Die Eucharistie ( „Dankbarkeit, Danksagung“), auch „Abendmahl“ oder „Herrenmahl“, „heilige Kommunion“, „Altarsakrament“, „allerheiligstes Sakrament [des Altars]“, in einigen Freikirchen „Brotbrechen“, in den Ostkirchen „heilige“ oder „göttliche Liturgie“ genannt, ist ein christliches Sakrament, das in den verschiedenen Konfessionen unterschiedlich verstanden wird. Sie wird bezogen auf das Abendmahl, das Jesus nach der Darstellung der Evangelien und des 1. Korintherbriefes mit seinen Jüngern kurz vor seinem Leiden und Sterben feierte, und wird entweder als unblutige Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers oder als Feier zur vergegenwärtigenden Erinnerung an Jesu Tod interpretiert.
Darüber hinaus werden bei der Eucharistie das Sterben und die Auferstehung Jesu Christi als Heilsereignis verkündigt. Jesus Christus ist dabei in der von ihm gegebenen Gemeinschaft gegenwärtig. Die Lehre der verschiedenen Konfessionen unterscheidet sich im Hinblick auf die Art und Weise dieser Gegenwart – in seinem Wort, im Glauben an ihn oder in den Gaben von Brot und Wein. mini|Christus als eucharistischer Heiland – in seiner rechten Hand die Hostie, auf dem Tisch die Reliquie des Heiligen Kelchs (Juan de Joanes, Spanien nach 1550)
Ursprung
Historisches Umfeld Das Judentum gedenkt im einwöchigen Pessach Israels Auszug aus Ägypten und feiert ihn. Während des Bestehens des Jerusalemer Tempels (d. h. bis zum Jahre 70 n. Chr.) waren die Pilgerreise nach Jerusalem, das Schlachten der Pessachlämmer und ihr anschließender Verzehr bei gruppenweisen Festmählern in der Stadt wesentliche Vollzüge. In dieser Tradition feierte Jesus am Vorabend seines Kreuzestodes mit seinen Jüngern Pessach und bestimmte Brot und Wein zu bleibenden Zeichen seiner Gegenwart in der christlichen Gemeinde. Nach der Tempelzerstörung war es nicht mehr möglich, Opferlämmer zu schlachten. Die Rabbinen entwickelten als Ersatz hierfür den Seder: ein abendliches häusliches Festmahl im Kreis der ganzen Familie, das einem genauen Ablauf folgt und strukturelle Ähnlichkeit mit dem antiken Symposion aufweist. Jeder Familienvater liest die Haggada (Erzählung) vom Auszug, spricht den Segen über die symbolischen Speisen – ungesäuertes Brot (Mazzen), Bitterkräuter (Ysop) und Wein – und verteilt diese dann an die Anwesenden. Da Jesu Tod mehrere Jahrzehnte vor der Zerstörung des Tempels lag, feierte er folglich mit seinen Jüngern keinen Seder, weshalb auch die urchristliche Mahlfeier kein christliches Sedermahl war.Vgl. Clemens Leonhard: Pesach. In: Handbuch Jüdische Kulturgeschichte (); Jonathan Klawans: Was Jesus’ Last Supper a Seder? In: Bible Review 17/5 (2001), S. 24–33, S. 47 (Online).
Das letzte Mahl Jesu und die urchristliche Mahlgemeinschaft werden schon im Neuen Testament (NT)Petr Pokorný, Ulrich Heckel: Einleitung in das Neue Testament. Seine Literatur und Theologie im Überblick. Utb, 1. Auflage 2007, ISBN 3-8252-2798-7, S. 152. verschieden dargestellt und bezeichnet. Zunächst wurden nach einem Sättigungsmahl, dem Vorbild Jesu entsprechend, die Segensworte über Brot und Wein gesprochen. Bald wurden diese vom Mahl getrennt – welches sich als Agape verselbständigte – und mit dem sonntäglichen Gebetsgottesdienst am Morgen vereinigt. Diese Verbindung von Wortgottesdienst und Eucharistiefeier findet sich erstmals ausführlich bei Justin dem Märtyrer († 165), der einen christlichen Gottesdienst mit Leseordnung, Predigt, Fürbittengebet, Friedenskuss und Mahlfeier beschreibt.Apologie I, 65–67; siehe: Adolf Adam: Grundriß Liturgie. Leipzig 1989, ISBN 3-7462-0404-6; S. 131. Die Traditio Apostolica, häufig Hippolyt von Rom († 235) zugeschrieben, schildert ebenfalls eine frühe Form der Eucharistiefeier. Insgesamt sind die Entwicklungslinien in den ersten Jahrhunderten jedoch weitgehend unklar: Neben einer bischöflichen Gemeindeeucharistie als Idealform entwickelten sich verschiedene Formen von Presbyter-, Haus- und Gruppenfeiern.Josef Andreas Jungmann: Missarum Sollemnia, Bd. 1; zitiert bei: Hans Bernhard Meyer: Eucharistie. Geschichte, Theologie, Pastoral (= Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Teil 4). Regensburg 1989, S. 168, Anm. 2; siehe hier auch S. 520f.
In der neueren Forschung wird der Einfluss von griechisch-römischen Mahlbräuchen auf die Entwicklung der Eucharistie wieder stärker diskutiert.Matthias Klinghardt: Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft. Soziologie und Liturgie frühchristlicher Mahlfeiern. Tübingen 1996.Dennis E. Smith: From Symposium to Eucharist. The Banquet in the Early Christian World. Minneapolis 2003; B. Eckhardt: Mahl V (Kultmahl). In: Reallexikon für Antike und Christentum 23 (2009), 1012–1105. Die Form des Mahls orientiert sich bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts an bekannten Institutionen der griechisch-römischen Welt (Symposion; Mähler antiker Vereine).
Ritualtheoretische Aspekte Lukas Bormann thematisiert ritualtheoretische Aspekte in Anschluss an kognitionswissenschaftliche Ritualtheorien. Er identifiziert hierbei sieben Aspekte des frühchristlichen Abendmahls:
Ritualmedien („Brot und Wein“) Grundfunktionen des Rituals („Abendmahl und Agape-Mahl“) Ritualhandlungen („Brotbrechen“, „heiliger Kuss“) Performative Äußerungen („Unser Herr, komm!“, „Mahlgebete“) Räume und Zeiten Akteure des Rituals Exklusion und Inklusion („Teilnehmende, Ausschluss“)
Die Ritualmedien sind Brot und Becher. Der Becherinhalt ist ein Wasser-Wein-Gemisch. Beide Ritualmedien seien im Alltagsleben antiker Menschen präsent und haben daher nur ein geringes Maß an sinnlicher Attraktivität. Denn kognitionswissenschaftliche Ritualtheorien gehen davon aus, dass es ein proportionales Verhältnis von Aufwand und emotionaler Intensität gebe: Je außergewöhnlicher und aufwendiger, desto höher sei das Potential für intensive, emotionale Erfahrung. Brot und Wein erhalten aber vom alltäglichen Verständnis abweichende Bedeutung (Brot als Leib und Wein als Blut), wodurch sie zu kontraintuitiven Repräsentationen werden. In der Traditio Apostolica werden die Ritualmedien ergänzt, etwa durch Öl, Käse und Oliven.
Die Grundfunktionen seien beim sättigenden Gemeinschaftsmahl (Agape-Mahl) neben der physiologischen Notwendigkeit (Hunger stillen) die Ermöglichung der Wahrnehmung einer Gemeinschaft als Gruppe, sozial-karitative und missionarische Funktionen (wie in der Didaskalia Apostolorum deutlich werde). Die wichtigste Funktion des Abendmahls sei die Synchronisation, also die Ermöglichung, dass eine Gruppe sich zur selben Zeit am selben Ort versammelt, um die Gruppenidentität zu stabilisieren.
Die Ritualhandlungen seien Segensworte über den Ritualmedien, Brotbrechen und der heilige Kuss. Das Brotbrechen sei mit der Deutung der Lebenshingabe Christi verknüpft und der Ausdruck „Brot brechen“ könne als Gemeinschaftsmahl als Ganzes bezeichnen. Der heilige Kuss wird im Neuen Testament nicht explizit mit dem Abendmahl verbunden, aber Justin und die Traditio Apostolica erwähnen ihn im Zusammenhang mit dem Abendmahl. Die genannten Ritualhandlungen seien weder aufwändig noch kostspielig, was die hohe Wiederholungsfrequenz wöchentlicher Versammlungen ermöglichte.
Die performativen Äußerungen des Danks beziehen sich nicht auf die Ritualmedien, sondern auf deren Wirkung, die sie im Ritus entfalten. Der eschatologische Ruf „Herr, komm! / Unser Herr, komm!“ gehöre ursprünglich in die Gemeindeversammlung (), wird in der Didache aber mit dem Abendmahl verbunden. Der Ruf diene der rituellen Vergegenwärtigung des Kyrios.
Räume und Zeiten seien zunächst flexibel. Es gebe keine speziellen Sakralräume, auf die die Ausübung des Ritus beschränkt gewesen wäre. Das Abendmahl finde am Tag nach dem Sabbat statt, und zwar nach jüdischer Tageseinteilung also entweder noch am Abend, oder erst am nächsten Morgen.
Die Akteure sind im Neuen Testament nicht festgelegt. Die Didache erwähnt Propheten als einzige Statusgruppe, die das Recht auf längere eucharistische Gebete hat. Ignatius fordert die Präsenz eines Bischofs, damit das Ritual als zuverlässig gelten könne. Bei Justin gibt es einen Vorsteher, unterstützende Diakone, Brüder und das Volk. Die Traditio Apostolica hat auch eine differenzierte Ämterstruktur von Bischof, Presbyter und Diakonen. Auch in der syrischen Didaskalie hat der Bischof den Vorsitz im Abendmahl.
Exklusion und Inklusion werden im Neuen Testament nicht explizit angesprochen, es werde allerdings vorausgesetzt, dass die Teilnehmenden zur Gruppe gehören. Erst die Didache und die Traditio Apostolica machen die Taufe zur Voraussetzung der Teilnahme am Abendmahl und schließen somit Ungetaufte aus.
Bezeichnungen Im Laufe der Geschichte wurde das Sakrament unterschiedlich gedeutet und unterschiedlich benannt: Paulus von Tarsus bezeichnete die urchristliche Mahlfeier als „Mahl des Herrn“ (, ). Deĩpnon war im zeitgenössischen Sprachgebrauch die abendliche Hauptmahlzeit, das Gastmahl.Bauer/Aland, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. De Gruyter, 6. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin/New York 1988, Sp. 346. Die Vulgata übersetzt: dominica cena. Ein weiterer Name ist im Neuen Testament „Brotbrechen“ (, ). Die Bezeichnung „Danksagung“ (für Brot und Wein) ist im Neuen Testament für die christliche Mahlfeier nicht bezeugt,Vgl. aber in einem profanen Kontext . hat aber einen Anhaltspunkt in [Jesus] „sprach das Dankgebet“ [, brach das Brot und sagte] . Im 2. Jahrhundert wurde sie für die liturgische Mahlfeier allgemein üblich. Erstmals gebrauchte Ignatius in seinem Brief an die Philadelphier eucharistía als Bezeichnung für das christliche Kultmahl.Eucharistie war in den ersten drei Jahrhunderten der Name für die Feier des Herrenmahls als ganzer. Jedoch entwickelte sich der Begriff bereits in dieser Zeit in abgeleiteter Bedeutung zur Bezeichnung der Mahlgaben von Brot und Wein, über die das Eucharistiegebet (Hochgebet) gesprochen worden war. Beide Bedeutungen finden sich bereits in der Didache, bei Ignatius von Antiochien, Justin und Origenes. Spätestens seit dem 4. Jahrhundert ging die Bedeutung von Eucharistie als der Feier des Herrenmahls zurück zugunsten der Bedeutung „eucharistische Speise, Kommunion“, und zwar in der Ostkirche wie in der Westkirche. In der Westkirche trat der Gedanke des Opfers in den Vordergrund, Danksagen war nicht mehr Bezeichnung für die ganze lobpreisend-dankende Feier, sondern bedeutete die Danksagung nach dem Empfang der Kommunion.Hans Bernhard Meyer: Eucharistie. Geschichte, Theologie, Pastoral. (= Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Teil 4). Regensburg 1989, S 37f. Er nennt als Belegstellen: Didache 9,5; Ignatius, Smyrn. 71; Justin, Apol. 65.66; Origines, C.Cels. 8,57. Seit dem 4. Jahrhundert waren mehrere griechische und lateinische Bezeichnungen in Gebrauch, wobei das paulinische kyriakòn deĩpnon selten war; gelegentlich begegnet klásis toũ ártou. Im griechischen Raum überwiegt , im lateinischen sacramentum, jeweils als terminus technicus (auch in Zusammensetzungen: sacramentum eucharistiae bei Tertullian, sacramentum altaris bei Augustinus, sacramentum corporis Christi bei Dionysius Exiguus). Ab dem 5. Jahrhundert wird missa zum lateinischen terminus technicus für die Eucharistiefeier als ganze, oft auch in der Form missarum sollemnia, etwa in den Schriften von Papst Gregor I. Seit dem Mittelalter wurde das Wort zur häufigsten Bezeichnung für die Eucharistiefeier.Hans Bernhard Meyer: Eucharistie. Geschichte, Theologie, Pastoral. (= Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Teil 4). Regensburg 1989, S. 40 f. mini|Die beiden Sakramente Taufe und Abendmahl, Detail des Bugenhagenbrunnens (Hildesheim)