mini|Das Regierungsviertel in Oslo kurz nach dem Bombenanschlag
Bei den Anschlägen in Norwegen am 22. Juli 2011 handelte es sich um zwei zusammenhängende terroristische Anschläge des norwegischen Rechtsextremisten Anders Behring Breivik, denen 77 Menschen zum Opfer fielen. Sie richteten sich gegen Regierungsangestellte in Oslo und gegen Jugendliche in einem Feriencamp der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet auf der Insel Utøya.
Um 15:25 UhrHer er hele dommen mot Anders Behring Breivik. In: Aftenposten. 24. August 2012 (norwegisch). MESZ zündete Breivik vor dem Bürogebäude des Ministerpräsidenten eine Autobombe im Zentrum der norwegischen Hauptstadt. Bei der Explosion wurden acht Menschen getötet und zehn verletzt.
Zwei Stunden später erschoss der Täter mit einem Selbstladegewehr Ruger Mini-14 auf der Insel Utøya in einem Feriencamp der Jugendorganisation der Arbeiderpartiet, Arbeidernes Ungdomsfylking (AUF), 69 Menschen. Das Massaker dauerte etwa 90 Minuten.
Breivik wurde am frühen Abend des 22. Juli auf Utøya als Tatverdächtiger festgenommen;Gerald Traufetter: Mutmaßlicher Attentäter. Blond, blauäugig, skrupellos. Spiegel Online, 23. Juli 2011. er gestand die Taten am Folgetag und äußerte islamfeindliche Motive. Zuvor hatte er ein Dokument mit über 1500 Seiten verschickt, in dem er seinen Anschlag zu rechtfertigen suchte., Tagesschau.de, abgerufen am 24. Juli 2011.Attentäter begründet Bluttat mit krudem Menschenhass. Spiegel Online, 24. Juli 2011, abgerufen am 24. Juli 2011.
Laut einem am 29. November 2011 bekanntgegebenen rechtspsychiatrischen Gutachten litt Breivik an einer schweren Psychose und war zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig.Utøya-Attentäter soll unzurechnungsfähig sein – Breivik litt unter Psychose. sueddeutsche.de, 29. November 2011. Ein zweites Gutachten kam zum gegenteiligen Ergebnis. Im August 2012 wurde Breivik von einem norwegischen Gericht für zurechnungsfähig erklärt und zu 21 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt – der Höchststrafe.Urteil gegen Breivik: 21 Jahren Haft plus Sicherungsverwahrung. Bei Spiegel Online, 24. August 2012 (abgerufen am 24. August 2012).
Planung Die Attentate, wie sie Breivik am 22. Juli 2011 verübte, waren nur ein mögliches Szenario, das er in Erwägung gezogen hatte. Er habe erhebliche Probleme beim Bau der Bomben gehabt, weshalb schließlich das Zeltlager auf Utøya in seinen Fokus rückte.
In Breiviks Manifest sind Planung, Materialbeschaffung und Maßnahmen, um nicht aufzufallen, ausführlich beschrieben. Für die Tage vor dem Attentat habe er 2000 Euro für eine „Edelhure“ beiseite gelegt und ging noch einmal auf die Sonnenbank, teilte Breivik mit. 2006 widmete er sich fast ein Jahr lang täglich fast ausschließlich dem Online-Computerspiel World of Warcraft, bis zu 16 Stunden jeden Tag. Sein Entschluss zum Attentat stand da bereits fest. Ein anderes Computerspiel, Call of Duty: Modern Warfare 2 nutzte Breivik eigenen Angaben zufolge zur Vorbereitung auf die Attentate.
Bombenanschlag in Oslo Die Explosion durch eine Autobombe wurde von ihm im Regierungsviertel in der Grubbegata zwischen dem Erdöl- und Energieministerium und dem 17-stöckigen Hochhaus Høyblokken, in dem mehrere Ministerien und das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg untergebracht waren, verursacht. In einem VW-Crafter-Kleintransporter brachte er eine Bombe auf Basis von 950 Kilogramm ANC (Ammoniumnitrat und Dieselöl) zur Explosion. Durch die Explosion wurden acht Menschen getötet. Mehrere Gebäude wurden beschädigt. Die Baustruktur, auf der der Kleintransporter geparkt war, brach ein. Dieser Einbruch hat aber nach Darstellung des im Gerichtsverfahren vernommenen Spezialisten die Stärke der Druckwelle nur unwesentlich verringert.Aftenposten: Ekspert: – Garasjeanlegget dempet ikke Breiviks bombe. 24. April 2012.NRK: Slik så eksplosjonen ut. 24. April 2012.
Im Öl- und Energieministerium entstand in den oberen Stockwerken ein Brand. Die Druckwelle der Explosion brachte Fensterscheiben im Umkreis von einem Kilometer zum Bersten. Trümmerteile von Gebäuden lagen in den Straßen rund um den Anschlagsort verstreut.
Weniger als drei Stunden nach der Explosion hatte die Polizei mithilfe von Überwachungsvideos das Kennzeichen des Kleintransporters herausgefunden und auch Anders Behring Breivik als Fahrzeugführer identifiziert. Unmittelbar nach dem Verlassen des Tatorts fuhr Breivik mit einem in der Nähe geparkten anderen Fahrzeug nach Utøya. Noch kurz vor dem Anschlag hatte die Delta-Spezialeinheit im Regierungsviertel eine Übung abgeschlossen, die Terrorbekämpfung zum Ziel hatte.
Anschlag auf Utøya mini|Die Insel Utøya
Auf der rund 30 Kilometer nordwestlich von Oslo im Tyrifjord gelegenen Insel Utøya befanden sich etwa 560 Menschen, überwiegend Jugendliche in einem Sommercamp, das von der Arbeidernes Ungdomsfylking (AUF), der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet, alljährlich veranstaltet wurde. Der Täter erreichte die Insel um 17:15 Uhr. Von etwa 17:20 Uhr bis 18:35 Uhr schoss er gezielt auf seine Opfer und tötete dabei 69 Menschen.Anschlag auf norwegischer Insel. Täter hatte circa 90 Minuten Zeit für das Massaker. Spiegel Online, 23. Juli 2011.Attentäter kaufte tonnenweise Dünger für die Autobombe. stern.de, abgerufen am 23. Juli 2011Die Zeit, 25. Juli 2011: Polizei spricht von 76 Toten.VG.no vom 24. Juli 2011: Ablauf des Dramas – Minute für Minute. (norwegisch)
Am frühen Nachmittag hatte die langjährige Ministerpräsidentin Norwegens, Gro Harlem Brundtland, dort einen Vortrag gehalten. Breivik wollte auch Brundtland ermorden, die er in Internet-Debatten „Landesmörderin“ genannt hatte,landesmo(r)deren als Paronomasie aus norwegisch landesmoderen („Landesmutter“) und landesmorderen („Landesmörderin“) weil er sie als hauptverantwortlich für die norwegische Immigrationspolitik ansah. Sie hatte jedoch einige Minuten vor seiner Ankunft die Insel verlassen.Per Hinrichs: Die Taten gibt er zu, aber nicht die Schuld. In: Die Welt, 26. Juli 2011
Tathergang Breivik, der eine Polizeiuniform trug und vorgab, als Polizist für die Sicherheit der Sommercamp-Teilnehmer abgestellt worden zu sein, setzte zusammen mit Monica Elisabeth Bøsei, die Leiterin des Sommerlagers war, gegen 17:00 Uhr mit dem Boot MS Thorbjørn, das der AUF gehört, zur Insel über. Dort angekommen, ging er zusammen mit Bøsei ins Haupthaus der Insel, wo sie auf Trond Berntsen, der als unbewaffnete Wache für das Sommerlager angestellt wurde, trafen. Beide waren die ersten Opfer, als Breivik im Haupthaus das Feuer eröffnete. Nachdem Breivik über der Insel Amok gelaufen war, ging er zum Wasser und schoss auf Jugendliche, die sich in den Tyrifjord flüchteten und zum Teil versuchten, zum 600 Meter entfernten Festland zu schwimmen. Nach einem Augenzeugenbericht ermordete er mit Kopfschüssen gezielt sich totstellende Verwundete und verschonte zwei Jugendliche bewusst, die ihn jeweils unabhängig voneinander aufgefordert hatten, sie nicht zu töten.«Du har allerede drept pappaen min, jeg er for ung til å dø». Auf nrk.no, abgerufen am 1. August 2011. Einige Camper, insbesondere diejenigen, welche die Insel gut kannten, schwammen zur felsigen Westseite des Eilandes und versteckten sich in Höhlen, die nur vom Wasser aus zugänglich sind. 23 überlebende Jugendliche versteckten sich in einer Höhle. 47 der Überlebenden, darunter Angehörige der Organisation Norwegische Volkshilfe, suchten während des Anschlags Zuflucht im Schulungshaus der Insel. Zwar schoss Breivik mehrmals durch die verriegelte Tür, konnte diese aber nicht überwinden und gelangte auch nicht auf anderem Wege ins Haus.
Um 17:27 Uhr verzeichnete das Protokoll der Polizei von Nord-Buskerud den Eingang des ersten Notrufs. Etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Erschießungen meldete sich der Täter selbst telefonisch bei der Polizei, da er sich ergeben wollte. Der Täter verfolgte seine Opfer über die Insel, bis er nach etwa 72 Minuten von der Anti-Terror-Einheit Beredskapstroppen gestellt wurde und sich widerstandslos festnehmen ließ. Etwa 150 Jugendliche wurden mit Booten aus dem Wasser gerettet. Der deutsche Dachdecker Marcel Gleffe rettete allein mindestens 20 Menschenleben.Die Helden von Utvika. In: spiegel.de/panorama/justiz
Drei Wochen nach den Anschlägen wurde auf der Insel Utøya eine Tatortbegehung mit Rekonstruktion des Tatherganges durchgeführt. Breivik habe bei jener Rekonstruktion zwar mit den Beamten zusammengearbeitet, aber keine Reue gezeigt.Rückkehr nach Utøya. Breivik stellt seine Menschenjagd nach. Spiegel Online, 14. August 2011. Abgerufen am 14. August 2011.
Opfer Unter den 69 Todesopfern auf der Insel Utøya befand sich Tore Eikeland, Vorsitzender der AUF in Hordaland.Osterøy i sorg, Dagbladet, 25. Juli 2011 (norw.) Auch der Stiefbruder der damaligen norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit und die Organisatorin des Ferienlagers waren unter den Toten. 67 der Opfer starben an Schusswunden, eines stürzte bei der Flucht tödlich von einem Felsen, eines ertrank bei der Flucht. Die Opfer waren zwischen 14 und 51 Jahre alt, 32 von ihnen unter 18 Jahre.Aage Storm Borchgrevink: En norsk tragedie. Anders Behring Breivik og veiene til Utøya. Oslo 2012, S. 299. Breivik traf die final Verstorbenen durchschnittlich 2,8-mal, ein einzelnes Opfer 8-mal. Er gab insgesamt mindestens 187 Schüsse ab, mit denen er Personen traf, die sofort oder an den Folgen verstarben. 33 Personen auf Utøya wurden durch Schüsse verletzt, überlebten aber. Die genauen anatomischen Schussverläufe und Verletzungen, Aussagen über die vermutliche Todesursache sowie Details zur Auffindesituation wurden dokumentiert und Teil der Anklageschrift.
Eine Liste der Opfer mit Fotos wurde von der norwegischen Zeitung Aftenposten veröffentlicht.
Täter
Die Polizei bestätigte auf einer Pressekonferenz, dass der festgenommene und geständige, Tagesschau.de, abgerufen am 24. Juli 2011 Verdächtige auch am Tatort in der Osloer Innenstadt gesehen worden sei. Bei dem Verhafteten handelte es sich nach Angaben des stellvertretenden Polizeichefs von Oslo um den zum Tatzeitpunkt 32-jährigen gebürtigen Norweger Anders Behring Breivik.Anders Behring Breivik (32) i Oslo ble pågrepet etter bombe og massedrap. tv2.no Auf den Inhaber eines Landwirtschaftsunternehmens in der Gemeinde ÅmotNøkkelopplysninger fra Enhetsregisteret. Brønnøysundregistrene waren zwei Waffen im staatlichen Register eingetragen, darunter eine Pistole vom Typ Glock. Aufgrund seiner früheren Tätigkeiten und Äußerungen wird sein politischer Standpunkt als rechtsextrem beschrieben.„Christlicher Fundamentalist“ mit Kontakten zur rechten Szene. derStandard.at, 23. Juli 2011. Breivik sagt von sich, er sei kein Christ und glaube an Odin.
Noch in der Nacht zu Samstag durchsuchten Polizeispezialkräfte Breiviks Wohnung in Oslo und den Landwirtschaftsbetrieb Breivik Geofarm. Dabei wurde bekannt, dass Breivik sich im Mai sechs Tonnen Mineraldünger hatte liefern lassen, den er, wie sich später herausstellte, zum Bau einer Bombe verwendete.Peter Beaumont: Anders Behring Breivik: profile of a mass murderer. guardian.co.uk, 23. Juli 2011. Während der polizeilichen Vernehmung vom 22. Juli gestand Breivik, eine 950-Kilogramm-Bombe im Osloer Regierungsviertel zur Explosion gebracht zu haben.Ein Land im Schatten des Attentäters. Spiegel Online, 25. Juli 2011, abgerufen am 26. Juli 2011. Bei ihr handelte es sich um eine Autobombe.Gericht schließt Öffentlichkeit von Breivik-Anhörung aus. Spiegel Online, 25. Juli 2011, abgerufen am 26. Juli 2011
Breivik legte einen Tag nach der Tat zwar ein Geständnis ab, bekannte sich jedoch keines Verbrechens schuldig., reuters online 24. Juli 2011, abgerufen am 24. Juli 2011 Am 25. Juli wurde Breivik dem Haftrichter vorgeführt, der eine achtwöchige Untersuchungshaft, darunter vier Wochen in Isolationshaft, anordnete. drs.ch, 25. Juli 2011
Manifest