mini|Jürgen Böttcher (2009)
Jürgen Traugott Hans Böttcher (Pseudonym als Maler Strawalde; * 8. Juli 1931 in Frankenberg/Sa., Sachsen) ist ein deutscher Maler und Filmregisseur. Er gilt als einer der bedeutendsten Dokumentarfilmer und oppositionellen Maler der DDR.
Leben Jürgen Böttcher wuchs in Strahwalde in der Oberlausitz auf.Jürgen Böttcher Filmportal, mit audführöichen biographischen Angaben Er studierte von 1949 bis 1953 Malerei an der neuen Hochschule für Bildende Künste Dresden. Danach blieb er als freischaffender Künstler in Dresden und unterrichtete in Volkshochschulkursen unter anderen A. R. Penck, Peter Makolies, Peter Graf und Peter Herrmann, mit denen er die Künstlergruppe Erste Phalanx Nedserd bildete.
Seit 1955 studierte Jürgen Böttcher Regie an der neu gegründeten Hochschule für Filmkunst in Potsdam Babelsberg. Nach dem Abschluss 1960 wurde er festangestellter Mitarbeiter beim DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme in Berlin.
Nach der Teilnahme an einer Gruppenausstellung in West-Berlin wurde Jürgen Böttcher 1961 aus dem Verband Bildender Künstler der DDR ausgeschlossen, was ihm eine weitere berufliche Tätigkeit als Maler in der DDR fast unmöglich machte. Auch sein einziger Spielfilm Jahrgang 45 (1965) wurde noch vor der Fertigstellung verboten, wodurch er sich seitdem vor allem weiter der Dokumentarfilmproduktion widmete. Seit Mitte der 1970er Jahre hatte er wieder bessere Möglichkeiten, als Maler tätig zu sein.
1991 endete seine Tätigkeit beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Danach konnte er nur noch einen Film drehen. Jürgen Böttcher lebt in den letzten Jahren in Berlin-Karlshorst. Er war von 1954 bis 1964 mit der Künstlerin Agathe Böttcher verheiratet.
Ausstellungen und Sammlungen Seit 1975 hatte er Ausstellungen mit seinen Bildern und Grafiken unter anderem in Erfurt, Berlin, Dresden und Karl-Marx-Stadt, seit 1990 auch in Paris, Brüssel, Toronto, Hamburg, München, Köln und Darmstadt.
Jürgen Böttchers Bilder befinden sich unter anderem in folgenden öffentlichen Sammlungen: Nationalgalerie Berlin, Sammlung Deutscher Bundestag im Reichstagsgebäude, Dresdner Albertinum, Dresdner Residenzschloss, Wiener Albertina, Bibliothèque nationale de France, Museum Ludwig, Boston Public Library.
Filmisches Werk Jürgen Böttcher drehte über 40 Filme, die meisten davon Dokumentarkurzfilme. Besonders in seinen frühen Werken fühlte er sich dem italienischen und französischen Neorealismus verbunden, der im Gegensatz zum sozialistischen Realismus der DDR stand.Ralf Schenk: Erinnere dich in Liebe und Hass. Zum 70. Geburtstag von Jürgen Böttcher. In: Filmdienst 14/2001 (Text); mit detaillierten Angaben zu vielen Filmen Bereits mit seinem ersten Studentenfilm Der Junge mit der Lampe (1957) erregte er einiges Aufsehen in der Hochschule, sein Abschlussfilm Notwendige Lehrjahre (1960) stellte kritisch den Alltag in einem Jugendwerkhof dar. Sein erster DEFA-Dokumentarfilm Drei von vielen (1961) über Malerkollegen wurde aus formalistischen Gründen verboten. In den folgenden Kurzfilmen beschrieb Jürgen Böttcher vor allem Themen aus dem Alltag, wie Ofenbauer (1962). Barfuß und ohne Hut (1965) über Jugendliche im Urlaub an der Ostsee war zu offen und wurde deshalb nicht gezeigt. Sein einziger Spielfilm Jahrgang 45 (1965), in dem er in neorealistischer Weise den Alltag junger Menschen in Berlin beschrieb, wurde nach dem berüchtigten Kahlschlag-Plenum noch in der Rohschnittphase abgebrochen, was ihn sehr traf.
Danach widmete sich Jürgen Böttcher in den nächsten Jahren vor allem offiziell gewünschten Themen, wobei Der Sekretär (1967) über einen Altkommunisten auch schon wieder als zu kritisch eingeschätzt wurde. Mit Wäscherinnen (1972), Im Lohmgrund (1977), Martha (1978), Rangierer (1984) und Die Küche (1986) wandte er sich besonders der Arbeitswelt und deren stillen Helden zu. In der experimentellen dreiteiligen Reihe Verwandlungen (1982) stellte Jürgen Böttcher seine Techniken des Übermalens von alten Gemälden auf Postkarten vor, versetzt mit ungewöhnlichen Klängen. In Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner (1985) ehrte er einen Malerkollegen, In Georgien (1987) ist ein Reiseporträt einer poetischen Landschaft. In seinem letzten Film in der DDR, Die Mauer (1990), dokumentierte Jürgen Böttcher deren langsames Verschwinden. Danach konnte er nur noch einen Film Konzert im Freien (2001) drehen.
Zu seinen sehenswertersten Filmen gehören Barfuß und ohne Hut (1965), Jahrgang 45 (1965), Wäscherinnen (1972), Martha (1978), Venus nach Giorgione (1981) und Die Mauer (1990).Jürgen Böttcher, Maler und Regisdeur Art in Berlin, mit Artikel von Daniela Kloock über die Retrospektive im Kino Babylon in Berlin 2022, mit einigen ergänzten Filmen (ganz unten); vgl. auch die Auswahl der anderen Retrospektiven und die Beoträge von Ralf Schenk, Klaus Kreimeier und Falko Seidel
Filmografie 1957: Der Junge mit der Lampe, erster Studentenfilm, verboten 1959: Dresden, wenige Jahre danach, Studentenfilm (auch Buch und Schnitt) 1960: Notwendige Lehrjahre, Diplomfilm (auch Buch) 1961: Drei von vielen, erster DEFA-Dokumentarfilm (auch Buch), verboten 1962: Drei von uns (Co-Regie und Co-Drehbuch) 1962: Ofenbauer (auch Buch) 1962: Im Pergamon-Museum (auch Buch) 1963: Silvester (auch Buch) 1963: Stars (auch Buch) 1964: Charlie & Co (auch Buch) 1965: Barfuß und ohne Hut (auch Buch), verboten 1965: Karl-Marx-Stadt. Gegenwärtiger Bericht und Erinnerung an Chemnitz (auch Co-Drehbuch) 1965: Kindertheater (auch Buch) 1965: Jahrgang 45, Spielfilm (auch Co-Drehbuch), verboten 1967: Der Sekretär (auch Buch) 1967: Wir waren in Karl-Marx-Stadt (auch Buch) 1967: Fest der Freundschaft (auch Buch) 1968: Tierparkfilm (auch Buch) 1968: Ein Vertrauensmann (auch Buch) 1969: Arbeiterfamilie (auch Buch) 1970: Dialog mit Lenin (auch Buch) 1971: Song International (auch Buch) 1972: Wäscherinnen (auch Buch) 1972: Zum Beispiel Rewatex (auch Buch) 1974: Erinnere dich mit Liebe und Haß (auch Co-Drehbuch) 1974: Die Mamais (auch Buch) 1974: Weggefährten – Begegnungen im 25. Jahr der DDR 1976: Großkochberg – Garten der öffentlichen Landschaft (auch Buch) 1977: Ein Weimarfilm (auch Buch) 1977: Im Lohmgrund (auch Buch) 1977: Murieta (auch Buch) 1978: Martha (auch Buch) 1982: Verwandlungen: Potters Stier (auch Buch), experimenteller Dokumentarfilm 1982: Verwandlungen: Venus nach Giorgione (auch Buch) 1982: Verwandlungen: Frau am Klavichord (auch Buch) 1983: Drei Lieder (auch Buch) 1984: Der schönste Traum (auch Buch) 1984: Rangierer (auch Buch) 1985: Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner (auch Buch) 1986: Die Küche (auch Buch) 1987: In Georgien (auch Buch) 1990: Die Mauer (auch Buch) 2001: Konzert im FreienBernd Reinhardt: Der Regisseur Jürgen Böttcher und sein Film Konzert im Freien. Internationales Komitee der Vierten Internationale (WSWS), 7. April 2001. (auch Buch)
Filmretrospektiven Die Filme von Jürgen Böttcher wurden nach ihren Erstveröffentlichungen nur verhältnismäßig selten in Programmkinos gezeigt, einige Retrospektiven boten eine kleinere Auswahl des umfangreichen Werks.
1986 Centre Pompidou in Paris 1988 Edinburgher 42nd International Filmfestival 1989 Deutsches Filmmuseum in Frankfurt am Main und 2011 Kino Arsenal BerlinPoet des Films. Jürgen Böttcher zum 80. Arsenal Berlin, mit einer Auswahl von sechs Filmen 2022 Kino Babylon Berlin Jürgen Böttcher. Maler und Regisseur Art in Berlin, von Daniela Kloock, mit Angaben zu den etwa acht Filmen
Auszeichnungen 1967: Erich-Weinert-Medaille 1974: Kunstpreis der DDR für Wer die Erde liebt, im Kollektiv 1975: Kunstpreis des FDGB für Weggefährten 1978 Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig, Preis des Weltfriedensrates 1979: Nationalpreis der DDR II. Klasse, im Kollektiv der Regisseure des DEFA-Studios für Dokumentarfilme 1979: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen: Preis der Mitarbeiter der Kurzfilmtage für Martha 1985 Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, Ehrendiplom 1985: Findlingspreis für Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner 1986: Melbourne International Film Festival: Ehrendiplom für Rangierer 1992: Bundesfilmpreis. Filmband in Gold (Ehrenpreis) für das Gesamtwerk 1992: Kunstpreis der Stadt Darmstadt 1994 Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres, verliehen durch Präsident François Mitterrand 1997: Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden 1998 Kunstpreis Sprengel-Museum Hannover 2000 Bundesfilmpreis 2001: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland 2003: Preis der DEFA-Stiftung für die Verdienste um den deutschen Film 2006: Berlinale Kamera 2011: Ehrenpreis der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ 2022: Jerg-Ratgeb-Preis
Filme über Jürgen Böttcher 2003 Zur Person: Jürgen Böttcher, im Gespräch mit Günter Gaus 2021 Strawalde 2022 Sie nannten ihn SpartakusSie nannten ihn Spartakus Babylon Berlin
Literatur Monographien und Ausstellungskataloge Falko Seidel: Der Künstler im Staat. Die Lebenswelt der DDR in den Filmen des DEFA-Dokumentaristen Jürgen Böttcher. Saarbrücken 2007, Neuausgabe 2012 Falko Seidel: Die Lebenswelt der DDR. Im Spiegel der Filme des DEFA-Dokumentaristen Jürgen Böttcher, Diplomarbeit, FU Berlin 2005 (Auszüge) Strawalde. Jürgen Böttcher. Nürnberg 2012, ISBN 978-3-86984-306-3. Peter Joch (Hrsg.): Strawalde – Bilder bis heute. Katalog zur Ausstellung Kunsthalle Darmstadt, 30. September 2007–13. Januar 2008. Darmstadt 2007.
Artikel
Gregor Kunz: "Es ist ein Geheimnis, es ist ein Wunder und es ist auch eine Qual ..." Der Maler Strawalde und Jürgen Böttcher, Filmemacher. In: Ostra-Gehege. 95, 2020/I Text mit ausführlichen biographischen Angaben und Gesprächsnotizen
Klaus Kreimeier: Gedämpfte Töne, Wortsplitter, halbe Sätze, kaum ein Lachen. In: Tobias Ebbrecht, Hilde Hoffmann, Jörg Schweinitz (Hrsg.): DDR – erinnern, vergessen. Das visuelle Gedächtnis des Dokumentarfilms. Schüren, Marburg, 2009. S. 23–37 Peter Badel: Im Gespräch mit Jürgen Böttcher. Brüderlichkeit. In: Peter Badel: Kamera läuft. Band II. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung. Berlin: 2007, ISBN 978-3-00-021830-9, S. 368–391. Ralf Schenk: Erinnere dich in Liebe und Hass. Zum 70. Geburtstag von Jürgen Böttcher. In: Filmdienst 14/2001 (Text), mit Würdigung des filmischen Werks ERSTE PHALANX NEDSERD. Jürgen Böttcher / Strawalde, Winfried Dierske, Peter Graf, Peter Herrmann, Peter Makolies, Ralf Winkler / A. R. Penck. Ein Freundeskreis in Dresden 1953–1965. Katalog zur Ausstellung Kunsthalle Nürnberg und Lindenau-Museum Altenburg, 1991–1992. Hans-Jürgen Tast (Hrsg.): As I Was Moving. Kunst und Leben. Schellerten 2004, ISBN 3-88842-026-1.
Weblinks
Übersicht
Jürgen Böttcher Akademie der Künste, mit Kurzbiographie, umfassendem Film- und Ausstellungsverzeichnis Bilder
Strawalde Artnet Jürgen Böttcher im Bildindex der Kunst und Architektur Filme
Jürgen Böttcher DEFA-Stiftung (Memento), mit ausführlichen Angaben zu seinen Filmen
Weitere
Einzelnachweise
Kategorie:Maler (Deutschland) Kategorie:Dokumentarfilmer Kategorie:Filmregisseur Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse Kategorie:Träger des Deutschen Filmpreises Kategorie:Träger des Ordre des Arts et des Lettres (Ritter) Kategorie:Träger des Nationalpreises der DDR II. Klasse für Kunst und Literatur Kategorie:Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste Kategorie:Mitglied der Akademie der Künste (Berlin) Kategorie:Deutscher Kategorie:DDR-Bürger Kategorie:Geboren 1931 Kategorie:Mann