mini|t.A.T.u. in Kirow (2006) Russische Popmusik bzw. Popmusik aus Russland sind übergreifende Bezeichnungen für die populärmusikalischen Musikrichtungen, die in Russland beziehungsweise dem russischen Sprachraum gehört werden. Im Großen und Ganzen unterscheiden sich die Mechanismen der russischen Popmusik nur wenig von denjenigen anderer Industrieländer. Neben angelsächsisch dominierten, internationalen Popmusik-Produktionen, die auch im neuen Russland präsent sind, kommen spezielle landesspezifische Traditionen zum Tragen – etwa die landeseigene Folklore, die durch die Sowjet-Ära geprägte Unterhaltungsmusik (Estrada), das russische Chanson sowie eine eigene Form landesorientierter Popmusik, die Popsa.

Begriff Sprachliche und geografische Uneindeutigkeiten erschweren eine genaue Umgrenzung des Begriffs. Dies beginnt bei der Sprache. Einerseits wird in russischer Sprache gesungene Popmusik in ganz Russland gehört. Daneben existieren jedoch auch Popmärkte ethnischer Minderheiten – zum einen in Russland selbst (zum Beispiel in Sibirien oder den Grenzgegenden zu den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien), zum anderen in den ehemals sowjetischen Ländern wie zum Beispiel Belarus und der Ukraine. Über diese geografische Ausdifferenzierung hinaus ist russische Popmusik auch weltweit ein Faktor. Ein wesentlicher Verbreitungsfaktor hier sind die unterschiedlichen russischen Exilgemeinden – etwa in Westeuropa, den USA oder Kanada.

mini|360px|links|Verbreitung der russischen Sprache (dunkelblau = Amtssprache, türkis = weit verbreitet) Als weiterer Faktor kommt hinzu, dass internationale Popproduktionen auch in Russland mittlerweile stark gehört werden. Während die ältere Generation nach wie vor den klassischen Estrada-Stil präferiert, sind bei der jüngeren internationale Popstars wie Madonna, Lady Gaga und andere sehr populär. Auch Techno-Musik ist in Russland stark präsent – wobei sich für diese Form der Disko-Tanzmusik der Begriff Popsa etabliert hat. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben sich auch westliche Nischen- und Undergroundstile ausgebreitet. Zu finden sind sie vorwiegend in einem urbanen Umfeld – entsprechend spezialisierten Clubs in St. Petersburg, Moskau oder Kiew. Eine eigene Entwicklung durchgemacht hat schließlich die russische Rockmusik. Während sie in der Sowjetunion noch als maßgeblicher Katalysator für systemkritische Opposition fungierte, geriet sie in den 1990er- und 2000er-Jahren zunehmend in die Krise – zum einen inhaltlich, zum anderen aufgrund der Dynamik des nun den Marktgesetzen unterworfenen Kultursektors.

Ähnlich wie in anderen großen Ländern ist auch die russische populäre Musik ein Konglomerat aus unterschiedlichen Einzelstilen. Die wichtigsten Richtungen sind:

mini|Chor der Roten Armee in Warschau (2009) Estrada. Die klassische russische Unterhaltungsmusik, wie sie zu Zeiten der Sowjetunion bekannt war. International einer der bekanntesten Exponenten ist der Chor der Roten Armee; auch einige bekannte Schlager wie zum Beispiel Moscow Nights (russischer Originaltitel: Podmoskownyje Wetschera) sind typische Estrada-Produktionen. Stark forciert wurde diese Richtung, die man grob als russische Variante des Easy Listenings bezeichnen kann, durch die staatseigene Musik- und Schallplatten-Produktionsfirma Melodija.Russland: Popsa und russisches Chanson, Irving Wolther, eurovision.de, 28. März 2008.

Volkstümliche russische Musik, Folklore. Die Folkloreszene differenziert sich nach regional unterschiedlichen Schwerpunkten aus. Zum Teil dient sie nach wie vor der Brauchtumspflege. Darüber hinaus gibt es mehr oder weniger stark kommerzialisierte Produktionen, welche den Markt der volkstümlichen Musik dominieren. Eine dritte Richtung ist die Adaption seitens avancierter Musikprojekte, welche Folklore-Tradition aufgreifen, weiterpflegen und weiterentwickeln.

Popsa. Russischer Disko-Techno, sprich: elektronische Tanzmusik, ist unter jüngeren Leuten stark verbreitet. Einerseits ist Popsa ein Abgrenzungsfaktor, etwa gegenüber kritischen, bestimmten Subkulturen angehörenden Jugendlichen. Andererseits ist Disko-Tanzmusik „made in Russia“ ein bestimmender Marktfaktor und wird – Beispiel: das Duo t.A.T.u. – auch im Ausland wahrgenommen.

Chanson, Bard und Lied. Die russische Variante der angelsächsischen Singer-Songwriter-Kultur basiert auf mehreren Traditionslinien. Neben dem gehobenen, anspruchsvollen Schlager (Beispiel: der Sänger Michail Schufutinski) sind dies vor allem das Bard-Lied (die sowjetische Form des Folk- und Protestsongs der 1960er) und die sogenannten blatnye pesni – die Kriminellen-, Kleine-Leute- und Lagerlieder, deren Tradition bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreicht., guidetorussia.org, abgerufen am 5. August 2011 (engl.)

Jazz. Die russische Variante der Jazzmusik blickt auf eine wechselhafte Geschichte zurück. In den 1920er- und 1930er-Jahren bildete sich eine eigene sowjetische Jazzszene heraus. Ende der 1930er-Jahre zunehmend ins Abseits gedrängt, hatte sie lediglich in der ersten Hälfte der 1940er-Jahre – während des Großen Vaterländischen Krieges – ein kurzes Revival. Schon aufgrund der Musik als solcher ist die aktuelle russische Jazzszene stark international ausgerichtet. Ebenso wie in anderen Ländern zählt Jazz auch in Russland eher zu den Nischen- als zu den Mainstream-Musikstilen.

mini|Juri Schewtschuk von der Rock-Band DDT (2008) Rock. Ihre große Zeit hatte die russische Rockmusik in der Perestroika- und Glasnost-Periode Ende der 1980er. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs und mit der Liberalisierung der Märkte geriet auch die Rockmusik der Perestroika-Ära in die Krise. Mittlerweile hat in der Szene eine allgemeine Umorientierung eingesetzt, einhergehend mit einer stilistischen Ausdifferenzierung. Nach wie vor jedoch ist Rock mit russischen Texten ein Faktor. Bekannte Bands: Aquarium, Kino und DDT.

Underground. In stark urbanisierten Zentren sind seit den 1990er-Jahren Underground-Nischenkulturen entstanden, vergleichbar denen in anderen Industrieländern. Zentren dieser Musikszenen sind kleine Clubs, vorwiegend in St. Petersburg und Moskau. Gemeinsames Merkmal: die Abgrenzung vom vorherrschenden Musik-Mainstream. Stilistisch ist der Underground sehr heterogen. Neben starken musikalischen Vorlieben für Ska, Klezmer, das Blat-Chanson, Gypsy-Musik sowie osteuropäische Folklore gibt es auch eine Szene, die ambitionierte elektronische Musik macht. In Deutschland wurde diese Form russischer Clubmusik vor allem durch die Russendisko-Veranstaltungen und Kompilationen des in Berlin lebenden Autors und DJs Wladimir Kaminer bekannt.

Neben der russischen Sprache finden verstärkt auch andere internationale Verkehrssprachen Einzug in das musikalische Repertoire. Um auf dem internationalen Popmarkt zu bestehen, veröffentlichen Gruppen und Interpreten wie zum Beispiel t.A.T.u. oder die Sängerin Walerija englischsprachige Varianten ihrer Produktionen. Umgekehrt gibt es sowohl in Russland als auch international x-hunderte von Cover-Einspielungen bekannter russischer Stücke – insbesondere von Klassikern wie Katjuscha oder Dorogoi dlinnoju, deren Melodien (zum Teil mit anderen Titeln wie zum Beispiel Those Were the Days) über den gesamten Globus verbreitet sind. Eine besondere Eigenheit neben der Sprache ist die damit einhergehende kyrillische Schrift – ein Faktor, der die Verbreitung über diesen Schriftraum hinaus deutlich hemmt. Mit weit über hundert Millionen Menschen im Verbreitungsgebiet ist der Markt für russische Popmusik trotzdem groß. Im Zuge des stetig anhaltenden und weiter wachsenden Interesses an lokalen Popkulturen (Stichwort: Ethno-Pop) ist seit Beginn des 21. Jahrhunderts auch in Westeuropa, den USA und anderen Regionen der nördlichen Hemisphäre ein verstärktes Interesse an Popmusik aus Russland zu verzeichnen.

Geschichte Vorläufer im 19. Jahrhundert Die russische Populärmusik wurde stark von der russischen Folklore geprägt. Zur Zeit des Zarenreichs umfasste diese nicht nur die russische Volksmusik im engeren Sinn, sondern auch die ukrainische, west- bzw. belarussische sowie die Musiktraditionen jüdischer Minderheiten, von Sinti und Roma sowie benachbarter mittel-, ost- und südosteuropäischer Länder. Exotismus, Orientsehnsucht sowie Vorliebe für Zigeunermusik lagen sowohl in der U- als auch der E-Musik des 19. Jahrhunderts stark im Trend. Als herausragende Beispiele gelten die Opern Carmen und Aida von Georges Bizet und Giuseppe Verdi sowie einige Werke des Komponisten Claude Debussy.Exotismen im 19. Jahrhundert, in: Weltmusik; Gisela Probst-Effah, Institut für Musikalische Volkskunde, Universität zu Köln, Sommersemester 2008, abgerufen am 5. August 2011. Das Interesse an Volksmusik erfasste auch russische Komponisten. Ein Mittel, diese Musik in Szene zu setzen waren professionelle Chöre und Musikorchester. Der erste bekannte Folklorechor war bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden: der von Mitrofan Pjatnizki begründete Pjatnizki-Chor. Ein weiteres bekanntes Ensemble war das Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Folklore-Berufsorchester von Wassili Andrejew. Charakteristisch für dieses Orchester war die Tatsache, dass professionelle Musiker das Folklorematerial arrangierten und so in eine neue Form brachten. Eine herausragende Gelegenheit, diese Form des Exotismus einem breiten Publikum vorzuführen, bot die Pariser Weltausstellung im Jahr 1889.Simone Broughton, Kim Burton, Mark Ellington, David Muddyman, Richard Trillo (Hrsg.): Weltmusik. World Music Rough Guide. J. B. Metzler, 2000, ISBN 3-476-01532-7. (Kapitel: Tatiana Didenko und Simon Broughton: Musik aus dem Volk. Das neue Rußland).

mini|Modest Mussorgski (1870) Auch klassische Musiker begeisterten sich mehr und mehr für die Musik aus dem einfachen Volk., Hubl Greiner/WDR, Musikgeschichte. Beiträge zur Musikgeschichte und Musikwissenschaft, 2003. Modest Mussorgski, César Cui, Georgi Rimski-Korsakow, Alexander Borodin und Mili Balakirew gründeten die Gruppe der Fünf. Ihr Ziel war, die russische Kunstmusik durch die Einbeziehung folkloristischer Elemente zu erneuern. Dies bezog auch Feldstudien mit ein. Mili Balakirew reiste 1860 die Wolga entlang und sammelte zahlreiche Volkslieder. Zeitlich fiel dieses Interesse zum einen mit der Aufhebung der Leibeigenschaft zusammen, zum anderen mit dem Erstarken der kritischen Intelligenz – speziell der politisch links orientierten Narodniki, aus deren Umfeld sich später die während der Oktoberrevolution recht bedeutsame Sozialrevolutionäre Partei entwickelte. Michail Glinka, Vater der russischen Kunstmusik, formulierte die Vorliebe für volkstümliche Musik mit den Worten: „Die Musik entsteht im Volk. Wir Komponisten bringen sie nur in eine Form.“ Der Sänger und Musiker Sergei Starostin charakterisierte die Bedeutung der folkloristischen Tradition rückblickend ebenfalls als immens: „Das Dorf war die Seele Russlands. Das Land hat uns auch geistig ernährt. Dort sind die verschiedenen russischen Musikstile entstanden.“

Mehr und mehr wurde die Volksmusik-Tradition in den Dienst des Staates gestellt; Ziel war es, eine „nationale Musikkultur“ zu schaffen. Bedingt durch technische Erfindungen wie den Phonographen, konnte das Interesse an ländlicher Folklore weiter systematisiert werden; Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden so die ersten Feldaufnahmen. Parallel hatte sich auch die herkömmliche Unterhaltungsklassik weiterentwickelt. St. Petersburg, zu jener Zeit die Hauptstadt des Zarenreiches, zog im 19. Jahrhundert zahlreiche bekannte Sänger und Sängerinnen an. Ein bekannter Auftrittsort war das St. Petersburger Mariinski-Theater, in dem 1862 die Uraufführung der Verdi-Oper Macht des Schicksals stattfand. Den heute ebenfalls geläufigen Namen Kirow-Theater erhielt der Ort im Zuge einer Umbenennung 1937. Ein weiterer bekannter Veranstaltungsort war das Moskauer Bolschoi-Theater – ein Schauspielhaus, dessen Gründung auf das Jahr 1776 zurückging.

1917–1991: Populärmusik in der Sowjetunion