781) mit seinem Vorschlag einer Transzendentalphilosophie vollzogen habe. Kant selber hat den Ausdruck „Kopernikanische Wende“ in seinen Schriften nicht benutzt, allerdings sprach er in der Vorrede der zweiten Auflage von 1787 davon, dass eine „Umänderung der Denkart“ in der Philosophie ebenso zu vollziehen sei wie bei Kopernikus in der Kosmologie oder bei Euklid in der Geometrie.Wulff D. Rehfus: Kopernikanische Wende, in: Handwörterbuch Philosophie, Vandenhoeck & Ruprecht/UTB, Göttingen 2003, ISBN 978-3-8252-8208-0. URL: [], abgerufen am 18. Dez. 2017.
Astronomiegeschichte und historische Auswirkungen Kopernikus’ Erklärung der Bewegungen der Himmelskörper
mini|Originalausgabe von Kopernikus’ Hauptwerk, gedruckt von Johannes Petreius, Nürnberg 1543 Die kopernikanische Wende wurde durch das 1543 im Druck erschienene Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium von Nikolaus Kopernikus ausgelöst. Hierin wurde die Vorstellung von der ruhenden Erde aufgegeben und durch die Annahme ersetzt, dass die Erde eine zweifache Bewegung ausführt, indem sie sich täglich um ihre Achse dreht und jährlich um die Sonne kreist.
Kopernikus betont die „Harmonie“ des Weltbilds, da die Planeten die Sonne auf einfachen Kreisbahnen umlaufen. Dieses sei „leichter begreiflich“, als die Bewegungen der Himmelskörper wie bisher in eine „fast endlose Menge von Kreisen zersplittert“ zu sehen (s. Scheinbare rückläufige Bewegung). Die „Weisheit der Natur“ würde sich hüten, etwas „Überflüssiges und Unnützes“ hervorzubringen. Vielmehr „lenkt die Sonne, auf ihrem königlichen Throne sitzend, die sie umkreisende Familie der Gestirne“. Durch ihre Umlaufbahn „empfängt die Erde von der Sonne und wird schwanger mit jährlicher Geburt“, was besser einleuchte als eine Sonne, die die Erde täglich umkreist.Zitate aus: Nicolaus Copernicus: Über die Kreisbewegungen der Weltkörper. übersetzt von C. L. Menzzer. Ernst Lambeck, Thorn 1879, Erstes Buch, Capitel 10, S. 27f. Vom stoischen Prinzip, dass die kosmische Ordnung zugleich eine moralische Ordnung sei,Wolfgang Kullmann: Antike Vorstufen des modernen Begriffs des Naturgesetzes. in: Okko Behrends, Wolfgang Sellert (Hrsg.): Nomos und Gesetz. Ursprünge und Wirkungen des griechischen Gesetzesdenkens. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-525-82597-8, S. 36–111, hier S. 60. weicht Kopernikus noch nicht ab.
Damit konnte Kopernikus die Grundvorstellungen über die Bewegungen am Himmel stark vereinfachen, was der „neuen Denkweise“ des Rationalismus entsprach.Panajotis Kondylis: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, Felix Meiner, Hamburg 2002, ISBN 3-7873-1613-2, S. 97. Sein System war aber im Detail nicht weniger kompliziert, da er strikt bei dem aristotelischen Dogma blieb, im Himmel könne es nur gleichförmige Kreisbewegungen geben. Daher waren etwa ebenso viele zusammengesetzte Kreisbewegungen erforderlich wie im älteren geozentrischen System, um die Planetenpositionen mit vergleichbarer Genauigkeit berechnen zu können. Die von Kopernikus bekräftigte Treue zu antiken Autoritäten und theologische Überlegungen lässt ihn in Verbindung mit den neuen Idealvorstellungen der Renaissance nicht als Revolutionär, sondern als Mittler zwischen Altem und Neuem erscheinen.Jürgen Teichmann: Wandel des Weltbildes: Astronomie, Physik und Messtechnik in der Kulturgeschichte. 4. Aufl., Springer, Berlin 2013, ISBN 978-3-322-94874-8, S. 80. Auch er selbst sah gegen Lebensende seine größte Leistung nicht darin, einen fundamentalen Wechsel des Standpunkts vollzogen zu haben, der zu einer wesentlichen Vereinfachung des astronomischen Weltbilds führte, sondern in dem Nachweis, dass in seinem Modell das aristotelische Prinzip der gleichförmigen Kreisbewegung aller Himmelskörper gewährleistet war, ohne den Bezugspunkt der Bewegung in den Äquanten zu verlegen, einen fiktiven Punkt außerhalb des Mittelpunkts. Eduard Jan Dijksterhuis: Die Mechanisierung des Weltbildes. Springer, Berlin/Heidelberg/New York 1956. (Reprint 1983 (mit einem Geleitwort von Heinz Maier-Leibnitz), ISBN 3-540-02003-9), S. 321
Dass das heliozentrische System gegen Ende des 17. Jahrhunderts allgemeine Anerkennung fand, beruht auf entscheidenden Weiterentwicklungen, die auf der von Kopernikus etablierten Grundlage möglich waren. Nach Johannes Kepler genügte für jeden Planeten eine einzige Ellipse, um seine Bewegung um die Sonne darzustellen, und nach Isaac Newton war das ganze Planetensystem im Rahmen der durch ihn ausgearbeiteten Mechanik durch ein einfaches Gesetz der allgemeinen Massenanziehung zu erklären. In diesen Weiterentwicklungen erlaubte das Modell nun eine vereinfachte Berechnung der Planetenbewegungen, die dennoch präzisere Vorhersagen ermöglichten als die vor Kopernikus üblichen Verfahren. Hinzu kamen Bestätigungen des neuen Weltbilds durch die ersten Fernrohrbeobachtungen der Planeten, vor allem durch Galileo Galilei, sowie durch den Nachweis, dass die nach Kepler und erst recht die nach Newton berechneten Planetenpositionen um ein Vielfaches genauer waren als früher.
Die übliche Bezeichnung als heliozentrisches Weltbild trifft dabei im strengen Sinn nur auf den von Kepler erreichten Entwicklungsstand zu, denn bei Kopernikus kreisten die Planeten und auch die Sonne selbst noch um die fiktive „mittlere Sonne“ und bei Newton um das Baryzentrum des Sonnensystems, während das Weltall als solches überhaupt keinen Mittelpunkt mehr besaß.
Die kopernikanische Wende bedeutete eine tiefgreifende Veränderung in der Wahrnehmung des Universums. Kopernikus’ heliozentrisches Modell stellte die bis dahin vorherrschende geozentrische Sichtweise infrage und leitete eine neue Ära des wissenschaftlichen Denkens ein.
Veränderung des traditionellen Weltbilds
Kopernikus’ Veröffentlichungen argumentieren selbst für sein Modell noch mit der Vorstellung einer Sphärenharmonie, doch schon er und mehr noch seine Nachfolger (wie u. a. Tycho Brahe, Johannes Kepler, Galileo Galilei, Isaac Newton) brachen mit einer ganzen Reihe althergebrachter Vorstellungen und Lehrsätzen, die ausgehend von der Kosmologie zu grundlegenden Verschiebungen des Weltbilds führten. In der für die europäische und arabische Welt seit der Spätantike bestimmenden aristotelischen Physiktradition und dem ptolemäischen Weltbild war die Welt klar in verschiedene Sphären geteilt. In der „sublunaren“ (unterhalb des Mondes liegenden) Sphäre galten die beobachtbaren Gesetze der Physik und Mechanik, die alle darin liegenden Dinge als bewegliche und veränderliche und endliche Dinge, den Gesetzen der Natur bzw. dem Spiel der Naturkräfte unterwarf. Umgeben war diese von der Sphäre der Wandelsterne, in die auch die Sonne fiel, als bewegliche, aber veränderliche Dinge. Um diese herum wurde schließlich eine nur im Ganzen rotierende Sphäre der unveränderlichen und ansonsten unbeweglichen Fixsterne gedacht. Jenseits dieser sollte wiederum ein völlig „unbewegter Beweger“ stehen.
In der Renaissance kam als Alternative die Idee der Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos auf – die Bewegungen „der Himmel“ (gemeint waren die Sphären) – sollten direkt mit bestimmten Ereignissen auf der Erde korrespondieren. Diese Vorstellung führte im Neoplatonismus zu einem Wiederaufleben der Astrologie, da man glaubte, die Himmelskörper hätten direkten Einfluss auf das irdische Leben. Die für das Zeitalter der Entdeckungen und die Navigation ohnehin hoch relevante Astronomie erfuhr hier noch weiteres Interesse.James Evans: The History and Practice of Ancient Astronomy. Oxford University Press, 1998, S. 349. Aufklärungsautoren wie Pierre Bayle wandten sich in ihren Schriften gegen solche astrologischen Vorstellungen und argumentierten für die Vernunft und gegen den Aberglauben.
Als Beispiele für die radikalen Veränderungen, die Kopernikus’ Theorien mit sich brachten, lassen sich anführen:Lose nach
Die Kosmologie gründet nicht mehr auf empirischer Beobachtung (z. B. Sonnenaufgang/Sonnenuntergang), sondern auf der Möglichkeit zu eleganter und zuverlässiger mathematischer Berechnung.
Die Erde ist nicht mehr der "archimedische" Ausgangspunkt aller Berechnungen, sondern ein Himmelskörper unter anderen.
Die aristotelische Einteilung in natürliche und unnatürliche Bewegungen wird infrage gestellt.
Die Erde wird als beweglich betrachtet, nicht mehr als ruhend. Die Fixsternsphäre verliert ihre Rolle als Ausgangspunkt aller Bewegung.
Himmelserscheinungen oberhalb des Mondes sind veränderlich. Der leere Raum zwischen den Fixsternen wird anerkannt.
Ruhe und Bewegung verlieren ihren absoluten Sinn.
Die empirische Beobachtung vom Betrachter aus verschiebt sich, insbesondere durch neue technische Möglichkeiten (Fernrohr), auf eine Perspektive "von außen" auf einen imaginären Standpunkt außerhalb des Sonnensystems, von dem aus nun die Bewegung der Himmelskörper bestimmt wird.