Die Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre (auch Großer Renaissance-Staudamm, englisch Grand Ethiopian Renaissance Dam, GERD, Große Talsperre der äthiopischen Wiedergeburt, gelegentlich auch Hidase-Talsperre; ; kurz ታኢሕግ TaIHəGə) ist eine Talsperre am Blauen Nil, die diesen zum Nigat aufstaut. Sie liegt in der west-äthiopischen Region Benishangul-Gumuz, etwa 10 Kilometer östlich der sudanesischen Grenze.

Beschreibung Das 2011 begonnene und 2025 fertiggestelltesrf.ch Talsperrenprojekt umfasst eine knapp zwei Kilometer lange und bis zu 145 Meter hohe Haupt-Gewichtsstaumauer. Sie besteht aus rund 11 Millionen Kubikmetern Beton. Mit einer installierten Leistung von 5150 MW ist das angeschlossene Wasserkraftwerk das größte Afrikas.Äthiopien weiht gigantischen Staudamm ein. In: dw.com. Deutsche Welle, 17. Dezember 2016, abgerufen am 14. April 2022. Der Stausee hat ein Stauvermögen von 74 Milliarden Kubikmetern.Webuild: Il Primo Ministro etiope avvia la prima turbina del Grand Ethiopian Renaissance Dam Project. GERD: Il mega progetto idroelettrico che Webuild sta realizzando in Etiopia per la produzione di energia rinnovabile. Pressemitteilung vom 20. Februar 2022, abgerufen am 2. September 2022. Er ist bis zu 140 Meter tief, hat eine maximale Länge von 246 Kilometern und erreicht etwa das eineinhalbfache Volumen des Bodensees. In der öffentlichen Darstellung wird die Größe des Sees mit der des Großraums London verglichen.

Namensgebung Die Talsperre wurde zuerst unter den Namen „Projekt X“ geplant, danach als „Millennium Dam“ („Jahrtausend-Talsperre“).. In: GrandMillenniumDam.net. 12. April 2012, abgerufen am 14. April 2022. Am 15. April 2011 benannte der Ministerrat das Vorhaben in „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ um.

Geschichte Planungen Das Bauwerk besteht aus einer 145 Meter hohen und 1820 Meter langen Gewichtsstaumauer aus Walzbeton sowie zwei Krafthäusern an beiden Seiten der Hochwasserentlastung. Das rechtsseitige Kraftwerk hat zehn 375-Megawatt-Francis-Turbinen-Generatoren und das linke sechs. Die ersten 8 Maschinen sollten von Alstom geliefert werden. Der Auftragswert dafür lag bei 250 Mio. €. Als Nebenbauwerk wurde ein 5 Kilometer langer und 50 Meter hoher Seitendamm gebaut.Salini Costruttori: Salini will build the biggest dam in Africa. Pressemeldung vom 31. März 2011. Das Regelarbeitsvermögen, d. h. die im langjährigen Durchschnitt jährlich erzeugte elektrische Energie, soll bei ca. 15.700 Gigawattstunden liegen.

Ausschreibung und Bau mini|Satellitenbilder vom 23. Juni bis zum 20. Juli 2020 an Tagen ohne Verdeckung durch eine Wolkendecke, aufgenommen vom Suomi NPP

Am 31. März 2011 – einen Tag, nachdem das Projekt öffentlich gemacht wurde – wurde ohne Ausschreibung ein Vertrag über 4,8 Milliarden US-Dollar mit Salini Costruttori als Generalunternehmer abgeschlossen. Der Auftrag für den Einbau der Turbinen und die elektrischen Anlagen ging an den äthiopischen Konzern Metal and Engineering Corporation (Metec), der im Besitz der äthiopischen Armee ist. Am 2. April 2011 legte der äthiopische Premierminister Meles Zenawi den Grundstein für die Talsperre.. In: Ethiopian-News.com. 2. April 2011, abgerufen am 14. April 2022. Als erste Schritte wurden eine Felsbrechanlage und ein kleiner Flugplatz gebaut.Pawlos Belete: . In: CapitalEthiopia.com. 11. April 2011, abgerufen am 14. April 2022.

Die ersten beiden Turbinen hätten im September 2014 in Betrieb gehen sollen, nach dreieinhalb Jahren Bauzeit. Die Fertigstellung der Gesamtanlage war ursprünglich für 2017 geplant.Linda Staude: Journal-Panorama. Strom für Ostafrika – Äthiopiens Mega-Staudamm am Blauen Nil. In: oe1.ORF.at. 2. Februar 2016, abgerufen am 14. April 2022. Wie bei Großprojekten nicht unüblich, kam es zu deutlichen Verzögerungen. Ende 2018 lag die Fertigstellungsquote des Projektes bei 65 %.Ethiopia’s huge Nile dam delayed to 2022. In: GlobalConstructionReview.com. 14. Dezember 2018, abgerufen am 14. April 2022. Ursachen der Verzögerungen waren vor allem mehrfache Änderungen der Planungen sowie Korruption und Unfähigkeit bei Metec.Aaron Maasho: In: Reuters.com. 13. November 2018, abgerufen am 14. April 2022. Unternehmen aus der Volksrepublik China sprangen ein.Christoph Titz: Gigantischer Staudamm in Äthiopien. Zoff am Nil. In: Spiegel.de. 8. Juli 2019, abgerufen am 14. April 2022.

Befüllung des Staudamms und Inbetriebnahme der Turbinen Die Befüllung des Staudamms erfolgte in vier Schritten in den Sommermonaten der Jahre 2020 bis 2023. Sie begann im Juli 2020. Dies führte zu diplomatischen Konflikten zwischen Äthiopien und den vom Nil abhängigen Nachbarstaaten. Im Juli 2021, wieder mit Beginn der Regenzeit, begann die zweite, im Juli 2022 die dritte Füllungsphase. Da die Regenfälle im Sommer 2022 sehr ergiebig und damit die Ängste vor Wassermangel geringer waren, blieben die Proteste Ägyptens und des Sudan 2022 gedämpfter als in den Vorjahren.Christian Meier: Kampf um das Nilwasser. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. August 2022, S. 8.

Die ersten Turbinen gingen am 20. Februar 2022 in Betrieb. Die vierte und letzte Befüllung erfolgte im Sommer 2023.Dawit Endeshaw: Ethiopia says it has completed filling of disputed dam project's reservoir. Reuters, 10. September 2023, abgerufen am 9. Mai 2024. Damit wurde eine Stauhöhe von 125 Metern über dem ursprünglichen Niveau des Blauen Nils an der Stelle der heutigen Staumauer erreicht. 2025 wurde die Fertigstellung der Talsperre bekanntgegeben. Der Bau erfolgte über 14 Jahre rund um die Uhr. Bis September 2025 waren nach Regierungsangaben bzw. Medienberichten alle Turbinen in Betrieb; die offizielle Einweihung fand am 9. September 2025 statt. Im laufenden Betrieb speichert der See (Stand 2025) rund 64 Milliarden Kubikmeter Wasser.

Internationale Konflikte Der Nil ist die Lebensader Äthiopiens, des Sudans und vor allem Ägyptens. Das flussabwärts liegende Ägypten opponierte gegen die Talsperre, die seiner Meinung nach die Wassermenge reduzieren würde, die es vom Nil bekommt.Egypt Stays Opposed to Ethiopia’s Grand Millennium Dam Project. In: EZega.com. 11. April 2011, abgerufen am 14. April 2022. Der damalige äthiopische Premierminister Meles Zenawi argumentierte hingegen 2011, basierend auf einer ungenannten Studie, dass die Talsperre die Verfügbarkeit des Wassers im Unterlauf nicht reduzieren, sondern nur regulieren würde, sodass mehr Land zur Bewässerung zur Verfügung stünde. Ägypten könne auch durch leichtes Absenken des Assuan-Staudamms 7,5 Milliarden Kubikmeter Wasser vor dem Verdunsten bewahren und Projekte zur besseren Nutzung des Nilwassers umsetzen.. In: NewBusinessEthiopia.com. 2. April 2011, abgerufen am 14. April 2022.

Nach langen Verhandlungen unterzeichneten die Staatschefs Äthiopiens, des Sudans und Ägyptens am 23. März 2015 in Khartum eine Grundsatzerklärung (Declaration of Principles).Rawia Tawfik: Revisiting hydro-hegemony from a benefitsharing perspective: The case of the Grand Ethiopian Renaissance Dam. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn 2015, S. 35–37. Darin wurden unter anderem vereinbart: die Durchführung von Studien zu den Folgewirkungen des Dammes die Erarbeitung von Regeln zur Füllung des Stauraums: Es wäre möglich, den Stausee binnen dreier Jahre zu füllen. Um die Folgen verminderten Wasserzuflusses im Sudan und in Ägypten zu verringern, war es wichtig, den Füllungszeitraum auszudehnen.Kevin Wheeler u. a.: Cooperative filling approaches for the Grand Ethiopian Renaissance Dam. In: Water International. Jg. 41 (2016), S. 1–24. Deshalb drängten Ägypten und der Sudan auf die Rückhaltung geringerer Wassermengen, also auf ein langsameres Füllen und eine entsprechend längere Fülldauer. Im November 2019 verständigten sich die drei Staaten auf eine Streckung des Füllungszeitraums auf sieben Jahre.Khartoum Announces Deal on Filling Renaissance Dam in 7 Years. In: AAwsat.com. 18. November 2019, abgerufen am 14. April 2022. eine Erarbeitung eines Übereinkommens zu den jährlichen Abflussmengen: Äthiopien will dabei durchschnittliche Niederschlagsmengen zugrunde legen; Ägypten und der Sudan drängen hingegen auf Vorkehrungen für Trockenjahre. Verfahrensweisen zur Behebung von StreitfragenRawia Tawfik: Revisiting hydro-hegemony from a benefitsharing perspective: The case of the Grand Ethiopian Renaissance Dam. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn 2015, S. 36.

Die äthiopische Regierung kündigte am 1. Februar 2020 an, den Stauraum ab Juli 2020 zu füllen.Ethiopian Renaissance Dam Construction ‘Making Progress’. In: EthiopianMonitor.com. 2. Februar 2020, abgerufen am 14. April 2022. Satellitenaufnahmen im Juli 2020 bestätigten, dass dies geschah.Mega-Staudamm in Afrika. Äthiopien bezeichnet erste Flutung als „historisch“. In: FAZ.net. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juli 2020, abgerufen am 14. April 2022.

Einen Monat zuvor, im Juni 2020, waren weitere Vertragsverhandlungen der drei Staaten an juristischen Fragen gescheitert. Der Sudan, der Auswirkungen auf seinen flussabwärts liegenden Roseires-Damm befürchtete und das Schicksal von Millionen Menschen in Gefahr sah, rief daraufhin den Weltsicherheitsrat an.Sudan: Millions at risk if Ethiopia fills mega dam without deal. In: Aljazeera.com. 27. Juni 2020, abgerufen am 14. April 2020. Unter Leitung der Afrikanischen Union wurden die direkten Gespräche der Konfliktparteien Ende Juni wieder aufgenommen. Ägypten favorisiert wie der Sudan eine externe Schlichtungsstelle, die über jegliche Streitigkeiten bezüglich der Wasserversorgung der Nilanrainerstaaten entscheiden soll.

Laut der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group ist Ägyptens Wasserversorgung, unter anderem wegen des Assuan-Stausees, bei durchschnittlichem Regenfall nicht bedroht.

Im August 2020 verließ Ägypten die trilateralen Verhandlungen, nachdem Äthiopien begonnen hatte, den Staudamm aufzufüllen. Im Februar 2021 forderte der Sudan abermals eine internationale Vermittlung. Am 4. April trafen sich die Außenminister Ägyptens, Äthiopiens und des Sudans in Kinshasa zu „letzten“ Gesprächen.Ägypten, Äthiopien und Sudan beraten über Nil-Staudamm. In: ORF.at. 5. April 2021, abgerufen am 13. Januar 2026.

Die BBC bewertete die offizielle Inbetriebnahme als faktisches Ende der kolonialzeitlichen Nilwasser-Ordnung, die Ägypten jahrzehntelang bevorzugt habe.

Kosten, Finanzierung und Kritik Der Name Großer Damm der äthiopischen Wiedergeburt weist bereits darauf hin, dass dem Projekt in Äthiopien eine große Bedeutung zugemessen wird. Aufgrund der internationalen Konflikte insbesondere mit Ägypten wegen des Damms war es für Äthiopien sehr schwierig, internationale Geldgeber von dem Projekt zu überzeugen. Die äthiopische Regierung wollte die gesamten Kosten für die Talsperre selbst tragen. Sie gab Anleihen für Äthiopier im Inland und Ausland heraus, Staatsbedienstete mussten jährlich ein Monatsgehalt zur Finanzierung von GERD abgeben, andere nationale Projekte wurden zurückgestellt. Die Turbinen und die übrige elektrische Ausstattung für etwa 1,8 Milliarden US$ sollten Berichten zufolge von chinesischen Banken finanziert werden. Das würde bedeuten, dass 3 Milliarden US$ von der äthiopischen Regierung auf andere Art finanziert werden mussten.The River Nile: A dam nuisance. Egypt and Ethiopia quarrel over water. In: Economist.com. 23. April 2011, abgerufen am 14. April 2022. Die geschätzten 4,8 Milliarden US$ Baukosten, offensichtlich ohne die Kosten für die Übertragungsleitungen, entsprechen mehr als 15 % des äthiopischen Bruttosozialprodukts von 31 Milliarden US$ im Jahr 2009 sowie etwa 60 % des Staatshaushalts.

Neueren Angaben zufolge beliefen sich die Gesamtkosten auf rund 5 Milliarden US-Dollar; die äthiopische Regierung betonte, das Projekt sei im Kern durch inländische Beiträge (Spenden und Staatsanleihen) finanziert worden, was die starke symbolische Bedeutung im Land zusätzlich verstärkte.