mini|hochkant|Wappen der niedersächsischen Edelherren von Plesse mini|hochkant|Wappen der mecklenburgischen von Plesse(n) Plesse ist ein edelfreies Geschlecht aus dem Stammesherzogtum Sachsen, das spätestens ab 1150 bis 1571 die namensgebende Burg zwischen Northeim und Göttingen besaß. Aus umfangreichem Kern- und Streubesitz formte die Gottschalk-Linie des Geschlechts, die 1571 erlosch, seit dem 14. Jahrhundert dort die schließlich reichsunmittelbare Herrschaft Plesse. Angehörige der noch heute bestehenden Bernhard-Linie wanderten in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts nach Mecklenburg aus, verzweigten sich im 17. Jahrhundert nach Dänemark und später nach Holstein. Seit dem 16. Jahrhundert nennen sie sich Plessen.
Geschichte Südniedersachsen Die Geschichte der Herren von Plesse beginnt mit Helmoldus de Huckelem (Höckelheim) (1097/1144).Dolle: Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300). 1998, Nrn. 4, 13. Seine mutmaßlichen Söhne Bernhard I. (1150–1190) und Gottschalk I. (1170–1190) besaßen seit 1150Dolle: Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300). 1998, Nr. 15. das bischöflich Paderborner Lehen an der Burg Plesse.Bernhard Latomus: Origines Plessiacae Megapolitanae. Anno 1611. Sie nannten sich gelegentlich noch Höckelheim,UBPlesse Nrn. 29, 24. aber ab 1170 zunehmend Plesse,Dolle: Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300). 1998, Nrn. 15, 19, 21, 22, 26. weil sie fortan die Burg zu ihrem Herrschafts- und Lebensmittelpunkt machten.
Die Stammreihe der älteren Linie der Herren/Edelherren von Plesse beginnt mit Bernhard I, während sein Bruder Gottschalk I. die jüngere Linie begründet. Gottschalk III. (1238–1300), Enkel Gottschalks I., erwarb in den Jahren 1284/1288 die Anteile der älteren Linie,Dolle: Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300). 1998, Nrn. 297, 320. die damit aus der Erben- und Lehnsgemeinschaft ausschied. Die jüngere Linie erlosch mit dem Tod Dietrichs IV. im Jahr 1571 und die Herrschaft Plesse ging durch lehnsrechtlichen Heimfall auf Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel über.
Mecklenburg In den 1220ern verschwanden Helmold III. und Bernhard III., zwei Mitglieder der Bernhard-Linie, von der Burg Plesse. Zwischenzeitlich hielten sie sich im Weserraum bei Wahlingen auf, bevor sie 1240 in Mecklenburg auftauchten.Bernd Ulrich Hucker: Wie kamen die von Plesse nach Mecklenburg und warum führten sie dort einen Stier im Wappen? In: Christian von Plessen (Hrsg.): Maueranker und Stier. Plesse/Plessen – Tausend Jahre eines norddeutschen Adelsgeschlechts. Schwerin 2015, S. 170–183. Bernhard III. erhielt in Mecklenburg ein Burglehen und weilte häufig im Gefolge Johanns I. von Mecklenburg, zu dessen Räten er zählte.
In Mecklenburg wurde die Namensform Plesse in einer bis ins 17. und 18. Jahrhundert währenden Entwicklung allmählich durch die Namensform Plessen verdrängt, wobei von der Namensform Plessen frühe Belege bereits aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts vorliegen und im 15. Jahrhundert an Häufigkeit zunehmen.
Helmolds III. gleichnamiger Sohn, Helmold von Plesse (1263/1283), ist als erster Plessen vollständig in Mecklenburg urkundlich nachweisbar.Die Plessen. „Gut Schönfeld“, Magnus von Plessen, Schönfeld in Mühlen Eichsen. Damit gilt er als der Stammvater der dortigen Herren von Plesse(n). Spätestens er nahm den Wappenwechsel vor. Seinen Schild schmückte nicht mehr der rote Maueranker, sondern ein schwarzer Stier. Obwohl solche Wappenwechsel nicht grundsätzlich ungewöhnlich sind, wird seine Verwandtschaft mit den burggesessenen Herren/Edelherren von Plesse im einschlägigen Schrifttum auch bezweifelt.Schwennicke 2001 Helmold zählte zu den landesherrlichen Räten. In zwanzig Urkunden der Fürsten Johann I. und Heinrich I. wurde er stets an vorderer Stelle als Zeuge genannt und dabei oft als „unser Ritter“ bezeichnet.MUB Nrn. 989, 996, 1040, 1056, 1059, 1078, 1107, 1122, 1158, 1183, 1192, 1193, 1215, 1216, 1230, 1231, 1237, 1311, 1332, 1488, 1524, 1656. Diese Anrede belegte seine Zugehörigkeit zur „Mannschaft“ und sein Lehensverhältnis zu den Landesherren, obgleich er als Edelfreier wohl nicht Ministeriale im eigentlichen Sinne geworden ist, zumal es solche in Mecklenburg kaum gab.Im Mecklenburg des 13. Jahrhunderts spielten geburtsständische Unterschiede in der Ritterschaft keine Rolle mehr, war das Institut der Ministerialität (gar) nicht erst eingeführt worden. Nur wenige hochadlige Geschlechter des Westens, wie etwa die Herren von Plesse, hatten sich an der Siedlung beteiligt. Hamann 1968. Auf der Burg in Wismar beschützte Helmold Plessen während der jahrzehntelangen Gefangenschaft Heinrichs I. von Mecklenburg in Kairo dessen unmündige Kinder und nahm dafür eigenen Schaden in Kauf.Wolfgang Huschner, Anke Huschner: Wer regierte in Mecklenburg? Konflikte um die Regentschaft während der Haft Heinrichs I. in Kairo. In: Ernst Münch, Mario Niemann, Wolfgang Eric Wagner (Hrsg.): Land – Stadt – Universität. Historische Lebensräume von Ständen, Schichten und Personen. Hamburg 2010, S. 19–75. Seine Tat stellte engste Beziehungen der Plessen zum künftigen Landesherrn her.
Nachdem Heinrich II. von Mecklenburg die Mündigkeit erreicht hatte, stiegen Helmold Plessens fünf Söhne Bernhard (1286/1325), Helmold d. Ä. (1291/1310), Johann (1294/1324), Helmold d. J. (1295/1321) und Reimar Plessen (1295/1328) allesamt zu landesherrlichen Räten auf, ein in Mecklenburg einmaliger Vorgang. Von ihnen stammen die ältesten Siegelabdrücke mit dem Plessen-Stier. Außerdem betätigten sich Johann und Helmold d. J. als mecklenburgische Kriegsunternehmer in Diensten ihres Auftraggebers Heinrichs II. von Mecklenburg.
Ihrem Vorbild eiferten die Familienmitglieder Johann Plessen in Lübz (1318/1367), Reimar Plessen in Barnekow (1325/1368), Reimar Plessen in Brüel (1361/1399), Johann Plessen (1369/1376) und Helmold Plessen in Barnekow (1356/1400) im Laufe des 14. Jahrhunderts nach. Sie alle waren herzogliche Räte und zugleich mecklenburgische Kriegsunternehmer.Tobias Pietsch: Johann Plessen zu Rosenthal und Johann Plessen zu Lübz. Zwei mecklenburgische Kriegsunternehmer. In: Christian von Plessen (Hrsg.): Maueranker und Stier. Plesse/Plessen – Tausend Jahre eines norddeutschen Adelsgeschlechts. Schwerin 2015, S. 201–204. – Tobias Pietsch: Die Barnekower Plessen als Kriegsunternehmer des 14. Jahrhunderts. In: Christian von Plessen (Hrsg.): Maueranker und Stier. Plesse/Plessen – Tausend Jahre eines norddeutschen Adelsgeschlechts. Schwerin 2015, S. 220–226. Die Gewinne aus ihrer Kriegsunternehmertätigkeit legten sie in umfangreichen Besitzkomplexen an,Tobias Pietsch: Besitzkomplexe der Plessen im Spätmittelalter. In: Christian von Plessen (Hrsg.): Maueranker und Stier. Plesse/Plessen – Tausend Jahre eines norddeutschen Adelsgeschlechts. Schwerin 2015, S. 264–269. deren Erhalt für die Familie sie mit einer Belehnung zur gesamten Hand absicherten.Tobias Pietsch: Die Belehnung der Plessen zur Gesamten Hand. In: Christian von Plessen (Hrsg.): Maueranker und Stier. Plesse/Plessen – Tausend Jahre eines norddeutschen Adelsgeschlechts. Schwerin 2015, S. 227–232. Insgesamt stellte die Familie Plessen vom 13. bis zum 15. Jahrhundert 25 landesherrliche Räte in Mecklenburg und damit deutlich mehr als jedes andere Adelsgeschlecht in diesem Zeitraum.
Barnekow blieb vom frühen 14. bis ins 18. Jahrhundert im Besitz der Familie. Die Plessen blieben ferner, bis auf kurze Verpfändungsperioden, über zweihundertfünfzig Jahre lang im Pfandbesitz von Brüel, das über eine Burg anstelle einer alten Slawenburg verfügte. Reimar von Plessen erhob laut einer Urkunde von 1340 Brüel zum Stedeken, also zur Stadt, wahrscheinlich mit Parchimer Stadtrecht. Brüel und Bibow blieben bis 1611 im Besitz der Plessens, in der Stadtkirche Brüel befindet sich ein lebensgroßes Wandgemälde des Heinrich von Plessen mit seiner Gemahlin aus der Zeit um 1500.
Die Herren von Plesse(n) waren vom 14. Jahrhundert bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts die beherrschende Familie des Klützer Winkels. Von 1336 bis 1945 saßen sie auf dem Rittergut Damshagen, einem ihrer ältesten Stammsitze in Mecklenburg. Von 1455 bis 1896 gehörte ihnen dort auch das Rittergut Großenhof.
Ausgehend von der Dorfkirche Gressow unter dem Patronat von Berend von Plesse waren sie die Hauptförderer der Reformationsbewegung im nordwestlichen Mecklenburg.Lisch 1851Persoenlichkeiten: Berend v. Plesse(n) (1527–1555)., In: Landschaft-MV.de. Oberst Helmuth von Plessen kaufte 1653 das Rittergut Cambs mit zahlreichen Nebengütern von der Familie seiner Mutter, die im Dreißigjährigen Krieg in Überschuldung geraten war; es blieb bis 1795 in der Familie. Von 1662 bis 1798 befand sich das Gut Katelbogen (mit kurzzeitiger Unterbrechung) im Besitz der Plessen. 1732 erwarb Kord von Plessen das Rittergut Schönfeld, jedoch ging es bereits nach einem guten Jahrzehnt wieder aus der Familie, bis es von 1933 bis 1945 erneut in deren Besitz kam; 1991 wurde es zum dritten Mal von der Familie zurückerworben. Damit haben Angehörige der Familie von Plessen in ihrer Heimat, deren Geschichte sie mitgeprägt haben, wieder Fuß gefasst, nachdem sie 1945 vertrieben und durch die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone auf ihren verbliebenen Gütern entschädigungslos enteignet worden waren.
Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1945 gehörte auch das Rittergut Dolgen den von Plessen. Carl von Plessen und seine Ehefrau Anna geb. von Carnap, die zuvor Schloss Eller bei Düsseldorf bewohnt hatten, erwarben 1838 das Rittergut Reez und ließen dort ein neues Herrenhaus errichten; auch dieses Gut blieb bis 1945 im Besitz der Nachfahren. Ab 1847 bis 1945 gehörte ferner das Rittergut Burg Trechow der Familie von Plessen; ein Nachfahre in weiblicher Linie kaufte es nach 1990 zurück.
Um 1725 erwarb Helmuth von Plessen auf Cambs und Torgelow, seit 1741 Reichsgraf, das große Rittergut Ivenack – ein in der Reformation säkularisiertes Kloster – durch Heirat mit der Witwe des Erbauers des dortigen Barockschlosses; er stiftete 1761 einen Fideikommiss, der nach seinem Tode an seinen Neffen Helmuth Burchard Hartwig von Maltzahn († 1797) fiel, einen Sohn seiner Schwester Elisabeth Magdalene. Seither führten die jeweiligen Majoratsinhaber bis 1945 Titel und Wappen eines Reichsgrafen von Plessen, während die übrigen Nachfahren den freiherrlichen Namen Maltzahn behielten. Der letzte Fideikommissherr, Albrecht Freiherr von Maltzahn, Graf von Plessen (* 1891), beging am 6. Mai 1945 gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord.Berit Olschewski: „Freunde“ im Feindesland. Rote Armee und deutsche Nachkriegsgesellschaft im ehemaligen Grossherzogtum Mecklenburg-Strelitz 1945–1953. Dissertation, Berlin 2008. (Teil-Digitalisat).
mini|Plessenwappen im Nonnenchor der Klosterkirche Ribnitz