mini|Unter Totila in Pavia (?) geprägte Münze mit der Abbildung des bereits 518 verstorbenen Kaisers Anastasius, Avers: „D N ANAS“, Revers: „D N / BADV / ILA REX“ (‚Unser Herr, König Baduila‘) Totila (auch bekannt unter dem Namen Baduila;In der Forschung ist es seit langem umstritten, ob sein offizieller Name nun Totila oder Baduila war und ob der zweite Name ein Beiname o. ä. war. Oft wird angenommen, dass der König als offiziellen Namen Baduila benutzt hat, doch nennt ihn die Mehrheit der spätantiken Geschichtsschreiber Totila(s). Ebenso sind Etymologie und die Bildungsweise der Namen umstritten, siehe H. Reichert, Totila, § 1 (Namenkundlich), S. 92f. In der aktuellen Forschung wird für Baduila als Hauptname („kleiner Kämpfer“ bzw. „kleiner Krieger“) plädiert, vgl. Marco Cristini: Baduila: Politics and Warfare at the End of Ostrogothic Italy. Spoleto 2022, S. 26 f. † nach 30. Juni 552 bei Taginae, Umbrien) war von 542 bis zu seinem Tod rex bzw. König der Ostgoten. Nach einigen Siegen über oströmische Einheiten in Norditalien zog er nach Süden, eroberte im April 543 nach längerer Belagerung die Stadt Neapel, verschonte die Einwohner und beherrschte bald ganz Süditalien. Im Dezember 546 gelang ihm die Einnahme Roms. Er bemühte sich daraufhin vergeblich, Friedensverhandlungen mit Kaiser Justinian einzuleiten und seine Anerkennung als Herrscher Italiens durch den oströmischen Kaiser zu erreichen. Schon 547 gelang Belisar die Rückeroberung Roms. In der Außenpolitik erlitt Totila einen weiteren Rückschlag durch die Weigerung des Merowingerkönigs Theudebert I., ein Heiratsbündnis mit ihm einzugehen. Im Januar 550 vermochte der Ostgotenkönig Rom zum zweiten Mal in seine Hand zu bringen. Er ließ die Stadt wiederbevölkern und propagierte das Projekt einer gotisch-römischen Koexistenz. Zwei Jahre später schickte Justinian eine starke Streitmacht unter Führung des Feldherrn Narses gegen Italien. Totila zog daraufhin gegen Narses und fiel im Sommer 552 in der Schlacht von Busta Gallorum.
Leben Herkunft, frühes Leben und Erhebung zum König Totila war ein Neffe des kurzzeitigen Ostgotenkönigs Hildebad und gehörte nicht zum Geschlecht der Amaler, der früheren Herrscherfamilie. Jedoch war er Mitglied einer sehr angesehenen gotischen Familie. Nach den verheerenden Niederlagen gegen den oströmischen Feldherrn Belisar in der ersten Phase des Gotenkrieges und der Gefangennahme ihres rex Witiges 540 war es den Ostgoten mit Mühe gelungen, nördlich des Flusses Po einen kleinen Machtbereich zu bewahren. Etwa im Mai 541 wurde Witigis’ Nachfolger Hildebad nach wenigen Monaten ermordet. Daraufhin gelangte der Rugier Erarich auf den ostgotischen Königsthron.Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung, C. H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-73959-0, S. 814 f. Totila war zu diesem Zeitpunkt erst ein junger Mann und gotischer Kommandant von Treviso. Er war wohl ärgerlich über Erarichs Erhebung und verhandelte mit dem byzantinischen Befehlshaber Constantin von Ravenna über die Übergabe von Treviso und dessen gotischer Besatzung. Viele Goten waren indessen mit Erarich nach wenigen Monaten seiner Herrschaft unzufrieden und boten Totila die Königswürde an. Dieser verlangte, dass zuerst Erarich beseitigt werden müsse.Prokop, Historien 7, 2; Jordanes, Historia Romana 379; u. a. Nach Erfüllung dieser Bedingung wurde Totila wohl Ende 541 zum rex ausgerufen.Datierung nach Krautschick (RGA Bd. 31 (2006), S. 93) und Mischa Meier (Geschichte der Völkerwanderung, 2019, S. 815); Wolfram datiert Totilas Erhebung dagegen erst Anfang oder Mitte 542.
Der Kampf gegen Ostrom und die erfolgreichen ersten Jahre Das Ziel Totilas war es, die Politik des oströmischen Kaisers Justinian zu vereiteln, die auf eine Inbesitznahme Italiens und damit auf eine Restauratio imperii hinauslief. Justinian reagierte mit der Ergreifung energischerer Maßnahmen. Seine Feldherren beschlossen in Ravenna, dass 12.000 ihrer Soldaten wohl im Frühjahr 542 Verona erobern und dann Totilas Truppen angreifen sollten. Nach der kurzzeitigen Einnahme Veronas mussten die Oströmer aber wieder abziehen. Totila gliederte die Besatzung Veronas größtenteils in sein Heer ein, überschritt mit 5000 Mann Anfang 542 den Po und schlug die deutlich stärkere oströmische Armee bei Faenza unweit Ravenna. Zahlreiche Gefangene und Feldzeichen fielen in seine Hände. Er erstürmte Städte in der Emilia-Romagna und Umbrien, u. a. Cesena und Urbino, doch gaben die Goten trotz ihres Siegs in der Schlacht von Mucellium über ein oströmisches Heer die zuvor begonnene Belagerung des nahegelegenen Florenz auf.Prokop, Historien 7, 3-5; Kontinuator von Marcellinus Comes, Chronik ad annum 542, 1 f.
Totilas Truppen verstärkten sich bald auf etwa 20.000 Mann. Er zog nun unter Umgehung Roms rasch nach Kampanien in Süditalien, besetzte Benevent kampflos und ließ dessen Mauern schleifen. Dann wandte er sich gegen Neapel, erreichte aber aufgrund des Widerstands der 1000 Mann starken oströmischen Garnison unter Konon nicht die Übergabe der Stadt. In der zweiten Jahreshälfte 542 begann Totila die Belagerung Neapels. Der neue Magister militum Demetrios sollte auf dem Seeweg von Sizilien her Getreide und weitere Truppen in das eingeschlossene Neapel bringen, segelte aber zuerst weiter nach Rom, um die dort stationierten Infanteristen an Bord zu nehmen. Seine Rekrutierungsversuche blieben erfolglos. Totila ließ inzwischen eine Flotte erbauen, mit der er Demetrios’ nach Neapel zurückkehrende Schiffe abfing. Viele Soldaten des Demetrios fielen oder gerieten in Gefangenschaft; der Magister militum selbst konnte entkommen. Eine zweite von Sizilien gegen Neapel gesandte oströmische Entsatzflotte wurde durch einen Sturm nahe dem Lager der Goten an Land gespült; ihre Besatzung samt dem Magister militum kam somit in Totilas Gewalt. Schließlich erreichte der Ostgotenkönig, dass ihm die hungernden Neapolitaner etwa im April 543 auf das Versprechen seiner friedlichen Absichten hin die Stadt übergaben. Politisch klug verschonte er die Einwohner und bestrafte nur offene Verräter der gotischen Sache. Der Besatzung gewährte er den Abzug nach Rom; einen Teil der Stadtmauer Neapels ließ er schleifen. Noch während der Belagerung der Stadt hatten gotische Verbände Cumae und andere nahe gelegene feste Stützpunkte erobert. Bis Ende 543 konnte er ganz Süditalien in seinen Besitz bringen.Prokop, Historien 7, 6-8; Kontinuator von Marcellinus Comes, Chronik ad annum 543, 1.
Somit war der charismatische Totila bereits zu Anfang seiner Regierung sehr erfolgreich und erwies sich als einer der militärisch fähigsten Gegner Justinians. Der oströmische Historiker Prokopios von Caesarea würdigte ihn als einsichtigen, tatkräftigen und unter den Ostgoten hochangesehenen Herrscher, der über eine bei einem „Barbaren“ selten anzutreffende Tugend, die Gabe der Mäßigung, verfüge. Bei seinen Erfolgen profitierte Totila allerdings stark davon, dass Justinians beste Truppen im Orient gebunden waren, wo sie seit 540 einen langwierigen Krieg gegen die Sassaniden unter deren König Chosrau I. zu führen hatten. Ferner musste der oströmische Kaiser starke Truppenverbände zur Sicherung des Balkans einsetzen und sah sich jahrelangen ernsthaften Rekrutierungsproblemen infolge des Wütens der Justinianischen Pest ausgesetzt. Daher verfügten die Generäle des Kaisers in Italien nur über unzureichende Personalressourcen; außerdem litten sie an einem Mangel an Finanzmitteln zur Bezahlung ihrer Soldaten, was zu umfangreichen Desertionen führte. Auch hatten sich die kaiserlichen Funktionäre und Steuereintreiber bei den Unterschichten Italiens unbeliebt gemacht. Totila verstand es geschickt, zahlreiche Provinzialen und Sklaven zur Verstärkung des ostgotischen Heers zu rekrutieren. Aus diesen Bevölkerungsschichten erhielt er regen Zulauf, den er auch benötigte, da viele Angehörige ostgotischer Eliteverbände schon in vor dem Beginn seiner Herrschaft ausgetragenen Kriegen gefallen waren.Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung, 2019, S. 815 ff. Der Landbevölkerung versprach Totila, dass sie im Fall der fortwährenden Bezahlung der fälligen Abgaben durch die Zucht seines Heers so gut als möglich von Kriegsschäden verschont blieben. Durch Einziehung der Pachtzinsen und staatlichen Steuern schuf er sich regelmäßige Einnahmen.Prokop, Historien 7, 3.
In den beiden Jahren nach der Eroberung Neapels führte Totila einen aufwändigen Kleinkrieg, in dem er mühevoll einzelne Festungen eroberte und verschiedene oströmische Truppenkontingente bekämpfte. Um genügend Streitkräfte zur Verfügung zu haben, überließ er den Franken die Region Venetien. 544 zog er gegen Otranto und eroberte Osimo, 545 nahm er Fermo, Ascoli Piceno, Spoleto und Assisi ein. Die Erstürmung Osimos brachte ihm den strategischen Vorteil, dass die oströmischen Heere nicht auf dem Landweg von der von ihnen besetzten Stadt Ravenna nach Rom, das ebenfalls unter ihrer Kontrolle stand, gelangen konnten. Einige stärkere Festungen wie Bologna und Perusia belagerten die Ostgoten dagegen vergeblich. Ferner war Belisar inzwischen nach Italien gesegelt und hatte im Herbst 544 Otranto sowie in der Folge weitere Städte ent- bzw. besetzt. Nach der Eroberung Tivolis durch den Verrat von Isauriern (544) massakrierten die Ostgoten die Einwohner und den Bischof der Stadt. Dieser Vorfall und andere Bluttaten während Totilas Herrschaft brachten ihm den negativen Ruf eines Tyrannen ein.Prokop, Historien 7, 9-12; Kontinuator von Marcellinus Comes, Chronik ad annum 545, 4.
Erste Einnahme Roms Die Einnahme Tivolis ermöglichte Totila aufgrund der Funktion der Stadt als Brückenkopf am Aniene die Sperrung des Wegs für die Lebensmittelzufuhr aus Tuscien nach Rom. In Vorbereitung zur Übernahme der Herrschaft über die Ewige Stadt richtete er 544 einen Brief an den Senat, in dem er die Wohltaten der Regierung von Theoderich dem Großen und dessen Nachfolgern im Gegensatz zur Härte der oströmischen Verwaltung beschrieb.Prokop, Historien 7, 9. Er erhielt aber keine Antwort. Ferner wirkten Agenten in seinem Sinn auf das Volk von Rom ein, woraufhin die Ausweisung arianischer Priester erfolgte. Der oströmische Kommandant Roms, Bessas, rüstete für eine Belagerung durch die Ostgoten.
Totila gelangte mit seinen Streitkräften im Herbst 545 in die Nähe Roms. Sein Hauptlager errichtete an der Via Portuensis am achten Meilenstein Roms.Gregor der Große, Dialogorum de vita et miraculis patrum Italicorum 3, 11. Bessas verweigerte die Zusammenarbeit mit den Hilfstruppen Belisars, dem oströmischen Oberbefehlshaber in Italien, für ein gemeinsames Vorgehen gegen die Ostgoten, deren Belagerungsring um Rom sich enger zog. Im Hafen von Portus fingen die Truppen Totilas die von Papst Vigilius aus Sizilien nach Rom gesandten Getreideschiffe ab.Prokop, Historien 7, 15; Liber Pontificalis 1, 297. Totila erreichte die Kapitulation Piacenzas, dessen Stadtmauer geschleift wurde. Wegen der großen Hungersnot in Rom begann der Diakon und spätere Papst Pelagius als Stellvertreter des Vigilius Anfang 546 Verhandlungen mit dem Ostgotenkönig bezüglich eines Waffenstillstands. Bei drei Forderungen wollte Totila nicht nachgeben. Diese betrafen die Bestrafung der Sizilianer für ihre Hilfeleistung an die Römer, den Abbruch der römischen Stadtmauer und die Ablehnung der Auslieferung von ins gotische Lager übergelaufenen Sklaven. Da Totila diese Punkte für unverhandelbar erklärte, scheiterten die Friedensgespräche.Prokop, Historien 7, 16.