Die Werckmeisterschen Harmonien (Originaltitel: Werckmeister harmóniák) ist ein international koproduzierter Film des ungarischen Regisseurs Béla Tarr aus dem Jahr 2000. Literarische Vorlage war der Roman Melancholie des Widerstands des Autors László Krasznahorkai. Der Film zeigt Vorgänge in einem abgeschiedenen ungarischen Dorf, in dem unheilvolle Ereignisse geschehen.

Handlung Hauptfigur ist der naiv wirkende János Valuska, der in dem ungenannten Dorf, wo tiefste Kälte herrscht, Zeitungen austrägt und umherwandert. In der ersten Szene lässt er von Besuchern der Dorfkneipe die Bewegungen im Sonnensystem nachstellen, um eine nahende Sonnenfinsternis mit den Bewegungen der Himmelskörper zu erklären.

Ein „Zirkus“ trifft im Dorf ein, welcher mit der Attraktion eines riesigen Walkadavers sowie dem „Herzog“ wirbt. Schon vor der Ankunft gibt es Gerüchte, der Zirkus bringe Unheil. János besichtigt fasziniert den Kadaver, der sich in einem Anhänger auf dem Marktplatz befindet, wo sich eine zunehmend größer werdende Menschenmenge sammelt.

János freundschaftlich verbunden ist der zurückgezogen lebende Musiktheoretiker György Eszter. Dessen von ihm getrennt lebende Frau Tünde will gemeinsam mit dem Polizeichef des Ortes eine Organisation zur „Reinigung“ des Dorfs und Aufrechterhaltung der Ordnung gründen. György soll sich um die Organisation kümmern und seines angesehenen Namens wegen den Vorsitz übernehmen. Sie überredet János, György dazu zu bringen. György lässt sich widerwillig darauf ein, da Tünde damit droht, ansonsten wieder bei ihm einzuziehen.

Tünde nötigt außerdem János, genau zu beobachten, was auf dem Marktplatz geschieht. Dort hat die Menschenmenge inzwischen Feuer entzündet, zunächst nur, weil es kalt ist. János möchte noch einmal den Wal sehen und schleicht sich in den Anhänger. Dort hört er einen Disput des Zirkusdirektors mit dem Dolmetscher des „Herzogs“ und diesem selbst an; vom Herzog ist dabei nur sein Schatten an der Wand zu sehen. Der Direktor hat genug davon, dass der Herzog mit seinen aufrührerischen Reden die Menschen zu Unruhen anstachelt. Daraufhin beginnt der Herzog mit einer derartigen Rede. János flieht, während ein Mob schweigend, wie eine Herde Tiere, durch das Dorf bricht und mit Zerstörungen und Verbrechen beginnt. So zerstört eine Gruppe (wiederum schweigend, offenbar emotionslos) in einem Krankenhaus das Inventar und misshandelt die Patienten, hält jedoch schließlich beim Anblick eines nackten alten Mannes ein und macht kehrt.

János findet die Leiche eines befreundeten Schuhmachers und wird von dessen Frau darüber informiert, dass er von der Obrigkeit gesucht werde. Auf der Flucht wird er gefangen genommen und in eine psychiatrische Station eingeliefert. György besucht ihn und berichtet, dass der Polizeichef und Tünde (die dessen Geliebte ist) sich in seinem Haus einquartiert haben, während er einen kleinen Nebenraum zum Wohnen bekommen hat. Er verspricht János, dass auch dieser dort unterkommen könne, falls er hier wieder herauskommt.

In der letzten Einstellung geht György über den verlassenen Dorfplatz, wo zwischen Überresten der Unruhen noch der Walkadaver liegt. Er betrachtet ihn zum ersten Mal und geht dann weiter.

Hintergrund Der Film wurde typisch für Tarrs Stil komplett in Schwarz-Weiß gedreht und besteht bei einer Gesamtlänge von 145 Minuten aus nur 39 Einstellungen.

Den Schnitt und Teile der Regie übernahm wie auch schon bei zahlreichen anderen Projekten Tarrs Ehefrau Ágnes Hranitzky.

Die Hauptrollen wurden mit deutschen Schauspielern besetzt, die ungarisch synchronisiert wurden. Valuska wird von Tamás Bolba gesprochen, Herr Eszter von Péter Haumann und Frau Eszter von Marianna Moór. Die Stimme des „Herzogs“, der slowakisch redet, ist die von Attila Kaszás.

An der Entstehung des Films waren insgesamt sechs Kameramänner beteiligt, davon ein Amerikaner, zwei Ungarn, zwei Deutsche und ein Franzose.

Der Titel spielt auf das System der Werckmeister-Stimmung (nach dem Barockmusiker Andreas Werckmeister) an. Die Figur György Eszter spricht im Film einen Vortrag in ein Aufnahmegerät darüber, dass die gesamte westliche Musik mit den Ideen Werckmeisters auf einen Irrweg geraten sei und man vielmehr zur pythagoreischen Stimmung zurückkehren solle.

Struktur des Films Die Handlung des Films erstreckt sich über knapp zwei Tage, vom Abend des ersten Tags bis etwa zum Nachmittag des dritten Tags. Der Film selbst besteht aus 37 Einstellungen (ohne Vor- und Abspann). In fast jeder Einstellung ist János Valuska präsent. Er fehlt nur in 28, 30 und 37. In der Verwüstung des Hospitals (29) erscheint er erst ganz am Schluss; in der Szene, in der Herr Eszter über die Harmonien nachdenkt (9), bleibt er völlig im Hintergrund. Darin besteht ein wichtiger Unterschied zum Roman, der in den sechs Abschnitten seines Hauptteils, an dem der Film sich orientiert, abwechselnd Valuska und Eszter in den Mittelpunkt stellt.

KovácsAndrás Bálint Kovács: The Cinema of Béla Tarr. The Circle closes. 2013, 138f hat eine dreiteilige, zyklische Struktur des Films plausibel gemacht, nach der die drei Teile jeweils mit einem bestimmten Ort beginnen und enden: Die Wohnung von Herrn Eszter (3–9), der Platz (10–26) und das Hospital (29–36). Der wichtigste Ort ist zweifellos der Platz, der insgesamt viermal vorkommt (10, 21, 25, 37) und der auch wegen des dort ausgestellten Wals das Zentrum der Handlung ist. Die Szenen, auf denen Valuska auf den Straßen unterwegs ist (insgesamt elf), bilden ein wichtiges verbindendes Element zwischen den Orten der Handlung. Nur selten wird direkt von einem Ort zum anderen geschnitten (besonders markant 23 auf 24). +NrBeginn (m:s)Dauer (s)Ort, Handlung0Vorspann11:18600Kneipe, Darstellung der Sonnenfinsternis, Schließung211:1879Straße312:37399Eszters Wohnung419:16233Straße, Traktor mit Anhänger (Wal)523:09201Post, Abholen der Zeitungen (Gespräch über Wal und Prinz)626:3083Straße, Austragen der Zeitungen727:53213Hotel, Gespräch über den Wal831:2667Straße, Sonnenaufgang932:33288Eszters Wohnung, Harmonien1037:21304Platz, Eröffnung der Ausstellung, Ticketkauf1142:25230Wal1246:15113Straße, Lajos Harrer1348:08177Valuskas Wohnung, Aufräumen und Essen1451:05397Valuskas Wohnung, Tünde Eszter1557:4299Hof vor Valuskas Wohnung, Lajos Harrer, Aufbruch1659:21335Eszters Wohnung, Frau Harrer, Koffer1764:56159Aufbruch von Eszter und Valuska1867:35289Straße, Gehen (Eszter und Valuska), Gespräch mit drei Männern1972:24192Hotel, Küche2075:36128Straße (Eszter und Valuska), Gespräch, Trennung2177:44212Platz, Schließung der Ausstellung2281:1645Straße2382:01289Wohnung Tünde Eszter, Polizeichef, Tanz2486:50179Wohnung Polizeichef, Kinder2589:49317Straße, Lajos Harrer / Platz2695:06292Wagen, Wal, Diskussion (Direktor, Prinz)2799:58148Straße, Valuska läuft, Feuer28102:26251Marschierende Menge29106:37491Hospital, Verwüstung und Rückzug30114:48177Straße, Abzug der Menge31117:45200Gebäude mit Waschmaschinen, Notizbuch32121:05197Straße, Offizier und Tünde Eszter33124:22128Straße, Lajos Harrer (tot)34126:30136Hof vor Valuskas Wohnung, Frau Harrer35128:46254Schienen, Hubschrauber36133:00242Hospital, Herr Eszter und Valuska37137:02302Platz, Wal, Herr Eszter142:04Abspann

Rezeption Die Werckmeisterschen Harmonien erhielt fast ausschließlich positive Kritiken. So erreichte der Film unter anderem auf Metacritic eine Durchschnittswertung von 92 aus 100 möglichen Punkten (basierend auf 8 Kritiken), und Rotten Tomatoes verzeichnete 97 % anerkennende Rückmeldungen von insgesamt 38 Kritiken.

Der Filmkritiker Roger Ebert gab dem Film die Höchstwertung 4 von 4 Sternen, bezeichnete ihn als „einzigartig und originell“ und schrieb des Weiteren, dass er dem Cinéma vérité genauso ähnele wie den Werken von Frederick Wiseman. Im Jahre 2007 fügte er den Film zudem seiner Liste der „Großartigen Filme“ hinzu. Roger Eberts "Great Movies" Filmkritik zu "Werckmeister harmóniák", abgerufen am 15. Oktober 2015

2016 belegte Die Werckmeisterschen Harmonien bei einer Umfrage der BBC zu den 100 bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts den 56. Platz.

Literatur Jörn Glasenapp: Ein Wal ist ein Wal ist ein Wal: Béla Tarr, Die Werckmeisterschen Harmonien, in: Große Werke des Films: Band 2. 2017, 167–94. PDF-Datei

John Hodgkins: Not Fade Away: Adapting History and Trauma in László Krasznahorkai’s "The Melancholy of Resistance" and Béla Tarr’s "Werckmeister Harmonies". In: Adaptation: The Journal of Literature on Screen Studies 2,1, 2009, 49–64

Dan North: How to Watch Werckmeister Harmonies? In: Spectacular Attractions, 9.11. 2008 online

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Einzelnachweise

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