mini|Amy Chua (rechts) mit ihren Töchtern Sophia und Lulu (2011). Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte (engl. Originaltitel: Battle Hymn of the Tiger Mother) ist ein 2011 in den Vereinigten Staaten erschienenes, im Stil einer Autobiografie verfasstes Buch der chinesisch-amerikanischen Juristin Amy Chua. Chua erzählt darin von ihren Bemühungen, ihren zwei Töchtern unter Einsatz autoritativer, von ihr als „chinesisch“ bezeichneter Erziehungsmethoden und durch das Abverlangen musikalischer Spitzenleistungen erfolgreiche Karrieren zu ermöglichen.

In den Vereinigten Staaten stand das Buch seit seinem Erscheinen im Mittelpunkt eines emotional geführten Diskurses darüber, welchen Stellenwert Leistung in der Erziehung haben sollte. Die deutsche Übersetzung des Buches erschien am 25. Januar 2011, nur zwei Wochen später als die Originalausgabe. Es führte im deutschsprachigen Raum zu Diskussionen darüber, wie viel Autorität Eltern ausüben dürfen.Amy Chua: Ist Strenge die Mutter des Erfolgs? Eltern.de, 25. Januar 2011.

Inhalt Chua erzählt in ihrem Buch die Geschichte der Erziehung ihrer beiden Töchter, die sie mit erheblichem Einsatz und Ehrgeiz Klavier bzw. Geige lernen lässt, wobei dieses Unternehmen im Falle der älteren Tochter zum Erfolg führt, während die jüngere sich schließlich widersetzt und die Mutter – nachdem sie bereits viel erreicht hat – zur Aufgabe zwingt. Chua ist eine Tochter chinesischer Einwanderer, wurde auf traditionell chinesische Weise erzogen und erzieht ihre Töchter auf dieselbe Weise. Bereits in der Vorbemerkung räumt Chua ein, dass ihr Buch keine Apologetik der chinesischen Erziehungsphilosophie sei, und unterstreicht dies durch zahlreiche freimütige Darstellungen von Situationen, in denen sie selbst keine gute Figur macht.

Ein weiteres zentrales Thema des Buches ist der Aufeinanderprall der Weltbilder, zu dem es kommt, wenn Westler und Chinesen einander ihre Erziehungskonzepte zu erklären versuchen.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 161.

Familienszenario Amy Chua stammt aus einer römisch-katholischen Akademikerfamilie philippinischer Chinesen, die vor Chuas Geburt in die Vereinigten Staaten eingewandert ist. Chua ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Juristin und lehrt seit 2001 an der Yale University. Ihr Mann, Jed Rubenfeld, ist amerikanischer Jude mit europäischen Vorfahren, lehrt als Jurist ebenfalls in Yale und ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Yale Law School; We Know About Tiger Mom, But Who Is TIGER DAD? Business Insider, 21. Januar 2011. Die Töchter Sophia (* 1993) und Louisa („Lulu“, * 1996) sind als englische Muttersprachler aufgewachsen und wurden wie ihr Vater in der Tradition des Reformjudentums erzogen. Da in Chuas Elternhaus kein Hochchinesisch, sondern nur der Hokkien-Dialekt gesprochen wurde, bestand sie darauf, dass die Töchter bereits frühzeitig Unterricht im prestigeträchtigeren Mandarin erhielten.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 7–8, 16, 50, 183f.

Der chinesische Erziehungsstil Da in dem kulturellen Umfeld, das Chua in ihrem Buch beschreibt, asiatische und amerikanische Einflüsse ein unüberschaubares Amalgam eingegangen sind, kann sie, wie sie bereits zu Beginn hervorhebt, die Ausdrücke „chinesische Mutter“ und „chinesischer Erziehungsstil“ nur metaphorisch verwenden. Viele ethnische Chinesen, die in den USA geboren sind, erziehen ihre Kinder im „westlichen“ Stil, und viele Eltern, die den von Chua beschriebenen „chinesischen“ Erziehungsstil praktizieren, sind gar nicht chinesischer, sondern koreanischer, indischer oder gelegentlich sogar europäischer Abstammung.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 4, 54. Jedoch ist es ihr eigenes Elternhaus, aus dem Chua sämtliche Elemente ihres Erziehungsstils sowie die Werte, die diesem Erziehungsstil zugrunde liegen, übernimmt.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 16f, 55.

Als den zentralen Wert, den Chua ihren Kindern zu vermitteln versucht, benennt sie Können und Leistung (excellence), und ihr höchstes Erziehungsziel ist das Vertrauen des jungen Menschen in die eigenen Fähigkeiten (confidence).Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 225f. Die Aufgaben der Eltern bestehen darin, dem Kind zu zeigen, wozu es fähig ist, und es mit den Ressourcen auszurüsten, die es für sein künftiges Leben benötigt: Fähigkeiten, guten Arbeitsgewohnheiten und Selbstvertrauen.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 63. Bildung und schulischer Erfolg werden in China traditionell außerordentlich hoch bewertet; mit dem Training von Fähigkeiten, die (wie z. B. das Einmaleins) nur durch Üben erlernt werden können, verbringen chinesischstämmige Eltern zehnmal so viel Zeit wie amerikanische Eltern europäischer Abstammung.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 5. (Dass sich dieser Wert in der zugrunde liegenden Studie ausdrücklich auf in Amerika lebende chinesische Eltern bezieht, und die Studie für in Taiwan, also außerhalb der Vereinigten Staaten lebende chinesische Eltern nur halb so hohe Werte ermittelt hat, wird von der Autorin verschwiegen. Vergleiche hierzu die in Battle Hymn of the Tiger Mother auf S. 233 angegebene Quelle: Paul E. Jose, Carol S. Huntsinger, Phillip R. Huntsinger und Fong-Ruey Liaw: Parental Values and Practices Relevant to Young Children's Social Development in Taiwan and the United States. In: Journal of Cross-Cultural Psychology, Jahrgang 32 (2000), S. 689). Während asiatische Eltern im Vergleich zu westlichen Eltern zwar grundsätzlich eine höhere Erwartungshaltung gegenüber ihren Kindern äußern,Vergl. hierzu die angegebenen Studien in Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 233. erwartet Chua von ihren Töchtern stets die Höchstnote.

Chua führt in diesem Zusammenhang auch den Begriff Gehorsam ein, der als kindliche Pietät durch den Konfuzianismus fest in der chinesischen Kultur verwurzelt ist.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 12. Kinder sind ihren Eltern traditionell bis zum Äußersten verpflichtet.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 98. Während der Begriff „Gehorsam“ in der westlichen Welt Assoziationen von Hundeerziehung und „schwarzer Pädagogik“ weckt, gilt er in China als hohe Tugend. Chua vermutet, dass der Anspruch chinesischer Eltern auf Gehorsam darüber hinaus auch etwas mit den erheblichen Opfern zu tun habe, die sie für ihre Kinder bringen und die oft weit über das hinausgehen, was westliche Eltern zu tun bereit sind.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 53.

Nach dem von Chua vermittelten Bild chinesischer Eltern legen diese meist weniger Wert als westliche Eltern darauf, dass ihre Kinder außerhalb der Familie Freundschaften pflegen oder in eine Peergroup eingebunden sind. Auch Sport – die Hauptleidenschaft vieler europäisch-amerikanischer Schulkinder – gilt nicht als wichtig. Ihre Töchter durften daher weder Spielverabredungen haben oder bei anderen Kindern übernachten noch an primär sozialen Aktivitäten wie dem Schultheater teilnehmen.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 3; andererseits darf Sophia, als sie in Carnegie Hall ein Konzert gibt, ihren ganzen Schuljahrgang einladen (S. 139).

Nach Ergebnissen von Studien von Ruth Chao und wie es auch Chua in ihrem Buch immer wieder betont, ist das Klima in chinesischen Familien trotz aller Autorität, Kontrolle und Kritik, die die Eltern ausüben, keineswegs von Härte, Freud- und Lieblosigkeit, sondern von einer hohen Responsivität der Eltern und von kindorientierten Familienaktivitäten geprägt, wie sie auch für die meisten westlichen Familien typisch sind.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 46, 77, 86f, 181f; vgl. auch In der Höhle der Tigerin Die Zeit, 3. Oktober 2011 (Anmeldung erforderlich).

Kritik am westlichen Erziehungsstil Den „westlichen Erziehungsstil“ charakterisiert Amy Chua als einen Erziehungsstil, bei dem die Eltern die Individualität des Kindes respektieren, es ermutigen, seinen wahren Leidenschaften zu folgen, seine Entscheidungen (wie auch immer die ausfallen) unterstützen, anstelle von Kritik und Strafe positive Verstärkung praktizieren und dem Kind generell ein förderndes Umfeld bieten. Ein Teil der Erregung, von der die Rezeption des Buches geprägt ist, rührt daher, dass Chua diesen Erziehungsstil einer scharfen Kritik unterzieht. Die Mutter des Erfolgs ist das erste in der westlichen Welt weithin rezipierte Erziehungsbuch, in dem die westliche Erziehung aus einer nicht-westlichen Perspektive kritisiert wird. So zitiert Chua bereits im Eingang des Buches aus einer Studie über die Einstellungen amerikanischer Eltern, in der fast 70 % der europäischstämmigen Befragten ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen, dass es Kindern nicht gut tue, wenn man schulischen Erfolg von ihnen erwarte, und dass Eltern ihren Kindern die Idee vermitteln sollten, dass Lernen Spaß sei. Die chinesischstämmigen Befragten dagegen stimmten diesen beiden Aussagen überhaupt nicht zu und empfanden, dass ein Leistungsversagen des Kindes in der Schule anzeige, dass die Eltern „ihren Job nicht tun“.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 5. Im Verlaufe ihrer Erzählung benennt Chua zahlreiche weitere Kritikpunkte: Sie bedauert, dass westliche Eltern an die Zukunft ihrer Kinder weder Hoffnungen noch Träume knüpfen und dass sie das Potential ihrer Kinder beständig unterschätzen. Dies zeige sich unter anderem in der Gewohnheit von Eltern, ihre Kinder selbst für triviale Leistungen inflationär zu loben.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 8. Sie kritisiert, dass westliche Eltern ihre Kinder für übermäßig zerbrechlich halten und sie nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung damit erst zerbrechlich machen. Bei aller übertriebenen Behutsamkeit im Umgang mit den Gefühlen ihrer Kinder gelinge es westlichen Eltern oft nicht, sie mit einem positiven Selbstbild aufwachsen zu lassen.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 8, 51f. Westliche Eltern arrangieren sich nach Chuas Eindruck allzu bereitwillig damit, wenn ihre Kinder sich nicht gut entwickeln. Obwohl sie sich einerseits unentwegt um das Selbstwertgefühl ihrer Kinder sorgen, lassen westliche Eltern es denselben Kindern andererseits allzu bereitwillig durchgehen, wenn diese eine Sache, die nicht auf Anhieb gelingt, schnell wieder aufgeben (anstatt sie lernen zu lassen, dass sie etwas lernen können, von dem sie dachten, dass es ihnen unmöglich sei).Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 62f. Für problematisch hält Chua auch die Auffassung westlicher Eltern, nach der Kinder ihren Eltern nichts, Eltern ihren Kindern aber alles ‒ insbesondere „Glück“ ‒ schulden. Die westlichen Eltern kommen dabei ihrer Auffassung nach nicht nur schlecht weg, sondern versagen mit ihrer Glückserziehung auch allzu oft. Denn obwohl westliche Eltern sich meist abmühen, ihre Kinder glücklich zu machen, empfinden diese, wenn sie erwachsen werden, ihren Eltern gegenüber oft unüberwindlichen Groll und wollen nicht mehr viel mit ihnen zu tun haben (während Chinesen ihre alten Eltern z. B. kaum jemals ins Heim abschieben). „Westliche Kinder sind definitiv nicht glücklicher als chinesische.“Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 101. Chuas letzter großer Kritikpunkt ist die ihrer Meinung nach mangelnde Bereitschaft vieler westlicher Eltern, eigenständige Entscheidungen zu treffen und Anstrengungen auf sich zu nehmen, die notwendig sind, um ihre Kinder gut zu erziehen.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 148. Chua steht unter dem Eindruck, dass viele westliche Eltern den Weg des geringsten Widerstands gehen, sich in ihrer Erziehung ausschließlich an dem orientieren, was alle anderen auch tun, und Maximen wie „Du musst deinen Kindern die Freiheit geben, ihren Leidenschaften zu folgen“ selbst dann heilig halten, wenn die „Selbstverwirklichung“ des Kindes offensichtlich irregeleitet ist und z. B. darin besteht, sich stundenlang mit Facebook zu beschäftigen.Battle Hymn of the Tiger Mother, S. 148, 161f, 227.

Erziehung durch Musik