mini|Titelseite des ersten Jahrbuchs für die geistige Bewegung, Berlin 1910

Das Jahrbuch für die geistige Bewegung ist eine Zeitschrift, deren drei Bände in den Jahren 1910 bis 1912 von Friedrich Wolters und Friedrich Gundolf, beide Mitglieder des George-Kreises, herausgegeben wurde. Das Jahrbuch kann mit seiner aggressiven Rhetorik und polemischen Einseitigkeit als wichtigste Streitschrift des Kreises gelten. Es ist zudem eine interessante Quelle für die Kritik an Wissenschaft und Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Gründung des Jahrbuchs mini|Stefan George, fotografiert von Jacob Hilsdorf, 1910

Pläne für die Gründung eines Jahrbuchs hatte Stefan George bereits seit der Jahrhundertwende erwogen. 1903 etwa möchte er mit Hugo von Hofmannsthal „weiter reden von dem vielberufenen ‚Jahrbuch‘“.George an Hofmannsthal, 5. Juni 1903. Die ungewöhnlich entschiedene Ablehnung Hofmannsthals hält die konkrete Umsetzung solcher Pläne jedoch vorerst auf.Rainer Kolk: Literarische Gruppenbildung. Am Beispiel des George-Kreises, 1890–1945. Niemeyer, Tübingen 1998, S. 296. Das schließlich 1910 veröffentlichte Jahrbuch für die geistige Bewegung war bewusst als Streitschrift und polemisches Instrument des George-Kreises konzipiert und hatte mit den literarischen Projekten, die George mit Hofmannsthal im Sinn hatte, sicher nur sehr wenig gemeinsam.

Die Geschichte des Jahrbuchs ist zum größten Teil indirekt über Verträge und Abrechnungen der Druckerei Holten in Berlin sowie über den Briefwechsel zwischen Friedrich Wolters und Friedrich Gundolf zu erschließen. Den konkreten Anstoß zur Herausgabe des Jahrbuchs lieferten einerseits Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder, die mit ihrem Hesperus-Jahrbuch von 1908/09 ein Beispiel gaben. Darin veröffentlichte Borchardt eine Rezension von Georges Gedichtband Der siebente Ring, den der Kreis als „anmassende, peinliche, stellenweise pöbelhafte Besprechung“ nicht auf sich sitzen lassen konnte.So Edgar Salin: Um Stefan George. Erinnerung und Zeugnis. Helmut Küpper vormals Georg Bondi, München/Düsseldorf 1954, S. 207. S. a. Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Blessing, München 2007, S. 445. Der innere Anstoß waren dann Kurt Hildebrandts Erfahrungen an der Berliner Universität, wo er Vorlesungen bei Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hörte, dem führenden Altphilologen des Kaiserreichs. Seine Erzählungen von Wilamowitz verursachten innerhalb des Kreises Heiterkeit und boten einen willkommenen Anfangspunkt für eine Polemik gegen die zeitgenössische Wissenschaft.

Die Gründung der neuen Zeitschrift beschloss George zusammen mit Gundolf schließlich im März 1909, Thomas Karlauf glaubt, Mitherausgeber Friedrich Wolters hätte zunächst gegen das, ihm angeblich zu einseitig erscheinende, Attribut der Geistigkeit im Namen des Jahrbuchs protestiert. In den Briefen sind solche Spannungen jedoch nicht belegt. Als Herausgeber sollten nach Wolters’ Vorstellungen zunächst Berthold Vallentin und Kurt Hildebrandt fungieren. Vallentin zögerte wegen seiner beginnenden Richterlaufbahn, und Hildebrandt wollte ein Pseudonym verwenden – ein Mangel an Unbedingtheit, der sofort bestraft wurde und nicht zurückgenommen werden konnte.Vgl. Wolters’ eindringliche Bitte, Vallentin doch noch als dritten Herausgeber aufzunehmen – die „Geschichte im Januar [d. i. Vallentins Zögern] war wirklich nur ein Nervenklapps“ – die sofort abschlägig beschieden wurde. Wolters an Gundolf am 10. Februar 1910 (Friedrich Gundolf – Friedrich Wolters. Ein Briefwechsel aus dem Kreis um Stefan George. Herausgegeben und eingeleitet von Christophe Fricker. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2009, S. 49f., hier S. 49) und Antwort vom Februar 1910 (Gundolf, Wolters, Briefwechsel, S. 50f.). Bei allen drei Jahrbüchern, die von 1910 bis 1912 erschienen, übernahmen deshalb Wolters und Friedrich Gundolf offiziell selbst diese Aufgabe. Zudem meint Hildebrandt in seinen Erinnerungen, „der wirkliche Herausgeber [sei] der Meister selbst“ gewesen.Hildebrandt nach Kolk: Gruppenbildung. S. 304. Auch Edgar Salin berichtet unter Berufung auf Gundolf, George habe „die meisten Beiträge sehr genau vor der Drucklegung durchgearbeitet“.Edgar Salin: Um Stefan George. Erinnerung und Zeugnis. Helmut Küpper vormals Georg Bondi, München/Düsseldorf 1954, S. 325. Generell ist davon auszugehen, dass kein Beitrag ohne die Billigung Georges erscheinen konnte.

1910 erschien im Verlag der Blätter für die Kunst das erste Jahrbuch für die geistige Bewegung mit einer Auflage von 1000 Exemplaren.Karlauf spricht mit Hildebrandt von nur 500 Exemplaren: Karlauf: Stefan George. S. 453, Fricker druckt Rechnungen der Druckerei und beweist, dass es für die ersten beiden Ausgaben 1000 gewesen sind: S. 20. Der Umfang des Jahrbuchs wurde bewusst gering gehalten, um auch den Verkaufspreis nicht zu hoch ansetzen zu müssen.Fricker: Einleitung. S. 20f. Das Jahrbuch sollte möglichst viele und auch weniger zahlungskräftige Leser, darunter besonders die jüngeren Studenten, erreichen.

mini|Friedrich Gundolf um 1916, Fotografie von Jacob Hilsdorf

Die Briefe von Wolters und Gundolf belegen, dass es letzterer war, der die Führungsrolle bei der Herausgabe des Jahrbuchs übernahm. In einem davon ermahnte er Wolters beispielsweise (und nicht das einzige Mal), seiner Habilitation nicht zu viel Zeit zu opfern, um den geplanten Beitrag rechtzeitig einreichen zu können: „das Jahrbuch muss in den ersten tagen des März erscheinen. Sonst erscheint es voraussichtlich nie. Nur bei Musikern kommt es nicht darauf an ob etwas früher oder später kommt: beim Tätigen ist Tat und Tag identisch.“Gundolf-Wolters-Briefwechsel. S. 48. Dass das Jahrbuch für die geistige Bewegung primär als bewusst aggressive „Streitschrift“Kolk: Gruppenbildung. S. 304. konzipiert war, lässt sich an einer Äußerung von Mitherausgeber Wolters belegen: „ich denke man soll merken, dass die ‚salbentrunkenen Prinzen‘ auch Zähne und Krallen haben“ (als „salbentrunkenen Prinz“ hatte Stefan George sich selbst bezeichnet, um die Kritik an seiner Person zu parodieren).Gundolf-Wolters-Briefwechsel S. 51.

Das Jahrbuch für die geistige Bewegung war also ein polemisches Instrument des George-Kreises im Kampf um Aufmerksamkeit und Reputation. Gegner in diesem Kampf waren vor allem die institutionelle Wissenschaft und die Moderne als fortschrittsorientierte Gesellschaftsformation. Der größere Kontext des Jahrbuchs kann in der zu dieser Zeit modischen Lebensphilosophie gesehen werden, die in mehreren Artikeln durch den Begriff der Weltanschauung und den Bezug auf Friedrich Nietzsche und Henri Bergson aufgerufen wird. Der Ton der Polemik wird im Verlauf der drei Jahrbücher stetig schärfer und erscheint heutigen Lesern ohne Zweifel als chauvinistisch und bisweilen rassistisch, aber wohl immer radikal. Spätere Feindbilder des Nationalsozialismus sind im Jahrbuch für die geistige Bewegung zumindest teilweise bereits präsent, so ist von der „entartung“ der Moderne genauso die Rede wie von einer „ständigen artverschlechterung“, wobei jedoch niemals explizit eine im engeren Sinne nationalistische Position vertreten wird. Man darf mithin davon ausgehen, dass der Gestus des Jahrbuchs durchaus am damals herrschenden Zeitgeist teilhatte. Ebenso muss jedoch auch bemerkt werden – und daran lässt sich das Zeittypische des Jahrbuchs ermessen – dass sich in verschiedenen Artikeln auch spätere Positionen etwa der Kritischen Theorie vorformuliert finden. So wird etwa, in Anschluss an Nietzsche, die rein instrumentelle Vernunft ebenso kritisiert wie die Eindimensionalität des modernen Lebens im Kapitalismus. Polemisches Ziel der Rhetorik des Jahrbuchs ist aber keineswegs die Bewältigung der vielbeschworenen Krise durch Reformen, sondern der totale Umsturz und eine daraus vermeintlich resultierende tabula rasa.

Der erste Jahrgang Die Artikel des Jahrbuchs für die geistige Bewegung funktionieren in bemerkenswertem Gleichklang nach einem Argumentationsmuster, das auf asymmetrischen Gegenbegriffen beruht. In beinahe jedem Artikel der drei Ausgaben wird mindestens ein zweigliedriger Gegensatz aufgebaut, um eine Seite des Gegensatzes als minderwertig zu disqualifizieren, die andere aber als positiv und wünschenswert darzustellen. Die zentralen Oppositionspaare des Jahrbuchs sind: Leben und Gestalt versus Tod und Stillstand; Gestalt versus Historismus; ewig gültige Werte versus relativistische, ewig fortschreitende Moderne; neues Reich und organische Gemeinschaft versus anonyme Massengesellschaft; Einheit von Geist und Körper versus einseitige Herrschaft des Geistes. Als polemische Kampfbegriffe entziehen diese Konzepte sich ohne Ausnahme einer trennscharfen Bestimmung. Es wird im folgenden Überblick auf die im Jahrbuch publizierten Beiträge noch näher auf sie eingegangen. Das Jahrbuch verzichtet, den im George-Kreis gängigen Konventionen der Orthographie entsprechend, weitgehend auf die Großschreibung von Substantiven ebenso wie auf zahlreiche Kommata.

Die erste Ausgabe des Jahrbuchs enthielt fünf Beiträge sowie eine kurze Vorbemerkung der Herausgeber, in der Ziele und Adressaten der Zeitschrift benannt sind. Den „vielfachen, zerspaltenen, verwirrten tendenzen der zeit“ soll der „gedanke eines beurteilenden jahrbuchs“ entgegenwirken, heißt es in dieser Vorbemerkung. Stil und Absicht des Annuariums seien durch eine bewusste Einseitigkeit zu charakterisieren, die sich „einem gesamtwillen – einer Idee – unterordnen“ lasse. Besonders in der Jugend solle dadurch „das gefühl für die gefährdeten grundkräfte, […] für ernst, würde und ehrfurcht“ wach gerufen werden.Friedrich Gundolf, Friedrich Wolters: Vorwort. In: Jahrbuch für die geistige Bewegung, Band 1, Berlin 1910, unpaginiert.