Rühstädt ist eine Gemeinde im Landkreis Prignitz im nordwestlichen Brandenburg. mini|hochkant=1.1|Schloss Rühstädt um 1859/60, Sammlung Alexander Duncker
Geografie Die Gemeinde Rühstädt liegt im nordwestlichen Brandenburg in der Prignitz, circa zwölf Kilometer südöstlich der Stadt Wittenberge, etwa zehn Kilometer von der Mündung der Havel in die Elbe entfernt. Das Dorf Rühstädt selbst hat circa 240 Einwohner. Die Gemeinde ist Teil des Amtes Bad Wilsnack/Weisen.
Gemeindegliederung Zur Gemeinde Rühstädt gehören die bewohnten Gemeindeteile Abbendorf Bälow Gnevsdorf
und die Wohnplätze Ronien, Sandkrug und Ziegelei.
Geschichte
Der Name des Dorfes Rühstädt geht vermutlich auf das Wort Ruhestätte zurück und hängt damit zusammen, dass sich in der Krypta der Dorfkirche die letzte Ruhestätte der alten märkischen Ritterfamilie derer von Quitzow befindet, die im Spätmittelalter eine wichtige Rolle in der Geschichte der Mark Brandenburg spielte.
Das Dorf lag früher im Burgbezirk von Nitzow des Bistums Havelberg. 1384 wurden die Herren von Quitzow damit vom Bischof von Havelberg Dietrich II. von Man belehnt. Die Quitzows besaßen bis 1719 die Burg und das Dorf mit der dazugehörigen Elbfähre.
Die alte, aus Backstein erbaute Kirche, deren Kern aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt, wurde im 18. Jahrhundert von Friedrich Wilhelm von Grumbkow im Barockstil umgestaltet und war seither bis um 1890 außen weiß getüncht.
Am 6./7. März 1830 wurden Abbendorf, Gnevsdorf und Rühstädt nach mehreren Dammbrüchen völlig überschwemmt. Die Dammbrüche wurden durch Eisgang und Eisstau auf der Elbe verursacht. Die Schäden waren beträchtlich.
Der Rittersitz im Fährdorf Rühstädt befand sich ursprünglich im Besitz der Familie von Stendal. 1384 wurde die Familie von Quitzow erstmals urkundlich als hier erbgesessen erwähnt; später etablierte sie hier auch einen adligen Wohnhof. Die Quitzows waren in Rühstädt, Bälow und Gnevsdorf Lehnsträger des Havelberger Bischofs und errichteten 1552 auf einer künstlich angelegten rechteckigen Insel vis-à-vis der Kirche ein durch einen Wall und nassen Graben geschütztes neues Schloss im Stil der Renaissance mit einem hohen Treppenturm.
Der letzte Quitzow-Spross aus der Rühstädter Linie, Cuno Hartwig von Quitzow, überließ Rühstädt 1714/15 dem königlichen Oberstkämmerer und Generaladjudanten Maximilian August von Köppen. Nachdem der bereits 1719 ohne Erben gestorben war, belieh der preußische König Friedrich Wilhelm I. Friedrich Wilhelm von Grumbkow mit Rühstädt. 1709 zum Generalmajor befördert, wurde er 1723 Vizepräsident des Generaldirektoriums und gehörte auch dem berühmten Tabakskollegium des Soldatenkönigs an. 1737 erfolgte seine Ernennung zum Generalfeldmarschall. Zur Erinnerung an die Belehnung mit Rühstädt ließ er um 1720 einen zehn Meter hohen Sandsteinobelisken am westlichen Ende des Schlossparks errichten. Das alte ruinöse Schloss ließ er abreißen und durch eine symmetrische eingeschossige Dreiflügelanlage ersetzen.
mini|hochkant=1.1|Schloss Rühstädt, 2011 Die Erben des Ministers von Grumbkow konnten Rühstädt nicht halten, und so erwarb 1780 Magdalene von Jagow, geb. von Bismarck (1743–1802), das Gut und baute gemeinsam mit ihrem Mann, Georg Otto Friedrich von Jagow (1742–1810), auf der Stelle des 1780 abgebrannten Grumbkow-Schlosses bis 1782 das noch heute stehende einflügelige spätbarocke Schloss neu auf. Allein der Wassergraben blieb als dekoratives Element erhalten und wurde mit einer prächtigen figurengeschmückten Brücke überspannt. Erst 1823 wurde mit der Umgestaltung des barocken Lustgartens in einen Landschaftspark der Wassergraben auf der Gartenseite des Schlosses verfüllt, 1856 erfolgte der Bau der die gesamte Gartenfront des Schlosses beherrschenden Terrasse. 1911 wurde das Schloss durch einen Anbau am Südgiebel erweitert, 1991 wurde ein entsprechender Anbau auf der Nordseite ausgeführt.
Der letzte adlige Besitzer, Carl von Jagow (1882–1955), musste im Oktober 1945 Rühstädt mit seiner Familie zwangsweise verlassen, nachdem er noch die Wirtschaft und die Erntearbeiten bis September leiten durfte und der Besitz im Zuge der Bodenreform entschädigungslos enteignet worden war. Schloss und Gut wurden geplündert, so dass nahezu das gesamte Inventar sowie Archiv und Bibliothek verloren gingen. Die barocken Brückenfiguren wurden in den Graben gestoßen und zerstört, ebenso das Allianzwappen und die beiden Attikafiguren vom Mittelrisalit des Schlosses.
Laut dem 1929 letztmals amtlich publizierten Landwirtschaftlich Adressbuch der Provinz Brandenburg gab es neben dem Großgrundbesitz in Rühstädt noch die Bauernhöfe von Ernst Ploigt, Wilhelm Schwarz, August Stettin, Gustav und Moritz sowie Otto Winter, und Hermann Zabel. Die Betriebsgröße umfasste zwischen 20 und 40 ha, im Mittelwert 30 ha.
Nach Kriegsende wurde das Schloss von Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten bewohnt, bevor dann schließlich ein Altenpflegeheim des Kreises Westprignitz einzog. Auch der Park, obwohl ungepflegt, blieb erhalten, ebenso der Obelisk, von dem nur die Wappen und die Inschriften abgeschlagen worden waren. Ein Großteil der Gutsgebäude wurde abgebrochen. Dadurch ging die weiträumige Hofanlage größtenteils verloren. Im Laufe der Jahre ist auch der Wassergraben vor dem Schloss verfüllt worden. Dennoch stellte man Schloss und Park 1977 unter Denkmalschutz. Nach 1990 begannen Landkreis und Gemeinde mit der Instandsetzung des Schlosses und der Parkanlage. 1998 zog schließlich das Altenheim aus, und das Schloss wurde 2000 verkauft. Der neue Eigentümer sanierte es grundlegend. Seit 2002 wird es als Hotel betrieben.
Gutsanlage Nach dem 1782 von J. Wichmann gezeichneten Plan der Schloss- und Gutsanlage bestand diese damals aus einer ganzen Reihe von massiven Gebäuden, die den geräumigen Gutshof im Rechteck umschlossen: Amtshaus, Brauhaus, Reit- und Viehstall, Holländerhaus, Back- und Taubenhaus sowie einer Scheune. Der Zugang zur Schlossinsel, gleichzeitig mit dem Schlossbau 1782 angelegt, führte über eine steinerne prächtige Bogenbrücke aus verputztem Ziegelmauerwerk. Die Brückenwangen, ehemals mit Sandsteinabdeckungen und geschwungenen Abschlüssen, hatten eine Höhe von 1,30 Metern. Sie waren mit Pilastern gegliedert, die als Postamente für ursprünglich acht Sandsteinfiguren griechischer Götter dienten. Die Brücke überspannt den Graben im Bogen und liegt in der Mittelachse des Schlosses. Sie wurde 1991 unvorteilhaft überarbeitet, wobei die Sandsteinabdeckungen beseitigt wurden. Die Zufahrt ist mit Naturstein gepflastert. Auch auf der Parkseite gab es eine Brücke, die den Zugang zum Lustgarten erschloss, deren Aussehen aber unbekannt ist.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr der Gutshof unter Friedrich von Jagow wesentliche Erweiterungen und Veränderungen, was mit den Dienstablösungen und der Umstrukturierung der Landwirtschaft zusammenhing. So entstanden beispielsweise am Eingang zur Gutsanlage – längs der Dorfstraße gegenüber der Kirche – mehrere große aneinandergereihte Backsteinbauten, die den Schafstall und die Scheune enthielten und in Resten noch heute vorhanden sind. In den 1880er Jahren, das Rittergut Rühstädt ohne Nebengelass war 463 ha groß, kamen unter Carl von Jagow weitere große Gebäude in der für die Zeit typischen Backsteinarchitektur mit Schieferdächern auf dem Gutshof und im Dorf hinzu: ein großer Pferdestall mit Speicherböden, ein langgestreckter großer Rinderstall am Küchengarten, eine neue Orangerie nördlich vom Schloss, ein Eiskeller im Park, ein Schweinestall am südlichen Hofende, mehrere Tagelöhnerhäuser, der Wasserturm im Küchengarten, ein neues Pfarrhaus und die Küsterei. Viele dieser Gebäude wurden nach 1945 abgerissen. Um 1914 umfasste Rittergut Rühstädt mit Gut Friedrichswalde sowie Rittergut Quitzobel und Anteile in der preußischen Provinz Sachsen etwa 2462 ha. Eigentümer war Günther von Jagow, seines Zeichens ebenso wie die Vorfahren Erbjägermeister der Kurmark Brandenburg. Kurz vor der großen Wirtschaftskrise, 1929, besaß Otto von Jagow über 2400 ha. Verwalter waren Förster Bloetz und Inspekteur Dröge. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges umfasste das Gut Rühstädt die Betriebe Rühstädt mit 380 ha, Quitzöbel mit 290 ha und die Friedrichswalder Forst mit 1500 ha.
In Rühstädt lag der Schwerpunkt auf der Milch- und Fleischproduktion, für die Weidehaltung der Rinder standen ausgedehnte Flächen des Elb-Werders zur Verfügung. Gezüchtet wurde ausschließlich schwarzbuntes Herdbuchvieh, die Bullen wurden in Ostfriesland gekauft. Die ca. 200 Schafe wurden auf den Elbdeichen gehütet. Vor der Mechanisierung waren 24 Pferde zur Bewirtschaftung des Gutes erforderlich, dazu kamen vier Kutsch- und ein bis zwei Reitpferde. In Quitzöbel wurden vorwiegend Jungrinder aufgezogen. Daneben hatte es besonders viel Wald, insbesondere junge Eichenbestände. Friedrichswalde war ausschließlich ein Forstgut und bestand aus fast reinem Kiefernforst, der von zwei Förstern betreut wurde. Die Zahl der in Rühstädt ganzjährig beschäftigten männlichen Arbeitskräfte betrug vor dem Zweiten Weltkrieg ca. 23, vom Inspektor über den Rechnungsführer, Schweizer, Schäfer, Kutscher und Förster bis zum einfachen Tagelöhner. In der Saison kamen 12–15 Frauen dazu. Für den Schlosshaushalt waren zehn Personen erforderlich: ein Diener, ein Kutscher, eine Köchin, eine Jungfer, zwei Küchen-Gehilfinnen, zwei Dienstmädchen und zwei Gärtner.
Schlosspark Mit der Übernahme von Rühstädt durch Friedrich Wilhelm von Grumbkow wurde Anfang des 18. Jahrhunderts auch der bescheidene Renaissance-Garten des 16. Jahrhunderts neu gestaltet. Diesen „verschönerte und bereicherte er durch mancherlei Anlagen, seltene Bäume, Laubengänge, Spalier und anderes Obst.“ An das westliche Ende des Parks ließ von Grumbkow als Point de vue in die Mittelachse einen zehn Meter hohen Sandsteinobelisken setzen. Den Sockel zierten ursprünglich vier Grumbkowsche Wappen, außerdem gab es vergoldete Inschriften an drei Seiten und der Obelisk war von einem weißen Gitter mit gelben Spitzen umgeben. 1881 wurde hier zuletzt eine Restaurierung durchgeführt.
Mit dem Neubau des Schlosses 1782 unter Georg Otto Friedrich von Jagow kam es schließlich zur Neuprojektierung des Parkes, die J. Wichmann übernahm. Dieser Lustgarten war noch ganz im Stil französischer Barockanlagen gestaltet: Zu beiden Seiten der Hauptachse des Parterres lagen mehrere Kompartimente, die durch eine große Querachse, an deren nördlichen Ende eine Orangerie („Orangen-Saal“) stand, gebildet wurden. Seitlich schlossen sich Heckenquartiere, Laubengänge (Hainbuchen), Bosketts und Partien für die Orangerie an. Die vier zentralen Kompartimente besaßen Rasenstücke mit schmalen Kieswegen und Bordürenrabatten und wurden von schmalen Rasenstreifen mit phantasievoll geschnittenen Formbäumchen (Buchs, Eibe, Fichte) eingefasst. Am nordwestlichen Ende des Parterres gab es einen Gartenpavillon, ein rundes „Lusthaus“. Südlich des Schlosses, auch außerhalb des Grabens, lag der Küchengarten, der gleichfalls in symmetrische Kompartimente aufgeteilt war. Eingefasst von Baumpflanzungen lagen hier die Obst- und Gemüsebeete, deren Flächen noch heute beim Wasserturm zu sehen sind. Der im 16. Jahrhundert angelegte Wassergraben, der ursprünglich Verteidigungszwecken gedient hatte, wurde, wie schon zu Grumbkows Zeiten, als dekoratives Element beibehalten.