mini|Oswald Pohl während des Nürnberger Prozesses (1947)
Oswald Ludwig Pohl (* 30. Juni 1892 in Duisburg; † 7. Juni 1951 in Landsberg) war ein deutscher SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Pohl war als Leiter des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes (WVHA) maßgeblich an der Durchführung des Holocaust beteiligt. Als Kriegsverbrecher wurde Pohl während des Nürnberger Prozesses gegen das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet.
Herkunft und Karriere Oswald Pohl wurde als Sohn des Werkzeugmeisters Hermann Otto Emil Pohl und dessen Frau Auguste Seifert in Duisburg geboren. Er besuchte das Gymnasium und legte das Abitur 1912 ab. Ab Anfang April 1912 schlug Pohl eine Verwaltungslaufbahn bei der Kaiserlichen Marine ein.Johannes Tuchel: Konzentrationslager: Organisationsgeschichte und Funktion der Inspektion der Konzentrationslager 1934–1938. Boldt, Boppard am Rhein 1991, ISBN 3-7646-1902-3, S. 385.
Während seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg wurde er 1914 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Nach Kriegsende schloss sich Pohl kurzzeitig einem Freikorps an.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 467. Er verblieb bei der Marine und gehörte auch der neu gegründeten Reichsmarine an. Ende Januar 1934 schied er aus dem Marinedienst als Marine-Stabszahlmeister und im Rang eines Oberleutnants zur See aus.Walter Naasner (Hrsg.): SS-Wirtschaft und SS-Verwaltung. Düsseldorf 1998, S. 352f.
Pohl schloss sich bereits 1922 und nach dem zwischenzeitlichen Parteienverbot zum 22. Februar 1926 erneut der NSDAP an (Mitgliedsnummer 30.842).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/16031484 Der SA war er bereits 1925 beigetreten. Von 1925 bis 1927 war er NSDAP-Ortsgruppenleiter und zeitweise auch SA-Führer in Swinemünde. Anschließend betätigte er sich beim Aufbau und der Führung von Kieler SA-Marine-Abteilungen. Zudem bekleidete er in Kiel Leitungspositionen bei der Hitlerjugend (HJ) und war dort ab 1933 Stadtverordneter.
Durch sein organisatorisches Talent fiel Pohl dem Reichsführer SS Heinrich Himmler auf, der nun versuchte, ihn von der SA abzuwerben. Am 9. September 1933 wurde er zum SS-Oberführer ernannt. Anfang Februar 1934 wechselte Pohl schließlich von der SA zur SS (SS-Nummer 147.614), wurde im Stab RFSS eingesetzt und stieg dort schnell zum Verwaltungschef des SS-Hauptamtes auf. Am 1. Juni 1935 folgte die Ernennung zum SS-Brigadeführer. Schon seit 1936 bemühte sich Pohl, aus der Zwangsarbeit von Häftlingen wirtschaftlichen Nutzen für die SS zu ziehen. 1936 wurde er Mitglied im Reichsausschuss zum Schutze des deutschen Blutes.Robert N. Proctor: Racial hygiene. Medicine under the Nazis. Harvard University Press, Cambridge 1988, ISBN 0-674-74578-7, S. 135. 1938 wurde er Leiter der SS-Betriebe und Vorsitzender des Verwaltungsrates des Deutschen Roten Kreuzes. Ende Januar 1937 wurde Pohl weiter zum SS-Gruppenführer befördert. Im April 1939 wurde Pohls Dienststelle Der Verwaltungschef der SS in das SS-Hauptamt Verwaltung und Wirtschaft umgewandelt. Zusätzlich wurde Pohl zum Leiter des Hauptamts Haushalt und Bauten im Reichsinnenministerium im Range eines Ministerialdirektors ernannt und übernahm dort in Personalunion das Amt II (Bauten). Pohl war ab Ende der 1930er Jahre Mitglied des Freundeskreises Reichsführer SS und wurde durch Himmler mit der Verwaltungsleitung des Lebensborn e. V. beauftragt.
Zweiter Weltkrieg Als Heinrich Himmler Ende der 1930er Jahre begann, seine gigantischen Pläne zum Umbau der Wewelsburg in die Tat umzusetzen, führte Pohl die Geschäfte der Gesellschaft zur Förderung und Pflege Deutscher Kulturdenkmäler, die eigens zu diesem Zweck gegründet worden war.Jan Erik Schulte: Himmlers Wewelsburg und der Rassenkrieg. Eine historische Ortsbestimmung. In: Ders. (Hrsg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg (Nr. 7), Paderborn u. a. 2009, S. 3. Im April 1942 wurde Pohl zum SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS ernannt. Zudem übernahm er ab Februar 1942 die Leitung des neugeschaffenen SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes und leitete dort zugleich die Amtsgruppe W (Wirtschaftliche Unternehmen). Diese Funktionen übte Pohl bis zum Kriegsende aus. Er führte in dieser Position ab Juli 1943 die Dienstbezeichnung „Verwaltungschef der Reichsführung SS“.
Durch dieses Amt erlangte Pohl eine Schlüsselstellung in der „Endlösung der Judenfrage“, da ihm nun auch die „Inspektion der Konzentrationslager“, also die Konzentrationslager (KZ) als solche unterstellt wurden. Im Sommer 1942 ersetzte Pohl fast ein Drittel aller KZ-Kommandanten. Er beabsichtigte, die KZ-Häftlinge verstärkt in der Rüstungsproduktion im Sinne von „Vernichtung durch Arbeit“ zu nutzen. In einem Befehl vom 30. April 1942 ordnete er an:
Diese Anordnung führte zu einer starken Expansion von Nebenlagern, verschlechterte die Lebensbedingungen der Häftlinge und erhöhte ihre Sterberate. Die Produktivität wurde nur wenig gesteigertVgl. Jan Erik Schulte: Zwangsarbeit. ISBN 3-506-78245-2. und mit dem Leben vieler der zur Zwangsarbeit gezwungenen KZ-Häftlinge teuer erkauft, im Sinne des Prinzips der Vernichtung durch Arbeit. 1943 gründete Pohl die Ostindustrie GmbH als Instrument zum Raub jüdischer Vermögenswerte und zur weiteren Ausbeutung der Häftlinge. Von Juli 1942 bis zum März 1943 war er Mitglied des nationalsozialistischen Reichstages. Pohl, der für Reinhard Heydrich in den Reichstag nachgerückt war, musste sein Reichstagsmandat aufgeben. Hintergrund waren seine leitenden wirtschaftlichen Tätigkeiten, die nicht mit einem Reichstagsmandat vereinbar waren.
Pohl griff ebenfalls ein, als die große Vernichtungsaktion ins Stocken geriet, bei der rund 350.000 von 458.000 ungarischen Juden sofort nach ihrer Ankunft im KZ Auschwitz-Birkenau durch Giftgas ermordet wurden. Die ersten Transportzüge erreichten Auschwitz am 15. April 1944. Im Mai 1944 wurden die drei Kommandanten des KZ Auschwitz I, des KZ Auschwitz III Monowitz und des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ihrer Ämter enthoben und durch andere ersetzt. Pohl, der ein halbes Jahr zuvor Rudolf Höß als Chef des Amtes D1 in die Zentrale seiner Behörde geholt hatte, schickte diesen vom Mai 1944 bis Juli 1944 als Standortältesten in das KZ Auschwitz, um die reibungslose Durchführung der Vernichtungsaktion zu organisieren.
Neben dem todbringenden Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen war Pohl als „Herr über Hunderttausende von KZ-Häftlingen“ hauptverantwortlich für „die radikale Ausnutzung und Verwertung der Häftlinge von der Einbehaltung ihrer Wertsachen bis zum Wegnehmen ihrer Goldplomben und Haare“.Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. S. Fischer, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-10-091052-4, S. 355f. Die im Zuge der Deportationen und Massenmorde geraubten Güter umfassten beispielsweise Kleidung, Schmuck sowie andere Vermögenswerte wie Devisen oder Gold. Erhalten ist ein Schreiben an Heinrich Himmler mit einer Bestandsliste von über 100.000 Uhren sowie tausenden von Füllfederhaltern und dergleichen, die zur Tarnung als „jüdisches Hehlergut“ ausgewiesen wurden.Siehe Weblinks: Dokument Raubgut (nur die 1. Seite als Faksimile); vollständiger Fließtext in: H. G. Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner (Hrsg.): Auschwitz. Zeugnisse und Berichte. 2. rev. Aufl. EVA, Köln 1979, ISBN 3-434-00411-4, S. 81–83. Höß schreibt in seinen Erinnerungen darüber: „Bei den gefundenen Wertsachen handelte es sich meist – besonders bei den Judentransporten aus dem Westen – um wertvollste Dinge. Edelsteine von Millionenwert, brillantenbesetzte Uhren, Gold- und Platinuhren von unermeßlichem Wert, ebenso Ringe, Ohrringe, Halsschmuck von erheblichen Seltenheitswerten, Geldsorten aller Herren Länder in Millionen. Es fand sich oft bei einer Person Geld in Hunderttausenden, meist in 1000$-Scheinen… Eine besondere Abteilung der Reichsbank befasste sich nur mit diesen Sachen aus den Juden-Aktionen. Wie ich einmal von Eichmann hörte, wurden die Preziosen und Devisen in der Schweiz verhandelt, ja man beherrschte damit den gesamten Schweizer Preziosen-Markt. … Für das Lager selbst entstanden durch diese Juden-Wertsachen nicht abzustellende ungeheure Schwierigkeiten. Demoralisierend für die SS-Angehörigen, die nicht immer so stark waren, um sich den Verlockungen der leicht zu erreichenden jüdischen Wertsachen zu entziehen.“ Ebd., S. 294 als Anm. zu S. 88.
Pohl war Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP. Zudem erhielt er das Deutsche Kreuz in Silber und am 10. Oktober 1944 das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern.
Nachdem er sich von seiner ersten Frau im März 1940 hatte scheiden lassen, heiratete er am 12. Dezember 1942 Eleonore von Brüning (geb. Holtz). Sie war die Witwe von Ernst Rüdiger von Brüning, Sohn von Adolf von Brüning, einem Mitbegründer der Farbwerke Hoechst (ab 1925 Teil der I.G. Farben). Pohl wurde Stiefvater von Eleonores Töchtern. Später kam eine eigene, geistig behinderteDorothee Schmitz-Köster: Kind L 364. Eine Lebensborn-Familiengeschichte. Rowohlt, Berlin 2007, ISBN 978-3-87134-564-7. Tochter hinzu.
Gefangennahme mini|Schlusswort des Angeklagten Oswald Pohl am 22. September 1947 beim Prozess. Auf der Anklagebank sind hier abgebildet (von links nach rechts), vordere Reihe: August Frank, Heinz Fanslau, Hans Lörner; hintere Reihe: Franz Eirenschmalz, Karl Sommer, Hermann Pook. Oswald Pohl flüchtete in den letzten Kriegstagen zunächst über die Rattenlinie Nord nach Flensburg.Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 21. Am 27. Mai 1946 wurde er in Armsen bei Verden (Aller) aufgespürt, wo er sich als Gärtner getarnt hatte, und zum War Crime Head Quarter in Bad Nenndorf transportiert. Pohl klagte in einem ausführlichen Privatbrief vom 1. Juni 1948, er habe dort ständig Handfesseln tragen müssen, er sei von Posten getreten und verprügelt worden und habe dabei zwei Zähne eingebüßt. Der Verhörer habe sich darüber empört gezeigt und weitere Misshandlungen unterbunden. Kurz darauf sei er nach Nürnberg transportiert worden und habe dort bis Dezember mehr als 50 Verhöre über sich ergehen lassen müssen; körperlichen Misshandlungen sei er dort nicht ausgesetzt gewesen. Weiter beklagte Pohl sich im genannten Schreiben, es sei ihm bei der abschließenden Zusammenstellung seiner Aussagen zu einem Affidavit verwehrt geblieben, einige seiner früher gemachten eigenen Aussagen zu korrigieren.Brief abgedruckt in: Peter-Ferdinand Koch: Himmlers Graue Eminenz – Oswald Pohl und das Wirtschaftsverwaltungshauptamt der SS. Hamburg 1988, ISBN 3-926827-01-7. Diese seine eigene Darstellung relativiert später verbreitete Gerüchte über extreme Folterungen und erzwungene Geständnisse.
Prozess Im Prozess gegen das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS, der als Fall IV der Nürnberger Nachfolgeprozesse vom 13. Januar bis 3. November 1947 durchgeführt wurde, stand Oswald Pohl als Hauptbeschuldigter im Mittelpunkt. Ihm und den 17 Mitangeklagten wurden die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verschwörung zur Begehung von Kriegsverbrechen vorgeworfen. Pohl wurde zum Tode verurteilt. Gegen drei weitere Angeklagte wurde ebenfalls die Todesstrafe verhängt (Georg Lörner, Franz Eirenschmalz, Karl Sommer), doch wurden diese später begnadigt.