Didaktik der Philosophie ist die Fachdidaktik von Philosophie. Gegenstand der Didaktik der Philosophie ist der Philosophieunterricht. Die Didaktik kann sowohl auf Kinder und Jugendliche als auch auf Erwachsene ausgerichtet sein. Die Ausrichtung auf Kinder nennt man Philosophieren mit Kindern.
Philosophiedidaktik Philosophiedidaktik ist „ein sehr alter Teil der Philosophie, aber eine vergleichsweise junge akademische Disziplin“. Das bewusste Arrangieren und systematische Reflektieren von Lernobjekten, Lernsubjekten und Lernprozesse ist bereits in den sokratischen Dialogen dokumentiert und hat sich von dort bis in die Gegenwart weiterentwickelt. Ein grundsätzlicher Gegensatz zwischen einer eher induktiven, auf Selbstdenken ausgerichteten und einer eher deduktiv, auf Nachvollzug ausgerichteten Konzeption wird oftmals an Kant und Hegel verdeutlicht. Für die Philosophiedidaktik der Gegenwart war die Martens-Rehfus-Debatte prägend, in der erneut um den Stellenwert von Selbstdenken, Dialog und Lebensweltbezug im Verhältnis zu Traditionsbeständen, Nachvollzug und Kanon gestritten wurde. Seit einigen Jahrzehnten ist ein rasches Wachstum der Philosophiedidaktik zu verzeichnen. Neue Unterrichtsfächer wurden eingerichtet, Schulversuche durchgeführt und zusätzliche Professuren für Fachdidaktik etabliert. Das Spektrum der Themen, Forschungsmethoden und Aufgabengebiete wurde stetig erweitert. Nach Markus Tiedemann ist die Philosophiedidaktik heute eine theoretisch-konzeptionelle, eine methodisch-praktische und eine empirisch-kritische Wissenschaft. Sie betreibt klassische Theorie der philosophischen Bildung, praktisch-methodische Ausbildung sowie empirische Unterrichtsforschung.
Dresdner Konsens Im Oktober 2016 haben der Fachverband Philosophie e. V., der Fachverband Ethik e. V. und das Forum für Didaktik der Philosophie und Ethik in einer gemeinsamen Erklärung einen Minimalkonsens über die Ziele und Prinzipien des Philosophie- und Ethikunterrichts formuliert. Die vier Hauptaspekte sind: 1. Stärkung der Urteilskraft 2. Gebot der Kontroversität 3. Gebot weltanschaulicher und religiöser Neutralität 4. Bewusstsein für Suggestivität.
Philosophieunterricht
Gegenstand der Philosophiedidaktik ist der Philosophieunterricht, d. h. das Lehren und Lernen von Philosophie. Philosophie kann als Philosophieren mit Kindern im Kindergarten und in der Grundschule unterrichtet werden. Im Gymnasium ist Philosophie in vielen Ländern ein obligatorisches Schulfach oder ein Wahlpflichtfach. In Deutschland und Österreich ist Philosophie oder Ethik ein Ersatzfach für den Religionsunterricht. Philosophie wird an Hochschulen und Universitäten gelehrt.
Aufgaben der Fachdidaktik Die Fachdidaktik unterscheidet sich von der allgemeinen Didaktik in ihrem unterschiedlich weiten Umfang.Wolfgang Klafki: Zum Verhältnis von Allgemeiner Didaktik und Fachdidaktik – Fünf Thesen. In: Meinert A. Meyer, Wilfried Plöger: Allgemeine Didaktik, Fachdidaktik und Fachunterricht. 1994, ISBN 3-407-34084-2, S. 50. In der Beantwortung didaktischer Fragen in der Fachdidaktik müssen die Bedingungen des Fachs mitberücksichtigt werden. Laut Hans Glöckel lassen sich die Aufgaben der Fachdidaktik wie folgt bestimmen: Sie beschreibt den historischen Gang ihres Faches, erforscht, reflektiert und begründet alle Aspekte des Unterrichts im jeweiligen Fach, erkundet den tatsächlich stattfindenden Unterricht und seine Ergebnisse, führt in die Praxis des Unterrichtens ein und entwickelt und überprüft in der Praxis Unterrichtsmodelle.Hans Glöckel: Diskussionsbeitrag. Frühjahr 2001.
Jonas Pfister unterscheidet begriffliche, normative, deskriptive und historisch-deskriptive Fragen der Fachdidaktik und unter den normativen die folgenden vier: Begründungsfrage: Wozu soll gelehrt und gelernt werden? Inhaltsfrage: Was soll gelehrt und gelernt werden? Methodenfrage: Wie soll gelehrt und gelernt werden? Prüfungsmethodenfrage: Wie soll geprüft werden, ob das Gelehrte gelernt wurde?Jonas Pfister: Fachdidaktik Philosophie. Haupt/UTB, Bern 2010, S. 101–105.
Versuche, möglichst umfassend diese Fragen zu beantworten, können als fachdidaktische Ansätze bezeichnet werden.
Fachdidaktische Ansätze In der deutschsprachigen Fachdidaktik lassen sich zwei Grundpositionen unterscheiden, der dialogisch-pragmatische und der bildungstheoretisch-identitätstheoretische Ansatz.Roland Henke: Dialektik als didaktisches Prinzip – Bausteine zu einer zeitgemäßen Philosophiedidaktik im Anschluss an Kant und Hegel Daneben gibt es alternative Ansätze.
Der dialogisch-pragmatische Ansatz Der kommunikations- und praxisorientierte Ansatz stellt das Philosophieren in den Mittelpunkt, das er als eine grundlegende Kulturtechnik begreift. Bedeutendster Vertreter dieses Ansatzes ist Ekkehard Martens.Vgl. Wulff Rehfus, Horst Becker (Hrsg.): Handbuch des Philosophie-Unterrichts. Schwann, Düsseldorf 1986, S. 89 ff. Martens bezeichnet Philosophieren als Kulturtechnik, welche infolgedessen gleichgesetzt wird mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Mit Kulturtechnik ist keine instrumentelle Fähigkeit gemeint, wobei Verfahren der Logik durchaus dieser Güte sind. Sie kann gelehrt und gelernt werden.Vgl. Ekkehard Martens In: Kirsten Meyer: Texte zur Didaktik der Philosophie. Reclam, 2010, S. 167 f. Philosophieren umschließt Fähigkeiten der Reflexivität, Rechtfertigung und Urteilsfällung. Philosophieren als Kulturtechnik ist insofern notwendig unterrichtet zu werden.
Der Ansatz basiert zunächst auf dem „Dialogprinzip“. Dieses besagt, dass Philosophieunterricht grundsätzlich im Dialog stattfinden muss.Vgl. Jonas Pfister: Fachdidaktik Philosophie. UTB, Stuttgart 2010, S. 183. Mit dem Dialogprinzip werden Inhalte bearbeitet, die handlungsorientierte Probleme der heutigen Zeit betreffen, auch Probleme von Schülerinnen und Schülern. Martens sieht drei mögliche Dialogarten:
das „offene Unterrichtsgespräch zur Klärung der eigenen Interessen und Vormeinungen“ das „Hinzuziehen von Dialogpartnern durch Zuhören bzw. Lesen von Texten“ die „Realisierung des dabei erhaltenen Dialogangebots durch Rückfragen, Reformulierung und Problematisierung“.Vgl. Martens (1979: 140), In: Ebd., S. 184.
Der bildungstheoretisch-identitätstheoretische Ansatz Der eher textorientierte Ansatz stellt das „Nach-Denken“ und Kennen der Tradition in den Mittelpunkt. Begründer dieses Ansatzes ist der Düsseldorfer Lehrer Wulff Rehfus. Er schreibt dazu: „Im Philosophieunterricht geht es darum, den Schüler hinzuführen zu den überkommenen und gegenwärtigen Problemstellungen und -lösungen der Philosophie, zu den Methoden des Philosophierens (wie zum Beispiel transzendentale, dialektische, hermeneutische usf.) und schließlich zu den Wegen, sich philosophische Schriften philosophisch erschließen zu können. „Hinführung“ ist also kein Heruntertransformieren der großen Denker auf Schülerniveau, umgekehrt kommt es vielmehr darauf an, die Schüler zur Philosophie zu führen. Dazu eignen sich vor allem paradigmatische Autoren. Darunter sind solche zu verstehen, die eine Philosophie in ihren Grundzügen entwickelt haben, die in der Folgezeit zum Ausgangspunkt weiterer philosophischer Diskussion wurde.“Wulff D. Rehfus: Methodischer Zweifel und Metaphysik. Der bildungstheoretisch-identitätstheoretische Ansatz in der Philosophiedidaktik. In: Wulff D. Rehfus, Horst Becker (Hrsg.): Handbuch des Philosophie-Unterrichts. Schwann, Düsseldorf 1986, S. 99.
Die dialektische Philosophiedidaktik Die dialektische Philosophiedidaktik von Roland W. Henke ist der Versuch einer „zeitgemäße[n] Philosophiedidaktik“ (Stand: 2000) und ist „zwischen Martens und Rehfus zu positionieren“.Vgl. Roland W. Henke: Dialektik als didaktisches Prinzip – Bausteine zu einer zeitgemäßen Philosophiedidaktik im Anschluss an Kant und Hegel. 25. September 2011. henke.brainedia.com Die Grundidee formuliert Henke wie folgt:
Wenn der Schlüsselsatz einer dialektischen Philosophiedidaktik stimmt, dass es gegen Philosophie (als festgefügte Ideologie oder Weltanschauung) kein anderes probates Mittel gibt als das Philosophieren, muss gerade dieses als die Kritik und Beurteilung fester philosophischer Standpunkte bei den Schülern angezettelt werden. Besonders von Hegel lässt sich hier lernen, dass das Denken nicht bei seiner eindeutigen Fixierung stehen bleiben kann und darf. Die Kritik, ja die Zersetzung und die daraus oftmals erwachsende Verwerfung festgefügter Inhalte ist ihm inhärent, und sie stellt zugleich die Bedingung des Aufbaus einer vernunftgeleiteten eigenständigen Urteilskompetenz dar, die in einer pluralistischen Gesellschaft mit divergierenden Sinnangeboten allenthalben nötig ist.Roland W. Henke: Dialektik als didaktisches Prinzip – Bausteine zu einer zeitgemäßen Philosophiedidaktik im Anschluss an Kant und Hegel. S. 120. henke.brainedia.com
Als Mittel gegen die Gefahr des Scheinwissens und des Skeptizismus schlägt Henke vor, den Unterricht auf dialektische Gedankenentwicklungen aus der Philosophiegeschichte auszurichten und das eigenständige Denken der Schülerinnen und Schüler darin einzubinden.
Kompetenzorientierte Ansätze Es gibt verschiedene Ansätze, welche den Philosophieunterricht auf philosophische Kompetenzen ausrichten.Georg Cavallar: Die Kompetenzorientierung in der Philosophiedidaktik. In: Wissenschaftliche Nachrichten. Wien 2011. Dazu zählen: Der lehrtheoretische Ansatz von Karel van der Leeuw und Pieter Mostert.Karel van der Leeuw, Pieter Mostert: Philosophieren lehren. Ein Modell für die Planung, Analyse und Erforschung des einführenden Philosophieunterrichts. Eburon, 1988. Im Kontext dieses Ansatzes wird philosophische Kompetenz als Vermögen bezeichnet, philosophische Probleme zu lösen.Vgl. Leeuw/Mostert (1988, S. 53), in: Jonas Pfister: Fachdidaktik Philosophie. UTB, Stuttgart 2010, S. 197. Der konstruktivistische Ansatz von France Rollin und Michel Tozzi.France Rollin: L’eveil philosophique – Apprendre à philosopher. UNAPEC, Paris 1982.Michel Tozzi: Penser par soi même. Initiation à la philosophie. Chronique Sociale, Lyon 1994. Nach diesem Ansatz werden drei philosophische Grundfertigkeiten als Ziel festgesetzt: Aussagen, Begriffe oder Fragen zu problematisieren, Begriffe und Begriffsunterscheidungen zu konzeptionalisieren, rational zu argumentierenVgl. Jonas Pfister: Fachdidaktik Philosophie. UTB, Stuttgart 2010, S. 194. Der aristotelische Ansatz von Nathalie Frieden.Nathalie Frieden: Quelles compétences pour un cours de philosophie de l'enseignement secondaire?. Der Ansatz von Anita Rösch formuliert ausgehend von einer umfassenden curricularen Analyse der Lehrpläne für die Fächergruppe Ethik/Philosophie in Deutschland, ergänzt durch die empirische Befragung von Experten und eine Rekonstruktion des fachdidaktischen und fachlichen Bezugsrahmens der so ermittelten Kompetenzbereiche, ein differenziertes domänenspezifisches Kompetenzmodell.Anita Rösch: Kompetenzorientierung im Philosophie- und Ethikunterricht. Entwicklung eines Kompetenzmodells für die Fächergruppe Philosophie, Praktische Philosophie, Ethik, Werte und Normen. LER. Lit Verlag, Wien/Zürich 2009.