mini|hochkant|Berger als SS-Ober­gruppen­führer und General der Waffen-SS (1944) Gottlob Christian Berger (* 16. Juli 1896 in Gerstetten; † 5. Januar 1975 in Stuttgart) war ein nationalsozialistischer Parteifunktionär und SS-Angehöriger, zuletzt SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Im NS-Staat war er Chef des SS-Hauptamtes und galt als wichtiger Vertrauensmann Heinrich Himmlers. Nach Kriegsende wurde er im Wilhelmstraßen-Prozess zu einer Gefängnisstrafe von 25 Jahren verurteilt, 1951 jedoch vorzeitig entlassen.

Militärlaufbahn und NSDAP-Mitgliedschaft Der Sohn des Sägewerkbesitzers Johannes Berger begann nach dem Besuch der Volks- und Realschule von 1910 bis 1914 das Lehrerseminar in Nürtingen.Biographische Angaben zu Berger bei Rempel, Berger, passim; Scholtyseck: Schwabenherzog. passim; Hoffmann, Drang, passim, sowie Joachim Lilla u. a. (Bearbeiter): Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Droste Verlag, Düsseldorf, 2004, S. 33 ff. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde an der Westfront eingesetzt und während der Ypernschlacht im Oktober 1914 schwer verwundet. Zuletzt Ordonnanzoffizier, hatte er bei Kriegsende den Rang eines Leutnants erreicht und war mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet worden. Am 31. Januar 1919 wurde er demobilisiert.

Im Zivilleben war Berger vorübergehend Seminarlehrer in Lichtenstern; von 1920 bis 1928 war er Lehrer in seinem Geburtsort Gerstetten. Nebenbei besuchte er 1920 und 1921 eine Akademie für Turn- und Sportlehrer in Tübingen. Von 1928 bis 1933 arbeitete er als Lehrer an einer Volksschule in Wankheim in der Nähe von Tübingen. 1921 heiratete er; aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Frühe politische Betätigung Angaben zu Bergers früher politischer Betätigung beruhen überwiegend auf seinen eigenen Angaben und sind nur teilweise unabhängig überprüfbar. Ab März 1919 schloss er sich verschiedenen Freikorps an. Bis März 1921 war er Zugführer der Einwohnerwehr von Heilbronn; im September 1920 bewachte er das dortige Elektrizitätswerk, um eine Besetzung durch streikende Arbeiter zu verhindern. Nach dem Kapp-Putsch soll er im März und April 1920 als Angehöriger Württembergischer Freiwilligenformationen an Kämpfen gegen die Rote Ruhrarmee beteiligt gewesen sein, unter anderem am Wasserturm am Steeler Berg in Essen.Hoffmann, Drang, S. 23. Im April 1921 wechselte er zum „Grenzschutz West“, einer paramilitärischen Organisation, die zur Schwarzen Reichswehr gehörte.Scholtyseck, Schwabenherzog, S. 79 f., Zeitangaben bei Lilla, Statisten, S. 33. Diesen von der Reichswehr entgegen den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages geförderten Formationen ist auch die „Organisation F“ zuzurechnen, der er von April 1924 bis April 1929 angehörte. Bis November 1928 führte er die Freischar „Alb-Ost“ der „Organisation F“; anschließend kommandierte er das Truppenkommando Württemberg-Mitte der gleichen Organisation.

Berger trat 1922 oder 1923 erstmals der NSDAP bei. Im Frühjahr 1923 war er an der Gründung der NSDAP-Ortsgruppe in seiner Heimatgemeinde Gerstetten beteiligt. Im September 1923 nahm er an einem Treffen von Wehrverbänden in Nürnberg teil. Im Oktober und November 1923 führte er das „nationalsozialistische Bataillon Ulm/Land“. Dabei wurde er im Oktober 1923 in Gerstetten wegen Waffenbesitzes, der Bildung bewaffneter Haufen und wegen Amtsanmaßung vorübergehend verhaftet. Mit dem Verbot der NSDAP nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch endete seine Parteimitgliedschaft vorerst.

Zum 1. Januar 1931 trat Berger der neu gegründeten Partei erneut bei (Mitgliedsnummer 426.875).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/2501338Beitrittsdatum siehe (Link nicht mehr erreichbar, 4. August 2012). Siehe auch Lilla, Statisten, S. 33. Bereits am 15. November 1930 war er Mitglied der SA geworden. Bis 1. August 1931 führte er den Tübinger SA-Sturm; ab 29. Juli 1932 war er für die SA-Untergruppe Württemberg verantwortlich. In dieser Funktion wurde er am 15. Oktober 1932 zum SA-Oberführer befördert.

Nach der Machtergreifung des NS-Regimes in Württemberg Nach der Machtergreifung des NS-Regimes war Berger im März und April 1933 ehrenamtlicher Sonderkommissar der Obersten SA-Führung im Württembergischen Innenministerium. In dieser Funktion war er für die Aufstellung einer Hilfspolizei und für die Verhängung von „Schutzhaft“ zuständig, eine Kompetenz, die formal in den Verantwortungsbereich des Innenministers fiel.Scholtyseck, Schwabenherzog, S. 81. Ausgehend von seinen Erfahrungen in paramilitärischen Verbänden und seiner Ausbildung als Sportlehrer hielt er zudem zahlreiche Vorträge über die vormilitärische Jugenderziehung. Im April oder JuniLilla, Statisten, S. 33. 1933 musste er nach einem Schiedsgerichtsverfahren alle Ämter in der SA aufgeben und trat aus der Organisation aus. Vorübergehend saß Berger als Nachfolger eines wegen des Verbots seiner Partei „ausgeschiedenen“ KPD-Abgeordneten im Württembergischen Landtag, bis dieser im Oktober 1933 aufgelöst wurde. Am 30. Oktober 1933 wandte er sich an den württembergischen Gauleiter, Staatspräsidenten und Reichsstatthalter Wilhelm Murr mit der Bitte, Rektor einer Knabenschule in Esslingen am Neckar zu werden. Er leitete diese Schule bis 30. September 1935 und wechselte dann als Referent für die körperliche Erziehung der Jugend ins Württembergische Kultusministerium. Er hatte von September 1934 bis Januar 1936 auch regionale Funktionen bei der Organisation „Chef des Ausbildungswesens“ inne, einer Organisation, die unter Leitung von Friedrich-Wilhelm Krüger die paramilitärische Ausbildung in der NSDAP verbessern sollte.

Bergers Wirken in Württemberg war von zahlreichen innerparteilichen Konflikten begleitet. Insbesondere das Verhältnis zu Gauleiter Wilhelm Murr war von starker Rivalität gekennzeichnet; aus Murrs Sicht war Berger unfähig und ungebildet.Scholtyseck, Schwabenherzog, S. 81 f. Siehe auch: Schreiben Bergers an Heinrich Himmler vom 8. September 1941. In: Helmut Heiber (Hrsg.): Reichsführer! Briefe an und von Himmler. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1970, Dokument 86. Hintergrund seines Ausscheidens aus der SA waren persönliche Auseinandersetzungen mit jüngeren SA-Führern wie Hanns Ludin; politische Gründe gab es nicht. Ludin charakterisierte ihn folgendermaßen:

Karriere in der SS Chef des SS-Ergänzungsamtes/Ergänzungsamt der Waffen-SS Am 30. Januar 1936 trat Berger im Rang eines SS-Oberführers der SS bei (SS-Nummer 275.991). Zunächst wurde er dem SS-Oberabschnitt „Südwest“ als Sportreferent zugeordnet. Gleichzeitig war er zwischen April 1936 und Juni 1938 Leiter der Württembergischen Landesturnanstalt in Stuttgart mit der Amtsbezeichnung StudiendirektorStaatsarchiv Ludwigsburg, Bestand E 203 I Bü 1997. sowie Referent für Leibeserziehung im Reichserziehungsministerium in Berlin. Am 1. Oktober 1937 wechselte er als Führer zum Stab des Reichsführers-SS Heinrich Himmler. In seinen Stellungen im Staatsdienst war er zumeist für den Dienst in der SS beurlaubt, im Frühjahr 1939 schied er aus dem Württembergischen Kultusministerium endgültig aus. Sein Lebensmittelpunkt verlagerte sich nach Berlin, ohne dass er seine Kontakte nach Württemberg abbrach.

Am 1. Juli 1938 wurde Berger von Himmler zum Chef des neugeschaffenen SS-Ergänzungsamtes (Amt VIII) im SS-Hauptamt ernannt, einen Monat später übernahm er auch die Leitung des Erfassungsamtes (Amt VI) und das Amt für Leibesübungen (Amt X). Berger war zuerst als Chef des SS-Ergänzungsamtes und dann ab 1. Dezember 1939 als Chef des von der Wehrmacht autorisierten Ergänzungsamtes der Waffen-SS mit SS-Ergänzungsstellen in jedem WehrkreisRudolf Absolon: Schriften des Bundesarchivs – Die Wehrmacht im Dritten Reich. Band V. 1988, S. 20. René Rohrkamp: Weltanschaulich gefestigte Kämpfer: Die Soldaten der Waffen-SS 1933–1945. Paderborn, 2010, S. 275 f. für die Rekrutierung der bewaffneten SS-Verbände (SS-Verfügungstruppe, SS-Division Totenkopf) und die SS-Totenkopfverbände zuständig, letztere waren für die Bewachung der Konzentrationslager verantwortlich.Zur Bedeutung des Ergänzungsamtes siehe: Rempel: Berger. S. 49. Unter seiner Beteiligung schloss Himmler mit der Reichsjugendführung zwei Vereinbarungen, in deren Folge 32.000 Rekruten – vorwiegend aus der Hitlerjugend – zu den bewaffneten SS-Verbänden kamen, deren Stellung gegenüber der Wehrmacht durch Adolf Hitler gestärkt worden war.

Beim „Anschluss“ Österreichs gehörte Berger zum Vorauskommando unter Himmler, das am 12. März 1938 in Wien eintraf. Während der Sudetenkrise im September und Oktober 1938 wurde er der Verbindungsoffizier Himmlers zum Führer der Sudetendeutschen, Konrad Henlein, und dem Sudetendeutschen Freikorps. In dieser Funktion sorgte er für die Bewaffnung des FreikorpsHoffmann: Drang. S. 30. und war für die Auswahl von Sudetendeutschen als Mitglieder der SS oder der Verfügungstruppe verantwortlich. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde er am 26. September 1939 von Himmler mit der Aufstellung des Volksdeutschen Selbstschutzes beauftragt. Schreiben Himmlers vom 26. September 1939 im Faksimile beim Simon Wiesenthal Center (Link nicht mehr erreichbar, 4. August 2012). Diese aus Angehörigen der Deutschen Minderheit in Polen unter Führung der SS gebildeten Einheiten waren an der Ermordung oder Vertreibung tausender polnischer Bürger beteiligt.

Chef des SS-Hauptamtes Am 20. April 1939 zum SS-Brigadeführer befördert, löste Berger am 1. April 1940Datum bei Scholtyseck, Schwabenherzog, S. 77. August Heißmeyer als Chef des SS-Hauptamtes ab. Er reorganisierte das Hauptamt und ersetzte Mitarbeiter Heißmeyers. Sein zentrales Betätigungsfeld war die Rekrutierung von Freiwilligen für die mittlerweile entstandene Waffen-SS.Scholtyseck, Schwabenherzog, S. 87 f.; Rempel, Berger, S. 48 f. Hierzu griff er auf Volksdeutsche, beispielsweise aus Rumänien, zurück, die in Durchgangslagern der Volksdeutschen Mittelstelle geworben wurden. Über die ihm unterstehende „Germanische Leitstelle“, geleitet von Franz Riedweg, wurden zudem Ausländische Freiwillige für die Waffen-SS geworben. Anfänglich beschränkte sich die Werbung auf Länder, die aus nationalsozialistischer Sicht „germanisch“ waren; so entsandte er um die Jahreswende 1939/40 den SS-Obersturmbannführer Walter Rehder nach Bozen, um im Kontext der Option in Südtirol Freiwillige anzuwerben. Im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkrieges fielen diese Beschränkungen. Berger selbst räumte ein, dass die Rekrutierungen nur „teilweise freiwillig“Vernehmung Bergers am 4. März 1947, zitiert bei Scholtyseck, Schwabenherzog, S. 88. erfolgten und „in den Arbeitslagern etwas gewaltsam geworben“ im Faksimile beim Simon Wiesenthal Center (Link nicht mehr erreichbar, 4. August 2012). wurde. Seine Rekrutierungsversuche in Finnland führten 1941 zur Verärgerung der dortigen Regierung und zum Streit mit dem deutschen Auswärtigen Amt.George Stein, Peter Krosby: Das finnische Freiwilligen-Bataillon der Waffen-SS. Eine Studie zur SS-Diplomatie und zur ausländischen Freiwilligenbewegung. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 4/1966, S. 413–453; ifz-muenchen.de (PDF; 6,3 MB).