J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen war der Titel des zweiten Romans des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Er entstand zwischen Sommer 1941 und Anfang 1943. Ende desselben Jahres veröffentlichten die Neue Zürcher Zeitung und die National-Zeitung Vorabdrucke des Romans, der im März 1944 im Zürcher Atlantis Verlag erschien. Im Jahr 1957 überarbeitete Frisch den Roman und stellte den Titel zu Die Schwierigen oder J’adore ce qui me brûle um. Eine Neuausgabe der zweiten Fassung wurde 2010 aufgelegt. Der französische Ausspruch „J’adore ce qui me brûle“ lässt sich als „Ich liebe, was mich entflammt“ oder „Ich liebe, was mich verbrennt“ übersetzen.
Der Roman schließt inhaltlich an Frischs Erstling Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt an und verfolgt dessen Titelfigur auf dem weiteren Lebensweg. In Reinharts Leben treten zwei Frauen namens Yvonne und Hortense. Mit beiden erlebt er eine kurze, erfüllte Liebe, doch eine dauerhafte Beziehung erweist sich als unmöglich. Seine künstlerische Tätigkeit als Maler gibt er auf, um einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, in dem er scheitert. Am Ende sieht er nur noch die Möglichkeit, sich aus der Welt auszulöschen. Der Roman schildert auch die Leben Yvonnes und Hortenses und der weiteren Männer, die in deren Leben treten. Der Archäologe Hinkelmann verzweifelt, als Yvonne ihn verlässt. Der Unternehmer Hauswirt heiratet Yvonne, doch ihre Ehe bleibt distanziert. Der Architekt Ammann wird von Hortense aus Trotz geheiratet.
Inhalt
Der Fassung von 1943 war ein Abschnitt Reinhart oder Die Jugend vorangestellt, der aus einem Auszug des Romans Jürg Reinhart bestand. In der Fassung von 1957 strich Frisch diesen Abschnitt.
Hinkelmann oder Ein Zwischenspiel
Yvonne, Schweizerin und Tochter aus wohlhabendem Hause, wächst mit Minderwertigkeitskomplexen wegen ihrer hohen Stirn auf. Mit 21 heiratet sie den Archäologen Hinkelmann, der bereits ein berühmter Gelehrter ist und in Griechenland bei Ausgrabungen arbeitet. Hinkelmann, von überragender Statur, besitzt ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Alles in seinem Leben hat sich bislang zu seinem Besten gefügt. Die junge, wenngleich nicht schöne Yvonne beeindruckt ihn, als sie ihm bis ins Detail die Lebensverhältnisse seines Junggesellendaseins voraussagen kann. Von ihrer Liebe ist er überzeugt, doch in Wahrheit tut er ihr vom ersten Augenblick an bloß leid.
Mit 25 Jahren begegnet Yvonne dem 21-jährigen Jürg Reinhart kurz auf seiner Griechenlandreise. Jürg hat zu diesem Zeitpunkt keine Augen für die junge Frau, die ihm voraussagt, Maler zu werden. Doch Yvonne, die sich sonst allen Männern in ihrer Umgebung überlegen fühlt, bringt seine schlichte Frage, was sie denn sei, aus der Fassung. Sie weiß darauf nichts anderes zu erwidern als: 25 und verheiratet.
In ihrer Ehe mit Hinkelmann fühlt sich Yvonne längst wie dessen Mutter. Als sie schwanger wird, bricht sie die Beziehung ab und begründet, sie könne nicht mit ihrem Sohn ein Kind zeugen. Hinkelmann begreift zum ersten Mal, dass etwas in seinem Leben misslingen könnte. Verzweifelt kämpft er um seine Ehefrau, schickt ihr Blumen in die Abtreibungsklinik, doch er vermag sie nicht umzustimmen. Von einem Tag auf den anderen verschwindet Hinkelmann, ohne Spuren zu hinterlassen. Yvonne ist sich sicher, dass er sich umgebracht hat.
Turandot oder Das Heimweh nach der Gewalt
Jahre später lebt Yvonne allein in der Schweiz. Zwar gibt es viele Männer in ihrem Leben, die sie verehren, doch keinen, den sie nahe an sich herankommen lässt. Nur für Merline, eine junge Geigenschülerin, empfindet sie Zärtlichkeit, bis diese, verstört über ihre widersprüchlichen Gefühle, den Kontakt zu Yvonne abbricht und sich verlobt. Yvonne gibt den Geigenunterricht auf und arbeitet eine Weile als Sekretärin beim Unternehmer Hauswirt, kündigt jedoch, als dieser ihr einen Heiratsantrag macht. Fortan lebt sie vom Erbe ihrer Eltern.
Yvonne trifft Reinhart wieder, der tatsächlich Maler geworden ist. Er lebt im Schopf einer ehemaligen Gärtnerei, der ihm gleichzeitig als Atelier dient. Reinhart hat noch weniger Geld als sie und lässt sich von Yvonne aushalten, doch in seiner Arbeit ist er glücklich. Um an Geld zu kommen, malt Reinhart einen jungen Leutnant namens Ammann, den er für einen Holzkopf hält. Und er gibt einer jungen Bürgerstochter mit Namen Hortense Malunterricht.
Reinhart ist ein Mann, den Yvonne lieben kann, und beide führen einen Sommer lang eine intensive und glückliche Beziehung. Auf einem Urlaub im Tessin tritt das Unvermeidliche ein: Yvonnes Ersparnisse sind aufgebraucht. Sie nimmt Geld von Hauswirt an, der noch immer um sie wirbt. Als Reinhart keinerlei Bedenken gegen dieses Arrangement zeigt, erlischt Yvonnes Liebe für ihn. Sie verlässt Reinhart und entscheidet sich, die Avancen Hauswirts anzunehmen, der ihr wenigstens ein angenehmes Leben bieten könne. Bald schon bekommt Yvonne ein Kind. Reinhart kämpft noch eine Weile um ihre Rückkehr, sieht dann die Vergeblichkeit ein, und erklärt sich gegenüber Ammann die heutigen Frauen mit Turandot: Sie hätten Angst vor der errungenen Freiheit und der Überlegenheit gegenüber dem Mann.
J’adore ce qui me brûle oder Die Entdeckung
Währenddessen hat sich Hortense beim Malunterricht in Reinhart verliebt. Als Tochter eines konservativen Obersts ist sie fasziniert von seiner Freiheit und Ungebundenheit. Und dass ihr Vater, als er Reinharts Namen erfährt, ihr den Umgang mit dem Maler verbietet, steigert seinen Reiz nur noch. Doch Reinhart, der zu diesem Zeitpunkt noch mit Yvonne glücklich ist, nimmt das junge Mädchen so wenig ernst wie ihre fixe Idee, er solle wie Kleist all seine Werke verbrennen, weil Künstler das so täten. Die Malstunden finden ihr Ende, als Reinhart mit Yvonne in das Tessin verreist und Hortense durch einen schweren Unfall für Monate ans Bett gefesselt bleibt.
Erst knapp ein Jahr später sehen Reinhart und Hortense einander wieder. Reinhart ist inzwischen ein anderer Mensch geworden. Er hat tatsächlich all seine Bilder verbrannt, sein Künstlerdasein aufgegeben und arbeitet nun acht Stunden am Tag als Zeichner am Reißbrett in einem großen Büro. Die bürgerliche Arbeit erscheint ihm als Possenspiel: Jeder sitzt seine Zeit bloß ab ohne jene tiefe Leidenschaft für seine Tätigkeit, die Reinhart von seiner Malerei her kannte. Für die Bürgerstochter Hortense hat der ehemalige Maler als Bürger einen Teil seines Reizes verloren. Dennoch kommt es zwischen beiden zu einer Liebesbeziehung, die erst ihren Zauber verliert, als Reinhart Hortense einen Heiratsantrag macht. In Hortenses Zögern treten erstmals die Vorbehalte ihrer Herkunft zutage, und Reinhart, der gedanklich bereits die Ehe vorwegnimmt, fühlt die Liebe in deren Zwängen ersticken.
Dennoch klammert sich Reinhart an seine Hochzeitspläne und spricht sogar bei Hortenses Vater, dem Oberst, vor. Wenn er diesen für sich gewinnen könne, glaubt er an eine Rettung der kriselnden Beziehung. Tage bereitet er sich vor, mit aller Offenheit sein Leben und seine gesamte Familiengeschichte zu offenbaren. Doch der Oberst enthüllt Reinhart, dass er in Wahrheit adoptiert und ein uneheliches Kind ist. Sein Vater war ein Metzgersbursche und die Mutter, Kinderfräulein in der Familie des Obersts, brachte sich bald nach Reinharts Geburt und der Entlassung in Schande um. Für Reinhart bricht durch die Eröffnung eine Welt zusammen. Nun hält auch er sich nicht länger für einen angemessenen Umgang für Hortense, und beide, obwohl sie noch immer Gefühle füreinander hegen, trennen sich.
Anton, der Diener oder Das wirkliche Leben
Wieder sind Jahre vergangen. Yvonne hat sich in der Ehe mit Hauswirt eingerichtet. Für sie ist die Ehe nur möglich, wenn man keine hohen Ansprüche an Gemeinsamkeit und gegenseitiges Verständnis stellt. Trotz ihrer Reserviertheit wird sie von Hauswirt umsorgt, der von Ammann, der inzwischen Architekt geworden ist, ein luxuriöses Haus für seine Familie errichten lässt. Auch als sich herausstellt, dass der Sohn Hanswalter nicht sein Kind ist, behält Hauswirt seine Großzügigkeit und bleibt diesem ein Vater.
Hortense hat Ammann geheiratet, den sie eigentlich vom ersten Treffen an nicht ausstehen konnte, in erster Linie aus Trotz gegenüber Reinhart, wie sie sich eingesteht. Ein Stromausfall auf dem Gut ihrer Familie führt erstmals den Gärtner Anton in ihr Zimmer, und sie erkennt in ihm Reinhart wieder. Der berichtet, dass er seinen Vater, den Metzger, und seine Stiefgeschwister kennengelernt habe. Dabei stellte sich heraus, dass er Jenny – die vom Vater als „Luder“ verstoßene Tochter, weil sie Männern Modell saß – schon seit Jahren kannte und einst selbst oft gemalt hatte. Er hatte sich immer unerklärlich zu ihr hingezogen gefühlt. Enttäuscht von seinem Vater besorgte sich Reinhart eine Pistole, doch als er den Versuch unternahm, den Metzger zu erschießen, befanden sich in seiner Pistole nach vorangegangenen Schießübungen keine Patronen mehr. Er wurde in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo er das Gärtnern erlernte.
Reinharts Einstellung dem Leben gegenüber hat sich inzwischen völlig gewandelt. Als Gärtner habe er gelernt, dass Pflanzen Zwang und Beschneidung bräuchten. Hortenses Tochter Annemarie, die sich in einen Jungen namens Hanswalter, den Sohn Yvonnes und Hauswirts bzw. Reinharts, verliebt hat, rät er, stets die Weisungen ihrer Eltern zu befolgen. Für Reinhart gibt es nur drei Sorten von Menschen: Die „Gesunden“, die das Leben erhalten und an andere Generationen weitergeben, die „Gestalter“, die einen Sinn im Leben finden und ihr Leben dafür rücksichtslos vergeuden dürfen, und diejenigen, die das Leben so versehrt empfangen haben, dass sie sich bloß auslöschen können und sich nicht an künftige Generationen weitergeben dürfen. Während der junge Reinhart einst selbst noch an den Lebenssinn glaubte, zählt er sich inzwischen zu den Versehrten. Konsequenterweise begeht er Suizid, um sich aus dem Leben der anderen auszulöschen. Erst am Ende wird durch Yvonnes Bericht offenbart, dass Hanswalter Reinharts Sohn ist. Hanswalter segelt mit seinem Mädchen auf den See hinaus, verliebt und voll Zukunftsoptimismus, auch wenn er manchmal das Gefühl hat, er habe das alles schon einmal erlebt.
Hintergrund
Entstehungsgeschichte
miniatur|Max Frisch (1955) Im Sommer 1941 schloss Frisch sein Architekturstudium an der ETH Zürich mit Diplom ab. In der Folge arbeitete er in mehreren Architekturbüros, unter anderem bei seinem ehemaligen Professor William Dunkel. Nach Abschluss des Diploms und bis Ende 1942 entstand auch J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen als Frischs zweiter Roman nach Jürg Reinhart. Der eigentlichen Handlung war eine auf ein Drittel gekürzte Zusammenfassung des Erstlings vorangestellt. Frisch begründete dazu in einer Vorbemerkung: „es wäre unbescheiden, zu erwarten, daß der Leser jene jugendliche Vorgeschichte kenne, ebenso unbillig aber, wenn wir von einem Menschen unserer Erzählung – nur aus literarischen Bedenken – gerade die Jugend unterschlügen.“Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 667. Mit diesem Auftakt passte sich aus Frischs Sicht das Hinkelmann-Zwischenspiel besser in den Roman ein, der dadurch „zu einer entschiedenen Hauptfigur“ käme.Volker Hage: Max Frisch. Rowohlt, Hamburg 1997, ISBN 3-499-50616-5, S. 34.