mini|hochkant=1.6|Fresko in Sant’Angelo in Formis bei Capua, um 1100

Als Abendmahl Jesu, auch letztes Abendmahl, wird das Mahl bezeichnet, das Jesus Christus der Überlieferung nach mit den zwölf Aposteln zur Zeit des Pessachfestes vor seinem Kreuzestod in Jerusalem feierte. Es wird in die Amtszeit von Pontius Pilatus, der von 26 bis 36 n. Chr. römischer Statthalter in Judäa war, datiert. Aus der Erinnerung an jene letzte Mahlzeit, dem ritualisierten Ablauf einer jüdischen Mahlzeit und den gemeinsamen Mahlfeiern der Urgemeinde entwickelten sich christliche Kultformen. Seit dem 2. Jahrhundert wurde diese Handlung als Eucharistie bezeichnet. Die Bezeichnung als „Abendmahl“ stammt aus der Lutherbibel; sie war in der Antike unbekannt. __INHALTSVERZEICHNIS__

Begrifflichkeiten Die Bezeichnung „Abendmahl“ beruht auf den Bibelstellen Mk 14,17 und Mt 26,20, in denen beschrieben wird, dass sich Jesus abends bzw. nachts mit seinen Jüngern zu diesem letzten Mahl traf. Auch Paulus spricht von der Nacht, in der Jesus ausgeliefert wurde (1Kor 11,23). Das Wort „Abendmahl“ hat keine direkte Entsprechung im Neuen Testament, wo stattdessen die Rede von dem „Herrenmahl“ (κυριακὸν δεῖπνον, ), „Brotbrechen“ (κλάσις τοῦ ἄρτου bzw. κλάω (τὸν) ἄρτον, ; ; ; ) und dem „Agape(-Mahl)“ (ἀγάπαι, ; in einer textlichen Variante) ist. „Eucharistie“ (εὐχαριστία) kommt zwar nicht im Neuen Testament vor, ist aber frühchristlich bezeugt (Didache 9,1.5; IgnEph 13,1; IgnPhld 4,1; IgnSm 7,1; 8,1).Hemut Löhr: Neues Testament. In: Hemut Löhr (Hrsg.): Abendmahl (= Themen der Theologie, 3; UTB 3499). Mohr-Siebeck, Tübingen, 2012, S. 51–94, hier S. 53–54.

Biblische Darstellung mini|Das letzte Abendmahl von Jacopo Bassano

Über das letzte Mahl Jesu berichten alle vier Evangelisten des Neuen Testaments sowie der erste Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Die Geschehnisse der letzten Mahlzeit Jesu wurden wahrscheinlich von der christlichen Urgemeinde weitergegeben und zu einem Ritual entwickelt.Daniel J. Harrington: The church according to the New Testament. 2001, ISBN 1-58051-111-2, S. 49.

Die älteste literarische Quelle, um 55/56 n. Chr., stammt von Paulus; er überliefert in einen Bericht, den er selbst empfangen (etwa 40 n. Chr. o. 35 n. Chr.) und anschließend bei seiner Erstmission um 50 n. Chr. der Kirche in Korinth übermittelt hat und ihn nun aufgrund von Missständen bei der Feier des Herrenmahles (später Eucharistie) nochmals zitiert:

Auch in den drei synoptischen Evangelien (; ; ) stehen die Deuteworte Jesu im Zentrum, deren wohl älteste Fassung nach Mk 14,22ff lautet:

Die Darstellung des Abschiedsmahls Jesu im Johannesevangelium enthält keine Brotbrechungsszene und damit keine Abendmahlstradition im engeren Sinn. Stattdessen beginnt die Schilderung mit der allein von Johannes überlieferten Szene der Fußwaschung ; danach folgt die Brotausteilung an Judas Iskariot, die dessen Verrat einleitet . Anschließend folgen längere Abschiedsreden Jesu, die er den Jüngern während des Mahles hält und die sich über mehrere Kapitel erstrecken.

mini|Das letzte Abendmahl mit Andeutungen der johanneischen Fußwaschungsszene, luth. Pfarrkirche Marburg

Deuteworte, Unterschiede, Kontext Die Abendmahlstraditionen berichten übereinstimmend, Jesus habe während des Mahles Brot gesegnet, gebrochen und an die Jünger verteilt und ihnen einen Weinbecher gereicht, wobei er das Brot als „mein Leib“ und den Wein als „mein Blut“ bezeichnete. Die verschiedenen Fassungen dieser Deuteworte, die im Sprachgebrauch der christlichen Liturgie auch als „Einsetzungsworte“ oder „Wandlungsworte“ bezeichnet werden, lauten:

Brotwort

bei Markus „Nehmt, dies ist mein Leib.“ bei Matthäus: „Nehmt, esst, dies ist mein Leib.“ bei Paulus: „Dies ist mein Leib für euch.“ bei Lukas: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“

Kelchwort

bei Markus: „Dies ist mein Blut des Bundes, das ausgegossen wird für viele.“ bei Matthäus: „Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele ausgegossen wird zum Nachlass der Sünden.“ bei Paulus: „Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut.“ bei Lukas: „Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch ausgegossen wird.“

Als die ältesten überlieferten Abendmahltraditionen gelten (paulinischer Typ oder testamentarische Tradition, der auch Lk folgt) und (synoptischer Typ oder liturgische Tradition, der auch Mt folgt).

Die wichtigsten Unterschiede und Besonderheiten sind: Paulus: Das Mahl findet in der „Nacht, in der er ausgeliefert wurde“, statt; das Passahfest wird im Abendmahlsbericht nicht genannt.Markus: Das Abendmahl wird ausdrücklich als Paschamahl (Pessachmahl) bezeichnet . Paulus: Nur das Brotwort enthält einen soteriologischen Zusatz: „ … für euch [gegeben]“, d. h. eine Aussage über die Heilsbedeutung des Todes Jesu. Die nachfolgenden Ausführungen nennen Brot und Kelch mehrfach gemeinsam und machen damit deutlich, dass diese Deutung auch für den anschließend herumgereichten Kelch gilt.Markus: Nur das Kelchwort enthält einen soteriologischen Zusatz: „ … für viele ausgegossen“. Da der Segenskelch nach dem Sättigungsmahl herumgereicht wird, bezieht sich die Deutung wohl auch hier auf das ganze Mahl zurück. Paulus spricht von einem „neuen Bund in meinem Blut“ und spielt damit auf Jeremia an. Dort ist der für die Endzeit verheißene neue Bund mit Sündenvergebung verbunden.Markus spricht vom „Blut des Bundes“ unter Bezugnahme auf den Bundesschluss am Sinai (zitiert ), ohne einen alten und neuen Bund zu unterscheiden. Paulus zufolge befahl Jesus jeweils nach Brot- und Kelchwort: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“Markus nennt keinen Wiederholungsbefehl Jesu. Paulus zufolge hat die Teilnahme am „Herrenmahl“ die Bedeutung, den Tod des Herrn zu verkündigen, bis er kommt. Nach Markus schließt Jesus an die Deutung des Weins ein Gelübde an: „Ich werde hinfort nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken, bis ich es neu trinken werde im Reich Gottes.“

Die Paulusversion spricht nicht eigentlich von Blut, sondern vom Kelch, und nimmt damit möglicherweise auf jüdischen Anstoß Rücksicht, da Juden der Blutgenuss verboten war. Der Abschlussvers betont den Verkündigungscharakter des Abendmahls. An anderer Stelle spricht der Korintherbrief davon, Christus sei „als unser Paschalamm“ geopfert worden . Einige betrachten diese Bemerkung in Verbindung mit der paulinischen Fassung des Abendmahlsberichts als Bestätigung der johanneischen Chronologie, der zufolge Jesus am Rüsttag zu dem Zeitpunkt starb, als in Jerusalem die Lämmer für das Pessachfest geschlachtet wurden.

Markus berichtet, dass alle Beteiligten – auch der bereits als Verräter identifizierte Judas Iskariot – den von Jesus ausgeteilten Wein empfangen: „und sie tranken alle daraus“ . Paulus warnt indes vor einer „unwürdigen“ Teilnahme am Abendmahl: „Denn wer davon isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.“ .

Nur das Matthäusevangelium, das sonst weitgehend der Markusvorlage folgt, ergänzt das Kelchwort um eine ausdrückliche Aussage zur Sündenvergebung. Diese entfällt dagegen bei seiner Darstellung der Taufe . Daraus könnte man schließen, dass er eine Sündenvergebung nicht nur bei der Taufe, sondern wiederholt bei jedem Abendmahl voraussetzt. Es handelt sich zusammen mit den soteriologischen Formeln zum Brot- bzw. Kelchwort um eine der in den Evangelien seltenen Stellen, die eine Sühnebedeutung des Todes Jesu ausdrücklich nahelegen.Matthias Kamann: Warum Theologen am Sühnetod Jesu zweifeln. In Die Welt, 28. März 2009; abgerufen am 15. Januar 2017.

Das Lukasevangelium weist verschiedene Besonderheiten auf. Im Vorfeld spricht Jesus von seinem Wunsch, das Pascha (Pessach) mit den Jüngern zu feiern. Die eschatologische Ansage Jesu, er werde erst im Reich Gottes wieder vom „Gewächs des Weinstocks“ trinken, erscheint am Anfang des Pessachmahls und ist auch auf das Essen des Mahles erweitert. Auffälligerweise werden im lukanischen Bericht zwei Kelche gereicht, einer zu Beginn und einer zum Abschluss der Mahlfeier. Dem ersten Kelch folgt ein Abendmahlsbericht, der im Wesentlichen der Tradition des 1. Korintherbriefs entspricht, aber Elemente beider Überlieferungsstränge vereinigt. Der Wiederholungsbefehl wird anders als bei Paulus nur einmal, nämlich hinter dem Brotwort zitiert. Lukas übernimmt beim zweiten Weinbecher als einziger Evangelist die paulinische Version des Kelchworts und spricht vom „neuen Bund“. Wie im Korintherbrief steht im Hintergrund der Kelchworte Jer 31,31. Anschließend parallelisiert er die Deutungsworte für Brot und Wein: „für euch gegeben“ – „für euch vergossen“. Damit erscheinen die Markus- und Paulusvorlage einander angeglichen. Sowohl bei der Brot- als auch bei der Becherhandlung begegnet bei Lukas das Wort „Danksagung“ („Eucharistie“). Ausleger gehen davon aus, dass die lukanische Version der Abendmahlstradition deutlicher als die übrigen Fassungen liturgische Formen widerspiegelt.Helmut Hoping: Mein Leib für euch gegeben – Geschichte und Theologie der Eucharistie 2., erw. Aufl., Herder, Freiburg i. B. 2015, S. 33 f.

Anders als die drei synoptischen Evangelien legt das Johannesevangelium das Abschiedsmahl Jesu nicht auf den Sederabend selbst (Abend des 14. Nisan), sondern auf einen nicht genau bestimmten Abend vor dem Rüsttag (14. Nisan) des Passahfestes.Paul F. Bradshaw: Reconstructing Early Christian Worship. SPCK, London 2009, ISBN 978-0-281-06094-8, S. 3 f. Gewöhnlich wird der Vorabend des Rüsttags angenommen.

Obwohl das Johannesevangelium keinen Einsetzungsbericht enthält, gibt es verschiedene Parallelen zur Abendmahltradition: Im Anschluss an die Speisung der Fünftausend spricht Jesus mit einer Gruppe von Zuhörern in der Synagoge von Kafarnaum und bezeichnet sich dabei selbst als „das Brot des Lebens“. Das Gespräch mündet in der zugespitzten Aufforderung Jesu an seine Zuhörer, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken . Diese „Brotrede“ im 6. Kapitel des Johannesevangeliums wird in der Regel als Verweis auf das Herrenmahl gedeutet.Helmut Hoping: Mein Leib für euch gegeben – Geschichte und Theologie der Eucharistie 2., erw. Aufl., Herder, Freiburg i. B. 2015, S. 48–53. Als besonders deutlicher Hinweis auf die Abendmahlstradition gilt Vers 51c, der nach Meinung einiger Exegeten von einem Redaktor in Angleichung an die synoptische Tradition nachträglich eingefügt worden sein könnte: „Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“ Nach Meinung anderer Liturgiehistoriker könnte diese Stelle zusammen mit anderen Hinweisen auch für eine eigenständige urchristliche Herrenmahltradition sprechen, die nicht das Abendmahl, sondern die Brotvermehrung als Stiftungshandlung des christlichen Mahlrituals auffasste. Als Reminiszenz oder nachgeschobener Ersatz für die fehlende Abendmahlsszene wird bisweilen auch das im Nachtragskapitel 21 geschilderte „Frühstück am See“ betrachtet, das Jesus nach seiner Auferstehung mit den Jüngern am See von Tiberias einnimmt .

Datierung und Ort des Abendmahls Datierung