mini|Walter Kappacher (2009) Selina oder Das andere Leben ist der Titel eines 2005 publizierten Romans von Walter Kappacher.Kappacher, Walter: Selina oder Das andere Leben. dtv, München 2009, S. 67. ISBN 978-3-423-13872-7. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. Erzählt wird der Versuch des Salzburger Gymnasiallehrers Stefan, in einer abgeschiedenen italienischen Region mit kultureller Tradition seinem Leben die „lang erhoffte Wendung“ zu geben und es neu zu orientieren sowie – in Auseinandersetzung mit Jean Pauls Gedanken über die Unsterblichkeit – über die existentiellen Fragen nachzudenken. Verbunden mit dieser Phase der Selbstbesinnung sind die Tagesabläufe eines einfachen Lebens, die Sanierung eines alten Bauernhauses sowie die Pflege des Geländes, die Bekanntschaft mit der ländlichen Gesellschaft, kreative und kontemplative Beschäftigungen und die Hoffnung, an Literatur und Kunst interessierte, seelenverwandte Freunde zu finden.

Handlungsübersicht Ursachen für Stefans Ausstieg und die einjährige Befreiung von seinen beruflichen Pflichten sind die Unzufriedenheit mit seiner Arbeit als Lehrer und die Entfremdung von seiner zwölf Jahre älteren Freundin und Kollegin Monika Schneider. Er ist ca. 40 Jahre alt, gilt in der Schule als Sonderling und kann sich zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, bis zur Pensionierung Schüler zu unterrichten. In der Mitte seines Lebens stellt er sich die Fragen nach Sinnerfüllung und nach einem Neubeginn als Schriftsteller in einem anderen Umfeld. Auslöser seiner Entscheidung für eine Besinnungsphase in räumlicher Distanz zu Wohnort, Familie und Bekannten ist in den Osterferien 1985 die zufällige Begegnung mit dem in antiker Literatur belesenen Heinrich Seiffert, der seit siebzehn Jahren in einem kleinen Dorf im Hügelland des Pratomagno-Gebirges zwischen Florenz und Arezzo lebt und ihm das Angebot macht, sich ein vom Zerfall bedrohtes Bauernhaus auf seinem Anwesen als Sommerferiensitz herzurichten.

Die Haupthandlung begleitet den Protagonisten von Mai bis September 1987 und wird in kleinen Kapiteln, die jeweils einzelne Situationen und Erlebnisse enthalten, im Wesentlichen chronologisch, nur durch einige Rückblicke unterbrochen, entwickelt: Z. B. die erste Autofahrt nach Moro,Kappacher, 2009, S. 35 ff. der Besuch mit Mario bei dessen Schwester Eva in Arezzo,Kappacher, 2009, S. 155 ff. die kurze Beziehung zu Loretta, Heinrichs Besuch mit Selina und ihrem Mann in Moro, der Bus-Ausflug mit dem Bürgermeister zum Lago Trasimeno.Kappacher, 2009, S. 104 ff. Eingerahmt sind diese Stationen von zwei Abschnitten, in denen Stefan in der Ich-Form Heinrich (vorletztes Kp.Kappacher, 2009, S. 245 ff.) und dessen Nichte Selina (1. Kp.Kappacher 2009, S. 7 ff.) anspricht. Das letzte Kapitel verweist auf den Hintergrundtext: Jean Pauls 1827 veröffentlichtes Romanfragment Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele.Jean Paul: Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele. In: Werke, Band 6. München 1963, S. 1105 ff.

Interpretation Italien-Sehnsucht mini|Die Piazza Grande in Francesco Petrarcas Geburtsstadt Arezzo ist ein häufiges Ausflugsziel Stefans. Hier kauft er auf dem Antiquitäten-Markt für die Möblierung des Ferienhauses zwei Stühle, die ihm Loretta mit ihrem Renault nach Mora transportiert.Kappacher, 2009, S. 184 ff. Mit der Bekanntschaft Heinrich Seifferts im Bahnhof beginnt das Toskana-Experiment des Salzburger Lehrers.

Heinrich Seiffert liest als Experte für antike Literatur und Kulturgeschichte u. a. Horaz, Vergil, Lukrez und schreibt eine Petrarca-Studie.Kappacher, 2009, S. 68 ff. Sein Freund und Kollege professore Alberto ist Präsident der Societa Francesco Petrarca in Arezzo, wo Seiffert früher in jedem Jahr einen Vortrag gehalten hat. Vor allem dieser Dichter war es, der mit der Pflege der römischen republikanischen Literatur und ihrer moralischen Werte des selbstverantwortlichen Menschen zum antiken Lebens- und Kulturideal der Renaissance beitrug, das er mit der christlichen Offenbarung verband. Seit der Zeit der RenaissanceErich Lessing: Die italienische Renaissance. München 1983. interessierte man sich in Europa wieder für die antike Kunst und Philosophie und wählte sie zum Vorbild für das neue individualistische und kosmopolitische Menschenbild. Darauf beziehen sich die Bildungsreisen sowohl deutscher Dichter wie Johann Wolfgang GoetheGoethe, Johann Wolfgang: Italienische Reise. Erster und zweiter Teil. In: dtv-Gesamtausgabe Bd. 25, München 1962. Dritter Teil. In: dtv-Gesamtausgabe Bd. 26, München 1962. und Maler als auch die Grand Tour der jungen Adligen. Viele Entwicklungsromane z. B. aus der Zeit der Klassik und Romantik greifen das Motiv der Italiensehnsucht auf und gestalten die Schemata einer idealen Natur-Kultur-Landschaft (Arkadien): Z. B. Mignons Lied in Goethes Wilhelm Meisters theatralische Sendung,Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters theatralische Sendung. Viertes Buch, S. 153. In: dtv-Gesamtausgabe, Band 14, München 1962. Ludwig Tiecks Franz Sternbalds Wanderungen.Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen. In: Frühe Erzählungen und Romane. München 1963, S. 699 ff. oder Joseph von Eichendorffs MarmorbildJoseph von Eichendorff: Das Marmorbild. In: Werke. München 1966, S. 1147 ff. In dieser Tradition stehen die als erster Leitspruch zu Kappachers Roman in Adalbert Stifters Worten formulierten Vorteile von Italienreisen für die Persönlichkeitsbildung und die Sehnsucht Stefans, „sich dem Mythos Italien zu nähern“,Kappacher, 2009, S. 205. wobei ihm allerdings vor 1985 das Land erst südlich von Rom reizvoll erschien.Kappacher, 2009, S. 29. Seiffert gibt ihm kulturhistorische Informationen und Reisetipps (u. a. Geburtsorte der Renaissance-Maler Fra Angelico, Leonardo da Vinci, Michelangelo) und leiht ihm Bücher (Seneca). Nach den Vorschlägen seines Mentors macht Stefan Ausflüge in die historischen Zentren, besucht beispielsweise eine Etrusker-Ausstellung und die Galleria Nationale in Perugia,Kappacher, 2009, S. 102. das Geburtshaus Raffaels in Urbino,Kappacher, 2009, S. 136 ff. den Palazzo Pitti in FlorenzKappacher, 2009, S. 163 ff. und skizziert die ihn beeindruckenden Kunstwerke, aber auch die ihn störende museale Atmosphäre: „Kordeln waren in einer Entfernung von zwei Metern vor den Bildern gespannt“.Kappacher, 2009, S. 137. Das Haupt-Augenmerk seiner Beschreibungen richtet sich allerdings auf die gegenwärtige Durchmischung des Stadtbildes und das lärmende Leben außerhalb der Museen und Kirchen: „Neben dem Eingang zum Geburtshaus von Raffael […] ein kunsthandwerklich gefertigtes Kachel-Schild: Tattoo-Center“.Kappacher, 2009, S. 137. 750px|mini|Wie ein Grenzwall wirkt das Pratomagno-Gebirge vom Arno-Tal aus. In diese im Vergleich zur westlichen Chianti-Toskana für den Tourismus abgelegene Region des Valdarno mit Eichen- und Kastanienwäldern und dazwischen teilweise verwilderten terrassierten Oliven-, Wein- und Gemüsegärten haben sich Heinrich Seiffert und Stefan zurückgezogen. Das einfache Leben Zentrum der Selbstreflexionen des Protagonisten in der Toskana ist ein einfacher, aktiver Lebensstil: Sein Tagesablauf auf dem an einem verwilderten terrassierten Berghang gelegenen ehemaligen kleinen Landgut Mora, zweieinhalb Kilometer von Gello Biscardo entfernt,Kappacher, 2009, S. 33. addiert sich aus z. T. spontan entwickelten Verrichtungen und führt zu einem völlig anderen, gedehnten Zeitgefühl:Kappacher, 2009, S. 70. Er repariert das Dach, flickt das Mauerwerk, weißelt die Wände, lackiert die neuen Fensterläden, möbliert die Wohnung, schneidet das Brombeergestrüpp um die Olivenbäume und auf der steil abfallenden Zufahrt zum Grundstück, bespricht mit Mario Sanierungsmaßnahmen, holt Wasser vom Bona-Brunnen, unterhält sich mit den Ferrettis und Marinis, die ihre terrassierten Oliven- und Weingärten bewirtschaften und ihm gelegentlich Zucchini schenken, kauft in San Giustino Valdarno und Castiglion Fibocchi Lebensmittel und Zeitungen, betrachtet die Auslagen der Buchhandlungen,Kappacher, 2009, S. 46 ff., 92 ff. erkundet dabei – der Leser kann die Wege mit Google-maps verfolgen – die Region: die mittelalterlichen Siedlungskerne mit den einförmigen Ausbauzonen und Gewerbegebieten an den Hauptverkehrsstraßen, bereitet seine Mahlzeiten meistens mit Brot, Salami, Tomaten und Schafskäse zu, besucht Heinrich Seiffert in Pontenano, liest die von ihm ausgeliehenen Bücher, kümmert sich um dessen Nichte Selina, deren Ehe mit Erich in der Krise ist, während ihres Besuchs beim Onkel und verliebt sich in sie. Von Anfang an wünscht sich Stefan, das einfache Leben in Mora mit einer Frau zu teilen, die ähnliche Interessen wie er hat.Kappacher, 2009, S. 215. Monika wäre dazu offenbar nicht bereit,Kappacher, 2009, S. 28 ff., 206. Loretta belässt es bei einer Übernachtung im alkoholisierten Zustand.Kappacher, 2009, S. 184 ff. Mit Selina könnte er sich ein Zusammenleben am besten vorstellen, obwohl sie sich bei ihrem ersten Besuch im Juli ablehnend äußert: »Nichts für mich!«Kappacher, 2009, S. 10. Einerseits braucht Stefan Menschen um sich, mit denen er sein Erleben teilt,Kappacher, 2009, S. 177. und könnte ohne die Nachbarschaftsbeziehungen die Einsamkeit auf Mora nicht ertragen. Andererseits halten ihn die freundlichen Einladungen und häufigen abendlichen Besuche der Dorfbewohner, die den Fortschritt der Sanierung begutachten, von seinen Zielen ab: dem Schreiben eines Pompeji-RomansKappacher, 2009, S. 207. bzw. des Drehbuchs für den Film seines Halbbruders Franz über Mozarts italienische Reise, dem Lesen der Briefe Plinius’, der Romane Pratolinis und Paveses, der Kleist-Briefe sowie dem kosmischen Erlebnis des die Natur überspannenden Sternenhimmels.

Toskanische Impressionen mini|250px|Antonio Ferretti fährt mit Stefan zum Wallfahrtsort La Verna im Casentino und zeigt ihm die Höhle im Felsen des Tafelbergs Monte Penna, wo 1224 Franz von Assisi nach der Überlieferung mit den Vögeln gesprochen hat und stigmatisiert worden ist.Kappacher, 2009, S. 189 ff.

Bei seinen Ausflügen beobachtet er die Lebens- und Arbeitswelt der Bewohner und sammelt Impressionen wie in aneinandergereihten Schnappschüssen: auf Stühlen vor den Häusern sitzende, Zeitung lesende Männer, vorbeialbernde Mädchen und Jungen, deren Gesichter ihn an Darstellungen Piero della Francescas erinnern, eine Greisin, die „mit einem Korb voller getrockneten Kräuter hausieren geh[t]“ und aus dem Verkehrsbüro geworfen wird, „aufgewirbelte[r] Staub, der sich, vermischt mit Auspuffgasen, langsam auf die Tische“ der Touristen legt, die bei den Bestellungen im Café auf der Piazza della Repubblica „das bisschen Gelernte anbringen“ wollen und deren Akzent ihn an seinen eigenen erinnert.Kappacher, 2009, S. 138 ff. In nachdenklichen Augenblicken befürchtet er, auch nur ein „Gaffer“ wie die Touristen mit ihren spärlichen italienischen Sprachkenntnissen zu sein und hier eigentlich nichts verloren zu haben,Kappacher, 2009, S. 138. und erkennt, dass man mit den Menschen in einer Gemeinschaft leben müsse. In Gello Biscardi gelingt die Integration ansatzweise und er registriert dankbar, dass ihn die Bewohner nicht mehr wie im Vorjahr als Fremden behandeln und ihn teilnehmen lassen: Er wird von den Nachbarn in Gello wie den Marinis zum Espresso oder einem Glas Wein eingeladen, unterhält sich mit ihnen in seinem einfachen Italienisch, nimmt an religiösen Festen teil, z. B. der Firmung von Marios Sohn Gianni, und begleitet Antonio Feretti zum Franz von Assisi-Wallfahrtsort La Verna.Kappacher, 2009, S. 189 ff. Im Mittelpunkt der nachbarschaftlichen Kontakte steht Mario, der die Hauptarbeiten bei der Haus-Sanierung übernommen hat und ihn mit seiner Verwandtschaft bekannt macht, u. a. mit seinem Schwager Vittorio.Kappacher, 2009, S. 155 ff. Dieser hat in seiner Jugend Gedichte geschrieben und als Autodidakt eine kleine Bibliothek aufgebaut, für die sich Stefan interessiert.