mini|St. Martin, Lorch. Links vorne die 1964 angebaute Sakristei
Die katholische, ehemalige Pfarrkirche St. Martin ist ein denkmalgeschütztes Kirchengebäude in Lorch. Seit 2002 ist sie Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal. St. Martin ist heute eine Filialkirche der Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau, einer Pfarrei neuen Typs. Seit 2015 ist der sogenannte Rheingauer Dom in Geisenheim auch Pfarrkirche von Lorch.
Geschichte hochkant|mini|Blick vom anderen Rheinufer hochkant|mini|Grabplatte der Kirche, 1819 geteilt und in der Sohlernsgasse bis 2017 als Treppenstufen genutzt. (Heute im Hilchenhof aufgestellt) Der älteste Teil der gotischen Pfarrkirche bildet das Fundament des Kirchturmes. Hier wurden römische Ziegel nachgewiesen, die auf einen römischen Burgus hinweisen, der nach der Aufgabe des Limes zur Sicherung des hier eingerichteten Brückenkopfes diente. Romanische Mauerreste des Vierungs-Turmes in der Mittelwand des Chores und eine Fensterwand in der Taufkapelle wurden von der Vorgängerkirche im Bauwerk integriert.
Der eigentliche Kirchbau erfolgte 1270/90 mit Errichtung des Chores und zweier davor liegender Joche durch Kölner Dombauleute. Nach einer Bauunterbrechung entstand nach 1304 in vereinfachter Formsprache das Langhaus durch Trierer Dombauleute unter Einbeziehung des Turmes, der bis dahin wahrscheinlich als Bergfried genutzt worden war. 1398 wurde, nach dem Abriss der alten romanischen Vorgängerkirche, das sogenannte Presberger Schiff errichtet. Die Verbindung des neuen Seitenschiffes zum Hauptschiff wurde durch das teilweise Entfernen seiner Nordwand zwischen dessen Strebepfeilern erreicht. Dadurch entstanden drei wuchtige Säulenpforten zwischen den beiden Schiffen. Aus Gründen der Symmetrie wurden auch die Strebepfeiler der Nordwand des Seitenschiffes in das Kircheninnere integriert. Anfang des 15. Jh. wurde die innere und 1480 die äußere Vorhalle errichtet.
Nach einem verheerenden Turm- und Dachstuhlbrand 1554 wurde 1555 zuerst der Chor renoviert, dann 1578 das vierte Geschoss des Turmes und dessen Dach komplett erneuert. Infolge des Dreißigjährigen Krieges war die Kirche fast zur Ruine geworden. Zu allem Überfluss schlug 1679 ein Blitz in die Kirche ein und verursachte zusätzlichen Schaden. 1698 berichtet Pfarrer Jacob Heimbach: „Fast alle Fenster sind entzwei, die Chorstühle und Kirchenbänke zerbrochen. Die Spatzen trinken aus dem Weihwasserkessel und stören durch ihr Geschrei den Gottesdienst“. 1719 begannen erste Reparaturen, der Turm erhielt ein neues einfach gestaltetes Dach ohne Galerie. 1732 wurde ein Dachreiterturm mit barocker Haube auf das Chordach aufgesetzt. Da sich die südliche Kirchenwand nach außen geneigt hatte, mussten 1780 schmiedeeiserne Anker unter dem Gewölbe des Hauptschiffes eingezogen werden, um ein Auseinanderbrechen des Gebäudes zu verhindern.
1819 veräußerte Pfarrer Geiger, um eine umfassende Renovierung finanzieren zu können, neben anderen Kunstschätzen den Lorcher Kreuztragungsaltar sowie wertvolle, farbige, mittelalterliche Kirchenfenster mit Wappen des Lorcher Adels. Rigoros wurden bei dieser „Instandsetzung“ überflüssige Altäre entfernt sowie Grabplatten zu Treppenstufen für die Sohlernsgasse zersägt oder als Bodenbelag in der äußeren Vorhalle benutzt. Nur das entschlossene Entgegentreten der Gemeindemitglieder konnte die, von Pfarrer Geiger geforderte, Beseitigung des Hochaltares verhindern. 1852 bis 1858 wurde auf Initiative des Heimatforschers Albert Keuchen der einsturzbedrohte Hochaltar und das steinerne Sakramentshaus mit Hilfe des Nassauischen Altertumsverein und unterstützt durch großzügige Spenden aus dem ganzen Rheingau umfassend restauriert. Allerdings wurde der ursprünglich monochrom konzipierte Schnitzaltar, wie bereits schon in der Barockzeit geschehen, wieder zum Teil neu vergoldet und farbig gefasst.
1875 begannen umfangreiche Renovierungsarbeiten in der Kirche; die Baulast des Hauptchores hatte der Fiskus zu tragen, während die Instandsetzung der Kirchenschiffe der Gemeinde oblag. Im Chor ließ der verantwortliche nassauische Bauinspektor Schnitzler teilweise die maroden Wände zwischen den Strebepfeilern niederlegen, um sie dann exakt in der gleichen Schräglage wieder aufbauen zu lassen. So waren nach der Renovierung die unschönen, eisernen Anker unter dem Gewölbe weiterhin unentbehrlich. Auch der Dachreiterturm wurde in dieser Zeit in neugotischer Form neu errichtet. Der verantwortliche Architekt für die Renovierung der Kirchenschiffe war Max Meckel. Im Hauptschiff wurde eine neue Holzempore für eine neue Ratzmann-Orgel gebaut und durch Spenden finanzierte neue Bleiglasfenster in den beiden Schiffen eingesetzt. 1888 und 1891 wurden schließlich auch die unpassenden weißen Glasfenster früherer Renovierungen im Hauptchor und in den zwei davor liegenden Jochen entfernt und durch gemalte Bleiglasfenster ersetzt. Die drei neugotischen Altäre des Presberger Schiffes stammen ebenso aus dieser Zeit. 1911/12 wurde das Gewölbe der Empore eingezogen und der Glockenturm wieder mit einer Sandsteingalerie versehen, die wohl ursprünglich in dieser Art vorhanden war. Mitte der 1930er Jahre wurde eine Steinkohle-Warmluftheizung unter dem Seitenchor der Kirche eingebaut. 1949 wurde die barocke farbige Fassung des Hochaltares wieder mühevoll entfernt.
1962 wurde die Orgelempore erweitert, 1964 wurde eine neue Sakristei angebaut. Anfang der 1970er Jahre zeigte der Turm Risse. Ursächlich war der Einbau der neuen Glocken 1960/61. Diese waren nämlich um 4386 kg schwerer als die durch Beschlagnahme 1942 verlorenen Glocken des Vorkriegsgeläutes. Mitte der 1970er Jahre wurde der Turm durch den Einbau von Betondecken und Ringankern wieder stabilisiert. Es folgte eine umfangreiche Außenrenovierung der gesamten Kirche.
1985 hatten Diebe unbemerkt, gewaltsam, aus dem Sockelbereich des Taufsteines von 1464, eine Löwenfigur heraus gebrochen und gestohlen. 1986 ersetzte der Würzburger Bildhauer Wolfgang Finger-Rokitnitz die gestohlene Figur durch eine, von ihm geschaffene, original getreue Kopie des verschwundenen Löwen.Rheingau Echo vom 2. Oktober 1986, Artikel: Neuer Löwe in Lorcher Kirche / Wertvoller Taufstein wieder komplett. 1987/88 erfolgte im Zuge einer kompletten Innenrenovierung eine grundlegende Umgestaltung der Kircheneinrichtung.Die Pfarrkirche St. Martin zu Lorch, Die Geschichte der Pfarrei St. Martin Lorch am Rhein 1806–1906, Die Geschichte der Pfarrei St. Martin Lorch am Rhein 1907–2006, Hefte herausgegeben vom Pfarrer und Heimatforscher Albert Zell, mit Berichten von Albert Keuchen, Geistl. Rat Zaun und Ferdinand Luthmer. Den Abschluss der Innenrenovierung bildete die Altarweihe eines neuen Volksaltars des Bildhauers Hubert Elsässer durch Bischof Franz Kamphaus im September 1988. Im Rahmen dieser feierlichen Handlung wurden auch Reliquien der Elisabeth von Schönau in der Mensa des neuen Altares eingelassen.Rheingau Echo vom 15. September 1988 Bericht: " Nachdenken am Ort der Wandlung".
1993 wurden im nördlichen Seitenschiff die 15 Stationen des Kreuzwegs, gestaltet vom Münchner Kunstmaler Peter Burkart, aufgehängt.
Im April 2012 wurden die Kirchenfenster des gotischen Hochchores aus dem späten 19. Jahrhundert ausgebaut, restauriert und schutzverglast. Von August bis Oktober 2014 erfolgte eine gründliche Reinigung des Schreins und der Skulpturen des geschnitzten Hochaltars, zugleich wurden die Barockgemälde der Seitenflügel von einer stark nachgedunkelten Firnisschicht befreit.
Das Turmkreuz mit Wetterhahn, von 1832, musste am 11. Oktober 2019 wegen eines gebrochen Befestigungseisens abgenommen werden. Die schief stehende Konstruktion drohte abzustürzen. Das restaurierte Kreuz mit Hahn wurde dann, im Juni 2021, wieder mittels Hubsteiger auf der Turmspitze in fast 60 m Höhe montiert. Am 13. Februar 2023 wurde der obere Teil des Dachreiterturmes von 1875, wegen Instabilität, abgeschnitten und abgehoben. Die Restaurierung der 3,2 t schweren neugotischen Turmspitze soll am Boden erfolgen. Wegen der extrem hohen Kosten war die Renovierung zunächst ungewiss, nachdem das Bistum zugesagt hat den Großteil der Kosten zu übernehmen, ist die Finanzierung gesichert.
Ausstattung Hochaltar
hochkant|mini|Der spätgotische Lorcher Hochaltar von 1483 gilt als erster monochrom gestaltete Schnitzaltar Deutschlands. Er ist der größte und ausstattungsmäßig besterhaltene im deutschen Kunstbereich. mini|200 px|Epitaph: Johann v. Breidbach u. Loretta v. Schöneck Mittelpunkt der Kirche ist der aus dem Jahr 1483 errichtete Lorcher Hochaltar, der lange Zeit Meister Hans Bilger von Worms zugeschrieben wurde, wobei das nicht als gesichert gelten kann und ein Vergleich mit gesicherten Bilger-Werken (etwa im Frankfurter Liebieghaus) daran zweifeln lässt. Gleichwohl gilt der Lorcher Altar als größter und erster ursprünglich monochrom konzipierter Schnitzaltar des deutschen Kunstbereichs; er ist das wertvollste Kunstwerk im Bistum Limburg.
Weitere Ausstattung Ein gotisches Sakramentshaus, das auf um 1400 datiert wird. Chorgestühl aus dem Ende des 13. Jahrhunderts mit figürlicher Schnitzerei. Im hinteren Teil des Hauptschiffes befinden sich die sogenannten Herrnstühle, ein altes Gestühl von 1507 mit barocken Umarbeitungen. Die Wangen tragen eingeritzte verschlungene Schriftbänder mit einer Rätselinschrift. Ein Epitaph mit einer vollplastischen Figur des Ritters Johann Hilchen von Lorch.Reclams Kunstführer. Band III: Rheinlande und Westfalen, Baudenkmäler. 1975, ISBN 3-15-008401-6, S. 447. Fünf künstlerisch hochwertige Grabplatten mit lebensgroßen figürlichen Darstellungen der Verstorbenen, in gutem Erhaltungszustand (Johannes III. Marschall von Waldeck / 1364,St. Martin, Johann III. Marschall von Waldeck, auf welt-der-wappen.de. Johann von Eschbach und Anna von Rossau / 1496,St. Martin, Johann von Eschbach und Anna von Rossau, auf welt-der-wappen.de Johann von Breidbach und Loret von Schöneck / 1500,St. Martin, Johann von Breidbach und Loretta von Schöneck, auf welt-der-wappen.de Johann II. Hilchen von Lorch und Elisabeth von Walderdorff / 1512,Lorch am Rhein: St. Martin, Grabplatte von Johann II. Hilchen von Lorch 1512, auf welt-der-wappen.de. Philipp IV. Hilchen von Lorch und Elisabeth von Bicken (1480) / 1517St. Martin, Philipp IV. Hilchen von Lorch und Elisabeth von Bicken, auf welt-der-wappen.de.). Gedenktafel des Marquard vom Stein zu Jettingen (* 1479, † 14. Januar 1559), Dompropst von Mainz, Bamberg und Augsburg. Er war zugleich auch Pfarrer von St. Martin in Lorch. Der Wappenstein erinnert an die von ihm finanzierte Restaurierung des Chores 1555, nach dem Brand von 1554. Inschrift: MARQVA(R)DVS VOM STEIN DEI GRACIA MOGVNTINE BAMBERGE ET AVGVSTE ECCL(ES)IARVM P(RAE)P(OSI)TVS FIERI CVRAVIT A(NN)O MDLV.St. Martin, Marquard vom Stein, auf welt-der-wappen.de. Ein Taufstein aus dem Jahr 1464., auf lorch-rhein.de. Neugotische Ausstattung im Seitenschiff, dem sog. Presberger Schiff, mit Bänken, zwei Beichtstühlen, einer Kanzel, einem Sebastianus-Altar und einem Verlobung-Mariens-Altar. Im Chor befindet sich als Hauptaltar ein Altar der schmerzhaften Mutter, wahrscheinlich von Caspar Weis (* 1849, † 1930). In der Predella und im Hauptturm des Gesprenges wurden spätgotische Figuren, die aus Vorgängeraltären stammen dürften, in den neugotischen Flügelaltar integriert. Original erhaltenes Fenstermaßwerk aus rotem Sandstein. Im Hauptchor aufwendig und fein ausgearbeitet, im Haupt- und Seitenschiff einfacher gestaltet. Die Fenster selbst wurden um 1880/90 komplett erneuert, sie zeigen zeittypische Muster, Bilder und Motive.
Skulpturen