mini|300px|Der dakische Limes mit dem Kastell Vețel Kastell Vețel (antiker Name Micia) war ein großes römisches Hilfstruppenlager und wichtiger Bestandteil der Außenlinie in der westlichen Festungskette des dakischen Limes (limes Daciae), auf dem Gemeindegebiet von Vețel (Witzel), Kreis Hunedoara in Siebenbürgen, Rumänien.

Seiner Besatzung oblag unter anderem die Überwachung und Sicherung der Straßenverbindung nach Partiscum, dem heutigen Szeged. Zudem befand sich hier ein strategisch wichtiger Flusshafen und eine Benefiziarierstation. Insbesondere die Vielzahl an Inschriften und diverse zivile Einrichtungen macht diesen Fundort auch über Rumänien hinaus bekannt. Gemeinsam mit insgesamt 277 Stätten des Dakischen Limes wurde Micia 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.

Lage und Funktion mini|links|Blick von Nordosten auf die Reste des Kastells. Diese sind heute nur mehr anhand von Bodenerhebungen erkennbar (2014) Das von einer Reitertruppe und Auxiliarkohorte belegte Kastell befindet sich im Südwesten des Siebenbürgischen Beckens, nördlich des in den Westrumänischen Karpaten gelegenen Poiana-Ruscă-Gebirges. Der gut gewählte Platz liegt auf einer hochwassergeschützten Niederterrasse am linken Ufer des Flusses Mieresch, dessen lateinischer Name Marisus lautete. Die Mieresch ermöglichte eine schnelle Fernverbindung nach Westen, neben einer am südlichen Ufer entlangführenden antiken Straße konnte Partiscum somit auch über diesen Wasserweg erreicht werden. Dort mündet der Fluss in die Theiß und damit letztendlich auch in die Donau am pannonischen Limes. In der entgegengesetzten Richtung, im Nordosten, lag das bedeutende Legionslager Apulum (Alba Iulia). Rund zwei Kilometer nordöstlich von Micia befindet sich das von ungarischen Siedlern gegründete Dorf Vețel.

Forschungsgeschichte Wie der Flurnamen „Cetate“ (Burg) annehmen lässt, unter dem dieser Fundplatz ebenfalls bekannt wurde, ist das Wissen um eine alte Wehranlage bei der Bevölkerung in dieser Region wohl nie gänzlich verloren gegangen. Seit 1726 war der antike Platz durch die Veröffentlichungen des Offiziers und Wissenschaftlers Luigi Ferdinando Marsigli (1658–1730) auch einem größeren Interessentenkreis bekannt.Ioana Oltean: The use of satellite imagery for the transcription of oblique aerial photographs, NATO Advanced Research Workshop on Aerial Archaeology, Lissa, Polen, 15.–17. Nov. 2000. In: Robert Bewley, Włodzimierz Rączkowski (Hrsg.): Aerial Archaeology. Developing Future Practice. IOS Press, Amsterdam 2002, ISBN 1-58603-184-8. S. 225. Im 19. Jahrhundert wurden die Mauerreste immer wieder von Forschern aufgesucht und dabei einzelne, hier geborgene Inschriften beschrieben. In diesem Zusammenhang erwähnte auch der bedeutende Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen (1819–1903), dass Vețel eine „wunderbar erhaltene“ Fortifikation sei.Karl Torma: Über einige dacische Inschriften. In: Mittheilungen der k.k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale. X. Jahrgang, Kommissionsverlag Prandel und Ewald, Wien 1865. S. XCI. Doch bereits wenige Jahre später wurde das Kastellareal durch den Bau der 1868 eröffneten, heute zweigleisig geführten Bahnstrecke Arad–Alba Iulia, in zwei Hälften getrennt. Dieser Umstand wurde auch in den 1880er Jahren während der Franzisco-Josephinischen Landesaufnahme festgehalten. Das entsprechende Kartenblatt zeigt die bis heute sichtbaren Wälle der Befestigung.

Dennoch ist das Gelände – insgesamt betrachtet – bisher nur rudimentär erforscht worden. Die ersten wissenschaftlichen Grabungen fanden erst in den Jahren 1929 bis 1930 unter Constantin Daicoviciu statt. Die verschiedenen nachfolgenden Untersuchungen wurde jedoch nicht in einem Generalplan der Ausgrabungsstätte zusammengefasst und blieben damit nur Stückwerk. Als ab 1968 mit dem Bau eines Elektrizitätswerks und einer die Bahnlinie begleitenden Straße begonnen wurde, fanden Rettungsgrabungen durch die Archäologen Octavian Floca und Liviu Mărghitan statt, die bis 1978 in Micia forschten. Mit dem Kraftwerksbau wurde nicht nur der südliche Abschnitt des Kastells teilweise zerstört, auch Teile des Lagerdorfes (Vicus) wurden dabei stark in Mitleidenschaft gezogen. Gleichzeitig vernichtete der Straßenbau weitere antike Strukturen. Zwischen 1980 und 1992 fanden weitere Grabungen durch den Archäologen Liviu Petculescu statt. Dieser untersuchte 1982 auch den Thermenkomplex. Seine Forschungen wurden durch ein Langzeitprojekt abgelöst, das vom Institut für Archäologie in Bukarest, vom Museum der Dakischen und Römischen Zivilisation (MCDR) in Deva und vom Nationalmuseum in Klausenburg getragen wird. Mehrere Bauwerke, darunter das kleine Amphitheater und zwei Badekomplexe wurden restauriert und konserviert. Der größte Teil der antiken Flächen ist aber immer noch von der hier intensiv betriebenen Landwirtschaft bedroht.

Entwicklung mini|Befunde des Steinkastells Nach dem im Jahr 106 erfolgreich beendeten zweiten Dakerkrieg des Kaisers Trajan (98–117) erfolgte die Konsolidierung der römischen Herrschaft in den eroberten und zu römischen Provinzen erklärten Gebieten Dakiens. Im Zuge dessen wurde im frühen 2. Jahrhundert auch das Kastell Micia gegründet, das zum Verwaltungsgebiet der Veteranenkolonie Ulpia Traiana Sarmizegetusa (benannt nach der zuvor zerstörten, ca. 40 km nordöstlich gelegenen alten Königsstadt der Daker) gehörte, die nun als Metropole der neu eingerichteten römischen Provinz Dacia fungierte. Für die Geschichte des Kastells ist auch eine um 1850 im Kastellbereich gefundene Bauinschrift von großer Bedeutung, die um 205 n. Chr. dem damaligen Augustus Caracalla gewidmet wurde. Imp(eratori) Caes(ari) L(uci) Septimi(i) Severi Pii Pertinacis Aug(usti) Arabici Adiabenici Parthici maximi filio divi Marci Antonini Pii Germanici Sarmatici nepoti divi Antonini Pii pronepoti divi Hadriani abnepoti divi Traiani Parthici et divi Nervae adnepoti M(arco) Aur(elio) Antonino Aug(usto) eq(uites) alae Campagonum dedicante Mevio Suro co(n)s(ulare)

Übersetzung: „Dem Marcus Aurelius Antoninus, Augustus, Sohn des Kaisers Lucius Septimius Severus, dem Frommen, Beharrlichen, dem Erhabenen, dem Arabischen, Adiabenischen, dem größten Parthischen, Enkel des vergöttlichten Marcus Antoninius Pius, des Germanen- und Sarmatensiegers, Urenkel des vergöttlichten Antoninus Pius, Ururenkel des vergöttlichten Hadrian, Urururenkel des vergöttlichten Trajan, des Parthersiegers, Ururururenkel des vergöttlichten Nerva, die Kavalleristen der Ala Campagnonum, gewidmet durch Mevius Surus, Statthalter.“

Gleich zwei Bauinschriften könnten auf einen vor dem Jahr 204 erfolgten, verheerenden Angriff hinweisen, der Kastell und Lagerdorf gleichermaßen in Mitleidenschaft zog. Neben einer weiter unten erwähnten Inschrift, bezeugt die Wiederherstellung eines Tempels im Jahr 204 umfangreiche Wiederaufbaumaßnahmen.: Pro salute d(ominorum) n(ostrorum) in/victissimor(um) Imp(eratorum) Severi / et Antonini et Getae Caes(aris) Aug/g(ustorum) et Iuliae et Plautillae Aug(ustarum) et / Plautiani c(larissimi) v(iri) praef(ecti) pr(aetorio) patris / Augustae sub Pomponio / Liberale co(n)s(ulari) Mauri Mic(ienses) / et Iul(ius) Euangelianus praef(ectus) / templum deorum patrio/rum vetustate conlapsum / sua p(ecunia) et opera restituer(unt) / Cilone II et Libone co(n)s(ulibus).

Ab 235 wurde die Provinz Dakien von den sarmatischen Jazygen und freien Dakern heimgesucht. Der regierende Kaiser Maximinus Thrax (235–238) konnte die Gegner von Sirmium aus zwar 236 schlagen, doch wurde Dakien weiterhin in fast ununterbrochener Folge von Einfällen verheert, denen die Römer auf Dauer nicht mehr Herr werden konnten. Ab 271 wurde Dakien und damit auch Micia auf Anordnung des Kaisers Aurelian von Militär und Verwaltung geräumt und endgültig aufgegeben.

Kastell Die Anlage wurde im klassischen, langrechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken angelegt (Spielkartenform). Aufgrund seiner – für ein Hilfstruppenlager – außergewöhnlich großen Innenfläche konnte es bis zu zwei Einheiten gleichzeitig aufnehmen. Die Baumaßnahmen im 19. und 20. Jahrhundert haben die Innenfläche der Fortifikation weitgehend vernichtet. Vom Kastell selbst sind nur mehr die Reste seines Befestigungswalles als Bodenerhebung im Gelände erkennbar. Insgesamt konnten zwei Bauphasen (Holz-Erde-Kastell und Steinkastell) nachgewiesen werden. Die Umwehrung des frühen Kastells bestand aus einem etwa vier Meter breiten Holz-Erde-Wall, der stellenweise noch 1,30 m hoch erhalten war. Umgeben wurde die Befestigung von einem acht Meter breiten und 2,50 m tiefen Graben. Der genaue Umfang des frühen Kastells konnte nicht exakt festgestellt werden. Vermutlich gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. wurde der Umbau in Stein in Angriff genommen. Es behielt seine langrechteckige Form mit abgerundeten Ecken bei und umfasste nun eine Fläche von ca. 181 × 360 m. In weiterer Folge konnten das Südtor, ein Getreidespeicher (horreum) in der Nähe des Westtores und der trapezförmige Eckturm der SW-Ecke ergraben werden. Das Südtor wurde von zwei rechteckigen, innen angesetzten, in Opus-incertum-Technik aufgemauerten Türmen flankiert, die an ihrer Vorderseite etwas über die Kastellmauer hinausragten.

Garnison und Kommandeure Die für Micia nachgewiesene Doppelbelegung einer Garnison ist für diese Epoche ungewöhnlich, unterstreicht aber die große strategische Bedeutung die dieser Platz für die Römer hatte.Eduard Nemeth: Änderungen und Truppenversetzungen an der Westgrenze Dakiens von Trajan bis Antoninus Pius. In: Limes XX. Estudios sobre la frontera Romana (Roman Frontier Studies). Ediciones Polifemo, Madrid 2009, ISBN 978-84-00-08854-5. S. 883. Folgende Besatzungseinheiten und befehlshabende Offiziere sind für Micia durch Inschriften bekannt: