mini|Chamonix, Statue von Horace-Bénédict de Saussure und Jacques Balmat in Chamonix, zu Ehren ihrer Besteigung des Mont Blanc
Der Alpenraum wurde früh besiedelt und war infolge seiner zentralen Lage in allen Perioden eng mit der europäischen Geschichte verbunden. Anteil an seinem Gebiet haben heute acht Staaten (Frankreich, Monaco, Italien, Schweiz, Liechtenstein, Österreich, Deutschland, Slowenien). Seit 1991 gibt es die grenzüberschreitende „Alpenkonvention“ mit einem Gebiet von 190.000 Quadratkilometern.
Vorgeschichte und Altertum Die kontinuierliche menschliche Besiedlung des Alpenraums begann gegen Ende der letzten Eiszeit (ca. 13'500 v. Chr.) und verdichtete sich seit der Bronzezeit (ca. 2200 v. Chr.). Frühmesolithische Lager lassen sich aus dem 9./8. Jahrtausend v. Chr. in 1600 bis 2600 m Höhe nachweisen, so etwa im Muotatal, im Simmental und auf der Alp Hermettji oberhalb von Zermatt, also in geschützten Lagen. Doch auch in der offenen Landschaft, wie etwa auf dem Pian dei Cavalli oder der Alpe Veglia hielten sich Mesolithiker auf. Am Brunnifirn, nur wenig unterhalb der Stremlücke im Kanton Uri und immerhin auf 2831 m Höhe gelegen, wurde Bergkristall abgebaut. In den Ampezzaner Dolomiten, genauer in Mondeval de Sora, wurde auf 2100 m Höhe unter einem Überhang die Bestattung eines etwa vierzigjährigen Mannes entdeckt, die aus dem frühen 6. Jahrtausend stammt. Am Ullafelsen in den Stubaier Alpen fanden sich in 1900 m Höhe im Fotschertal zahlreiche Feuerstellen eines Jagdlagers. Dort entdeckten die Ausgräber Silices aus dem 200 km südlich gelegenen Val di Non im Trentino, Radiolariten aus den nördlichen Kalkalpen Tirols und Jurahornsteine aus dem 200 km entfernten Gebiet bei Kelheim auf der Fränkischen Alb. Pässe wurden regelmäßig genutzt, wie etwa das 2756 m hohe Schnidejoch in den Berner Alpen, wo zwischen 2003 und 2012 fast 900 Objekte geborgen wurden, deren älteste aus der Zeit um 4800 bis 4500 v. Chr. stammen.Albert Hafner, Mirco Brunner: Im Schatten der Gipfel. In: Archäologie in Deutschland 1, 2018, S. 24–27, hier: S. 24.
Die in den Ötztaler Alpen gefundene Gletschermumie, bekannt als Ötzi, lebte etwa um 3200 v. Chr. Damals war die Bevölkerung schon mehrheitlich von der Sammelwirtschaft und Jagd zur Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht übergegangen. Kontrovers ist die Frage, ob es in der Vorgeschichte mobile Formen der Weidewirtschaft gab (Transhumanz, Alpwirtschaft).Philippe Della Casa (Hrsg.): Prehistoric alpine environment, society, and economy. Bonn 1999; Pierre Bintz, Thierry Tillet: Migrations et gestions saisonnières des Alpes aux temps préhistoriques. In: Geschichte der Alpen, 3, 1998, S. 91–105; Noël Coulet: Vom 13. bis 15. Jahrhundert: die Etablierung der provenzalischen Transhumanz. In: Geschichte der Alpen, 6, 2001, S. 147–158. In den Jahren zwischen 35 und 6 v. Chr. wurde der Alpenraum Schritt für Schritt in das expandierende römische Reich integriert. Ein zeitgenössisches Denkmal, das Tropaeum Alpium von La Turbie, erinnert an den Sieg in den Alpenfeldzügen über 46 Stämme. Der folgende Bau von Fahrstraßen über mehrere Pässe diente vor allem der Verbindung von römischen Siedlungen südlich und nördlich des Gebirges. Doch auch die Bergbevölkerung wurde in erheblichem Maß in die Kultur des Reichs einbezogen.
Mittelalter Mit der Teilung des römischen Reichs und dem Verfall des westlichen Teils im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. nahmen die Machtverhältnisse im Alpenraum wieder einen regionalen Charakter an. Die Bistumssitze wurden dabei oft zu wichtigen Zentren. Wie in ihrer italienisch-südfranzösischen Umgebung kam es in den Westalpen zu frühen und zahlreichen Gründungen von Bistümern (ab dem 4. Jahrhundert), während diese in den Ostalpen oft größere Gebiete umfassten und späteren Datums waren (bis 13. Jahrhundert). Auch die neuen in Bergtälern errichteten Klöster trugen zur Christianisierung der Bevölkerung bei.Vgl. z. B. Jochen Martin (Hrsg.): Atlas zur Kirchengeschichte. Die christlichen Kirchen in Geschichte und Gegenwart, Freiburg i. B. 1987. Der Schwerpunkt der überregionalen politischen Macht lag jetzt im Norden: zuerst beim fränkischen Reich und nach dessen Teilung beim Heiligen Reich Deutscher Nation und bei Frankreich. Die deutschen Könige, die sich vom 9. bis 15. Jahrhundert vom Papst in Rom zum Kaiser krönen ließen, mussten dazu mit ihrem Gefolge eine Alpenüberquerung unternehmen.
In seiner bekannten Studie über den Mittelmeerraum bezeichnet der Historiker Fernand Braudel die Alpen als „außergewöhnliche Berge“ – außergewöhnlich mit Bezug auf ihre Ressourcen, die kollektiv bewältigten Aufgaben, die Leistungsfähigkeit der Bewohner und die zahlreichen wichtigen Straßen.Fernand Braudel: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. Frankfurt a. M. 1990, Bd. 1, S. 33–70, 293–298, Zitat S. 44. Diese starke Präsenz der Menschen im Gebirge begann sich mit dem Bevölkerungswachstum und dem Landesausbau seit dem Hochmittelalter abzuzeichnen. Zunächst dominierte weiterhin eine gemischte Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht. Seit dem Spätmittelalter kam es dann zu einer schwerpunktmäßigen Verlagerung vom Schaf zum Rindvieh. In mehreren nordalpinen Regionen verdrängte diese Rindviehhaltung zudem den Ackerbau und richtete sich auf großräumige Märkte aus („Hirtenland“). Gleichzeitig nahmen andere Formen des interregionalen und transalpinen Verkehrs zu. Der wichtigste Pass war der seit dem 15. Jahrhundert befahrbare Brenner. In den Zentral- und Westalpen waren die Pässe bis um 1800 nur für Lasttiere ausgebaut (Säumerei).Jean-François Bergier, Gauro Coppola (Hrsg.): Vie di terra e d’acqua. Infrastrutture viarie e sistemi di relazioni in area alpina (secoli XIII–XVI), Bologna 2007.
Die jüngere Stadtgeschichtsforschung hat darauf hingewiesen, dass im Alpenraum seit dem 12. und 13. Jahrhundert eine Art urbaner Sonderweg beschritten wurde, indem es im Hoch- und Spätmittelalter zur flächendeckenden Entstehung zahlreicher städtischer Zentren kam, die zwar demographisch relativ unbedeutend waren, aber als zentrale Orte und dank ihrer Position an transalpinen Routen hohe funktionale Bedeutung aufwiesen.Klaus Brandstätter: Die Alpenstadt – Annäherung an einen Begriff. In: Tiroler Heimat 67, 2003, S. 265–291.Hannes Obermair: ‘Bastard Urbanism’? Past Forms of Cities in the Alpine Area of Tyrol-Trentino. In: Concilium Medii Aevi, 10, 2007, S. 53–76 (PDF).
Frühe Neuzeit (16.–18. Jahrhundert) Bevölkerung und Wirtschaft Seit Beginn der Neuzeit lässt sich die Bevölkerung des Alpenraums quantitativ abschätzen. Wenn man das Gebiet der Alpenkonvention zugrunde legt, dürfte sie um 1500 etwa 3,1 Mio. betragen haben und bis um 1800 auf 5,8 Mio. angewachsen sein. Um 1900 betrug sie dann 8,5 Mio. und um 2000 13,9 Mio.Jon Mathieu: Geschichte der Alpen 1500–1900. Umwelt, Entwicklung, Gesellschaft, Wien 1998, S. 35 (hier umgerechnet auf das Gebiet der Alpenkonvention); für den letzten Wert vgl. Alpine Convention: Report on the State of the Alps, Innsbruck 2007, S. 36 (nationale Werte von 1999 bis 2005). Bis ins späte 19. Jahrhunderts blieben viele Alpentäler agrarisch geprägt. Das demographische Wachstum begünstigte die Intensivierung der Landwirtschaft etwa durch Einführung von Mais, Kartoffeln und Hartkäse. Dabei scheint die verkürzte Vegetationszeit der Höhenlagen bis um 1700 nicht stark ins Gewicht gefallen zu sein. Nachher wurde sie zu einem Hindernis für die weitere Intensivierung, besonders im Vergleich zum Umland, wo die Flächenproduktivität nun schnell zunahm. Innerhalb des Alpenraums gab es einen markanten Unterschied zwischen den kleinbäuerlichen Regionen in den West- und Zentralalpen und den großbäuerlichen Regionen in den Ostalpen. Schon vor 1500 setzte die gewerbliche, häufig saisonal betriebene Migration in die entwickelten städtischen Gebiete des Umlands ein. In den Alpen selber schritt die Urbanisierung nur langsam voran.Dazu die Themenhefte von Geschichte der Alpen 3 (1998) und 5 (2000).
Politik und Kultur Ob die alpine Welt im Mittelalter oder darüber hinaus eine Blütezeit und später einen allgemeinen Niedergang erlebte, wird in der Literatur unterschiedlich beurteilt. Die politischen Machtzentren lagen seit Einsetzen der neuzeitlichen Staatsbildung jedenfalls zum großen Teil am Rand oder außerhalb des Alpenraums. Die andere Seite dieser Machtferne war ein relativ hohes Maß an regionaler und lokaler Autonomie. Angetrieben wurde die Staatsbildung durch die Nähe zu Brennpunkten europäischer Konflikte wie in den Italienkriegen 1494 bis 1559. Damals begannen die regionalen Verfassungen stärker auseinanderzugehen. Man kann drei Entwicklungen unterscheiden: eine zentralistische mit starker Stellung des Fürsten (Westalpen), eine lokalistisch-kommunale (Schweiz) und eine intermediäre, vom Adel bestimmte (Ostalpen).
Seit dem 16. Jahrhundert befassten sich die Gelehrten vor allem in alpennahen Städten vermehrt mit Gebirgsphänomenen. Dabei ging es bald auch um wichtige Fragen der Erdgeschichte und Bibelauslegung. Eine Natur- und Alpenbegeisterung entwickelte sich im 18. Jahrhundert. Berühmt wurde etwa das Werk von Horace-Bénédict de Saussure Voyages dans les Alpes (1779–1796). Darin berichtete der Genfer Naturforscher unter anderem von der Besteigung des gut 4800 Meter hohen Mont Blanc 1787. Die neue Aufmerksamkeit zeigte sich auch in der Literatur, so im viel gelesenen Liebesroman von Jean-Jacques Rousseau Julie, ou la nouvelle Heloïse (1761). Der kulturelle Aufbruch bewirkte eine starke Zunahme von Alpenreisen und legte die Basis für den modernen Tourismus. Als relativ naturnaher Raum im immer stärker urbanisierten Europa wurden die Alpen zu einem wichtigen Bezugspunkt. Mit der kolonialen Expansion bezeichnete man bald auch Gebirge in Asien, Australien und Amerika als „Alpen“.Bernard Debarbieux: La nomination au service de la territorialisation. Réflexions sur l’usage des terme ‚alpe‘ et ‚montagne‘. In: Le Monde alpin et rhodaien, 25, 1997, S. 227–241.
Neuste Zeit (19.–21. Jahrhundert) Bevölkerung und Besiedlung Im 19. und 20. Jahrhundert kam es zu einschneidenden Wandelerscheinungen. Zum einen unterschieden sich die Wachstumsraten der Bevölkerung im Alpenraum immer mehr von den wesentlich höheren Raten im Flachland. Zum anderen richtete sich die – anhaltend wichtige – Migration immer mehr auf außereuropäische Zielgebiete. Einige Regionen erlebten damit seit dem beginnenden 20. Jahrhunderts eine regelrechte Entvölkerung.Luigi Lorenzetti, Raul Merzario: Il fuoco acceso. Famiglie e migrazioni alpine nell’Italia dell’età moderna. Rom 2005. Zusammen mit dem schnellen Wachstum der städtischen Zentren in tieferen Lagen verstärkten sich die Ungleichgewichte der alpinen Bevölkerungsverteilung. Diese städtischen Zentren entwickelten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu den weitaus dynamischsten Elementen.Werner Bätzing: Die Alpen. Entstehung und Gefährdung einer europäischen Kulturlandschaft. München 1991.
Wirtschaft Auch die alpine Wirtschaft war einem grundlegenden Wandel unterworfen, der sich in erster Linie im verzögerten, aber unumgänglichen Rückgang des Agrarsektors zeigte. Die Einführung von Spezialkulturen im Talgrund und die Konsolidierung der Viehzucht in den höheren Lagen sollten den Sektor überlebensfähig machen. Verursacht wurde diese grundlegende Transformation natürlich von der im 19. Jahrhundert beschleunigten Industrialisierung Europas, die auf direkte oder indirekte Weise auch die Alpen betraf.
Gewerbliche Aktivitäten, die früher in einigen Bergregionen Bedeutung erlangt hatten wie die Eisenbearbeitung, wurden nun durch die Transportkosten und die zunehmenden Betriebsgrößen zugrunde gerichtet.Eine wichtige Fallstudie bei Luca Mocarelli: La lavorazione del ferro nel Bresciano tra continuità e mutamento (1750–1914). In: Giovanni Luigi Fontana (Hrsg.): Le vie dell’industrializzazione europea. Sistemi a confronto. Bologna 1997, S. 721–760.