Deutschenschwemme ist ein ursprünglich für das Verhalten einiger Urlauber aus Deutschland geprägtes polemisches Schlagwort, das später in Österreich und der Schweiz unter anderem für die starke Nachfrage von „Numerus-clausus-Flüchtlingen“ aus Deutschland in der universitären Ausbildung verwendet wurde. In der Deutschschweiz wird der Ausdruck außerdem in Bezug auf den Arbeitsmarkt verwendet.

Zur Begriffsgeschichte Das Wort „Deutschenschwemme“ erschien schon in den 1970er-Jahren, damals im Zusammenhang mit dem bundesdeutschen Urlaubsverhalten. Der Lido di Jesolo, der „Teutonengrill“,Beide Wortzitate in: und der sommerliche Urlaubsstau auf den Alpenübergängen wurden zu Symbolen der an gewissen Orten übermäßig gehäuft auftretenden Deutschen (letzteres seinerzeit in Österreich verbunden mit der Problematik der Gastarbeiterroute als fremdbestimmte Belastung).

Das Wiederaufleben des Begriffs im Zusammenhang mit Bildung findet sich dann im beginnenden 21. Jahrhundert – primär in Medien Deutschlands und erst ab Ende der 2000er auch in Österreich und der Schweiz.Der Begriff findet sich in Bezeichnung des Phänomens im Bildungswesen in der seriösen Presse und Medien etwa in: Die Zeit online 13. Dezember 2006, 17. April 2009; Der Spiegel online 21. Dezember 2009; Focus Online 4. August 2010; NZZ online 8. März 2011; ORF ZIB 24, 29. Juli 2011; das herabsetzendere Piefkeschwemme findet sich als Selbstbezeichnung etwa: Der Spiegel online 18. Oktober 2007; Süddeutsche online 8. Juli 2010 (Auswahl willkürlich google.at/Wikipedia); Journalistischer Beiträge zum Thema des Sprachgebrauchs findet sich in:

vgl. auch

Studienplatznachfrage Im Unterschied zu Österreich und der Schweiz – wo es das nur vereinzelt gibt – setzt Deutschland schon seit den 1970er-Jahren (Numerus-clausus-Urteil 1972) auf Zugangsbeschränkungen für Studienanfänger nach dem Notendurchschnitt der Studienberechtigung. Mit dem EU-Beitritt Österreichs (1995) und der zunehmenden Annäherung der Schweiz an EU-Freizügigkeiten (ab 2004) wie auch dem europaweiten Erasmus-Programm (ab 1987) zu Zusammenarbeit und Mobilität im Hochschulwesen, mit dem Bologna-Prozess (ab 1999) zur Vereinheitlichung der Studiensysteme und dem dadurch in Aufbau befindlichen Europäischen Hochschulraum entstand eine verstärkte Nachfrage bundesdeutscher Studieninteressierter und Arbeitsmigranten auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt dieser Länder statt.

1996 gingen 26 von 1000 deutschen Studierenden an Hochschulen ins Ausland, 2006 waren es knapp doppelt so viele, nämlich 48. 2008/2009 hatte Österreich mit 19,5 % den relativ größten Anteil an den deutschen Auslandsstudierenden, die Niederlande hatten 18,5 %, das Vereinigte Königreich 12,5 %, die Schweiz weiterhin 10,7 %, gefolgt von den Vereinigten Staaten, Frankreich und Australien.

Welche und wie stark diese und andere deutsche Nachbarländer konkret als Sprungbrett für eine Auslandskarriere dienen (Bildungsmigration), ein echtes Auswanderungs- oder zeitbegrenztes Gastland der Studierenden aus Deutschland darstellen (Arbeitsmigration), und welche primär der Umgehung des Numerus clausus dienen, ist noch nicht näher statistisch erhoben.Walter Matznetter, Institut für Geographie und Regionalforschung, Universität Wien bezeichnete das Thema anlässlich des Workshop International Student Mobility and Migration in Europe 4.–5. Juni 2009 die Thematik als . Zitiert nach Ausländische Studenten: Bleiben oder gehen? DiePresse.com, 3. Juni 2009.

Seit 2009 lagen zumindest einzelne Zahlen zur Motivation der Menschen aus Deutschland, in den Nachbarländern zu studieren, vor: Nach einer Befragung in Österreich ist der Anlass primär die Hochschulsituation in ihrer deutschsprachigen Heimat, 35 % (also ) gaben konkret an, keinen Studienplatz bekommen zu haben (Numerus-Clausus-Flucht zumindest als einer der Gründe).Martin Unger, Sarah Zaussinger, Johanna Brandl, Lukas Dünser, Angelika Grabher: Internationale Studierende. Zusatzbericht der Studierenden-Sozialerhebung 2009, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (BMWF), Institut für Höhere Studien (IHS), Wien, Juni 2010, Abschnitt 4.1 Gründe für ein Studium in Österreich, S. 35., , gesamter Erhebung: ww2.sozialerhebung.at; Stand 11/2012. Insbesondere zeigte sich, dass Deutschsprachige einen Grund, nicht in der Bundesrepublik Deutschland zu studieren (push-Faktor, bei 72,8 % der Befragten), überdurchschnittlich oft nannten, einen Grund, in Österreich studieren zu wollen (pull-Faktor, 72,1 %) unterdurchschnittlich oft, im Vergleich zu allen anderen Herkunftsländern jeweils mit stärkster Abweichung (Durchschnitt 62,4 % resp. 78,9 %; in allen anderen Herkunftsgruppen überwiegen die Gründe, explizit nach Österreich kommen zu wollen, gegenüber den Emigrationsgründen).Unger et al., Zusatzbericht Studierenden-Sozialerhebung 2009, Tabelle 19: Gründe für ein Studium in Österreich nach Herkunftsregion, S. 36; Erläuterung der Faktoren Fußnoten 7,8 S. 35.

Für die Nachbarländer bildet die Bildungsmigration eine bedeutende Belastung, die dann schlagend wird, wenn diese tatsächlich nur die Ausbildung nutzen, dann aber mit den Abschlüssen – durchwegs von gutem Ruf – sofort wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren, weil das Prinzip der kostenlosen Studiengänge auf wirtschaftlicher Förderung des Landes durch freien Zugang zu Kompetenz beruht. Spitz formulierte dies 2012 Sebastian Kurz, ÖVP-Integrationsstaatssekretär: .Stellungnahme gegenüber der Austria Presse Agentur (APA), zitiert nach Migranten: Rot-Weiß-Rot-Card auch für Bachelor. In: Die Presse online, 19. August 2012.

Im Studienjahr 2011/12 verstärkte sich das Problem wesentlich: Durch die Verkürzung der Sekundarstufe auf 8 Jahre (Abitur nach Klasse 12) in Bayern und Niedersachsen gelangten nun in einem Jahr zwei Abiturjahrgänge auch auf den österreichischen und Schweizer Bildungsmarkt. Gleichzeitig fiel durch die Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland diese als Pufferung der Schulabgänger weg. Allein für Bayern rechnete man mit 76.000 Studienanfängern eines Hochschuljahrgangs.

Mehr als 30.000 Deutsche Studenten studierten im Studienjahr 2016/17 in Österreich. Dem gegenüber studierten nur 12.000 Österreicher in Deutschland.Der Standard

Da 2013 weitere deutsche Bundesländer die verkürzte Schulzeit einführten, waren die Prognose dieser Zeit keinesfalls auf fallende Zuwanderung ausgerichtet. So vermutete man bis 2015 etwa 35.000 bis 60.000 zusätzliche Studienanfänger deutschlandweit allein durch den Wegfall der Wehrpflicht.

Nationale Lage der Zielländer Österreich

Verstärkte Nachfrage Bundesdeutscher nach Studienplätzen in Österreich wurde nach dem EU-Beitritt 1995 registriert. Obschon damit und mit dem Anliegen von Bologna und Erasmus prinzipiell jedem EU-Bürger der EU-15-Staaten das Studieren in Österreich frei stand, wurde naturgemäß nur die stetig zunehmende Nachfrage von Studenten aus dem übrigen deutschen Sprachraum thematisiert, da sie so nicht erwartet wurde. Hörsäle wie Stand des Lehrkörpers waren auf den Schub an Immatrikulenten nicht eingerichtet.

Das eher traditionelle Schulsystem in Österreich stellt die Weichen für hochschulische Bildung schon relativ früh, mit dem Wechsel Unter- zu Oberstufe mit rund 14 Jahren – ein Umstand, der von fortschrittlichen Bildungspolitikern schon seit den 1970er-Jahren kritisch gesehen wird: Er unterscheidet die österreichische Bildung vom Leitbild der skandinavischen Modelle, erfordert dann aber wie dort keinerlei Hürden nach der Matura.

Dabei verzeichnet Österreich insgesamt neben den Fragen, die bundesdeutsche Studierende aufwerfen, auch bezüglich der anderen Herkunftsländer eine abnorm hohe Akademikerflucht (Brain drain). Neben der Abwanderung heimischer Akademiker ins Ausland bleiben beispielsweise auch nur etwa 16 % der Nicht-EU-Studierenden nach ihrem Hochschulabschluss in Österreich (Deutschland: 25 %, Kanada 33 %). (Kritik an der Abwanderung bezieht sich nicht auf die deutschen Südtiroler, die genauso behandelt werden wie alle anderen Deutschsprachigen in der EU.)

2001 führte Österreich als Reaktion auf steigende Ausländerimmatrikulation – aber auch wegen der angespannten Budgetlage im Bildungssektor nach den Schüssel-Sparpaketen und dem Paradigma der Selbstfinanzierung der Universitäten als Entstaatlichungsmaßnahme – Studiengebühren ein (363,36 Euro/Semester). Dies trug zwar zur Abwahl der ÖVP-FPÖ/BZÖ-Regierung 2006 bei („Bildungsnotstand“-Debatte), zeigte aber bezüglich der Nachfrage deutscher Erstsemester keinerlei Wirkung.

Nachfragedämpfende Maßnahmen erwiesen sich europarechtlich als schwierig: Ein Numerus clausus nach Herkunftslandprinzip, wo eine Studienzulassung in Österreich nur dann erteilt wurde, wenn diese dem Inskribenten auch in seinem Heimatland erteilt würde, um zumindest die echten Numerus-Clausus-Flüchtlinge aus dem österreichischen Bildungswesen fernzuhalten, wurde im Juli 2005 vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) als Verstoß gegen Unionsrecht verworfen.

Bis 2006 war Österreich nach den Niederlanden und Großbritannien EU-weit auf Rang 3 der deutschen Bildungsmigration (14,4 % der deutschen Auslandsstudenten waren in Österreich immatrikuliert), 2007 rückte es auf Rang 2 (16,4 % /14.789 Personen) vor, 2008 mit 19,5 % (20.019 Personen) auf Rang 1.

2006 führte Österreich in Human- und Veterinärmedizin (Vetmeduni Vienna) – Numerus clausus auch in der Schweiz – und später auch in Psychologie und anderen Fächern eine Inländerquote ein, die auf 75 % Österreicher und Südtiroler, 20 % andere EU-Bürger und 5 % Drittlands-Ausländer (Nicht-EU-Angehörige) lautete (Landeskinderregelung). Diese wurde von der EU bisher geduldet, wobei Österreich nachzuweisen hat, dass ohne die Inländerquote ein nationaler Medizinermangel droht, weil die in Österreich studierenden Ausländer sich kaum in Österreich niederlassen. So arbeiteten 2012 um die 1000 deutsche Ärzte in Österreich, aber 2500 österreichische Ärzte in Deutschland.Martin Novak: Ärztemangelwirtschaft – Ärztinnen und Ärzte werden importiert und exportiert. Der Mangel an Ärzten auch. In: Aerzte Steiermark 10/2013 (online, aekstmk.or.at).

Außerdem gibt es vonseiten der Medizinischen Universitäten Wien und Innsbruck seit 2006/07 das mit der Schweiz gemeinsame Aufnahmeverfahren Eignungstest für das Medizinstudium (EMS) und in Graz eine Wissensprüfung des (österreichischen) Maturastoffes – für beide Zugangshürden gibt es inzwischen in Deutschland spezielle privatwirtschaftliche Vorbereitungstrainings. Psychologie wurde zum Hauptproblem, in Salzburg etwa waren 2009 drei Viertel aller Psychologie-Studenten Deutsche, Graz setzte 2010 das Fach überhaupt für 2 Jahre aus. Mit der Novelle 2009 des Universitätsgesetzes wurde der Ergänzende Bestimmungen für die Zulassung zu den vom deutschen Numerus Clausus betroffenen Studien eingeführt, der sich konkret auf Medizin, Psychologie, Tiermedizin und Zahnmedizin bezieht.

Zu einem weiteren behaupteten Schub kam es 2009/10, als die Studiengebühren 2008 kurz vor den Wahlen im September (SPÖ-„Fünf-Punkte-Programm“ gegen die Teuerung) per März 2009 wieder abgeschafft wurden. In keinem Zusammenhang hierzu standen die Ereignissen um die Besetzung des Audimax Wien („Die Uni brennt!“) des Herbst 2009. Die Proteste richteten sich gegen den Bologna-Prozess und standen im Kontakt mit gleichen Protestbewegungen in anderen EU-Staaten, darunter auch Deutschland. Parallel hierzu wurde von Rektorenseite darüber gesprochen, von der deutschen Bundesregierung Ausgleichszahlungen zu fordern; der österreichische Wissenschaftsminister Johannes Hahn lehnte das aber ab.spiegel.de

Mehrere österreichische Universitäten hatten beim Wissenschaftsministerium Anträge gestellt, um auf Basis des Notfallparagrafen (§ 124b Z.6 Univ.Gesetz 2002) Zulassungsbeschränkungen für besonders überlaufene Fächer einführen zu können. Für Herbst 2010 wurden für Publizistik- und Kommunikationswissenschaftsstudien solche Beschränkungen verordnet.