Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt ist der erste Roman des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Er entstand zwischen Winter 1933 und Frühjahr 1934 und wurde im gleichen Jahr bei der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlicht. Frisch distanzierte sich später von seinem autobiografisch geprägten Jugendwerk, das als Einzelausgabe nicht neu aufgelegt wurde, nahm es aber in die Gesammelten Werke auf. Sein zweiter Roman J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen schloss 1942 an die Handlung des Erstlings an.

Jürg Reinhart, der Protagonist des Romans, ist ein junger Mann im Prozess der Selbstfindung. Zu diesem Zweck reist er nach dem Abbruch seines Studiums gen Griechenland. In einer kroatischen Pension trifft er auf drei Frauen, kann jedoch nur eine von ihnen lieben: die todkranke Wirtstochter. Als sie im Sterben liegt, leistet er ihr Sterbehilfe, eine Tat, die ihn am Ende reifen lässt.

Inhalt

Jürg Reinhart hat mit 21 Jahren sein Studium aufgegeben, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, an der Seite seiner Geliebten in Wien zu leben. Kaum dort angekommen, wandelt sich seine Motivation: Er reist weiter, irgendwohin, um sich einmal alleine durchzuschlagen und in seinem Leben weiterzukommen. Nun befindet er sich bereits die dritte Woche in einer Pension in Ragusa, einem alten Herrensitz mit Namen Solitudo, geleitet von Freifrau von Woerlach, einer verarmten Adligen aus Norddeutschland. Jürg genießt den Sommer an der Adria mit Schwimm- und Segeltouren, während er seinen Lebensunterhalt mit kleinen Berichten für eine heimische Zeitung verdient. Der Welt wie den Menschen tritt er mit dem Selbstbewusstsein entgegen, sie alle irgendwann in Literatur zu verwerten.

Drei Frauen treten in der Pension in Jürgs Leben. Da ist eine niederländische Baronin von 39 Jahren, die mit einem 21 Jahre älteren Mann verheiratet ist, der längst daran gewöhnt ist, dass sie ihn an jedem Ort mit jemand anderem betrügt. Obwohl sich Jürg der Schicklichkeit zuliebe zu gemeinsamen Aktivitäten mit der Baronin verpflichtet sieht, entzieht er sich ihren Nachstellungen, denn sie begehre nur seinen jungen Körper und liebe ihn nicht.

Mehr Interesse zeigt Jürg für Hilde, das neue Hausmädchen der Pension, das mit seinen 18 Jahren dem Leben noch mit großer Naivität gegenübertritt. Doch auf einem gemeinsamen Segeltörn kann sich Jürg zu keinen Annäherungsversuchen überwinden. Überhaupt erscheint es ihm als großer Mangel, dass ihm nicht gelingt, was allen Burschen seines Alters so leicht fällt: einer Frau nahezukommen. So hegt er hohe Erwartungen an die erste intime Begegnung mit einer Frau, die seinem Leben endlich den Sinn offenbaren soll.

Erst mit der dritten Frau, mit Inge, der Wirtstochter von 30 Jahren, gelingt es Jürg, gegenseitige Zuneigung zu entwickeln. Im Krieg hat Inge ihren Bräutigam und den geliebten jüngeren Bruder Hennings verloren. Über den Schmerzen ihrer Verluste liegt eine Maske von jugendlicher Fröhlichkeit. Mit Inge tauscht Jürg seinen ersten Kuss. Doch es hält ihn nicht in der Pension, und er bricht auf, um seine Reise nach Griechenland fortzusetzen.

In Jürgs Abwesenheit verschlechtert sich der Gesundheitszustand Inges dramatisch. In ihrer finanziellen Notlage kann sich ihre Mutter keinen Arztbesuch leisten, und erst die heimliche Großzügigkeit eines neuen Gasts, Frau von Reisner, ermöglicht Inges notwendige Operation. Doch nach einer Blutvergiftung geben die Ärzte Inge, die unter heftigen Schmerzen leidet, nur noch wenige Wochen zu leben. Zwischen der Mutter, ihrer Freundin und dem Krankenhauspersonal entspinnen sich Debatten um Möglichkeit und Rechtfertigung einer verbotenen Sterbehilfe, doch letztlich übernimmt niemand die Verantwortung. Derweil wird die in der Pension zurückgebliebene Hilde von Frau von Reisners Sohn Robert, einem leichtlebigen Dandy, entjungfert und mit ihren Träumen von einem gemeinsamen Leben sitzengelassen. Jürg hingegen, dessen Gedanken immer noch bei Inge hängen, ist über die Türkei nach Athen gelangt. Eine Nacht alleine in den Tempelanlagen von Delphi wird für ihn zum Inbegriff des Glücks.

Als Jürg wieder nach Ragusa zurückkehrt, trifft er die leidende Inge noch an. Am nächsten Tag ist sie tot. Das Gerücht einer möglichen Sterbehilfe breitet sich aus, die örtlichen Autoritäten hoffen auf eine Handhabe gegen den ungeliebten österreichischen Arzt Heller. Schließlich gesteht Jürg, der noch Wochen in der Pension verbringt und Inges Buchführung fortführt, Frau von Woerlach, dass er es war, der Inge die tödliche Spritze verabreichte. Die Mutter sieht darin einen Beweis seiner großen Liebe und verheimlicht seine Tat, mit der er fortan alleine wird leben müssen. Als Jürg in seine Heimat abreist, fühlt er sich gereift. In wenigen Wochen sind Dinge geschehen, die ihm wie Jahre vorkommen.

Hintergrund und Entstehungsgeschichte

Max Frisch verwies selbst mehrfach auf den autobiografischen Hintergrund von Jürg Reinhart: „Das Ergebnis war ein erster, ein sehr jugendlicher Roman, der, wie viele Erstlinge, ganz in der Autobiographie steckenblieb.“Max Frisch: Selbstanzeige. In: Forderungen des Tages. Porträts, Skizzen, Reden 1943–1982. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-37457-5, S. 37. Auch im Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold betonte er, Jürg Reinhart sei „eine schwach getarnte Autobiographie, und als Autobiographie einfach nicht ehrlich genug“.Heinz Ludwig Arnold: Gespräche mit Schriftstellern. Beck, München 1975, ISBN 3-406-04934-6, S. 14.

Der Roman beruhte auf tatsächlichen Ereignissen, die ihren Anfang nahmen, als Frisch im Frühjahr 1933 als Sportkorrespondent für die Neue Zürcher Zeitung zur Eishockey-Weltmeisterschaft nach Prag fuhr. Aus den geplanten vierzehn Tagen wurde am Ende eine Reise von acht Monaten, die Frisch über Budapest, Belgrad, Sarajevo, Dubrovnik, Zagreb, Istanbul bis nach Athen führte, wo Frisch zu Fuß nach Korinth und Delphi wanderte, ehe er über Dubrovnik, Bari und Rom Ende Oktober 1933 wieder in seine Heimatstadt Zürich zurückkehrte.Urs Bircher: Vom langsamen Wachsen eines Zorns: Max Frisch 1911–1955, S. 44. An der Adria nahe Dubrovnik gab es tatsächlich eine Pension namens Solitudo, in der sich Frisch einige Wochen aufhielt. Sie wurde geleitet von einer verarmten Adligen namens von Woedtke und deren Tochter Ehrengard.Julian Schütt: Max Frisch. Biographie eines Aufstiegs, S. 127–130. Auch ein Baron und eine Baronin von Ittersum logieren in der Pension. Frisch schrieb schwärmerische Briefe über seine Gastgeber nach Hause, sowie eine Reportage an die NZZ, die mit den Worten begann: „Eigentlich waren diese dalmatischen Tage zum Verzweifeln: dass man nicht malen kann und solche Farben hier lassen muss. Denn Briefe bleiben wohl höchstens die Deutung einer Schönheit. Nie diese Schönheit selber. Nie solches Leuchten eines Südlandhimmels, wenn er wolkenleer ist. Zum Hinaufjauchzen.“Volker Weidermann: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher, S. 39–42, Zitat aus der Reportage Tage am Meer S. 41.

Zu einem prägenden Erlebnis wurden für Frisch die anschließenden drei Wochen in Griechenland, über die er ebenfalls eine Reportage schrieb, die er unter den Titel Glück in Griechenland stellte.Max Frisch: Glück in Griechenland. In: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 57–65. Die Idylle seiner Reise beendete am 16. August 1933 ein Brief seiner Mutter, die den Tod Ehrengard von Woedtkes berichtete. Frisch reiste sofort nach Dubrovnik zurück und half Ehrengards Mutter noch einige Wochen, die Hinterlassenschaft zu ordnen, wozu er schrieb: „wir gehen durchs haus, wo alte und neue gäste sind und alles weitergeht, und warten auf unsere Ehrengard. es ist so grausam“. In einem späteren Interview mit Volker Hage resümierte Frisch seine Reise abgeklärter: „Das war, obschon verdüstert durch den jähen Tod einer jungen Frau, eine volle und glückliche Zeit“, wobei ihn mit der Frau „eine reine Verehrungsgeschichte“ verband: „Sie war dreiunddreißig Jahre alt, eine dicke Blonde, Ostdeutsche. Als ich weg war, auf meiner Reise nach Istanbul, ist sie gestorben.“Volker Hage: Max Frisch. Rowohlt, Hamburg 1997, ISBN 3-499-50616-5, S. 22.

Seine Erlebnisse setzte Frisch kurz nach seiner Rückkehr zwischen Winter 1933 und Frühjahr 1934 in den Roman Jürg Reinhart um. Dabei hatte er den Stoff zuerst als Schauspiel geplant.Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 666. Auf diesen Ursprung führte Julian Schütt auch die geschliffenen Dialoge des Beginns zurück, der einer Schauspielfassung entstammte, in der sich Jürg bereits den Avancen einer reifen Holländerin erwehren musste.Julian Schütt: Max Frisch. Biographie eines Aufstiegs, S. 142. In den Roman flossen zahlreiche journalistische Arbeiten ein, die Frisch zuvor von der Reise verfasst hatte, überwiegend für die NZZ.Zu einer Auflistung, siehe Anmerkung 11 in: Walburg Schwenke: Was bin ich? – Gedanken zum Frühwerk Max Frischs, S. 89. Frisch selbst beschrieb im Rückblick: „Es waren soviel Texte da, und dann habe ich das halt gemacht; so Feuilletons, die ich einfach zusammengekittet habe.“Volker Hage: Max Frisch, S. 22–23.

In der Deutschen Verlagsanstalt veröffentlichte Frisch nach eigenem Bekunden, weil er keinen Schweizer Verlag gefunden habe. Obwohl ihm dies auch kritische Stimmen einbrachte, ein „unschweizerischer Überläufer“ zu sein, publizierte der junge und damals weitgehend unpolitische Frisch noch bis 1937 im nationalsozialistischen Deutschland. Für die Deva entsprach der junge, unbekannte Schweizer ihrem Ideal eines Erlebnis- und Reisedichters, was sich auch in den Untertiteln der beiden frühen Werke niederschlug. Ihr Generaldirektor Gustav Kilpper gestand Frisch allerdings 1944, „dass uns die Vorgänge und die Menschen, von denen Sie erzählen, neben all dem Großen und Schrecklichen, das uns heute jeder Tag nahe bringt, im Grunde unwichtig und privat erschienen.“Julian Schütt: Max Frisch. Biographie eines Aufstiegs, S. 145–147.

Interpretation Genre

Der Roman wird von den meisten Rezensenten der Gattung des Bildungsromans, Erziehungsromans oder Entwicklungsromans zugeordnet. Das zentrale Thema ist die Entwicklung Jürg Reinharts, obwohl der Roman oft dessen Perspektive verlässt, insbesondere der mittlere der drei Teile sich hauptsächlich auf Inges Sterben statt Reinharts Entwicklung konzentriert, und die Handlung, untypisch für dieses Genre, nur den Zeitraum weniger Monate umspannt.Jürgen H. Petersen: Max Frisch. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-13173-4, S. 23. Volker Weidermann sprach hingegen sowohl von einem Künstlerroman als auch einem Kolportageroman.Volker Weidermann: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher, S. 45, 47. Urs Bircher wies auch auf die „sentimental journey“ eines Reiseromans hin, aber auch er sprach von Mustern von Trivialliteratur.Urs Bircher: Vom langsamen Wachsen eines Zorns: Max Frisch 1911–1955, S. 46.

Hauptfigur