mini|hochkant|Fritz Ketz, um 1950 mini|hochkant|Signatur von Fritz Ketz

Fritz Ketz (eigentlich: Friedrich Adolf Ketz; * 12. Juni 1903 in Hamborn; † 15. Juli 1983 in Pfullingen) war ein deutscher Maler und Grafiker des Expressiven Realismus.Rainer Zimmermann: Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925 bis 1975. Econ-Verlag, München, 1984 Er war ein wichtiger Vertreter der Aquarellmalerei in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Leben Fritz Ketz wurde am 12. Juni 1903 in Hamborn als Sohn des aus Westpreußen zugezogenen späteren Zechenbeamten Hermann Ketz und der aus Herford in Westfalen stammenden Martha Ketz geboren. Als jüngstes von sieben Kindern zog er 1918 mit den Eltern nach Karrasch bei Deutsch-Eylau in Ostpreußen, der Heimat des Vaters (heute Karaś, bei Iława, Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen). Aus den wirtschaftlichen Verhältnissen der Eltern heraus war ein Kunststudium nicht möglich. So ging Ketz den Weg über das Militär, wo nach zwölfjähriger Verpflichtung Übergangsgebührnisse und -hilfen gezahlt wurden, die ein solches Studium möglich machten.

Ausbildung 1920 verließ er als 17-Jähriger die Familie und trat in die Reichswehr ein, um dort, nach Absolvierung der 2-jährigen Grundausbildung in Marienburg in Westpreußen, als Militärzeichner seinem eigentlichen Ziel, Künstler zu werden, näher zu kommen. Nach mehreren Zwischenstationen in Ost- und Westpreußen, vornehmlich in Königsberg, sowie danach in Berlin wurde er 1929 in Ludwigsburg bei Stuttgart stationiert. In den letzten drei Jahren bis zu seiner Entlassung aus dem Wehrdienst 1932 nahm er bereits nebenbei Unterricht bei Malern des Stuttgarter Raumes und hospitierte an der Kunstgewerbeschule Stuttgart. Er nahm zudem Privatunterricht bei Wilhelm Blutbacher im Aktzeichnen und Bruno von Sanden im Kopfzeichnen. Nach seinem Austritt aus der Reichswehr 1932 begann er mit dem Kunststudium an der Württ. Akademie der bildenden Künste in Stuttgart – damaliger Direktor war (kommissarisch 1932–38) Hans Spiegel – und ließ sich erst in Neckarweihingen bei Ludwigsburg, später in Stuttgart nieder. Seine Lehrer an der Kunstakademie waren u. a. Hans Spiegel, Alexander Eckener und Anton Kolig.

Vorkriegs- und Kriegszeit

1933 heiratete Ketz Elisabeth Freiberger, die Ehe wurde 1941 wieder geschieden.

1934/35 erhielt er erste Einzelausstellungen in Stuttgart. Ein für die erste Große Deutsche Kunstausstellung 1937 im Münchener Haus der Kunst eingereichtes Bild wurde dagegen abgelehnt. 1938 nahm Ketz aber auch an Sammelausstellungen des Württembergischen Kunstvereins und des Künstlerbunds Stuttgart teil und konnte ein Freiatelier bei Professor Hans Spiegel beziehen.

Im Frühjahr 1938 unternahm Ketz zusammen mit seinem Malerkollegen Gustl (August) Illenberger eine Italienreise, unter anderem auch nach Venedig, auf der eine Vielzahl von Aquarellen, Zeichnungen und einige Ölbilder entstanden.

Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre geriet Ketz als freier Künstler zunehmend in Widerspruch zum Nationalsozialismus. Es entstanden zeitkritische Arbeiten, unter anderem Tuschaquarelle und Zeichnungen, die er ständig versteckt halten musste. 1943 reiste Ketz zum letzten Mal nach Karrasch zu seiner Mutter – teilweise unter Lebensgefahr aufgrund des dort geführten Partisanenkrieges. Die Mutter starb auf der Flucht 1945. Nachdem konkurrierende Künstler 1944 bei der Gestapo seine kritischen Arbeiten und Äußerungen angezeigt hatten, vernichtete er selbst den Großteil der ihn gefährdenden Arbeiten, einen kleinen Rest trug er nur noch im Koffer bei sich, aus Angst vor Hausdurchsuchungen. Sie überstanden so das Dritte Reich und wurden nach 1945 mit einer Einführung von Jakob Witsch in dessen Reutlinger Buchhandlung veröffentlicht.Fritz Ketz: Gestalten und Bilder. Mappe mit 8 Orig. Wiedergaben nach Handzeichnungen. Buchhandlung Witsch, Reutlingen 1947 Bei einem Luftangriff auf Stuttgart ging 1944 zudem fast das gesamte Frühwerk in Flammen auf, Ketz selbst überlebte nur durch Zufall. Ketz musste sich versteckt halten. Mit Hilfe einiger Stuttgarter Freunde und des Schweizer Architekten Attilio Calegari konnte er untertauchen und wurde durch Vermittlung der befreundeten Pfullinger Familie Scholkmann auf dem Traifelberg nahe Schloss Lichtenstein auf der Schwäbischen Alb illegal untergebracht, wo er auch das Kriegsende erlebte. Versorgt wurde er heimlich von Bauern und Bewohnern der Umgebung.

In der Ausstellung „Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus. Der Traum vom Museum »schwäbischer« Kunst“, 2020 im Stuttgarter Kunstmuseumhttps://www.kunstmuseum-stuttgart.de/ausstellungen/der-traum-vom-museum-schwaebischer-kunst, war Fritz Ketz mit einem Landschaftsbild und einem Porträt eines Mädchens in BDM-Uniform vertreten (in der Ausstellung und im Inventar des Museums betitelt „BDM-Mädel“, der ursprüngliche Titel bzw. der Name des porträtierten Mädchens werden nicht genannt oder sind nicht mehr bekannt). Der Kurator der Ausstellung Kai Artinger äußerte im Katalog zur Ausstellung die Ansicht, dass die Bilder und ihr Erwerb durch das Museum während des Nationalsozialismus zumindest Fragen aufwürfen zur Haltung des Künstlers zum Nationalsozialismus. Tatsächlich war Fritz Ketz Mitglied der „Reichskammer der bildenden Künste“ (Mitgliedsnummer 12767), wie alle Künstler, die in Deutschland tätig bleiben wollten. Für eine auch nur zeitweise ideologische Nähe zum Faschismus konnten bisher jedoch außer dieser Zwangsmitgliedschaft in der Reichskammer, sowie der Tatsache, dass er zumindest noch bis 1943 auch ausstellen und verkaufen konnte, keine konkreten Hinweise aufgezeigt werden. Umgekehrt verfolgte ihn jedoch der Vorwurf sog. „kommunistischer Umtriebe“ noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgrund einer Anzeige bei den amerikanischen Besatzungsbehörden durch denselben Künstler, der ihn bereits während des Krieges bei der Gestapo denunziert hatte.

Nachkriegszeit Nach dem Krieg durfte Ketz mehrere Jahre – bis zum Bau seines eigenen Ateliers 1953 – Wohn- und Atelierräume auf dem von Theodor Fischer 1904 für Louis Laiblin erbauten schlossartigen „Erlenhof“ beziehen, der bereits 1906–1907 Domizil einer von Laiblin ins Leben gerufenen Künstlerkolonie gewesen war.

Aus dem Sommer 1948 stammt ein Zyklus von Zeichnungen und kleinformatigen Aquarellskizzen, die den damaligen Zustand des Erlenhofes dokumentieren.1927 hatten Agathe und Ernst Saulmann von Louis Laiblin den Erlenhof erworben und dort auch Teile ihrer Kunstsammlung untergebracht. Ab 1935 war das Ehepaar im Rahmen der nationalsozialistischen Rassenpolitik jedoch durch erzwungene Verkäufe schrittweise enteignet worden und musste aus Deutschland fliehen. Agathe Saulmann bemühte sich ab Mai 1948 um die Annullierung der Verkäufe, konnte dies auch 1949 erreichen, verzichtete letztlich aber in einem Revisionsverfahren 1950 gegen eine finanzielle Abfindung auf eine Rückgabe. 1951 nahm sie sich das Leben

1953 baute sich Ketz weitgehend eigenhändig – nach Plänen seines Freundes Calegari – ein Atelierhaus in der Nachbarschaft des Erlenhofes, das er 1972 erweiterte und in dem er bis zu seinem Tod 1983 lebte und arbeitete. Berufungen auf Professuren an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Hochschule für Bildende Künste Dresden oder auch Toronto (Kanada) Anfang der 1950er Jahre lehnte er ab.

mini|hochkant|Selbst, 1. November 1945 mini|Günter Bruno Fuchs, 1955 Auch während der Nachkriegszeit und noch weit in die 1950er Jahre hinein war Ketz in hohem Maße abhängig von Zuwendungen von Freunden, unter ihnen auch der Kunsthistoriker Rainer Hartmann und seine Familie, oder auch von den in der Umgebung des Ateliers lebenden Bauern. Farben und große Mengen Zeichenpapiere erhielt er z. B. meist von einem Papierfabrikanten geschenkt. Häufig erhielt er Naturalien für die Überlassung von Zeichnungen oder Bildern. Heute noch befinden sich Bilder von Ketz als Beispiele dieses unmittelbaren „Mäzenatentums“ auf Bauernhöfen um Pfullingen oder in Gasthöfen. So verfügt der „Schwanen“ in Metzingen über eine „Ketzstube“ mit mehreren Aquarellen.

Das Haus des Malers hatte lediglich einen Brunnen und bis in die 1970er Jahre keinen öffentlichen Strom- oder Wasseranschluss. Strom erzeugte Ketz mit einem Generator. Auch errichtete er sich eine Sternwarte, und Astronomie wurde seine besondere Leidenschaft.[Stadt Paderborn (hrsg): Fritz Ketz, Aquarelle und Zeichnungen. Paderborn 1980] 1950 und 1952 führten ihn Reisen ins Ruhrgebiet; dort entstanden zahlreiche Zeichnungen und Aquarelle aus dem Arbeitsleben in den Häfen und Zechen (u. a. in Duisburg und Dortmund). Zu den dort geknüpften Kontakten gehörte auch der zu dem bedeutenden evangelischen Theologen, Sozialpädagogen und Sozialethiker Friedrich Siegmund-Schultze. mini|Martin Gregor-Dellin 25.8.57 mini|Frau Gregor-Schmidt, Ehefrau von Martin Gregor-Dellin, 25.8.57 Um 1953 stieß Ketz zur Telegramm-Gruppe in Reutlingen, die 1952 durch die Schriftsteller Günter Bruno Fuchs („GBF“), Richard Salis und den Maler Winand Victor gegründet worden war zur Herausgabe literarisch-künstlerischer Flugblätter, der „telegramme“. Die Zeitschrift, eine Synthese von Literatur und bildender Kunst, gab bis 1958 „chiffrierte Nachrichten“ gegen Gewalt und Krieg heraus, zu denen auch Ketz Illustrationen beitrug (u. a. in den telegrammen 5, 9 und 10). Als weitere Mitglieder kamen u. a. die Autoren Dietrich Kirsch, Werner Dohm, Willy Leygraf, Kurt Leonhard, Rudolf Paul, der Musiker und Komponist Walther Hecklinger hinzu. Verbunden mit der Gruppe war auch Martin Gregor-Dellin. Viele junge Autoren wie Peter Härtling, Helmut Heißenbüttel, Heinz Piontek, Johannes Poethen und Oliver Storz kamen in den 15 erschienenen Nummern der „telegramme“ zu Wort.

Zu den Förderern der „telegramme“ gehörten u. a. Martin Buber und Hermann Hesse. Buber schrieb den Herausgebern: „Sie dürfen jetzt und immer meines aufmerksamen Betrachtens und Lesens gewiss sein …“

Und Hesse: „Zu den Gefahren, die zu bekämpfen sind, gehört unter andern auch die Kriegsangst […] Dieser Angst […] überall entgegenzutreten […] gehört zu den Pflichten derer, die guten Willens sind.“

In Pfullingen wurde 1951 auch der Günter Neske Verlag gegründet (seit 1993 vom Verlag Klett-Cotta übernommen), der für Literatur, Kunst und Philosophie der jungen Bundesrepublik zu einem wichtigen Forum wurde, und zu dem auch Fritz Ketz Kontakt hatte.

mini|Ausstellungsplakat Galerie Dobiaschowsky, Bern, und Galerie Kirchgasse, Zürich, 1968, von einem Hartfaserschnitt handgedruckt Weitere Reisen führten Ketz in den 1950er und 1960er Jahren nach Hamburg, in die Schweiz (wo mehrere Ausstellungen in Zürich und Bern, z. B. in der Galerie Dobiaschowsky, stattfanden) und nach Holland, 1960 in die Lüneburger Heide, 1972 nach Dänemark und 1975 nach Schweden. Es entstanden jeweils umfangreiche Serien von Landschafts- und Industriebildern und -zeichnungen.

Werk (Auswahl) mini|hochkant|Herbstbäume, 29. Oktober 1962 mini|Wald, Aquarell, 6. Oktober 1970 mini|hochkant|Dänemark Limfjord, 18. August 1972 mini|hochkant|Mädchen, 29. März 1961 mini|hochkant|Frau in Blau, 1. Mai 1971

Die erste Veröffentlichung von Ketz’schen Arbeiten nach dem Krieg war die Herausgabe der Mappe Gestalten und Bilder 1947 durch den Verlag Jakob Witsch, Reutlingen, mit 8 Reproduktionen geretteter Tuschaquarelle aus der Kriegszeit. In ihnen hatte er der Verzweiflung und dem Elend vieler Verlorener Ausdruck verliehen: deportierter Juden, ins Feld ziehender Soldaten, der Mütter gefallener Söhne oder auch eines Partisanenjungen. Der Kunsthistoriker und Kritiker Otto Gillen schrieb einen Essay über diese Bilder.[zitiert in: Rainer Hartmann: Fritz Ketz, Leben und Werk. Edition Schlichtenmaier, Grafenau 1993] Eine dieser Arbeiten (Der Richter, 1945) befindet sich heute im Besitz des Deutschen Historischen Museums in Berlin.